«Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an interessant zu werden, wo sie aufhört.»
Justus Liebig
Bateson: Frustration-Aggression Hypothese und Kultur
d.wieser, 04. Juni 07
Anlässlich des Symposium on Effects of Frustration der Eastern Psychological Association beschäftigt sich Bateson mit der kulturvergleichenden Perspektive, um die Frustration-Aggression Hypothese zu prüfen.
Bateson merkt vorab an, dass die kulturelle Matrix in der Definition nicht vorkommt, da das Individuum der Einfachheit halber so betrachtet wird, als existiere es in vacuo. Da die Frustration-Aggression Hypothese sich indes auf menschliches Verhalten bezieht, ist notwendig auch ein kultureller Rahmen gegeben: es ist kein menschliches Verhalten bekannt, so Bateson, das nicht im Bezug zu gesellschaftlichem Milieu oder dem Leben des Subjekts zu verstehen wäre. Somit geht er von der Annahme aus, die Hypothese beziehe sich auf Sequenzen kulturell beeinflusster Handlungen.
Aggression ist dort als kulturell induziertes Phänomen definiert, wo es heißt, es handele sich um “Verstärkung durch Verletzung eines anderen Organismus oder dessen Surrogats”. Daran identifiziert er die Hypothese als Aussage über Serien kultureller Verhaltensweisen in interpersonalem Kontext.
Im Folgenden probiert Bateson die Frustration-Aggression Hypothese an zwei fremden Kulturen aus, um zu ergründen, ob sie auch außerhalb Europas zutreffend ist.
- Betrachtet man die Itamu in Neu Guinea, so trifft die Hypothese in vollem Umfang zu, allerdings gilt diesem Volk Aggression als Vergnügen. Aggression muss dort als belohnende Handlungsabfolge verstanden werden, egal, ob es dazu führt, dass andere verletzt werden. Bei alltäglichen Handlungen lässt sich sogar beobachten, dass sie in imaginäre aggressive Kontexte gesetzt werden.
- Betrachtet man die Balinesen, finden sich kaum Verhaltenswesen mit verstärkender zielorientierter Reaktion, denn der Handlungskontext fehlt – zumindest in der Gruppe der Erwachsenen.
Sowohl in Europa als auch bei den Itamul wird das Leben verstanden als aufgeteilt in Sequenzen neutraler oder unangenehmer Handlungen, die zur Befriedigung führen. Balinesen hingegen zeigen eine endlose Bereitschaft, Unterbrechungen zu ertragen und Befriedigung aufgeschoben zu sehen; sie freuen sich am Augenblick oder ignorieren Unangenehmes, während sie ihre Aufmerksamkeit auf eine Traumwelt richten.
Die Hypothese trifft bestenfalls auf balinesische Kinder zu, die sehr wohl mit Wutanfällen auf Frustrationserfahrungen reagieren. Es ist schwierig zu ergründen, wie sie zu Erwachsenen werden, die quasi keine Frustration mehr zeigen.
Bateson schlägt vor, Aggression im interpersonalen Kontext als Ersatzhandlung zu betrachten. Dazu geht er von der Beispielsituation aus, dass die Mutter dem Kind ein Eis kauft oder kein Eis erlaubt: Für das Kind mag es ein angenehmer Liebes-Klimax in der Mutter-Kind-Beziehung sein, wenn es ein Eis erhält und isst. Wird ihm ein Eis verweigert, wäre der Wutanfall ein Hass-Klimax in der Mutter-Kind-Beziehung. In beiden Fällen erlebt das Kind einen Klimax. Vorsichtig verweist Bateson in diesem Kontext darauf, dass es sowohl bei Primaten als auch bei Männern die starke Neigung gibt, Liebesspiel und Aggression zu vermischen.
Bleibt die Frage, wie aus frustrationsfähigen Kindern so auffallend gleichmütige Erwachsene werden: Bateson erinnert sich, dass die Mütter die Gefühle der Kinder gern reizen, so dass ein Klimax unmittelbar bevor zu stehen scheint. Die Mütter wenden dann die Aufmerksamkeit vom Kind ab, wenn es die Arme um sie werfen oder in Tränen ausbrechen will (Klimax). Auf diese Weise lernen Kinder, keinen Klimax zu erwarten, sondern den Augenblick ohne unmittelbares Ziel so zu schätzen wie die Mütter es tun. Entfernte Ziele werden somit weniger wichtig als der Genuß des Augenblicks.
Im Appendix des Aufsatzes führt Bateson aus, dass Balinesen eine Form der Aggression zeigen, wenn plötzlich jene Konventionen offen bedroht sind, welche die Stabilität der Gruppe gewährleisten und ihr Zusammenleben sichern. Aggression spielt auch bei Hahnenkämpfen eine Rolle – Zusammenhänge mit der Frustration-Aggression Hypothese sind noch offen.
Quelle:
Bateson, Gregory: The Frustration-Aggression Hypothesis and Culture, 1941 (Host: yorku.ca) HTML
Zitation
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