«Menschen sterben nicht. Ist das nicht das Credo der neuen Kultur? Menschen werden in Informationsströme aufgesogen. Ich weiß nichts darüber. Computer sterben. Sie sterben in ihrerer gegenwärtigen Form. Als ausgeprägte Einzeleinheiten sind sie schon so gut wie tot. Eine Kiste, ein Monitor, eine Tastatur. Sie verschmelzen mit der Textur des Alltagslebens. Ist das wahr oder nicht?»
DeLillo: Cosmopolis
Bauman: Dialektik der Ordnung
d.wieser, 30. Dezember 07
Im Vorwort zu «Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust» definiert Zygmunt Bauman seine Untersuchung als Beitrag zur Erforschung der Moderne, und zwar in einer Weise, die den Holocaust als Ergebnis des Zivilisationsprozesses betrachtet. Indem er einzelne Mechanismen analysiert und miteinander in Zusammenhang bringt, wird deutlich, inwiefern Voraussetzungen moralischer, gesellschaftlicher, sozialer, bürokratischer und technischer Art mit voranschreitender Modernisierung jenes Muster vertiefen, das den Holocaust ermöglicht hat.
Bauman schreibt derart zitierwürdig, dass ich den Text «Dialektik der Ordnung» häufig entlang seiner eigenen Ausdrucksweise vorstellen werde – in der Hoffnung, zahlreiche Leser für Baumans Arbeiten zu gewinnen.
«Der Holocaust war kein Bild an der Wand, sondern ein Fenster, durch das Dinge sichtbar wurden, die normalerweise unentdeckt bleiben. Und was zum Vorschein kam, geht nicht nur die Urheber, die Opfer und die Zeugen des Verbrechens etwas an, sondern ist von größter Bedeutung für alle, die heute leben und auch in Zukunft leben wollen.» (8)
Zunächst ist offenkundig, dass Zygmunt Bauman den Holocaust nicht als anormale Ausfallerscheinung der modernen Zivilisation zu sehen geneigt ist, der wir heute aufgeklärt, weise und immun gegenüber stehen könnten. Indem er den Zivilisationsprozess in seine Details auflöst, entsteht eine mir bis dato unbekannte Nähe zu Dynamiken, die die Verbrechen des Holocaust ermöglicht haben. Damit einhergehend ist die Rolle des Führers in dieser Dynamik ausgespart – eine solche Analyse des Holocaust ist erst einmal irritierend. Doch es geht Bauman um die Dialektik der Ordnung – der Ordnung der Gesellschaft, der Moral, der Bürokratie, vielleicht sogar der Humanität im Verhältnis zur Rationalität; im Fokus stehen gesellschaftliche Dynamiken und Zusammenhänge von irritierender Aktualität.
Es bietet sich an, diesen Text anhand zentraler Stichworte darzustellen; sollten die Zusammenhänge nicht deutlich genug werden, so liegt dies mit Sicherheit an der gebotenen Kürze der Zusammenfassung – ich empfehle (erneut), Baumans Text zu lesen.
Eingangs ist eine Definition hervorzuheben, welche Rassismus von Heterophobie unterscheidet. Hierin kommt die soziale Komponente historischer Entwicklungen zum Tragen, welche um Grenzziehungen und Beherrschungswahn kreisen:
«Die Heterophobie beruht auf jenem diffusen (und eher gefühlsbetont als praktisch sich auswirkenden) Unbehagen und Angstgefühl, das Menschen empfinden, wenn sie «Fremde» nicht verstehen, nicht mit ihnen kommunizieren und kein vertrautes Verhalten erwarten können. Sie ist die spezifische Manifestation dieses Angstphänomens in Situationen, die nicht beherrscht, deren Entwicklung nicht beeinflusst werden können und in denen die Folgen des eigenen Handelns nicht abschätzbar sind. Die Heterophobie tritt als rationale oder irrationale Objektivierung solcher Ängste auf, wird sich jedoch fast immer auf ein Objekt konzentrieren. Heterophobie gab es zu allen Zeiten, sie ist in der Moderne besonders verbreitet, da sich Erfahrungen der «Nichtbeherrschung» häufen, und die Interpretation dieser Erfahrungen als störendes Eingreifen fremder Gruppen an Plausibilität gewinnt.» (79)
Der Terminus objektivierter Ängste macht aus individuellen psychologischen Neigungen ein gesellschaftliches Phänomen; die Erklärung des Autoren weist deutlich genug auf den (allzu menschlichen) Charakter der zugrunde liegenden Unsicherheiten hin.
Zentrale Stichworte in Baumans Analyse sind in erster Linie Rationalität (und Bürokratie) im dialektischen Verhältnis zur Humanität (und moralischer Verantwortung). Das Projekt der «Endlösung» steht beispielsweise mit dem Kodex der Rationalität in logischem Einklang, d.h. zur Umsetzung von Rationalität in gesellschaftlichen Zusammenhängen ist die Bürokratie das Mittel der Moderne. Eine Kombination aus Rationalität und Bürokratie ist geeignet, Mitleid und Humanität weitgehend an den Rand zu drängen – einzelne Bevölkerungsgruppen können (rational begründbar) entmenschlicht und massiver Gewalt ausgesetzt werden. «Endlösung» als Begriff beinhaltet bereits den Verweis auf rationalen Vollzug und verdeckt zudem den inhumanen Charakter des Problems wie auch seiner vorgeblichen Lösung.
Gewalt wiederum gestaltet sich in einem solchen rational orientierten Zusammenhang folgendermaßen:
(1) Ein Befehl wirkt autorisierend, (2) Gewaltanwendung ist als routinierte Handlungsweise vorgeschrieben bzw. konzipiert, (3) die Opfer sind nicht eigentlich «Menschen». Im bürokratischen Bezug ist Gewalt nun ein legitimiertes «Verfahren», welches routiniert und emotions- bzw. bedenkenlos vollzogen werden kann. Offensichtlich können Humanität und Moral in diesem Kontext keine Rolle gespielt haben, und doch ist der Holocaust nicht ohne moralische Dimension. Im rationalen gesellschaftlichen Bezug bleibt präzise jeder (un-)ethische Raum für Selbsterhaltung und passives Ausharren zugänglich.
«Die aktuelle Bedeutung des Holocaust liegt darin, welche Botschaft er für die Humanität enthält. (…) In jedem System, in dem Rationalität und Ethik in entgegengesetzte Richtungen weisen, bleibt die Humanität auf der Strecke. (…) das Böse braucht keine fanatisierten Anhänger und auch kein begeistertes Publikum. Allein der Selbsterhaltungstrieb genügt, wenn er von dem tröstlichen Gedanken genährt wird, selbst noch nicht an der Reihe zu sein und sich durch Passivität womöglich retten zu können.» (220-221)
Bürokratie und moralische Verantwortung sind als Gegensätze zu sehen, wenn die Koordination rationalen Vorgehens individuelle moralische Verstrickungen unwirksam werden lässt. Die handelnden Individuen sind vom Handlungsergebnis sowohl geistig als auch praktisch abgekoppelt, machen sich also kein Bild von den Auswirkungen ihrer Arbeit, sondern haben bestenfalls eine undeutliche Ahnung von den größeren Zusammenhängen (die schließlich nicht in ihrem Verantwortungsbereich liegen). Hier verweist Bauman auf Arbeitsteilung und multifinale Arbeitsschritte, die den Apparat stützen:
«In der funktionalen Arbeitsteilung ist jede persönliche Handlung im Prinzip multifinal, das heißt sie kann mit anderen vielfach kombiniert und integriert werden und so unterschiedlichsten Zwecken dienen. Funktionalisierte Arbeitsteilung heißt, dass eine Handlung für sich keinen Sinngehalt hat; Bedeutung erlangt sie erst im Nachhinein, und zwar losgelöst vom Agieren der Funktionsträger. Es werden immer «die anderen» (fernab in irgend einer Anonymität) sein, die irgendwann, irgendwo diese Sinngebung vollziehen.» (115)
Es entsteht eine technisch-formale Verantwortung dem unmittelbaren Vorgesetzten gegenüber, die dennoch mit dem moralischen Empfinden des Einzelnen in Konflikt geraten kann – ein gewisser Entscheidungsspielraum ist also vorhanden.
Entmenschlichung des Menschen ist im Rahmen einer bürokratischen Ordnung keine Ausfallerscheinung, sondern logische Folge der rationalistischen Herangehensweise. So ist der Einzelne zuvorderst ein Objekt des Vollzugs, weniger ein ethisch und moralisch zu betrachtendes Subjekt (was den Ablauf der Dinge unkalkulierbar stören würde).
«Die Objekte des bürokratischen Prozesses repräsentieren für den Bürokraten keine «gerechte Sache», haben an sich keine Belange, für die man sich einsetzen könnte, und verdienen keine persönliche Würdigung – der Mensch wird so zum «Störfaktor». Die Widerspenstigkeit der Objekte stärkt gar noch den Dünkel und das Wir-Gefühl der bürokratischen Funktionsträger. Sie selbst, so meinen sie, und nicht ihre Objekte verdienen Mitleid und moralisches Lob für die aufopferungsvoll betriebene Tätigkeit. Die amtliche Selbstbestätigung definiert sich aus dem Erfolg, einen «hartnäckigen Fall» erledigt oder irgend ein anderes Hindernis überwunden zu haben. Die Entmenschlichung der Objekte und die positive moralische Selbsteinschätzung verstärken sich gegenseitig.» (118)
Wenn der messbare Erfolg ausschlaggebend ist, treten Humanität und Moral in den Hintergrund. Der Holocaust beruht nach dieser Betrachtungsweise auf zwei Säulen: zunächst sorgt eine Ideologie für Angst vor einer Bevölkerungsgruppe wie für das Verlangen, eine Säuberungsaktion durchzuführen. Anschließend ist es die Bürokratie, die den Handlungsrahmen absteckt und die Handlungsweisen im gesamten Ablauf vorschreibt.
«Die Bürokratie hat die Angst vor rassischer Unterwanderung und die Säuberungshysterie nicht hervor gebracht, dazu bedurfte es der Demagogen. Aber die Bürokratie nahm ihren Faden dort auf, wo die Vision nicht mehr weiter führte. Die Bürokratie schuf den Holocaust nach ihrem eigenen Bild.» (120)
Ein weiterer Stichwortkomplex dreht sich um moralische Verantwortung verbunden mit den Kernbegriffen Distanz und Nähe: Nach Baumans Ausführungen ist Moral unabdingbar an die Nähe zum Anderen gebunden; mit wachsender Distanz der Menschen kann Heterophobie entstehen – verstanden als das Fehlen eines moralischen Bezuges. Die Belange der als weit (vom Eigenen) entfernt begriffenen Anderen werden zusehends irrelevanter, lassen sich sogar gänzlich leugnen.
«Verantwortung, das Grundelement moralischen Verhaltens, entsteht aus der Nähe des Anderen. Nähe bedeutet Verantwortung und Verantwortung ist Nähe. (…) Der Gegensatz zu Nähe ist soziale Distanz. Das moralische Attribut von Nähe ist Verantwortung; das moralische Attribut sozialer Distanz ist fehlender moralischer Bezug oder Heterophobie. Verantwortung verschwindet, sobald Nähe nicht mehr besteht, und kann sogar durch Ressentiments ersetzt werden, wenn der Mitmensch in den Fremden transformiert wird. Der Prozess dieser Transformation ist die soziale Absonderung.» (198)
Nun ist die Moderne gekennzeichnet von wachsender Distanz, beispielsweise indem die Reichweite des eigenen Handelns wesentlich ausgedehnter ist, als die Reichweite des moralischen Bezugs. Als gegenläufige Entwicklungen steht ein wachsender Wirkungs- und Handlungsraum schrumpfender moralischer Verantwortlichkeit gegenüber.
«Die Interaktionssphäre, in der das Verhalten moralischer Lenkung unterworfen ist, nimmt sich gegenüber der Vergrößerung des menschlichen Aktionsradius verschwindend gering aus.» (207-208)
Am Beispiel moderner Waffen wird diese Tendenz deutlich: die Reichweite moderner Waffen wächst ins Unüberschaubare, weit über das menschliche Sehvermögen hinaus. Bauman verwendet das moralische Sehvermögen als Terminus, um zu erklären, dass unmittelbar in unserem Umfeld noch ethisches Bewusstsein existiert, während weit entfernt liegende Belange sich unserer Fähigkeit zur Verantwortung weitgehend entziehen. Die Entwicklung hochmoderner Waffen geht auf gesellschaftlicher Ebene mit dem «Prozess sozialer Produktion von Distanz» (208-209) einher, wie Bauman weiter ausführt.
Es lässt sich auf verschiedenen Ebenen eine «gesellschaftliche Manipulation des Moralischen» (213) im Zuge des Zivilisationsprozesses feststellen: zum einen die soziale Erzeugung von Distanz, welche die moralische Verantwortung schwächt oder potentiell aufhebt; des weiteren wird moralische Verantwortung durch technisch-formale Verantwortung ersetzt, was dazu beiträgt, dass die moralischen Implikationen des eigenen Verhaltens verschleiert werden (können); und schließlich dienen soziale Praktiken der Segregation und Isolierung dazu, den moralischen Reflex des Menschen auszuhebeln, bis das Schicksal der Opfer keinerlei Relevanz mehr hat.
Nach Baumans Analyse beinhaltet der Zivilisationsprozess das Potential «zur Entkräftung ethischer Handlungsmotive» (111) und ermöglicht Gewaltausübung in rational begründbarem Rahmen, während eigentlich die Gewaltlosigkeit als Kernelement voranschreitender Zivilisation gesehen wird. Die Unverletztlichkeit des Körpers ist bei genauer Betrachtung eine Fiktion, die einen interessanten gesellschaftlichen Mechanismus überdeckt: Selbstzwang ersetzt in modernen Gesellschaften Fremdzwang. Ist im alltäglichen Umgang miteinander gewaltlose Interaktion als Standard etabliert, wird dies zur Voraussetzung für die Verschiebung der Gewaltmittel an einen bestimmten Ort (bzw. gesellschaftliche Organe), – und umgekehrt ist die Zentralisierung der Gewaltmittel Resultat alltäglicher Gewaltlosigkeit innerhalb einer Gesellschaft. Diese These ist so bedeutsam für den Zusammenhang des vorliegenden Textes, dass ein längeres Zitat angebracht erscheint:
«Die moderne Zivilisation kann sich die Fiktion von der Unverletzlichkeit und Autonomie des Körpers leisten, da sie effiziente Mechanismen des Selbstzwanges entwickelt hat und durch Erziehung und Individualisierung normalerweise erfolgreich weiter gibt. Sobald diese Mechanismen funktionieren, ersetzt der Selbstzwang den Fremdzwang; andererseits bedeutet körperliche Autonomie persönliche Verantwortung für dessen Zustand, verbunden mit erhöhter Disziplinierung und körperlicher Schulung. (In jüngster Gegenwart wird diese Disziplinierung in der Konsumgesellschaft zunehmend internationalisiert und als sportliche Selbstertüchtigung perfektioniert.) Die kulturelle Sanktionierung gegen zu engen körperlichen Kontakt ist eine wirksame Sicherung gegen diffuse, zufällige Einflussgrößen, die der autoritativ vorgegebenen sozialen Ordnung zuwiderlaufen könnten. Die Gewaltlosigkeit der alltäglichen Interaktion ist eine unerlässliche Vorbedingung der Zentralisierung der Zwangsmittel und zugleich deren Resultat.
Der gewaltlose Charakter der modernen Zivilisation ist eine Illusion, ein Mythos mit apologetisch-idealisierender Funktion. Denn es ist nicht wahr, dass unsere Zivilisation Gewalt wegen ihres inhumanen, zersetzenden oder immoralischen Charakters ausgegrenzt hat.» (111)
An die Ausführungen über moralisches Bewusstsein in der Moderne schließt der Hinweis auf die fortschreitende Entwicklung der (Informations-) Technik an: im Kern wirkt sie weiter auf die wachsende Distanz zwischen Menschen ein und mag darin resultieren, dass die «Menschlichkeit des Objektes Mensch» (130) ausgelöscht wird. Während die Zivilisation sich auf dem Gebiet der Technik weiterentwickelt, verblasst laut Bauman die politisch-moralische Dimension des Handelns:
«Ich fürchte, wir können uns weniger denn je darauf verlassen, dass die Segnungen der Zivilisation uns zuverlässig vor der Unmenschlichkeit schützen werden, die aus dem unkontrollierten Freiwerden instrumental-rationalen Potentials hervorgeht, wenn technokratische Effizienz zum alles entscheidenden Maßstab politischen Handelns wird.» (130-131)
Quelle: Zygmunt Bauman: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. (Originaltitel: Modernity and the Holocaust, 1989) Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 2004.
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