«Wie leicht sich das sagt: sich selber finden!
Wie man erschrickt, wenn es wirklich geschieht.»
Elias Canetti
Bradbury, Mary: Repräsentationen des Todes
d.wieser, 19. Oktober 07
Soziale Repräsentationen des Todes
In diesem Kapitel untersucht die Autorin gesellschaftliche Diskurse über den Tod, welche ihrer Analyse gemäß um den “guten” oder den “natürlichen guten” Tod kreisen. Dabei entscheidet die Todesursache darüber, ob der Tod als gut oder schlecht klassifiziert werden kann, hier spielen vor allem Todesort, Grad des Schmerzempfindens und der Bewusstheit oder auch die Vorhersagbarkeit des Ereignisses eine Rolle. Natürlich kann der “gute Tod” in medizinisch hochentwickelten Gesellschaften geradezu “orchestriert” werden, dem entgegen steht die Entwicklung zugunsten eines “natürlichen guten Todes”, verstanden als ein plötzliches Ableben ohne medizinische Intervention und lange Krankheits- und Leidensphase. In dieser Mixtur aus Ambivalenz und Kontingenz kommt eine Art postmoderner Bedingung zum Tragen, welche eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Definitionen zulässt.
«Drawing on their own idiosyncratic world views, people construct a variety of good deaths using a selection of representations of death, mixing and matching according to the context of death. » (161)
Soziale Repräsentationen des Verlusts
Trauerreaktionen haben in der Moderne den Status einer krankhaften Reaktion erhalten, somit stehen heute nicht nur Krankheit und Tod innerhalb des medizinischen Deutungssystems, sondern auch menschliche Trauer wird pathologisiert, indem sie aus dem sozialen Kontext herausgelöst und als Reaktion des Individuums fokussiert wird. Lindemann hatte 1944 Trauer als Krankheitssyndrom in die Wissenschaft eingebracht, darin war bereits die Unterscheidung somatischer und psychologischer Komponenten angelegt und auf das Individuum hin ausgerichtet. Es entstanden Phasenmodelle, Stufenmodelle und normative Konzepte des Trauerprozesses, die “normale Trauer” definieren mussten, um anhand einer solchen Setzung abnorme Trauerreaktionen diagnostizieren zu können. Bei genauer Betrachtung sind gängige Faktoren zur Einstufung individuellen Trauerverhaltens durchsetzt mit gesellschaftlich konstruierten Phänomenen wie etwa Alter und Geschlecht. Da Trauerreaktionen sich auf unkontrollierbare Verhaltensweisen beziehen, die das soziale Gefüge einer Gruppe empfindlich stören, sind normative Setzungen für normales oder gesundes Trauerverhalten besonders befriedigend – eine solche Kategorisierung bringt Ordnung in das unordentlich wirkende Verhalten Trauernder.
Auch für die Trauernden selbst bieten besagte Stufenmodelle des Trauerprozesses beruhigende Orientierung im Hinblick auf richtig oder falsch, gesund oder krankhaft. Hier spielen übrigens nicht nur wissenschaftliche Definitionen mit medizinischem, psychologischem oder psychiatrischem Vokabular mit hinein, sondern ebenso Definitionen aus der Medienwelt (Soaps, Dokumentationen, Frauenzeitschriften, Zeitungen). Weitere Quellen für normative Verhaltensmodelle sind Fachkräfte wie Krankenhauspersonal oder Berater, die Gemeinschaft anderer Trauernder (und ihre Laienrepräsentationen) sowie das populäre Prinzip der Trauerarbeit. Dahinter steht zumeist die Furcht, krank zu wirken, sich pathologisch zu verhalten (gern auch als asoziales Verhalten Trauernder bezeichnet) bzw. sich in der Trauer zu verlieren sowie die gleichzeitig drängende Anstrengung, gesund und kompetent zu wirken.
Die Autorin entwickelt aus Interviews mit Hinterbliebenen die These, die moderne Trauererfahrung sei immer durch gesellschaftliche und kulturelle Faktoren vermittelt; die augenfällige Abspaltung des Phänomens vom Bereich des Sozialen sei nur infolge bestimmter Forschungswerkzeuge möglich geworden, welche die kulturellen Kontexte sauber aussieben und hernach für irrelevant erklären.
Der Trauerfall als Verlust von Selbst und Anderem
Nach G. H. Meads Theorie ist das Selbst nicht abseits seiner Beziehung zum Anderen zu verstehen, wenn als der Andere stirbt, wird der soziale Charakter des Selbst offenbar, weil der Verlust des Anderen eine Bedrohung des Selbst bedeuten muss. In dieser neuen Situation kann sich das Selbst der Hinterbliebenen verändern und neu aufbauen – eine wichtige Funktion der Trauerphase. Dass die Toten in der Welt der Lebenden weiterhin einen Platz einnehmen, kommt beispielsweise in Nachrufen zum Tragen, welche sich als Mitteilungen an die Verstorbenen richten; Auswahl und Pflege der Grabstätten sprechen ebenfalls für Ehrerbietung und fortgesetzten Kontakt zu den Verstorbenen. Die Autorin schließt ihre Analyse mit der These, das Konzept des Verlusts müsse wieder in einen sozialen Kontext eingebettet werden (181): Trauer hat als gesellschaftliches Phänomen zu gelten, da sie offenkundig aus Beziehung und Abhängigkeit zum Verstorbenen hervorgeht. Nach Meads Theorie handelt es sich um den Verlust des Anderen und um den Verlust des Selbst. Der Aufbau eines neuen Selbst beansprucht Zeit, während welcher der Verlust der geliebten “zweiten Hälfte” des Selbst in ein neu strukturiertes Selbst inkorporiert werden soll. Und dieses Selbst wird anschließend Raum für fortgesetzte Beziehungen zum Verstorbenen bereithalten.
Re-präsentieren des Todes
«The dead body is treated much like a patient, the bereaved like the mentally ill.» (191)
Die soziale Organisation des Todes ist heute zwar eindeutig von Bürokratie und Medizin bestimmt, hinzu kommt das Bestattungsinstitut in seiner Funktion als professioneller Dienstleister – doch als Gegengewicht zur professionalisierten Ordnung ist der Umgang mit dem Tod weiterhin von deutlicher Anspannung bestimmt (beispielsweise aus dem Grunde, dass der Tod dem Dekorum der Professionalität nicht unbedingt entgegen kommt). Merkwürdiger Weise ist der Leichnam als Objekt mit unklaren Besitzverhältnissen zu sehen: die zu Spezialisten im Umgang mit dem Tod ausgebildeten Dienstleister (aber ggf. auch Pathologen) übernehmen gewöhnlich die Rolle der Besitzenden, auch wenn rein rechtlich die Angehörigen als Besitzer des Leichnams zu gelten haben.
Zusammenfassend hält die Autorin fest, dass die untersuchten britische Formen des Umgangs mit dem Tod nicht als gedankenlose Tradition abgetan werden können, auch die Dominanz der Medizin erklärt das gesellschaftliche System nicht erschöpfend. Es gibt eine bedeutungsvolle Koexistenz traditioneller und innovativer Formen des Umgangs mit diesem kulturellen Phänomen, zudem erweist sich der Glaube an ein Leben nach dem Tod keineswegs als bedeutungslos im Kontext des modernen Umgangs mit dem Tod. Die heute beobachtbaren sozialen Repräsentationen des Todes ebenso wie die Bräuche und Riten als Ausdrucksformen jener Repräsentationen übernehmen eine beruhigende Funktion für die Hinterbliebenen.
Es gibt wohl keine vollkommen erfolgreiche Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Todes und der Sterblichkeit; wie Mary Bradbury im Vorwort feststellt, bleibt es ein beunruhigendes Thema. Und die Auseinandersetzung kann durchaus die Intensität des Lebens vertiefen.
Quelle:
Bradbury, Mary: Representations of Death. A Social Psychological Perspective (1999).
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