Fauser: Gewalt in Beziehungen


d.wieser, 05. Juni 07

Häusliche Gewalt wird hier als eine Art gesellschaftliches Syndrom vorgestellt, da verschiedene Ebenen der Gewaltausübung zur Problematik beitragen. Zunächst handelt es sich grob gefasst um einen ungleichen Paarkonflikt, in dessen Verlauf ein Partner den anderen erniedrigt, um sich in ungewissem Maße selbst aufzuwerten.

Zu den gesellschaftlich wahrnehmbaren Anzeichen zählt physische Misshandlung, welche die Tötung des Partners nicht ausschließt. Wird Sex zum Mittel der Gewaltausübung, ist “das Erlebnis von Macht und Demütigung (…) am nachhaltigsten”, womöglich weil die Überschneidung mit physischer und psychischer Gewalt zu besonders weitreichenden Demütigungen des Opfers (und einer entsprechenden Aufwertung des Täters) führt. Psychische Gewalt lässt ein Klima unentwegter Angst entstehen – auch Stalking gehört in diesen Bereich, hier übt ein abgelehnter Partner durch Belästigung und unablässige Verfolgung Gewalt aus. Es gibt auch eine Form häuslicher Gewalt, die sich auf wirtschaftlicher Ebene äußert, indem etwa ein Partner dem anderen gemeinsame finanzielle Mittel vorenthält oder dessen selbst erwirtschaftetes Einkommen konfisziert, so dass eine gewisse Form der Abhängigkeit entsteht.

Der Mechanismus zielt oft in Kombination mehrerer Taktiken darauf ab, den Partner zum willfährigen, eingeschüchterten und unfreien Opfer zu machen: “Die Folgen dieses andauernden Drucks (Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, Lähmung) können so ausgeprägt sein, dass Hilfe von aussen oft kaum angenommen werden kann.” – Diesen Satz halte ich für besonders zentral: man sollte sich vor Augen führen, dass die Vorgehensweise dazu angelegt ist, dass der unterdrückte Partner quasi handlungsunfähig wird, sich aus Scham oder Verängstigung nicht hilfesuchend an Dritte wenden kann, denn nur dann ist dem aggressiven Partner ein unendliches Spiel um Selbstaufwertung und Erniedrigung garantiert.

Für Kinder als alltägliche Zeugen häuslicher Gewalt sind die Auswirkungen geradezu unabsehbar: “Bereits das Beobachten physischer und/oder seelischer Gewalt im eigenen sozialen Nahraum hat seelische und psychosoziale Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche”. Der Text weist darauf hin, dass Kinder von Zeugen zu Opfern werden können, wenn sie das Erwachsenenalter erreicht haben; ebenso denkbar ist, dass Kinder infolge von Identifikation mit dem aggressiven Elternteil später in eigenen Partnerschaften zur gewaltausübenden Rolle neigen könnten.

Selbst wenn man traditionell das Bild von der Frau als Opfer und dem Mann als Täter im Kopf haben sollte, die Geschlechterrollen sind durchaus nicht so eindeutig, wie man annehmen möchte: Frauen können Gewalt gegen Männer ausüben, auch sexuelle Gewalt. Die Gesellschaft ist allerdings weniger gut auf männliche Opfer häuslicher Gewalt eingerichtet (das “Männer-Haus”??). Seltsame Gedanken-Konstruktion – als seien Frauen mit sadistischen Tendenzen undenkbar (schreiben wir das dem Marquis de Sade zu?) und als sei es den Männern gegeben, sich im Zweifelsfall aus der angstbeherrschten Beziehung zu einer Frau zu befreien? Ich befürworte es sehr, dass Forschungen in dieser Richtung angestrengt werden, damit unser Gesellschaftskonstrukt nicht ganz so arg schief aus den Angeln hängt.

Statt zu fragen, warum das Opfer die Beziehung nicht beendet (oder den Täter zur Räson bringt), kann man auch die Frage stellen, wieso Täter ihr Verhalten nicht einstellen, sondern tendenziell eher verstärken. Wenn man es ganz plump formulieren will, beide brauchen einander – man kann es unter der Überschrift “Liebe” laufen lassen, meiner Meinung nach steckt eine ganze Menge dahinter: der Wunsch nach Kontinuität und nach gemeinsam durchlebter Entwicklung zum Beispiel. Wenn man die Frage psychologisch klären kann, warum Opfer Schwierigkeiten haben, Dritte in die Misere einzuweihen, müsste noch geklärt werden, warum Täter es (vor lauter aufgewertetem Selbst) tendenziell noch viel seltener schaffen, Dritte in die Misere einzuweihen. … es sei denn, man wollte tatsächlich davon ausgehen, dass Täter kein Bewusstsein ihres gewalttätigen Handelns haben (was ich für mehr als “ungesund” und auch wenig wahrscheinlich halte). – Würden Täter in der Gesellschaft traditioneller Weise nicht eher mit Empörung aufgenommen? Wie also könnte man es einrichten, dass Menschen, die sich häuslicher Gewalt schuldig gemacht haben, eine Anlaufstelle finden? (oder ist das allzu spinnert gedacht?)

Niedlich finde ich noch den flotten Einwurf, Zukunftsangst sei ein Faktor, der die Opfer in einer solchen Beziehung halte: nunja, da steht dann konkretere Gegenwartsangst der weniger konkreten (und somit schon mächtigeren) Zukunftsangst gegenüber, und das sind Abwägungen, die tatsächlich nur Opfer treffen können.

Überdies müsste noch geklärt werden, welche Ängste daran beteiligt sind, dass Täter ihr Verhalten nicht oder nur periodisch einstellen, im Gesamtüberblick aber die Neigung besteht, die Situation kontinuierlich zu verschlimmern. Man kann zwar schon sagen, dass geringes Selbstwertgefühl sich in solchen Fällen das denkbar mieseste Ventil gesucht hat, dies jedoch würde bedeuten, dass sich das Selbstbewusstsein des Täters im Fortdauern einer solchen Beziehung kontinuierlich verschlechtert. Der berüchtigte Teufelskreis also? Würde das wiederum implizieren, ein Täter werfe dem Opfer (jedenfalls implizit logisch) vor, das Spielchen nicht (angemessen/rechtzeitig/wirkungsvoll) gestoppt zu haben? Denn dass es sich bei häuslicher Gewalt um eine gut geölte zwischenmenschliche Dynamik handelt, die ähnlich propper abläuft, wie das Spiel um Sadismus und Masochismus (wieso tauchen diese Begriffe im Artikel nirgends auf? heißes Eisen?), scheint mir nicht abwegig: Was ich meine ist, dass der untrügliche gesunde Menschenverstand sofort einwenden muss, das Opfer müsse die Situation entweder stoppen können oder den Partner für immer verlassen. Oder anders: wo ich geschlagen oder in Angst und Unterdrückung gehalten werde, mache ich mich tunlichst vom Acker; etwaige Repressalien wären immerhin mal etwas Abwechslungsreicheres als die entsetzliche nüchterne Aussicht auf ein Endlosspielchen zu meinen Lasten. So geht man nicht miteinander um.

Wenn die Dynamik aber nun eine gegenseitige wäre, wenn also nicht nur der Täter sein Selbstwertgefühl im Rahmen häuslicher Gewalt optimierte, sondern auch das Opfer? Meine These wäre, jeder gewaltsame Ausbruch des Täters kann dem Opfer eine gewisse Befriedigung verschaffen, wenn im Anschluss an derartige Übergriffe eine Reuephase beim Täter eintritt, die wiederum dem Opfer eine Machtposition verleiht. Vielleicht kann ein Opfer den Täter mit der Drohung in Schach halten, Dritte zu informieren oder weiß-der-Himmel, wie die Machtverhältnisse sich tatsächlich auf psychischer Ebene bei solchen Dynamiken hin und her pendeln lassen. Lägen die Dinge nämlich ganz einfach auf der Hand, wäre gar nicht zu erklären, warum die Statistiken zu häuslicher Gewalt derartig aussagekräftig sind und bleiben …

Quelle:
Fauser, Lilo: Gewalt in Beziehungen. in: Punktum März 2004 (Host: sbap.ch) PDF


Zitation

wieser, d. (05. Juni '07): Fauser: Gewalt in Beziehungen, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/fauser-gewalt


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