«Nach meiner Auffassung besteht jedoch die Aufgabe darin, zu verstehen, wie die in ihrer Vielfältigkeit vor uns stehende Persönlichkeit zusammen gesetzt ist und welchem Zusammentreffen von Umständen sie ihr Gleichgewicht verdankt.»
Horney: Neue Wege in der Psychoanalyse
Baumeister et al.: Erschöpfung des Ich: Ist das aktive Selbst eine begrenzte Ressource?
d.wieser, 05. Juni 07
Die Forschungsarbeit nimmt Bezug auf Freuds energetisches Instanzenmodell, um in vier Experimenten anhand der Selbstkontrolle etwas über das Selbst als psychische Energiequelle heraus zu finden. Ego-depletion ist hier frei übersetzt als “Erschöpfung / Entleerung der Ich-Instanz”. Frühere Forschungen von Glass, Singer und Friedmann (1969) hatten gezeigt, dass Probanden weniger Geduld für Problemlösungen aufbrachten, wenn sie zuvor unvorhersehbarem Lärm ausgesetzt waren (verminderte Frustrationstoleranz). Daraus folgerten sie, die Anpassung an unvorhersehbaren Stress erfordere psychische Kosten, führe also zur Verringerung einer wertvollen psychischen Ressource. Die Art der Quelle blieb bislang ungeklärt.
Weitere Untersuchungen zeigten, wenn Probanden nicht an einen weißen Bären denken sollten (in Anlehnung an Wegners Experiment zur Gedankenkontrolle), gaben sie beim anschließenden Lösen eines Anagrammrätsels schneller auf. Daraus folgt die Annahme, dass das Ausüben von Selbstkontrolle psychische Kosten mit sich bringt und zudem eine begrenzte innere Ressource verbraucht.
Weil Selbstregulierung u.a. bedeutet, Verführungen zu widerstehen – d.h. motivierte Reaktionen zu übergehen –, muss diese begrenzte Ressource des Selbst das menschliche Verhalten ebenso beeinflussen wie die Motivation. Nun kann man starken Motivationen schwieriger widerstehen, schwachen Motivationen hingegen etwas leichter; also funktioniert die exekutive Funktion des Selbst ebenfalls stark oder schwach, was bedeuten würde, dass es eine Dimension der Stärke bzw. der Energie im Selbst gibt. Diese Energie verbraucht sich und regeneriert sich wieder. Andere willentliche Handlungen sollten ähnliche Effekte zeigen.
Es gibt drei Modelle, die Aussagen über die unterschiedliche Effektivität der Selbstkontrolle treffen:
- (a) Fähigkeit ( skill model ): Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle wird graduell entwickelt und bleibt abgesehen von Lernfortschritten relativ konstant, egal wie oft sie auf die Probe gestellt wird. Die Effektivität der Selbstkontrolle sollte sich nach diesem Modell nicht ändern, wenn sie zweimal hinter einander gefordert wird.
- (b) Wissensstruktur ( knowledge structure model ): Hier gilt die Selbstkontrolle als Master-Schema, das auf Informationen zur Veränderbarkeit der eigenen Reaktionen oder subjektiven Zustände zurückgreift. Der erste Akt der Selbstkontrolle stößt das Schema an und ermöglicht in der Folge die weitere Selbstkontrolle. Das System der Selbstkontrolle ist nach dieser Vorstellung gewöhnlich im Standby-Modus, bis es durch einen Akt der Selbstkontrolle aktiviert wird und die folgenden Akte der Selbstkontrolle leichter macht.
- ( c) energetisches Modell: Nach einem dritten Modell ähnelt die Selbstkontrolle Energie – die willentliche Selbstkontrolle verbraucht Energie und verringert den noch zur Verfügung stehenden Vorrat. Erste Akte der Selbstkontrolle verringern den Energievorrat und behindern bzw. schmälern die Kontrolle über weitere unmittelbar folgende Handlungen der Selbstkontrolle.
In der Zusammenschau bedeutet das: (a) keine Veränderung, (b) anwachsende Selbstkontrolle, ( c) verringerte Effektivität der Selbstkontrolle nach einer ersten willentlichen Handlung.
Das Verhalten der Probanden beim Lösen des (unlösbaren) Rätsels (eine Herausforderung an die Selbstkontrolle) gilt deshalb als messbare Reaktion, weil man dazu neigen wird, aufzugeben, wenn die Anstrengungen zu Frustration und entmutigendem Versagen führen. Diesen Impuls der Resignation zu überwinden, erfordert natürlich weitergehende Selbstkontrolle.
Nun greifen Baumeister et al. im ersten Experiment ihrer Untersuchung auf Impulskontrolle zurück – um es ganz plump zu sagen, hungrige Probanden sollen Radieschen essen und die köstliche Schokolade nur ansehen. Somit müssen sie eine attraktive Handlung (beherzt zur Schokolade greifen) unterdrücken und statt dessen eine andere Handlung ausführen, die weit weniger attraktiv ist (ihren Hunger mit Radieschen stillen). Die Messung der Selbstkontrolle erfolgt in einem unverbundenen zweiten Schritt, dort wird das Durchhaltevermögen der Probanden bei einem frustrierenden Rätsel gemessen.
(1)
Es gibt im ersten Experiment drei Probandengruppen – eine Gruppe erhält nur Radieschen als Mahlzeit, die zweite Gruppe erhält Schokolade und die Kontrollgruppe bearbeitet ausschließlich das Rätsel (also ohne Schritt eins des Experiments). Daraufhin wird einerseits die Dauer gemessen, mit der sich die Probanden (nach der Radieschenmahlzeit) einem Rätsel widmen, und anderseits werden die Versuche gezählt, die jeder unternimmt, um das Rätsel zu lösen:
Tabelle 1: Durchhaltevermögen bei unlösbarem Rätsel
Mittels diverser Fragebögen fanden die Forscher heraus, dass die Radieschenesser anschließend mitteilten, ihr Wunsch, das Rätsel aufzugeben, sei weniger stark gewesen, zudem zwangen sie sich mehr, am Rätsel zu arbeiten und waren nach dem Experiment erschöpfter als die Vergleichsgruppen.
Aus Zusammenhängen der Forschung zu Gedankenkontrolle, Gefühlskontrolle, Impulskontrolle und Task Performance geht hervor, dass diese Hauptbereiche der Selbstkontrolle aus einer Energiequelle gespeist sind.
(2)
Im zweiten Experiment geht es um die Frage, ob diese Quelle auch an Akten der Entscheidung und des Willens beteiligt ist. 1959 hatten Festinger und Carlsmith belegt, dass Menschen ihre Einstellung dahingehend ändern, dass sie zu ihrem Verhalten passt – und zwar nachdem sie dazu gebracht worden waren, sich entgegen ihrer Einstellung zu verhalten. Überdies waren Cooper und Scher (1994) zu dem Ergebnis gelangt, dass persönliche Verantwortlichkeit für aversive Ergebnisse der ursächliche Kern kognitiver Dissonanz sei. Die Betonung persönlicher Verantwortung für die eigenen Handlungen bzw. Entscheidungen ist also eine aktive Reaktion des Selbst.
Im Experiment soll das Verhalten gegen die eigene Einstellung die Willensreserve des Selbst verringern, gemessen anhand der Frustrationstoleranz wie im ersten Experiment beschrieben. Dazu wurden die Probanden ermutigt, eine Rede zu halten, die ihrer inneren Überzeugung widerspricht, ihnen stand allerdings auch die Option offen, ein ihrer inneren Einstellung gemäßes Plädoyer zu halten. Verhalten, das der inneren Überzeugung entspricht, sollte keine kognitive Dissonanz erzeugen, dennoch wäre die Energiequelle des Selbst maßgeblich daran beteiligt, dass eine Entscheidung getroffen werden muss. Der Probandengruppe (a) wird die Rede zugewiesen, die ihrer inneren Haltung zuwider läuft ( low choice ); die zweite Probandengruppe (b) hat die freie Auswahl ( high choice ), wobei die der inneren Haltung zuwider laufende Rede als wünschenswert betont wird. Anschließend wird das Verhalten der Probanden bei der Lösung eines Rätsels gemessen, sowie ihr Befinden mittels diverser Fragebögen ermittelt.
Tabelle 2: Durchhaltevermögen bei unlösbarem Rätsel
Unter der Bedingung freier Entscheidung entstanden kaum abweichende Ergebnisse, die sich allerdings von der Bedingung ohne freie Wahl deutlich unterschieden: ob im Einklang mit der inneren Überzeugung oder dieser Überzeugung entgegen handelnd zeigen die Probanden bei freier Entscheidung ein geringeres Durchhaltevermögen beim Bearbeiten des anschließenden Rätsels.
Das Ergebnis stützt die These von der Erschöpfung des Ich, man kann also festhalten, dass Willenshandlungen sich aus derselben begrenzten Ressource speisen, die auch die Selbstkontrolle nutzt, so Baumeister et al. Wenn die Probanden die Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen müssen (infolge der freien Entscheidung), das nicht der eigenen Überzeugung entspricht, entnimmt dieses Verhalten dem Selbst mehr Energie als bei widersprüchlichem Verhalten, das man ohne Entscheidungsspielraum zu vollziehen hat. Nicht das der inneren Haltung zuwider laufende Verhalten verbraucht psychische Kosten, sondern auch den eigenen Überzeugungen gemäß zu handeln kostet psychische Energie, wenn eine freie Entscheidung zugrunde liegt.
(3)
Im nächsten Experiment soll gezeigt werden, dass auch bei lösbaren Aufgaben deutlich wird, dass die Selbstkontrolle an ein begrenztes psychisches Energiereservoir gebunden ist. Die Forscher bedienen sich nun eines Experiments zur Affektregulierung: die Probanden sollen ein emotional evokatives Video (entweder humorvoll-positiv oder traurig-negativ) ansehen und ihre Emotionen verbergen. Wer seine Emotionen unterdrücken musste (Affektregulierung als Form der Selbstkontrolle), wird beim anschließenden Rätsel weniger gut abschneiden, so lautete die Hypothese. Anschließend gibt das Abschneiden der Probanden beim Bearbeiten schwieriger (und diesmal lösbarer) Rätsel Aufschluss über deren inneres Energiereservoir.
Tabelle 3: Erfolg beim lösbaren Rätsel
Das Ergebnis zeigt, dass die Erschöpfung des Ich sich auf anschließende Leistung negativ auswirken kann.
(4)
Das vierte Experiment ist komplementär zum zweiten Experiment konzipiert und beleuchtet die Bedeutung aktiver und passiver Handlungsoptionen und soll zeigen, dass ein erster Akt der Selbstkontrolle die anschließende Entscheidungsfindung beeinträchtigt. Dem liegt das Muster des Effekts passiver Option ( passive-option effect ) zugrunde, denn in jeglicher Entscheidungssituation wird die Wahrscheinlichkeit jeglicher Option erhöht, wenn es bei der Auswahl eher um eine passive Reaktion geht. Daraus leiten die Forscher die These ab, dass passives Reagieren die psychische Energiequelle nicht angreift, aktives Reagieren jedoch sehr wohl; und wenn die Energiequelle bereits verringert ist, wird passives Reagieren somit wahrscheinlicher, wenn auch hier auf die besagte Energiequelle zurück gegriffen werden würde.
Zunächst soll eine Probandengruppe ein einfaches Rätsel lösen, das durch lauter komplizierte Zusatzregeln erschwert ist, die andere Gruppe erhält das Rätsel ohne zusätzlich verkomplizierende Sonderregeln. Auch hier sollen komplexe Entscheidungsregeln die psychische Energiequelle angreifen. Im zweiten Schritt des Experiments sehen die Probanden einen langweiligen Film an, der den deutlichen Anreiz mit sich bringt, den Film nicht weiter ansehen zu wollen. Für die eine Gruppe war das Stoppen eine passive Handlung (einen gedrückten Schalter loslassen), für die andere Gruppe war dazu eine aktive Handlung erforderlich (einen Schalter drücken). Als abhängige Variable maßen die Forscher die Dauer, wie lange die Probanden bei der Vorführung blieben. Sie würden den Film also gemäß des Effekts passiver Option länger ansehen, wenn dies eine passive Handlung ist, die sog. Erschöpfung des Ich sollte dieses Verhaltensmuster stärken.
Tabelle 4: Toleranz für Langeweile
Das Ergebnis zeigt, dass die Erschöpfung des Ich die Wahrscheinlichkeit passiver Entscheidung steigert und die Wahrscheinlichkeit aktiver Reaktion verringert. Wer zuvor eine komplexe Aufgabe zu erledigen hatte, bei der Sonderregeln eine einfache Grundregel verkomplizierten, bewies anschließend größere Passivität im Bezug darauf, wie lange er einen langweiligen Film ertrug. War das weitere Ansehen des Films passiv (und der Stopp aktiv), sahen die Probanden länger zu, als bei der umgekehrten Kondition. Zudem zeigen die Ergebnisse, dass der Effekt passiver Option nur in der Bedingung des erschöpften Ich auftritt.
Die innere Energiequelle des Selbst lässt sich nicht direkt messen, daher wurde die Erschöpfung des Ich unter verschiedensten Umständen getestet. Die Konvergenz der Ergebnisse aus allen vier Experimenten gibt überzeugendere Beweise, als eines der Experimente für sich genommen hätte erzielen können.
Die Untersuchung weist auf ein breites Muster der Erschöpfung des Ich hin: ein erster Willensakt war von einer Verminderung in einer anderen Sphäre der Willensausübung begleitet. Ein erster Akt der Selbstkontrolle verminderte anschließende Akte der Selbstkontrolle (Experiment 1), eine verantwortliche Entscheidung getroffen zu haben, verminderte anschließende Akte der Selbstkontrolle (Experiment 2), Selbstkontrolle verminderte die Leistung bei einer Aufgabe, die Selbstkontrolle erforderte (Experiment 3) und ein erster Akt der Selbstkontrolle führte zu vermehrter Passivität.
Quelle:
Baumeister, Bratslavsky, Muraven und Tice: Ego depletion: Is the active self a limited resource?. in: Journal of Personality and Social Psychology, 74, 1998 (Host: fsu.edu) PDF
Zitation
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27. Juni '07
Journal of Applied Social PsychologyDie monatlich erscheinende Fachzeitschrift bietet in der Online-Ausgabe frei zugängliche Beiträge zwischen 2003 und Januar 2005. » lesen ... |
29. Januar '08
Exotismus und XenophobieBeiden Konzepten ist gemeinsam, dass sie zunächst einmal auf (unbewusst wirksame) Bilder des Fremden zurück zu führen sind, die auf individualpsychologischer, sozialpsychologischer und kultureller Ebene als Vermeidungshaltungen Bedeutung erlangen. Für die Interaktionen zwischen Gruppen spielen Exotismus und Xenophobie als kulturell verankerte Bilder der Fremdgruppe und tief verwurzelte Bewusstseinsphänomene eine Rolle.
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03. Juni '07
James, William: Existiert das "Bewusstsein"?Die reine Erfahrung ist ein ursprüngliches Material, aus dem die Welt des Menschen besteht. Wissen ist dann die Beziehung, welche Bestandteile der reinen Erfahrung zueinander einnehmen. Somit gibt es Subjekt (Wissender) und Objekt (Gewusstes) – oder in philosophischeren Begriffen Erkennender und Erkanntes. » lesen ... |


