Bandura: Transmission von Aggression durch Nachahmung eines Modells


d.wieser, 04. Juni 07

Albert Bandura, Dorothea Ross und Sheila A. Ross veröffentlichen 1961 im Journal of Abnormal and Social Psychology ihre Forschungsergebnisse zu sozialem Lernverhalten bei Kindern. Es geht um die so genannten Bobo-Doll Studien, die Aufschlüsse zu nachahmendem Lernen in Abwesenheit des Modells geben.

Kinder im Kindergartenalter sollen mit weiblichen oder männlichen Verhaltensmodellen konfrontiert werden, die entweder aggressives oder nicht-aggressives Verhalten an einer aufblasbaren Puppe demonstrieren. Eine Vergleichsgruppe von Kindern wird nicht mit diesem Verhaltensmodell konfrontiert. Im zweiten Schritt des Experiments werden die einzelnen Kinder neben anderem Spielzeug auch mit einer solchen Puppe konfrontiert. In diesem Setting werten Forscher das aggressive und nicht-aggressive Verhalten der Kinder im Umgang mit dem Spielzeug generell sowie mit der Puppe im besonderen aus: Ahmen die Kinder die eben beobachteten Verhaltensweisen des erwachsenen Modells nach?

Gemäß der Voraussagen der Forscher reproduzieren Kinder, die das aggressive Modell beobachtet hatten, dessen aggressives Verhalten auch dann, wenn das Modell abwesend war. Eine Voraussage der Untersuchung lautet, die Beobachtung nicht-aggressiver Verhaltensmodelle sollte allgemein einen hemmenden Effekt auf das weitere Verhalten der Probanden haben – der Nachweis würde durch das Verhalten der Vergleichsgruppe erbracht werden. Zudem beziehen die Forscher die Geschlechterperspektive mit ein, indem sie eine männliche oder eine weibliche Person als Modell einsetzen, um auswerten zu können, wie die Genderorientierung der Kinder deren nachahmendes Lernverhalten beeinflusst.

Untersucht wird das Verhalten von 36 Mädchen und 36 Jungen im Alter zwischen 37 und 69 Monaten. 24 Kinder gehören einer Vergleichsgruppe an und werden nur am zweiten Schritt des Experiments teilnehmen. 24 Kinder beobachten aggressives Verhalten einer erwachsenen Modellperson und 24 Kinder beobachten deren nicht-aggressives Verhalten im Umgang mit der Bobo-Doll. Die Gruppe der Kinder wird je zur Hälfte eine männliche und eine weibliche Modellperson beobachten.

Die Versuchsleiter und eine Kindergärtnerin machen Aufzeichnungen über die Verhaltensweisen, die jedes Kind später zeigt, wenn ihm eine solche Bobo-Doll zum Spielen zur Verfügung steht. Dabei wird skaliert festgehalten, wie physische oder verbale Aggression, Aggression gegen Gegenstände und aggressive Hemmung im Verhalten des jeweiligen Kindes erkennbar werden.

Im ersten Schritt des Experiments (Dauer: 10 Minuten) führt man das Kind in einen Raum, wo es sich mit beliebten Bastelarbeiten beschäftigen kann. In einer anderen Ecke des Raumes befindet sich eine Bobo-Doll. Die erwachsene Modellperson betritt den Raum und wird entweder nicht-aggressives Verhalten zeigen, oder aber in streng vorbestimmter Weise aggressiv mit der Bobo-Doll umgehen:

  • physische Aggression: die Bobo-Doll wird geboxt (was Kinder ohne Vorbild mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit tun würden), die Modellperson legt die Puppe hin, setzt sich auf sie und schlägt ihr mehrfach auf die Nase, richtet die Puppe wieder auf und schlägt ihr mit einem Holzhammer auf den Kopf, wirft die Puppe durch die Luft und tritt sie mit Füßen.
  • verbale Aggression: die Modellperson beschimpft die Bobo-Doll (sinngemäß) “Hau ihm auf die Nase”, “Schlag ihn nieder”, “Wirf ihn durch die Luft”, “Tritt ihn”, “Peng”
  • verbale nicht-aggressive Interaktion: “Er will noch mehr”, “Ein harter Bursche ist das”

Der zweite Teil des Experiments läuft in einem anderen Gebäude ab. Zunächst wird jedes Kind (und nun auch jedes Kind der Vergleichsgruppe) in einen Raum voller attraktiver Spielsachen geführt. Die Versuchsleiterin teilt nach zwei Minuten mit, dass es lieber in einem anderen Raum spielen soll, da dieses Spielzeug für andere Kinder reserviert sei. Beide gehen in einen anderen Raum.

Dort befinden sich neben Materialien zur kreativen Betätigung auch Spielsachen, die sich für aggressives Spiel nutzen ließen: Eine Bobo-Doll, ein Holzhammer und eine Art Gummiball mit aufgemaltem Gesicht (von der Decke hängend). Während der zwanzig Minuten, die jedes Kind in diesem Raum verbringt, wird das Verhalten genau protokolliert.

Die Reaktionsmessung bezieht sich auf folgende Bereiche:

  • Nachahmung physischer Aggression: Schläge mit dem Holzhammer, Sitzen auf der Puppe und Schlagen auf deren Nase, Treten und durch die Luft werfen.
  • verbale Aggression: Nachahmung der Ausrufe der Modellperson,
  • nicht-aggressive verbale Interaktion: dito

partielle Nachahmung:

  • Andere Gegenstände werden mit dem Holzhammer bearbeitet,
  • Sitzen auf der Puppe ohne zu schlagen,

nicht-nachahmende Verhaltensweisen:

  • Schlagen, Boxen oder Schubsen der Puppe,
  • verbale Aggression frei vom Vorbild der Modellperson,
  • aggressives Spielen mit einer Spielzeugpistole.

Die genaue Auswertung der Untersuchung entnehmen Sie bitte dem Originalartikel. Die Auswertung ergibt folgende Ergebnisse:

Das Experiment erbringt Beweise dafür, dass Verhaltensanreize durch das Vorbild anderer als effektives Mittel dafür gelten müssen, bestimmte Verhaltensweise hervorzurufen, die normalerweise mit einer geringen oder gegen Null tendierenden Wahrscheinlichkeit auftreten würden. Soziale Nachahmung könnte das Erwerben neuer Verhaltensweisen beschleunigen oder abkürzen – ohne dass die von Skinner vorgeschlagenen Verstärkungen durch erfolgreiche Annäherung notwendig wären.

Probanden, die ein aggressives Verhaltensmodell beobachtet hatten, reproduzierten (sowohl physisch als auch verbal) einen Großteil der aggressiven und nicht-aggressiven Verhaltensweisen, wie sie das Modell gezeigt hatte. Probanden, die das nicht-aggressive Modell beobachtet hatten, zeigten annähernd ebenso selten solches Verhalten wie die Vergleichsgruppe.

In dem Maße, in dem die Beobachtung aggressiver erwachsener Modelle aggressives Verhalten als erlaubt darstellt, kann die Beobachtung hemmende Impulse schwächen und damit die Wahrscheinlichkeit aggressiver Reaktionen bei späteren Frustrationserlebnissen erhöhen.

Die Tatsache, dass die Probanden ihre Aggression in genau der Form zeigten, die den neuen Mustern des Vorbilds entsprach, gilt als Beweis für nachahmendes Lernen.
Die Untersuchung gibt zudem Hinweise darauf, dass das männliche Modell stärker wirkte, als das weibliche Verhaltensmodell: stark männlich typisiertes Verhalten wie etwa physische Aggression führt zu größerer Nachahmungsbereitschaft des männlichen Modells. Bei verbaler Aggression, die weniger eindeutig geschlechtlich besetzt ist, gibt es mehr Nachahmung in der Gruppe des eigenen Geschlechts.

Die Beurteilung angemessenen Verhaltens für Männer und Frauen spielte bei den Kindern eine nicht unerhebliche Rolle. War eine Frau das Verhaltensmodell gewesen, kommentierten die Kinder im Anschluss an das Experiment (sinngemäß):
“Wer ist die Frau? So sollte sich eine Frau nicht benehmen. Frauen sollen sich wie Frauen benehmen. / Du hättest sehen sollen, was das Mädchen da drinnen gemacht hat. Sie hat sich genau wie ein Mann benommen. Ich habe noch nie ein Mädchen gesehen, das sich so benimmt. Sie hat geboxt und gerauft, aber ohne Schimpfworte…”

War ein männliches Verhaltensmodell beobachtet worden, fielen die Kommentare wesentlich anders aus (sinngemäß):
“Al ist ein guter Schläger, er hat Bobo verhauen. Ich will genauso hauen wie er. / Der Mann ist ein starker Kämpfer, er hat geboxt und geboxt, und er konnte Bobo richtig zu Boden schlagen, und wenn Bobo hochkam, sagte er “ich hau dir auf die Nase”. Er ist ein guter Kämpfer, wie Papa…”

Nach der Beobachtung aggressiv gehemmter Modelle sinkt die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens, die generelle Bandbreite der gezeigten Verhaltensweisen zeigte sich deutlich eingeschränkter.
Bei nachahmendem Lernen aggressiven Verhaltens sind “Identifikation mit dem Aggressor” (Freud) oder “defensive Identifikation” (Mowrer) gemeinhin als Erklärung akzeptiert.
Die Entwicklung aggressiver Reaktionsmodi bei Kindern mit aggressiv strafenden Eltern mag auf Objektverschiebung zurückgehen, nicht aber auf defensive Identifikation.
Eine frühere Untersuchung hatte gezeigt, dass schlichtes Beobachten von Aggression – ganz gleich in welchem Verhältnis Modell und Proband zueinander stehen – eine hinreichende Bedingung dafür darstellt, nachahmende Aggression bei Kindern hervorzurufen.

Quelle:
Bandura, Albert, Ross, Dorothea und Ross, Sheila A.: Transmission of Aggression Through Imitation of Aggressive Models, 1961 (Host: yorku.ca) HTML


Zitation

wieser, d. (04. Juni '07): Bandura: Transmission von Aggression durch Nachahmung eines Modells, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/bandura-transmission


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