Bradbury, Mary: Repräsentationen des Todes


d.wieser, 19. Oktober 07

Die Untersuchung des Todes

Die Autorin Mary Bradbury beschäftigt sich in Representations of Death. A Social Psychological Perspective (1999) mit der Frage, wie Stadtbewohner Londons Anfang der 1990er Jahre mit dem Tod im städtischen Kontext umgehen. In sozialpsychologischem Vokabular ausgedrückt geht es hierbei um den gesellschaftlichen Diskurs rund um den Tod verknüpft mit Moscovicis Theorie sozialer Repräsentationen. Hierzu spürt die Autorin Konstruktionen verschiedener zeitgenössischer Repräsentationen von Tod und Verlust nach, die in sozialer Interaktion entstehen. Die sozialpsychologische Perspektive ermöglicht eine Betrachtung des alltäglichen Zusammenspiels von Geist und Kultur, insbesondere in Form einer qualitativen Untersuchung:

«At first I felt in a privileged position as a social psychologist. The very name of my discipline holds the hope for a successful fusion of mind and culture.» (6)

Zum historischen Kontext des Forschungsthemas: Der Begriff des Rituals spielt in dieser Untersuchung des modernen Umgangs mit dem Tod eine zentrale Rolle: so markieren Begräbnisrituale aller Kulturen den Übergang eines Gruppenmitgliedes von der Welt der Lebenden in die Welt der Toten. Aus anthropologischen Forschungen ist bekannt, dass Begräbnisse mehr als nur eine Funktion erfüllen; sie symbolisieren den Glauben einer Gruppe an Regeneration und Wiedergeburt durch Tod, ermöglichen eine notwendig werdende Umverteilung von Gütern, Rollen und Status unter den Hinterbliebenen, und zudem wirken Begräbnisrituale der Furcht der Lebenden vor Heimsuchungen durch heimatlose Geister der Verstorbenen entgegen.

Einen bedeutenden kulturellen Wendepunkt im Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod markiert das Aufkommen der Medizin. Zuvor war in religiösem Verständnis Gott als Ursache des Todes vorherrschend, nun jedoch etabliert die Wissenschaft medizinische Todesursachen, die zunehmend besser zu kontrollieren sind. Durch den Einsatz wirksamer Medikamente können Ärzte einen schmerzlosen, schlafähnlichen Sterbeprozess herbeiführen, was durchaus als hochwertige Kontrolle über Sterben und Tod zu sehen ist. Der vormals als heilig angesehene Prozess des Sterbens im Beisein eines Priesters wird nach und nach zum deutlich säkularen Moment unter ärztlicher Aufsicht. Ein anders gelagertes Phänomen im Zusammenhang mit der sich verbessernden Medizin stellt der einsetzende Handel mit Leichen dar, welche an einem gewissen Punkt in der Entwicklung der Medizin von Ärzten dringend zur Forschung gebraucht wurden. Der Umgang mit dem Tod wurde kurzzeitig durch lebhaften (wenn auch ungesetzlichen) Leichenhandel erweitert, als Leichen nämlich einen finanziellen Wert und damit den Status einer Handelsware erhielten.

Ursprünglich starben die Menschen daheim, Waschung und Pflege des Leichnams übernahmen weibliche Familienangehörige, die Aufbahrung erfolgte gleichermaßen daheim. Als eine moderne Professionalisierung des Todes (auch der Geburt) einsetzt, wirkt sich diese Entwicklung auf die Trauererfahrung der Angehörigen aus: der Leichnam wird heute Spezialisten übergeben und in speziellen kommerziellen Einrichtungen versorgt; die Hinterbliebenen können Verstorbene vor der Beisetzung noch einmal ansehen, sind jedoch mitten im eigentlichen Übergangsritus von ihnen getrennt. Das Waschen, Herrichten, Kleiden und ggf. Einbalsamieren übernehmen heute Bestattungsunternehmen als Dienstleister für Angelegenheiten rund um den Tod. Neben solchen kommerziell zu nennenden Interventionen treten auch medizinische und bürokratische Belange in den Raum zwischen Tod und Beisetzung bzw. zwischen Verstorbene und Hinterbliebene. Als Sir Henry Thompson in den 1870ern die Verbrennung des Leichnams popularisiert (als eine modernere, hygienischere und raumsparendere Art des Umgangs mit Leichen), müssen sich die vorherrschenden sozialen Repräsentationen von Tod und Verlust dramatisch verändern, bevor diese innovative Form der Bestattung populär werden kann. Im Hintergrund der langsamen Entwicklung stehen zum Beispiel auch die Weltkriege: damals erhob man eine Art stoischer Gefasstheit angesichts des Verlusts geliebter Menschen zur idealen Verhaltensnorm, hysterische Trauerbekundungen hingegen galten als verpönt. Es folgte in den 50ern und 60ern des 20. Jahrhunderts eine innere Haltung, die den Tod verneinen wollte – beide kulturellen Entwicklungen verhalfen der Feuerbestattung zu steigender Popularität (bzw. verstärkten sich beide Stränge kultureller Entwicklungen gegenseitig).
Heute ist die Feuerbestattung zum Beispiel auch wegen ihres nicht konfessionell gebundenen Charakters beliebt, es werden Symbole verschiedener Glaubensrichtungen flexibel eingesetzt (und sind tatsächlich austauschbar). Die Verbrennung wirkt einem Ekel vor verwesenden Leichen entgegen und man favorisiert die Tatsache, dass Asche weit schneller in den Naturkreislauf eingeht. In einer säkularen Gesellschaft ist die religiöse Betonung des Seelenschicksals nebensächlich oder bedeutungsleer geworden, Geistliche spielen nicht länger zwingend eine Rolle im Rahmen moderner Bestattungsriten. Seit neue Praktiken im Umgang mit Toten – wie etwa Einbalsamieren und Verbrennen – kulturell assimiliert worden sind, haben sich auch die Repräsentationen des Todes innerhalb der Gesellschaft verändert: neue Praktiken, Leichen zu versorgen, sind nun in der Sozialgeschichte der Kultur verwurzelt.

Theorie sozialer Repräsentationen

Seit Allport (1924) ist eine Individualisierung in der Sozialpsychologie vorherrschend, die Vernachlässigung des Sozialen kann durch Moscovicis Theorie ausbalanciert werden. Im Folgenden einige knappe Definitionen zentraler Begriffe jener Theorie:

  • Repräsentationen (im Sinne von Versionen) entsprechen gesellschaftlichen Konstruktionen, gemeint ist die Umgebung unseres Denkens, und dies wiederum formt Wahrnehmungen und Konzepte bezüglich eines Objekts. Die Funktion der Repräsentationen besteht darin, unsere Wirklichkeit zu formen, soziale Interaktion (Kommunikation) zu ermöglichen, Gruppen zu kennzeichnen und zu festigen, Beiträge zur Bildung einer sozialen Identität zu leisten (Sozialisation) sowie das Unbekannte vertraut zu machen.
  • Mit “Verankern” (anchoring) sind Bezeichnungen und Klassifikationen gemeint, die neuen Objekten Bedeutung zuschreiben.
  • “Objectification” bezeichnet den Prozess, indessen Verlauf Unbekanntes vertraut gemacht wird.
  • Soziale Repräsentationen sind der Theorie gemäß als konventionell und preskriptiv zu sehen, doch ebenso als dynamisch, sich entwickelnde und verändernde Konzepte, die in Kommunikation und sozialer Interaktion ausgehandelt werden.
  • Ritual ist für die vorliegende Studie definiert als eine Form der Zeremonie, die von religiösem Zweck gekennzeichnet ist.
  • Bräuche sind definiert als kulturelle Traditionen und habituelle Formen des Verhaltens innerhalb einer sozialen Gruppe.
    Man unterscheidet kollektive und individuelle Repräsentationen – erstere sind in soziologischen, letztere in psychologischen Untersuchungen vorherrschend.


Zitation

wieser, d. (19. Oktober '07): Bradbury, Mary: Repräsentationen des Todes, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/bradbury-rep

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04. Juni '08

Vorlesung zur Pädagogischen Psychologie WS 07

Prof. Dr. Frank Fischer und Dr. Kollar halten im Wintersemester 2007/2008 eine Vorlesung zur Einführung in die Pädagogische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Diese Vorlesung ist im Quicktime Format als Video online verfügbar. Vorlesungsunterlagen finden Sie im pdf-Format als Download auf dem Server.


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Schlüsselkonzept
29. August '07

Angst

Die Differenzierung von Furcht und Angst geht auf die Arbeiten des dänischen Religionsphilosophen Kierkegaard zurück. In einem Werk mit dem Titel Der Begriff Angst von 1844 definierte er Furcht als Reaktion auf einen eindeutigen Reiz und Angst als Reaktion auf mehrdeutige oder unklare Reize:

«Man findet den Begriff Angst kaum jemals in der Psychologie behandelt, ich muss deshalb darauf aufmerksam machen, dass er gänzlich verschieden ist von Furcht und ähnlichen Begriffen, die sich auf etwas Bestimmtes beziehen, während Angst die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit ist. Daher wird man beim Tier, eben weil es in seiner Natürlichkeit nicht als Geist bestimmt ist, keine Angst finden.»


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Referat
05. Juni '07

Baumeister et al.: Erschöpfung des Ich: Ist das aktive Selbst eine begrenzte Ressource?

Nun kann man starken Motivationen schwieriger widerstehen, schwachen Motivationen hingegen etwas leichter; also funktioniert die exekutive Funktion des Selbst ebenfalls stark oder schwach, was bedeuten würde, dass es eine Dimension der Stärke bzw. der Energie im Selbst gibt. Diese Energie verbraucht sich und regeneriert sich wieder. Andere willentliche Handlungen sollten ähnliche Effekte zeigen.


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