«Durch Einsicht in seine Mitmenschen, die man nur mühsam, gegen falschen Stolz zum Beispiel, erwirbt, ist vorerst noch niemand zu Schaden gekommen.»
Margarete & Alexander Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu Trauern
Vorurteil
d.wieser, 05. Juni 07
Als Vorurteil bezeichnet man die positive oder negative Einstellung gegenüber einem Individuum, und zwar basierend auf dessen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (religiös, ethnisch, politisch, beruflich oder fiktiv).
Vorurteile zeigen sich zum Beispiel in Form unabänderlicher Annamen, welche dann das eigene Verhalten anderen Menschen gegenüber beeinflussen und ggf. zu Diskriminierung führen können. Solche unabänderlichen vorurteilsbehafteten Annahmen oder Haltungen bezeichnet man als Stereotype.
Man konnte nachweisen, dass Vorurteile erlernt werden (nicht angeboren sind), insbesondere durch Übernahme von Haltungen, die andere Menschen (Eltern, Lehrer, Autoritäten etc.) artikulieren. Somit entstehen festgefügte, einseitige, gern auch unsachliche Annahmen über Gruppen von Menschen, mit denen man selbst überhaupt nicht in Kontakt steht – also quasi Information aus zweiter Hand bzw. aus “sicherer Quelle”. Fernsehen, Werbung, Medien als Kultureinflüsse tragen dazu bei, Vorurteile zu schaffen bzw. zu festigen.
Die Kognitionswissenschaft weist darauf hin, dass Vorurteile im gesellschaftlichen Miteinander eine nicht unerhebliche ordnende Funktion für das Individuum erbringen. Ihm werden recht schlichte Schemata geboten, die die komplexe Welt sortieren helfen.
Sozialpsychologische Untersuchungen zeigten, dass Vorurteile nicht “automatisch” korrigiert werden, wenn persönlicher Kontakt zu Personen der betreffenden Gruppe hergestellt ist – dies kann sogar zur Verfestigung der Vorurteile beitragen. Mitscherlich & Mitscherlich bezeichnen das Phänomen als Meinungsbesessenheit, was bedeuten soll, dass beachtlicher Widerstand gegen ein kritisches Durchdenken solcher Haltungen besteht, da diese schließlich das eigene Gesellschafts- und Menschenbild bequem strukturieren.
Onsite
- [ ebooks ] Grundlagen der Sozialpsychologie » Kapitel 4: Vorurteil.
Autor: Dr. C. George Boeree; dt.: d. wieser
- [ notizen ] McIntyre et al.: Social Impact und Stereotyp
- [ notizen] Hall & Crisp: Angstinduzierte Reaktionsbeständigkeit und Stereotypänderung
- [ notizen ] Jelenec: Implizite Einstellungen gegenüber älteren Frauen und Männern
- [ konzepte ] Stereotyp
Offsite
- Muzafer Sherif: An Experimental Study of Stereotypes in: Journal of Abnormal and Social Psychology, 1935, 29, 370-375.
- William R. Hood und Muzafer Sherif: An Appraisal of Personality-oriented Approaches to Prejudice, in: Sociology and Social Research, 1955, 40, 79-85.
- Die Skala der Sozialen Distanz von Bogardus ohne Autor und Datum (Host: fernuni-hagen.de) HTML
- Interessant ist das Themenheft “Informationen zur politischen Bildung”: Vorurteile mit Aufsätzen diverser Autoren, 4. Quartal 2005: Heft 271 (Host: bpb.de) HTML
Quellen
Mitscherlich & Mitscherlich zur Psychologie des Vorurteils:
Vorurteile sind, genauer betrachtet, ein verblüffendes Phänomen. Wer von ihnen sicher gedeckt ist, lebt oft angenehm, denn er weiß mühelos über Dinge Bescheid, von denen er wenig versteht. […] Gegen Meinungsbesessenheit ist auch mit guten Argumenten nicht viel auszurichten. […] Offenbar entspricht es drängenden inneren Bedürfnissen, Realität so zu erleben, wie sie uns sich in einem Vorurteil oktroyiert, nämlich als einleuchtend, überzeugend, evident. Aber wir haben keine Ahnung, dass wir mit unseren Interessen am Zustandekommen dieses Eindrucks beteiligt sind. Er begegnet uns als ein ganz objektiver. Unsere kritischen Fähigkeiten unterwerfen sich in diesem Augenblick der trügerisch-überzeugenden Wirklichkeit, welche das Vorurteil schafft. Unser Misstrauen, unsere Vorsicht sind eingeschläfert und wie gelähmt. Eine große Zahl von Vorurteilen begleitet uns während langer Lebensperioden, ohne dass wir jene Distanz zu ihnen gewännen, die es uns erlaubte, sie zu revidieren. […]
Ein Zurücktreten, ein Durchdenken der Lage ist nötig, um zu erkennen, was durch die Empfehlung eines Vorurteils an Wirklichkeit verdeckt wird. Teilen wir es mit anderen, so muss geklärt werden, welche Bedingungen einer Gesellschaft diesen Rückzug aus der Wirklichkeit fördern.
[ Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München: Piper, 1998; S. 135-139 ]
Sir Peter Ustinov:
Wenn der Rivale des Vorurteils der Zweifel ist, dann ist sein Komplize die Bequemlichkeit, im Bündnis mit der Rechthaberei. Wer Ausländer verteufelt oder Frauen diskriminiert, tut dies meist in der Pose des lauten, starken denkfaulen Mannes. Doch unser Stammtischheld ist nicht einmal halbstark. Ist er immer dumm? Ist das Vorurteil auch ein Komplize der Dummheit? Wenn ich mir manche Nachmittagsshows gewisser Fernsehanstalten ansehe, in denen Töchter auf ihre Mütter einbrüllen und umgekehrt und sich derart obszön beleidigen, dass jeder Respekt verloren geht, dann habe ich diesen Eindruck. Es spricht also vieles dafür, dass in einem leeren Kopf die Vorurteile besonders blühen.
[ Sir Peter Ustinov: Achtung! Vorurteile Reinbek: Rowohlt, 2005; S. 35 ]
Zitation
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04. Juni '08
Vorlesungen zur Sozialpsychologie WS 05/06Prof. Dr. Heiner Keupp und Prof. Dr. Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München sind mit Vorlesungen zu Grundlagen der Sozialpsychologie (2005/2006) online als Videovorlesung zu verfolgen. Es handelt sich um insgesamt 26 Vorlesungen in bemerkenswerter technischer Qualität — von inhaltlichen Qualitäten will ich gar nicht reden… ein echter Favorit im Netz. » lesen ... |
04. Juli '07
NormIn der Sozialpsychologie betrachtet man Gruppennormen, soziale Normen, gesellschaftliche Normen und kulturelle Normen – keine Gruppe, Gesellschaft oder Kultur ließe sich beschreiben, ohne die jeweiligen Normsysteme zu berücksichtigen. » lesen ... |
03. Juni '07
Maslow, Abraham: Deprivation, Bedrohung und FrustrationGemäß der gängigen Definition bedeutet Frustration, dass man nicht das Ersehnte erhält, ein Wunsch wird nicht erfüllt, eine Gratifikation bleibt unerreicht. Dabei handelt es sich bei genauer Betrachtung sowohl um Deprivation, die für den Organismus weitgehend unschädlich ist, als auch um Deprivation, die zugleich die Persönlichkeit des Individuums bedroht (seine Lebensziele, Abwehrmechanismen, sein Selbstwertgefühl oder Sicherheitsempfinden). Nur eine bedrohliche Deprivation hat laut Maslow die Vielzahl von Auswirkungen, die generell der Frustration zugeschrieben werden. » lesen ... |


