«Niemand liest etwas;
wenn er etwas liest, versteht er es nicht;
wenn er es versteht, vergisst er es sofort.»
Lemsches Gesetz
Stanislaw Lem: Eine Minute der Menschheit
Konformität
d.wieser, 03. Juli 07
konform: übereinstimmend, gleichgestimmt, entsprechend;
spätlateinischer Begriff conformis – gleichförmig, ähnlich;
Konformität als Begriff im 17. Jahrhundert — Übereinstimmung, Entsprechung, Gleichförmigkeit, Gleichheit.
Konformität bedeutet, die eigenen Verhaltensweisen, Haltungen, Einstellungen bzw. Meinungen denen der Gruppenmitglieder (unaufgefordert) anzupassen.
Kennzeichnend ist, dass konformes Verhalten ohne offensichtlichen Druck seitens der Gruppe zustande kommt; Individuen zeigen sich konform, um sich in die soziale Gruppe einzupassen, indem sie den Normen der Gruppe entsprechen. Zumeist läuft Konformität unbewusst ab, es sei denn, man weist Individuen ausdrücklich auf diese Dynamik hin oder es kommt zu Normverletzungen, die die Existenz und Bedeutsamkeit der jeweiligen Norm erst bewusst machen.
Der Sozialpsychologe Muzafer Sherif untersuchte in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Funktionieren von Normen im Laborexperiment zum autokinetischen Effekt. In einem abgedunkelten Raum scheint sich ein Lichtpunkt ohne jeden sonstigen Bezugsrahmen zu bewegen – ein Sinnestäuschung, die Menschen unterschiedlich wahrnehmen. Beschrieben Gruppenmitglieder die individuell wahrgenommene Bewegung des (unbewegten) Lichtpunktes, glichen andere Gruppenmitglieder ihre Wahrnehmungen daran an, so dass sich eine Art Konsens innerhalb der Gruppe etablierte. Sherif identifizierte dieses Verhalten als das unbewusste Bemühen, eine Gruppennorm herzustellen. Befragte er die Teilnehmer nach dem Experiment einzeln, hielten sich erstaunlicher Weise auch in Abwesenheit der Gruppe an der entwickelten Gruppennorm fest.
Nach Sherifs Untersuchung gilt die Uneindeutigkeit der Situation als bedeutsame Umgebungsgröße als Voraussetzung dafür, dass es innerhalb einer Gruppe zur Normbildung kommt: der Lichtpunkt bewegte sich in dubioser Weise, es gab keine Möglichkeit, zu einer exakten und begründbaren Einschätzung zu gelangen – und somit näherten sich die Individuen mit ihrer individuellen Wahrnehmung einer zuvor nicht existenten gemeinsamen Richtschnur an. Gibt es auf für eine Gruppe wichtige Fragen keine eindeutige, gut begründbare, offenkundige Antwort, wird die Anlehnung an eine existierende Gruppennorm bzw. das Entstehen einer solchen Norm wahrscheinlicher.
In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts forschte Solomon Asch weiter zum Thema Konformität. Er wollte den charakteristischen Faktor der Uneindeutigkeit experimentell eliminieren – wenn die physischen Grundlagen einer Situation eindeutig sind, würden Individuen sich unabhängig von sozialen Gruppeneinflüssen verhalten, so seine Ausgangshypothese.
Zum Nachweis legte er Gruppenmitgliedern zwei Karten vor, die Linien verschiedener Längen zeigten, die Aufgabe bestand darin, gleich lange Linien zuzuordnen – die Lösung lag auf der Hand. In der Gruppe befanden sich Stooges (Eingeweihte, die nur vorgeben, naive Probanden zu sein, tatsächlich aber eine vorbestimmte Funktion übernehmen), die falsche Lösungen angaben. ¾ Der Probanden waren von den offensichtlich falschen Antworten dahingehend beeinflusst, dass sie sich mit ihren Antworten deren Lösungen anschlossen – sie gaben mindestens ein mal die falsche Antwort, um sich gruppenkonform zu zeigen.
Das Experiment stellte heraus, dass neben Uneindeutigkeit auch Einmütigkeit und Übereinstimmung sowie die Größe der Gruppe charakteristische Faktoren sind, die konformes Verhalten bzw. die Entstehung einer Gruppennorm begünstigen. Denn selbst eine abweichende Antwort innerhalb der Gruppe kann den Grad der Konformität beträchtlich herab setzen, so Asch. Eine Gruppe hat somit einen erheblichen Einfluss auf Wahrnehmungen und Urteile der Individuen.
Neben gruppendynamischen Einflüssen spielt auch die individuelle Ebene eine Rolle beim Zustandekommen konformen Verhaltens: Die Persönlichkeit des Individuums kann so beschaffen sein, dass der Rückhalt in der Gruppe besonders erstrebenswert ist; so spielt etwa das Bedürfnis, gemocht, geachtet und akzeptiert zu werden möglicher Weise ebenso eine Rolle wie die Maßgabe, Konflikte mit der Gruppe zu vermeiden bzw. nicht als abweichend aufzufallen. Außerdem kann die Stellung des Individuums in der Gruppe (Hierarchie) konformes Verhalten notwendiger oder lohnender erscheinen lassen.
Man kann grob vereinfachend sagen, dass ein Individuum, das innerhalb der Gruppe einen niedrigen Status einnimmt und mit der betreffenden Situation nicht vertraut ist, sich mit höherer Wahrscheinlichkeit konform verhalten wird. Auch Neulinge in einer Gruppe lehnen sich wahrscheinlicher an bestehende Gruppennormen an, um ihren Status nicht zu gefährden.
Zu beachten ist weiterhin, dass bestimmte Kulturen Harmonie in der Gruppe definitiv höher bewerten als Individualität. Die gesamte Atmosphäre innerhalb einer Gruppe (bzw. auch innerhalb einer Gesellschaft) kann so eingerichtet sein, dass abweichendes Verhalten und individueller Ausdruck gefördert und ermöglicht oder blockiert werden.
Das Gegenteil von Konformität ist Abweichung (Devianz). Wenn wenigstens ein anderes Individuum sich von der Gruppe absetzt, fällt es anderen leichter, gleichfalls von der Haltung bzw. dem Verhalten der Gruppe abzuweichen. Hierbei sind gruppendynamisch Einflüsse beteiligt, denn die Abweichung muss nicht notwendig inhaltlich getragen sein.
Konformität lässt sich somit als eine Gruppendynamik bezeichnen, die zum Erhalt einer Gruppe (auch zum Erhalt einer Gesellschaft) notwendig ist — am einleuchtendsten wird dieser Sachverhalt, wenn man sich vor Augen führt, dass auch Gesetze als Normen einer Gruppe gelten und konformes Verhalten das friedlich geregelte Zusammenleben gewährleistet.
Abweichendes Verhalten, das aus Reflexion bestehender Normen hervorgeht, kann wiederum zu Innovationen innerhalb einer Gruppe (Gesellschaft) führen — hier muss beachtet werden, wie Gruppen mit abweichendem Verhalten umgehen: wenn Normen unverrückbar feststehen, Konformität unter Strafandrohung erzwungen ist und alternative Verhaltensweisen streng sanktioniert sind, wird die Aussicht auf innovative Dynamiken innerhalb der betreffenden Gruppe beträchtlich herab gesetzt sein.
Onsite
- [ ebooks ] Grundlagen der Sozialpsychologie » Kapitel 6: Konformität.
Autor: C. George Boeree PHD; dt.: d.wieser
- [ konzepte ] Norm
- [ notizen ] Sherif, Muzafer: Konformität, Abweichung, Normen und Gruppenbeziehungen. Quelle: Sherif, Muzafer: Conformity, deviation, norms, and group relations. In: Irwin A. Berg & Bernard M. Bass. Conformity and Deviation, 1961. (Host: brocku.ca) HTML
Zitation
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16. Juni '07
OrientierungIm Netz sind gut sortierte und ständig betreute Linksammlungen von ziemlicher Bedeutung — schließlich landet man wer-weiß-wo, wenn man sich auf Suchmaschinen und Stichworte verlassen muss… Hier also Linksammlungen zur Psychologie, mit denen man tatsächlich etwas anfangen kann… » lesen ... |
31. Juli '07
Kognitive DissonanzMenschen zeigen das Bemühen, Kognition, Einstellungen, Annahmen, Wahrnehmungen miteinander und mit ihrem individuellen Selbstbild in Einklang zu bringen – psychologische Harmonie herzustellen, so könnte man sagen. Entsteht Dissonanz, werden Menschen ihre Einstellungen, Annahmen etc. so ändern, dass ein stimmiges Gesamtgefüge entsteht, denn derartige Unstimmigkeiten werden als überaus unangenehm und belastend empfunden. » lesen ... |
03. Juni '07
Maslow, Abraham: Deprivation, Bedrohung und FrustrationGemäß der gängigen Definition bedeutet Frustration, dass man nicht das Ersehnte erhält, ein Wunsch wird nicht erfüllt, eine Gratifikation bleibt unerreicht. Dabei handelt es sich bei genauer Betrachtung sowohl um Deprivation, die für den Organismus weitgehend unschädlich ist, als auch um Deprivation, die zugleich die Persönlichkeit des Individuums bedroht (seine Lebensziele, Abwehrmechanismen, sein Selbstwertgefühl oder Sicherheitsempfinden). Nur eine bedrohliche Deprivation hat laut Maslow die Vielzahl von Auswirkungen, die generell der Frustration zugeschrieben werden. » lesen ... |


