«Wie leicht sich das sagt: sich selber finden!
Wie man erschrickt, wenn es wirklich geschieht.»
Elias Canetti
de Freitas Messina & Tiedemann: Psychobiologische Depression in Kindheit und Adoleszenz: ein klinischer Überblick
d.wieser, 05. Juni 07
Thema ist Depression bei Kindern und Heranwachsenden (den sog. Adoleszenten): hatte man bis in die 70er noch gemeint, Depressionen beträfen nur Erwachsene, so ist man inzwischen bei der bitteren, statistisch abgesicherten Erkenntnis angelangt, dass diese Erkrankung bei Kindern und Heranwachsenden auftreten kann und zusehends häufiger auftritt. Die Autoren veranstalten mit ihrem Text eine Rückschau (1990 bis 2004) zu diesem Thema, was ich als ein attraktives, referierwürdiges Projekt betrachte.
- Depressive Erkrankungen bei Kindern, Heranwachsenden und Erwachsenen sind deckungsgleiche Konzepte, welche mithilfe identischer Kriterien diagnostiziert werden, weil die Symptome übereinstimmen – egal welches Alter ein Patient hat. Man hat allerdings festgestellt, dass gewisse Symptome in gewissen Altersgruppen häufiger anzutreffen sind. Bei Kindern trifft man häufiger auf Symptome wie somatische Beschwerden oder sozialen Rückzug.
- Bei Vorschulkindern sind die verbreitetsten klinischen Symptome einer depressiven Erkrankung Schmerzen (v.a. Kopf- und Bauchschmerzen), Erschöpfung und Schwindelgefühle; neben physischen Symptomen zeigen depressiv erkrankte Vorschulkinder Angst (v.a. Trennungsangst), Phobien, psychomotorische Agitation [sie verhalten sich also “aufgekratzt” und “über- bzw. aufgedreht”] oder Hyperaktivität, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit, Untergewicht und Schlafstörungen. Die Kinder verlieren die Freude am Spielen, am Vorschulunterricht und entwickeln kaum altersgemäße soziale Fähigkeiten. Wenige Autoren heben suizidale Tendenzen bei Vorschulkindern hervor, einige Forscher hingegen belegen, dass gewisse Verhaltensweisen auf vergleichbare Tendenzen hinweisen können: wiederholtes Anschlagen des Kopfes, die Kinder beißen sich selbst, verschlucken gefährliche Gegenstände und begeben sich in Unfallsituationen.
- Grundschulkinder sind bereits in der Lage, ihre Gefühlen zur Sprache zu bringen, depressiv erkrankte Grundschulkinder erwähnen Traurigkeit, Reizbarkeit oder Langeweile. Dabei machen sie einen traurigen Gesamteindruck, fangen leicht an zu weinen, klagen über Erschöpfung, Isolation, ihre schulischen Leistungen verschlechtern sich (sogar bis zur Weigerung, die Schule zu besuchen), sie äußern Trennungsängste, Phobien und Todeswünsche. Damit können Konzentrationsschwächen einhergehen, somatische Beschwerden, Gewichtsverlust, Schlaflosigkeit und stimmungsabhängige psychotische Symptome. Im Sozialverhalten stellt das depressiv erkrankte Kind sich vielleicht so dar, als habe es keine Freunde, als könne niemand es leiden, oder aber das Kind konzentriert sich ausschließlich und exzessiv auf liebevolle Beziehungen zu Tieren.
- Ein bedeutendes Kennzeichen einer depressiven Erkrankung ist die Unfähigkeit, an irgendetwas Freude zu haben (Anhedonie), Patienten empfinden sich als dumm oder unbeliebt, entwickeln kaum gute Beziehungen zu Gleichaltrigen und haben nur geringes Selbstwertempfinden. Solche Verhaltensänderungen fallen zunächst den Lehrern auf: Sowohl im Vorschul- als auch im Grundschulalter kann eine depressive Erkrankung bei Kindern anhand ihrer Fantasien, Wünsche, Träume und Spiele erkannt werden; wichtigste Themen sind in diesem Kontext Versagen, Frustration, Zerstörung, Verletzungen, Verluste, Verlassensein, Schuld, exzessive Selbstkritik und ähnliches.
- Die Adoleszenz beginnt gemäß den Angaben der Autoren ab einem Alter von zwölf Jahren. Zwar äußern sich bei Heranwachsenden depressive Symptome im wesentlichen ähnlich wie bei erwachsenen Patienten, es gibt allerdings gewisse Charakteristika: depressiv erkrankte Heranwachsende wirken vornehmlich reizbar und instabil, sie zeigen Gefühlsausbrüche und Wutanfälle, Energieverlust, Apathie und Desinteresse, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, Schlafstörungen (v.a. ein Übermaß an Schlafbedürfnis), Veränderungen von Appetit und Körpergewicht, Isolation und Konzentrationsschwierigkeiten. Einige Forscher weisen auf zusätzlich Symptome hin: schlechte Schulleistungen, geringes Selbstwertgefühl, Suizidgedanken bzw. Suizidversuche sowie ernstliche Verhaltensauffälligkeiten (v.a. Alkohol- und Drogenmissbrauch).
- Etwa im Alter von zwölf Jahren entwickelt sich die Fähigkeit des Menschen zu abstraktem Denken und damit ein besseres Verständnis für das Phänomen Tod. Infolge dessen erhalten Todeswünsche und Suizidversuche für Heranwachsende mit depressiver Erkrankung eine größere Bedeutung – sie sind besonders anfällig für derartige Gedanken.
- Eine Untersuchung arbeitete Geschlechterunterschiede heraus: depressiv erkrankte Mädchen klagen über Traurigkeit, das Gefühl von Leere, Langeweile, Wut und Angst; zudem liegt ihnen viel an ihrer Beliebtheit, sie sind mit ihrem körperlichen Erscheinungsbild unzufrieden, schämen sich, zeigen geringes Selbstwertgefühl. Jungen hingegen klagen über Gefühle wie Verachtung, Aufsässigkeit, Geringschätzung, sie zeigen Verhaltensauffälligkeiten wie Schuleschwänzen, sie laufen von daheim fort, neigen zu körperlicher Gewalt, Raub und Drogenmissbrauch. Einige Autoren weisen darauf hin, dass Alkoholmissbrauch ein deutlicher Indikator für depressive Erkrankungen sein kann.
- Anzeichen für depressive Erkrankungen bei Adoleszenten sind: Reizbarkeit, lange Phasen der Isolation von Familie und Freunden oder Feindseligkeit gegenüber Familie und Freunden, Schuleschwänzen oder bedeutend verschlechterte schulische Leistungen, Rauschmittelkonsum (Alkohol und Drogen), körperliche Gewalt, promiskuitive sexuelle Aktivität und Weglaufen von daheim. Zahlreiche Autoren weisen darauf hin, dass depressive Erkrankungen bei Heranwachsenden den Lehrern oftmals verborgen bleiben, während Mitschüler wesentlich besser informiert sind.
- Zu den wichtigsten Risikofaktoren für depressive Erkrankungen bei Kindern und Heranwachsenden zählen depressive Erkrankungen der Eltern oder der Familie, Stressfaktoren der Umwelt wie körperlicher und sexueller Missbrauch sowie der Verlust eines Elternteils, beider Elternteile, eines wichtigen Freundes oder Verwandten.
- Komorbidität bei Kindern: Angsterkrankungen (v.a. Trennungsängste), Verhaltensauffälligkeiten oder Aufmerksamkeitsdefizite; Komorbidität bei Heranwachsenden: Drogenprobleme und Essstörungen. Man geht davon aus, dass mit steigender Heftigkeit der depressiven Erkrankung auch die Wahrscheinlichkeit für Komorbiditäten ansteigt.
- Im Falle pädiatrischer Depression bedeutet vor allem die Wahrscheinlichkeit von Komorbiditäten eine besondere Schwierigkeit, die bei erwachsenen Patienten nicht gegeben ist. Die Koexistenz mehrfacher Diagnosen ist nämlich eher die Regel, denn eine Ausnahme. Das bedeutet, dass Ärzte und Psychiater sich für Diagnose und Behandlung der Kinder und Heranwachsenden an verschiedene Informationsquellen richten sollten – Eltern, Lehrer, Freunde.
- Heranwachsende, die an schweren Depressionen leiden, legen besonderen Wert darauf, dass ihre Erkrankung unentdeckt bleibt und sie sich nicht in Behandlung begeben müssen.
- Statistiken zeigen, dass vor allem der Suizid ein Problem darstellt, man weiß von suizidalem Verhalten und Suiziden bei Vorschulkindern; bei Heranwachsenden verzeichnet man steigende Suizidfälle, deshalb geht man davon aus, dass Depression für die Mehrzahl der Suizide verantwortlich ist. Da man inzwischen Risikofaktoren und Auslöser depressiver Erkrankungen bei Kindern und Heranwachsenden besser kennt, stehen auch verbesserte Behandlungskonzepte zur Verfügung.
Für Leser, die mit psychiatrischen Begriffswelten weniger vertraut sind hier ein wichtiger Hinweis: Bei all den aufgelisteten Symptomen findet man womöglich sofort Parallelen zum Verhalten der eigenen Kinder – es handelt sich jedoch nicht um eine Anleitung zur Selbstdiagnose oder um frische Nahrung für Hypochonder.
Es bleibt natürlich den verantwortungsvollen Erziehungspersonen vorbehalten, ihre Schützlinge wegen Schulschwänzereien oder der ersten Haschischdosis zum Psychiater zu schleppen.
Quelle:
de Freitas Messina, L., Tiedemann, K. B.: Psychobiological Depression in Childhood and Adolescence: a clinical review. in: Psychiatry Online, 2006 (Host: priory.com ) HTML
Zitation
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05. Juli '07
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