«Verdammt, hier geht mir die ganze Argumentation auseinander. Egal, Hauptsache, ich bringe es irgendwie hinter mich. Aber was? Was will ich hinter mich bringen? Der ganze Ärger kommt nur von Präpositionen und überhaupt, man kann eigentlich niemandem irgend etwas erklären, was dieser nicht auch von selbst begreift.»
Gaddis: Das mechanische Klavier
Norm
d.wieser, 04. Juli 07
Regel, Richtwert, Maßstab;
lat. norma – Winkelmaß, Richtschnur, Richtwert, Vorschrift
In jeder Gruppe (Gesellschaft / Kultur) zählen Normen zu den subjektiven Strukturierungselementen des Zusammenlebens. In den Sozialwissenschaften definiert man Normen als unausgesprochene Gesetze bzw. als Form sozialen Einflusses, die nicht abgelöst von der jeweiligen Gruppe verstanden werden können. Während der Sozialisation lernen Individuen, ihr Verhalten den Normen der Gesellschaft anzupassen.
Normen definieren beispielsweise angemessenes Sexualverhalten, sie definieren Geschlechterrollen, den Individualabstand oder was als höfliches Verhalten gilt – es geht also um angemessenes und unangemessenes Verhalten, um richtig und falsch und um unausgesprochene Gebote und Verbote. Nicht normgemäßes Verhalten bringt ein ungutes Gefühl mit sich, normgerechtes Verhalten hingegen bietet Sicherheit und Selbstvertrauen in den verschiedensten Situationen (das Richtige tun, sich angemessen verhalten).
In der Sozialpsychologie betrachtet man Gruppennormen, soziale Normen, gesellschaftliche Normen und kulturelle Normen – keine Gruppe, Gesellschaft oder Kultur ließe sich beschreiben, ohne die jeweiligen Normsysteme zu berücksichtigen.
Bei der Untersuchung von Normen unterscheidet man zwischen deskriptiven und injunktiven Normen: Deskriptive Normen beziehen sich auf das, was die Mehrheit tun bzw. als angemessen betrachten würde; injunktive Normen umfassen ein ausdrückliches Werturteil, also die Unterscheidung, was in der jeweiligen Situation als angemessenes (richtiges) oder unangemessenes (strafbares) Verhalten zu gelten hat.
Dimensionen, die eine Norm definieren:
- Als Norm gilt eine Aussage, die festlegt, wie bestimmte Menschen sind und wie sie sich unter bestimmten Bedingungen zu verhalten haben.
- Normen zeigen sich als subjektive Erwartungshaltungen bezogen auf verpflichtendes Verhalten aller.
- Normen sind immer konditional – d. h. auf bestimmte Situationen bezogen.
- Prinzipiell beziehen sich Normen auf Verhaltensweisen; mitunter sind auch Einstellungen, Wert- und Glaubenshaltungen Bestandteil der Norm.
- Eine Norm muss allgemein als gültig akzeptiert sein – sie ist also von der Gemeinschaft getragen
- Normkonformes oder deviantes Verhalten hat vorbezeichnete Konsequenzen (Sanktionen).
Betrachtet man Normen im kulturellen Kontext ist zu beachten, dass es beträchtliche Unterschiede in der Bewertung normkonformen Verhaltens gibt. In der westlichen Welt wird Konformität überwiegend negativ bewertet, da individuelle, persönliche Ziele höher bewertet sind als durch Normen definierte Gruppenziele. In individualistischen Kulturen gehört das Individuum meist mehreren Gruppen zugleich an, so dass es sich dem Ziel einer einzigen Gruppe wenig verpflichtet fühlt. Anders hingegen in kollektivistischen Kulturen, wo das Individuum seltener mehreren Gruppe angehört, damit ist ein größeres Maß an Identifikation mit der Bezugsgruppe verbunden, und das individuelle Selbstkonzept ist eng mit der Gruppe und ihren Werten und Zielen verknüpft.
Es gilt, dass kollektivistische Kulturen ihrer inneren Struktur nach größeres Gewicht auf Gruppenzugehörigkeit legen und Harmonie, Zusammenhalt und Zusammenarbeit in der Gruppe sehr hoch bewerten – diese übergeordneten Ziele werden von konformem Verhalten gesichert. In individualistischen Kulturen der westlichen Welt hingegen sind persönliche Zielsetzungen meist höher angesehen als die Anpassung des Einzelnen an eine einzige Gruppe.
Man kann grundsätzlich sagen, dass Normen auf “guten Gründen” beruhen, allerdings durchaus auch auf ethischen, religiösen, kulturellen Glaubenshaltungen, denen keine allgemein gültige, rational nachvollziehbare Basis zugrunde liegt. Teilt man also eine solche Glaubenshaltung, kann man Personen, die anderer Auffassung sind, schwerlich zur Konformität zwingen, wenn das normativ vorgeschriebene Verhalten für sie keinen Sinn ergibt.
Beispiel: Produkte vom Schwein sind in manchen Gemeinschaften auf religiöser Basis als unrein definiert und verboten. Mitglieder anderer Gruppen haben Schwierigkeiten nachzuvollziehen, worin die Unreinheit besteht bzw. warum sie selbst keine Erzeugnisse vom Schwein essen sollten. In einer modernen Gesellschaft geht man mit befremdlichen Normen um, indem man die persönliche Entscheidung anderer achtet und sich selbst das Recht auf persönliche Entscheidungen vor dem Hintergrund eigener Werthaltungen vorbehält.
Im genannten Beispiel wäre es respektlos, jemandem, für den das Schwein ein unreines Tier ist, Schweinefleisch aufzudrängen, weil man dessen Werthaltung für kurios bzw. nicht nachvollziehbar hält. Ebenso respektlos wäre es, all jene zu verachten, die Erzeugnisse vom Schwein auf ihrem Speiseplan behalten, obwohl man sie darüber informiert hat, dass das Schwein unrein und als Nahrungsmittel undenkbar ist.
Insofern als Normen wandelbar sind, hängt die die Gültigkeit einer Norm davon ab, ob gesellschaftlicher Konsens besteht, ob also die Glaubens- bzw. Werthaltungen, die hinter einer Norm stehen, von allen geteilt werden. Besteht kein allgemeiner Konsens, kann eine Norm dennoch überdauern, wenn dem Individuum Raum für persönliche Entscheidungen eingeräumt wird. Wer sich der Norm nicht unterordnet, kann sich frei dagegen (bzw. für eine andere Werthaltung) entscheiden, ohne die Norm bekämpfen zu müssen oder mit schweren Sanktionen konfrontiert zu sein.
In modernen Gesellschaften gibt es zunehmend Bereiche, in welchen im Kontext gültiger Normen persönliche Entscheidungen möglich sind; dem entsprechend nimmt die Herrschaft traditioneller (und religiöser) Normen ab.
Normen verlieren ihre Gültigkeit zumeist aus folgenden Gründen:
- Die Werthaltung dient ausschließlich dazu, ein Machtgefälle zu legitimieren.
- Die zugrunde liegenden Ursachen sind ungültig geworden oder falsch.
- Die zugrunde liegenden Glaubenshaltungen lassen sich nicht beweisen und haben keine Beweiskraft an sich.
- Die Norm ist als Allgemeingültigkeit konzipiert und lässt sich nicht auf die individuelle Situation anwenden.
Die individuelle Ebene:
Wo es eine Norm gibt, steht das Individuum vor einer Entscheidung: Entweder die Norm befolgen oder sie nicht befolgen (Devianz). Jede der beiden Entscheidungsmöglichkeiten zieht bekannte Konsequenzen nach sich — von Normen reglementiertes Verhalten hat auf individueller Ebene immer seinen Preis.
Sind Normen als persönliche Werte verinnerlicht, haben abweichendes und konformes Verhalten direkte Auswirkungen auf das individuelle Gewissen – eine Art innerliche Sanktion – bei normgemäßem Verhalten hat das Individuum ein gutes (ruhiges) Gewissen, bei abweichendem Verhalten quält mitunter ein schlechtes Gewissen und drängt zu Wiedergutmachung, Buße oder zur Revision des Selbstbildes.
Die Entscheidung für oder gegen normgemäßes Verhalten ist oftmals kein bewusster aktiver Denkprozess, sondern entwickelt sich zur Gewohnheit; das normkonforme Verhalten ist somit automatisiert und kaum noch der kritischen Hinterfragung zugänglich.
Kritisches Denken im Bezug auf gesellschaftliche Normen ist allerdings eine der deutlichsten Voraussetzungen dafür, dass sich Normen ändern können und Innovation möglich wird. Alternative Normen oder auch Devianzverhalten Einzelner bzw. von Gruppen führen dazu, dass die Gemeinschaft sich einer Norm bewusst wird und sie kritisch durchdenken kann.
Onsite
- [ ebooks ] Grundlagen der Sozialpsychologie » Kapitel 5: Soziale Erwartung.
Autor: C. George Boeree PHD; dt.: d.wieser
- [ ebooks ] Grundlagen der Sozialpsychologie » Kapitel 6: Konformität.
Autor: C. George Boeree PHD; dt.: d.wieser
- [ konzepte ] Konformität
- [ notizen ] Sherif, Muzafer: Konformität, Abweichung, Normen und Gruppenbeziehungen. Quelle: Sherif, Muzafer: Conformity, deviation, norms, and group relations. In: Irwin A. Berg & Bernard M. Bass. Conformity and Deviation, 1961. (Host: brocku.ca) HTML
Zitation
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04. Juni '08
Vorlesung zu Grundlagen der Sozialpsychologie SS 08Prof. Dr. Heiner Keupp von der Ludwig-Maximilians Universität in München hält im Sommersemester 2008 eine Vorlesung zu den Grundlagen der Sozialpsychologie. Die Videos sind im Quicktime Player abspielbar, außerdem stehen begleitende Vorlesungsunterlagen im pdf-Format zum Download bereit. » lesen ... |
29. Januar '08
Exotismus und XenophobieBeiden Konzepten ist gemeinsam, dass sie zunächst einmal auf (unbewusst wirksame) Bilder des Fremden zurück zu führen sind, die auf individualpsychologischer, sozialpsychologischer und kultureller Ebene als Vermeidungshaltungen Bedeutung erlangen. Für die Interaktionen zwischen Gruppen spielen Exotismus und Xenophobie als kulturell verankerte Bilder der Fremdgruppe und tief verwurzelte Bewusstseinsphänomene eine Rolle.
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03. Juni '07
Maslow, Abraham: Deprivation, Bedrohung und FrustrationGemäß der gängigen Definition bedeutet Frustration, dass man nicht das Ersehnte erhält, ein Wunsch wird nicht erfüllt, eine Gratifikation bleibt unerreicht. Dabei handelt es sich bei genauer Betrachtung sowohl um Deprivation, die für den Organismus weitgehend unschädlich ist, als auch um Deprivation, die zugleich die Persönlichkeit des Individuums bedroht (seine Lebensziele, Abwehrmechanismen, sein Selbstwertgefühl oder Sicherheitsempfinden). Nur eine bedrohliche Deprivation hat laut Maslow die Vielzahl von Auswirkungen, die generell der Frustration zugeschrieben werden. » lesen ... |


