«Verdammt, hier geht mir die ganze Argumentation auseinander. Egal, Hauptsache, ich bringe es irgendwie hinter mich. Aber was? Was will ich hinter mich bringen? Der ganze Ärger kommt nur von Präpositionen und überhaupt, man kann eigentlich niemandem irgend etwas erklären, was dieser nicht auch von selbst begreift.»
Gaddis: Das mechanische Klavier
Bradbury, Mary: Repräsentationen des Todes
d.wieser, 19. Oktober 07
Erforschung des Todes. Eine urbane Ethnographie
Mary Bradbury untersucht in qualitativer Vorgehensweise soziale Repräsentationen zum Themenfeld Tod in drei verschiedenen Formen sowie in deren Zusammenspiel (Feldforschung):
- Analyse von Medientexten
- teilnehmende Beobachtung
- Interviews mit Personen aus dem Themenfeld
Daraus leitet sich ein tieferes Verständnis für Entstehung, Zirkulation und Transformation des sozialen Wissens innerhalb des Samples wie auch der Funktionsweise des in der Gesellschaft dominierenden Denkens über den Tod ab.
Medizin und Bürokratie
In zeitgenössischen Todespraktiken spielen medizinische und bürokratische Rahmenbedingungen deutlich in gesellschaftliche Diskurse hinein. So ist ein über Monate hinweg andauernder Sterbeprozess ein Phänomen des 20. Jahrhunderts, da die Sterblichkeit in engem Zusammenhang mit einer erfolgreichen medizinischen Behandlung steht. Es ist mit zunehmendem medizinischem Fortschritt schwieriger geworden, das Sterben einer Person zu identifizieren, da es sich eigentlich um ein kulturelles Konstrukt handelt: es geht schließlich um die Definition, ob ein Kranker sich erholt oder ob er sich nicht wieder von seiner Krankheit erholen wird:
«Identifying a person as “dying” is difficult because it is a cultural construct: a label which marks the shift in expectation from being ill and recovering to being ill and not recovering.» (50)
Nach dem Tod eines Patienten ändert sich der Umgang im Krankenhaus dramatisch, insofern als nun das gesellschaftliche System des Umgangs mit Toten einsetzt, welches vom Umgang mit Patienten deutlich abweicht. Dieses Ergebnis fand die Autorin in Interviews mit Hinterbliebenen bestärkt. Beispielsweise haben Angehörige den Eindruck, nun im Krankenhaus nicht mehr gern gesehen zu sein, das Krankenhauspersonal scheint sich von Trauernden gestört zu fühlen, und mitunter gilt der Tod eines Patienten den behandelnden Ärzten als persönliche Niederlage, was ihr abweisendes Verhalten erklären mag. Heute nehmen Angehörige wieder die Gelegenheit wahr, Sterbende daheim zu pflegen. Diese Praktik beansprucht pflegende Angehörige sehr; die Sterbesituation wird zwar privater gestaltet, bleibt allerdings von der Medizin dominiert (durch schmerzlindernde Medikamente und palliativ geschulte Pflegedienste). Nach dem Tod verschwindet unter solchen privateren Sterbebedingungen das medizinische Fachpersonal und die Familie hat Gelegenheit, privat Zeit mit dem Leichnam zu verbringen. Schließlich stellt ein Arzt den Totenschein aus und der Leichnam wird in die Obhut eines Bestattungsunternehmens gegeben.
Mit sich verlängernden Sterbephasen und der Verbesserung der Medizin verändert sich der Sterbeprozess zusehends weiter. Kennzeichnend auf sozialer Ebene ist die Beobachtung, dass Leichnam und Hinterbliebene nach dem Tod sofort andere – bürokratisch vorbestimmte – Wege gehen: der Leichnam verschwindet “hinter die Kulissen”, wo er untersucht, beurkundet, angekleidet und präsentabel hergerichtet wird. Die Hinterbliebenen sind während dessen mit dem Nachlass befasst, mit der Meldung des Todes, dem Beauftragen eines Bestattungsunternehmens, Versicherungs- und Bankangelegenheiten, Benachrichtigung nahe stehender Personen und dem Veröffentlichen der Todesanzeige in der Zeitung. Kurz gesagt sind Hinterbliebene dafür zuständig, den Bürgerstatus des Verstorbenen aufzulösen.
Kommerz und Ritual
Seit der Umgang mit Toten zur Dienstleistung professioneller Bestatter geworden ist, sind Hinterbliebene immer auch Konsumenten. Schließlich sind die Sachkenntnisse Einzelner im Laufe der Professionalisierung des Todes weitgehend verloren gegangen – ohne den Einsatz eines Bestattungsunternehmens wären die Dinge heute kaum noch zu regeln. Die Phase des Übergangs – vom Todeszeitpunkt bis hin zum Bestattungstermin – stellt eine seltsame Balance zwischen Kommerz und Ritual dar. Zudem sind Bestatter zwar unerlässliche Profis, zum anderen haftet ihnen und ihrem Gewerbe etwas Negatives an, so als seien sie unauflösbar mit der menschlichen Furcht vor dem Tod verbunden.
Der Körper
Man verritt heute unter anderem die These, zeitgenössische Bestattungen funktionierten nicht recht und hätten dysfunktionale Trauerreaktionen zur Folge. Vor allem Bestattungsrituale seien dieser These nach fehlerhaft, weil die traditionelle Vorstellung vom Himmel an Überzeugungskraft verloren habe. Doch heute haben Menschen eher eine idiosynkratische Vorstellung von der Welt der Toten – derartige Vorstellungen des modernen Menschen sind zum Verständnis der Rolle wichtig, die die Toten in unserem Leben spielen.
Der Leichnam hat auch heute als mehrdeutiges Symbolsystem zu gelten; so entspricht die rituelle Manipulation des Leichnams in fast allen Kulturen einer Art Kanal, durch welchen die Lebenden ihr System des Glaubens bezüglich der Gesellschaft, des Lebens und des Todes artikulieren können. Der Charakter des Mehrdeutigen erschließt sich dadurch, dass ein Leichnam (a) der schlafenden Person ähnelt und somit ein vertrautes menschliches Bild darstellt, zugleich wirkt er (b) als regloser, starrer, nicht reagierender Körper eindeutig nicht menschlich. Die unwiederbringlich einsetzende Verwesung des Leichnams gilt als mögliche Bedrohung für den Zusammenhalt der Gruppe: in diesem Kontext nämlich haben Todesrituale die Funktion, die “innere Bedrohung”, welche von der Leiche ausgeht, in ein “äußeres Objekt” umzuwandeln. Erst danach kann die Gruppe ihre Werte neu festlegen sowie Hierarchien und Glaubenssysteme organisieren, welche durch den Tod eines Gruppenmitglieds verändert worden waren.
Die Toten in der Welt der Lebenden
Wenn der Todeszeitpunkt durch wissenschaftliche Leistungen wie etwa lebensverlängernde Maßnahmen verwischt ist, mag sogar der Moment des Todes als kulturelles Konstrukt gelten. Beispielsweise wäre ein hirntoter Patient, der physisch am Leben erhalten wird, rational als tot zu definieren, emotional wird der Körper jedoch nicht als physisch tot erlebt. Ein Toter am Beatmungsgerät würde vom Krankenhauspersonal eher als Patient behandelt, die Organe (des Leichnams) können Lebenden eingepflanzt werden, was für die konzeptionelle Nähe zur Welt der Lebenden spricht. Entwicklungen der Transplantationsmedizin haben also wesentlichen Einfluss auf kulturelle Tabus genommen, sofern die Organe eher als lebendiges (oder lebensfähiges) Material gesehen und genutzt werden können – die Person ist zwar bereits verstorben, ihre Organe jedoch gehören der Welt der Lebenden an.
Mit der Handwerkskunst des Einbalsamierens treten kulturelle Gemeinsamkeiten zwischen der Verschönerung des Leichnams und der kosmetischen Verschönerung des Körpers zutage. Wie Deodorants und Körperhygiene den menschlichen Geruch neutralisieren sollen, wird bei der Einbalsamierung versucht, eine geruchlose Leiche zu schaffen bzw. den Verwesungsgeruch zu kontrollieren. Letztlich geht es beim Einbalsamieren um Schönheit, Wiederherstellung, Hygiene und Verneinung (des Todes, des Verfalls) – und damit um Themen, die in der Welt der Lebenden von großer alltäglicher Bedeutung sind. Mit der Manipulation des toten Körpers kann also Einfluss auf die Form des Todes genommen werden, insbesondere dann, wenn der Leichnam durch Unfall, Gewalteinwirkung oder Krankheit verstümmelt ist; es wird Kontrolle über den Tod demonstriert, indem den Angehörigen ein Leichnam präsentiert wird, der wesentliche Hinweise auf die Gewalt des Todes kosmetisch verbirgt. Auf symbolischer Ebene hat die Erschaffung eines geruchlosen, hübschen und friedvoll wirkenden Leichnams dieselben Effekte wie eine schnelle Entsorgung des Leichnams durch baldige Verbrennung – der Mensch übt hier Macht und Kontrolle über das Chaos des (unkontrollierbaren) Todes aus. So birgt die Technik des Einbalsamierens nicht umsonst Begriffsbedeutungen wie Balsam, Süße und Sanftheit. Im Laufe der Professionalisierung des Todes ist eine Handwerkskunst entstanden, die mit fachlicher Brillanz gegen die physischen Verunstaltungen des Todes antritt.
Interessant und nur scheinbar widersinnig ist die Beobachtung, dass ein Leichnam meist erst aufwändig einbalsamiert und anschließend verbrannt wird: beide Verfahrensweisen stellen ihren je eigenen Triumph der Lebenden über den Tod dar; so bedeutet das Einbalsamieren das Bewahren des Körpers und das Modellieren des “guten Todes”; Verbrennung hingegen bedeutet die Zerstörung des verfallenden Körpers und damit wiederum menschliche Kontrolle über den Tod.
«The artificial destruction of the corpse is attractive precisely because it bypasses nature. […] cremation destroys the corpse before it gets to look too bad. […] The cremation of the body offers the promise of the instant removal of the decaying, polluting flesh.» (132)
Zitation
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20. Dezember '07
Podcast: VorurteileAm 23. November war eine Episode des philosophischen Radio im WDR einem sozialpsychologischen Thema gewidmet. Jens Förster sprach über die Vorurteilsforschung, die er derzeit an der Uni Amsterdam betreibt. Für jene, die sich zunächst mit den Erkenntnissen der Sozialpsychologie zum Thema Vorurteil vertraut machen möchten, ist dieser Podcast hilfreich. » lesen ... |
29. August '07
AngstDie Differenzierung von Furcht und Angst geht auf die Arbeiten des dänischen Religionsphilosophen Kierkegaard zurück. In einem Werk mit dem Titel Der Begriff Angst von 1844 definierte er Furcht als Reaktion auf einen eindeutigen Reiz und Angst als Reaktion auf mehrdeutige oder unklare Reize:
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24. Juli '07
Sherif, Muzafer: Soziale Verantwortung und die GruppeSehen sich antagonistische Gruppen mit übergeordneten gemeinsamen Zielen konfrontiert, die nur mit vereinten Kräften zu verwirklichen sind, entstehen während der Kooperation schließlich freundschaftliche Gefühle sowie die innere Verantwortung, mit den Mitgliedern der Fremdgruppe zu kooperieren. Auch antagonistische oder rivalisierende Gruppen übernehmen Verantwortung für einander, wenn unmittelbare gemeinsame Ziele zu erreichen sind, die die gesammelten Ressourcen beider Gruppen erfordern. Wenn sich die Gruppennormen von Feindseligkeit hin zu Freundschaft und Kooperation verschieben, ändert sich auch die individuelle Haltung. Quelle: Sherif, Muzafer: Social Responsibility And The Group: Edward C. Lindeman Memorial Lecture. in The Social Welfare Forum, 1956 (Host: brocku.ca) HTML » lesen ... |


