«Durch Einsicht in seine Mitmenschen, die man nur mühsam, gegen falschen Stolz zum Beispiel, erwirbt, ist vorerst noch niemand zu Schaden gekommen.»
Margarete & Alexander Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu Trauern
Selbstkontrolle
d.wieser, 05. Juni 07
Im alltäglichen Leben spielt die Selbstkontrolle quasi ständig eine Rolle bzw. ist Quelle fortlaufender Konflikte im Individuum. Man betrachtet die menschliche Fähigkeit zur Selbstkontrolle auch als Meilenstein menschlichen Funktionierens, dabei geht es darum, unangemessene Reaktionen zu unterdrücken bzw. umzuleiten. Schwierigkeiten der intraindividuellen Kontrollfunktion sind an der Entstehung gesundheitlicher Probleme wie Mangelernährung, gesundheitsgefährdendem Sexualverhalten oder Rauschmittelmissbrauch beteiligt.
Der Überbegriff lautet Selbstregulation – damit ist die Veränderung der eigenen Reaktionen generell gemeint, also sowohl bewusst als auch automatisch ablaufende Regulation, die dem Erreichen eines Ziels dient. Selbstkontrolle meint die zielgerichtete bewusste Unterdrückung unerwünschter Reaktionen. Zur Selbstkontrolle zählt als spezifischeres Konzept die Selbstdisziplin, welche auf erwünschte Ziele hin ausgerichtet ist, die im Zusammenhang mit der Selbstvervollkommnung stehen.
Selbstkontrolle bezieht sich auf Gedanken – hierzu gibt es die Forschungen von Daniel Wegner (die Sache mit dem weißen Bär…) – und auf Gefühle: der Mensch kann sich dahingehend kontrollieren, dass ein negativer oder ein positiver Gefühlszustand hergestellt, aufrechterhalten oder aufgegeben wird. Zumeist geht es indes darum, negative Gefühle zu lindern bzw. Unlust zu vermeiden. Die Kontrolle über die eigenen Gefühle kann z.B. dadurch beeinflusst werden, dass man die Umwelt entsprechend wählt – etwa indem man bestimmte Orte, Objekte oder Personen meidet bzw. aufsucht. Des weiteren lassen sich Gefühle durch selektive Aufmerksamkeit und gedankliche Uminterpretation (kognitiv) beeinflussen.
In der Psychologie gibt es u.a. folgende Modelle des Selbstkontrollprozesses:
- Das Modell der regulatorischen Ressource ( regulatory resource model oder ego depletion model ) besagt, dass alle Fälle der Selbstkontrolle aus einer endlichen Ressource gespeist werden, so dass das Individuum nach einer ersten Handlung weniger Ressourcen für zeitlich nahe folgende Handlungen der Selbstkontrolle zur Verfügung hat. Dieser Zustand wird als ego depletion (i.S. vorübergehend erschöpfter Willenskraft) bezeichnet – das Individuum bringt kein hinreichendes Maß an regulatorischen Ressourcen auf, um den jeweiligen Anforderungen der Selbstkontrolle nachzukommen. Dieses Modell wird zur Erklärung in den Bereichen Affektregulierung, mentale Kontrolle, Impulskontrolle und Verhaltensmaßregelung herangezogen. Forschungen hierzu gehen auf Baumeister und Tice zurück (s.u.).
- Das kybernetische Modell der Selbstkontrolle (Charles Carver und Michael Scheier) geht von der Handlungsschleife test-operate-test-exit (Akronym: TOTE) aus. Wenn das Individuum sich ein Ziel setzt, tritt es mit “test” in die Schleife ein, indem es zwischen dem derzeitigen Zustand und dem Zielzustand unterscheidet. Ist der derzeitige Zustand nicht der gewünschte Zielzustand, tritt die “operate”-Phase ein, in welcher das Individuum den Zielzustand zu erreichen sucht. Darauf folgt eine erneute Testphase, damit entschieden werden kann, ob der Zielzustand erreicht ist (“exit”) oder ob weitere Anstrengungen vonnöten sind (erneute “operate”-Phase). Im Modell dieser Schleife werden positive Affekte als Hinweis darauf interpretiert, dass sich das Individuum erfolgreich dem Zielzustand nähert, negative Affekte weisen darauf hin, dass das Individuum sich vom Ziel fort bewegt.
- Beim Paradigma aufgeschobener Belohnung ( delayed gratification paradigm ) handelt es sich um ein Modell, welches die Notwendigkeit heausstellt, unmittelbare Befriedigung aufzuschieben. Für das erreichen persönlicher Ziele, psychologische Entwicklung und Wohlbefinden ist es nach den Forschungen von Walter Mischel bedeutsam, mit Frustration umgehen zu lernen, unerwünschte innere Reaktionen zu überwinden und der Versuchung, direkte Gratifikationen zu akzeptieren, zu wiederstehen.
Onsite
- [ ebooks ] Albert Banduras Self-control therapy ist ein Kapitel im Rahmen der Persönlichkeitstheorien gewidmet.
Autor: Dr. C. George Boeree; dt.: d.wieser
- [ notizen ] Baumeister et al.: Erschöpfung des Ich: Ist das aktive Selbst eine begrenzte Ressource?
Offsite
- Baumeister, Bratslavsky, Muraven und Tice: Ego depletion: Is the active self a limited resource? in: Journal of Personality and Social Psychology, 74, 1998 (Host: fsu.edu) PDF
- DeWall, Baumeister, Stillman und Gailliot: Violence restrained: Effects of self-regulatory capacity and its depletion on aggressive behavior. in: Journal of Experimental Social Psychology undatiert (Host: fsu.edu) PDF
- Muraven, Tice und Baumeister: Self-control as limited resource: Regulatory depletion patterns, in: Journal of Personality and Social Psychology, 1998 (Host: fsu.edu) PDF
- Muraven und Baumeister: Self-regulation and depletion of limited resources: Does self-control resemble a muscle? in: Psychological Bulletin, 2000 (Host: fsu.edu) PDF
- Schmeichel, Vohs und Baumeister: Intellectual performance and ego depletion: Role of the self in logical reasoning and other information processing, in: Journal of Personality and Social Psychology, 2003 (Host: fsu.edu) PDF
- Vohs und Schmeichel: Self-regulation and the extended now: Controlling the self alters the subjective experience of time, in: Journal of Personality and Social Psychology, 2003 (Host: fsu.edu) PDF
Zitation
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Vorlesung zu Erziehung & Sozialisation onlineDozentin Prof. Dr. Sabine Walper spricht über folgende Inhalte:
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29. August '07
AngstDie Differenzierung von Furcht und Angst geht auf die Arbeiten des dänischen Religionsphilosophen Kierkegaard zurück. In einem Werk mit dem Titel Der Begriff Angst von 1844 definierte er Furcht als Reaktion auf einen eindeutigen Reiz und Angst als Reaktion auf mehrdeutige oder unklare Reize:
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03. Juni '07
Maslow, Abraham: Theorie menschlicher MotivationEs gibt mindestens fünf Zielsetzungen bzw. Grundbedürfnisse, damit einhergehend die jeweiligen Bedürfnisse, die verschiedenen Voraussetzungen zu erreichen oder zu erhalten, sowie gewisse intellektuelle Bedürfnisse des Menschen. Die Ziele lassen sich in einer Hierarchie gemäß ihrer Präpotenz anordnen. » lesen ... |


