«Wir müssen die Illusion aufgeben, dass Dinge konkret sein müssen, um wirklich zu sein, oder dass nur wahr ist, was quantifizierbar ist, wenn wir in der Erkenntnis des Menschen und seiner Probleme einen Fortschritt machen wollen.»
Rollo May: Antwort auf die Angst
Festinger, Leon: Eine Theorie Sozialer Vergleichsprozesse
d.wieser, 03. Juni 07
Die vorliegende Theorie stellt dar, inwiefern sowohl soziale Beeinflussungsprozesse wie auch manche Formen kompetitiven Verhaltens Manifestationen desselben soziopsychologischen Prozesses sind. Dem liegt ein menschlicher Trieb der Selbstbewertung zugrunde, welcher darin Ausdruck findet, dass Menschen sich mit anderen Menschen vergleichen, um u.a. Erkenntnisse über die eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu sammeln. Festinger arbeitet hier Ähnlichkeiten und Unterschiede individueller Meinungen bzw. Fähigkeiten heraus, um zu zeigen, wie derselbe sozialpsychologische Prozess die Dynamik zwischen Individuum und Gruppe strukturiert.
Im Zentrum der Untersuchung steht der soziale Vergleich als Phänomen sozialpsychologischer Theorie. Festinger stellt eine Reihe Hypothesen sowie deren Korollare und Derivate dar, um das Phänomen dezidiert zu analysieren.
Hypothese I
Es gibt im menschlichen Organismus einen Trieb, die eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu evaluieren (zu bewerten / auszuwerten).
Meinungen und Fähigkeiten zeigen ähnliche Auswirkungen auf das Verhalten. In einer früheren Veröffentlichung hatte der Autor den Trieb vorgestellt, welcher darauf abzielt festzustellen, ob die eigenen Meinungen korrekt sind oder nicht. Hier weitet Festinger das Triebkonzept auf Fähigkeiten aus – derselbe Trieb sei dafür verantwortlich, dass der Mensch eine akkurate Einschätzung seiner Fähigkeiten erlangen will.
Wie also gehen Menschen vor, die ihre eigenen Meinungen und Fähigkeiten evaluieren?
Hypothese II
Insoweit als objektive, nicht-soziale Vergleichsmittel fehlen, evaluieren Menschen ihre Meinungen und Fähigkeiten im Vergleich mit den Meinungen und Fähigkeiten anderer Menschen.
Wo objektive, physikalische Grundlagen zur Evaluation fehlen, hängen subjektive Urteile korrekter oder inkorrekter Meinung und die subjektiv akkurate Einschätzung der eigenen Fähigkeiten davon ab, wie man im Vergleich zu anderen Menschen abschneidet.
Korollar II A:
Jenseits physischer wie sozialer Vergleichsmöglichkeiten sind subjektive Evaluationen der eigenen Meinungen und Fähigkeiten instabil.
Hierzu haben Untersuchungen zu Fähigkeiten und Erwartungsniveau (level of aspiration) nachgewiesen, dass das Erwartungsniveau ohne soziale Vergleichsmöglichkeiten bezeichnender Weise gemäß den eigenen Leistungen fluktuiert. Dasselbe Phänomen findet man auch bezüglich privat (also ohne soziale Vergleichsmöglichkeit) entwickelter Meinungen.
Korollar II B:
Wenn eine objektive nicht-soziale Vergleichsgrundlage besteht, um die eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu evaluieren, werden Menschen ihre Meinungen und Fähigkeiten nicht durch Vergleiche mit anderen Menschen evaluieren.
Hypothese III
Die Neigung, sich mit einer gewissen anderen Person zu vergleichen, nimmt mit der wachsenden Unterschiedlichkeit der Meinungen und Fähigkeiten ab.
Das bedeutet, eine Person neigt nicht dazu, die eigenen Meinungen und Fähigkeiten mit denen einer Person zu vergleichen, die sich in dieser Hinsicht (zu) stark unterscheidet. Liegen die Fähigkeiten der Vergleichsperson zu weit von den eigenen Fähigkeiten entfernt (sowohl darüber als auch darunter), kann kein akkurater (befriedigender) Vergleich mehr gezogen werden. Ebenso vergleicht man die eigenen Meinungen nicht mit den Meinungen solcher Personen, deren Meinungen extrem von den eigenen abweichen. Es gibt selbst auferlegte Beschränkungen des Spektrums bzgl. der Meinungen und Fähigkeiten, mit denen der Mensch sich vergleicht (dazu später mehr).
Korollar III A:
Steht eine Reihe möglicher Vergleichspersonen zur Verfügung, wird jemand zum Vergleich gewählt, dessen Meinungen und Fähigkeiten den eigenen nahe stehen.
Korollar III B:
Steht einzig eine sehr abweichende Vergleichsmöglichkeit zur Verfügung, wird die Person keine subjektiv präzise Evaluation der eigenen Meinung oder Fähigkeit anstellen können.
(Dieser Satz ist für Fähigkeiten experimentell bewiesen, nicht jedoch für Meinungen.)
Die Selektivität bei Vergleichen von Meinungen und Fähigkeiten ist u. a. bestimmt von der Diskrepanz zwischen eigenen und fremden Meinungen und Fähigkeiten. Konzeptuell betrachtet handelt es sich um exakt denselben Prozess. Phänomenologisch betrachtet erscheint der Prozess für Meinungen und Fähigkeiten jeweils unterschiedlich:
Wenn es um Meinungen geht, hat man den Eindruck, jene, mit denen man sich nicht vergleicht (bzw. nicht vergleichen kann), seinen “ganz andere Menschen” oder Vertreter anderer Gruppierungen oder Menschen mit anderem Hintergrund als man selbst. Diese Verschiedenheitsbehauptung (allegation of difference) geht oft mit einer Abwertung einher, die dazu dient, die Nicht-Vergleichbarkeit zu stützen.
Wenn es um Fähigkeiten geht, handelt es sich phänomenologisch betrachtet um den Prozess der Bezeichnung von unter- oder überlegenem Status bezogen auf Personen, mit denen man sich nicht vergleicht (nicht vergleichen kann).
Ableitung A (von I, II, III):
Subjektive Evaluationen von Meinungen oder von Fähigkeiten sind stabil, wenn Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Personen bestehen, deren Meinungen oder Fähigkeiten als den eigenen nahe stehend beurteilt werden.
Ableitung B (von I, II, III):
Stehen als Vergleichsmöglichkeiten Menschen zur Verfügung, deren Meinungen oder Fähigkeiten sich gewissermaßen von den eigenen unterscheiden, entsteht die Neigung, die eigene Evaluation der in Frage stehenden Meinungen oder Fähigkeiten zu ändern.
Untersuchungen zur Wirkung, die das Wissen um Gruppenmeinungen oder -fähigkeiten auf die ursprünglich privaten Evaluationen Einzelner hat, ergaben: Trifft die instabile private Evaluation auf Vergleichsgrundlagen, hat dies eine Wirkung auf die Selbstbewertung. Der Vergleich mit der Leistung anderer definiert (als Norm), wie die eigene Fähigkeit sein soll und verleiht der Selbstbewertung mithin Stabilität.
Festinger, Gerard et al. führten Untersuchungen zur Meinung durch, in welchen eine Person zunächst privat eine Meinung entwickelte und dann Zugang zum Meinungskonsens der eigenen Gruppe erhielt. Wenn die Mehrheit diese private Meinung nicht teilte, hatte die Person relativ geringes Vertrauen, dass die eigene Meinung korrekt sei, und viele änderten daraufhin ihre Meinung zugunsten des Gruppenkonsenses. Wenn die Mehrheit die private Meinung teilte, zeigte die Person relativ hohes Vertrauen in die Korrektheit dieser Meinung, und es war extrem selten, dass sie die Meinung änderte. Demnach wirkt der Vergleich mit anderen tendenziell als Definition einer korrekten Meinung und stabilisiert die Selbstbewertung.
Ableitung C (von I, II, III) (als Folge aus Hypothese I und Korollar III B)
Eine Person wird weniger von Situationen angezogen, in denen andere sich stark von ihr selbst unterscheiden, als von Situationen, in denen andere ihr im Bezug auf Meinungen und Fähigkeiten nahe stehen.
Dazu haben Festinger, Gerard et al. eine Untersuchung durchgeführt, bei welcher eine Versuchsperson die eigene Meinung zu einem Thema auf einen Zettel schrieb und dann eine vorgebliche Auswertung der Meinungen in der Gruppe erhielt. Einige Versuchspersonen konnten daraus entnehmen, dass die meisten Gruppenmitglieder ihre Meinung teilten. Einige mussten hingegen anerkennen, dass die Gruppe mehrheitlich anderer Meinung war. In allen acht Untersuchungssettings gaben die Versuchspersonen an, sich weniger zur Gruppe hingezogen zu fühlen, wenn eine deutliche Meinungsdiskrepanz vorlag.
Ableitung D (von I, II, III)
Besteht bezogen auf Meinungen oder Fähigkeiten eine Diskrepanz in der Gruppe, werden die Gruppenmitglieder handeln, um diese Diskrepanz zu verringern.
Die Hypothesen I, II und III lassen den Schluss zu, dass der Trieb, die eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu evaluieren, zu einem Verhalten führt, das für die betreffende Person eine Situation herstellt, in welcher die Vergleichspersonen ihr nahe stehen. Es finden Handlungen statt, um die Diskrepanzen zwischen der Person und jenen, mit denen sie sich vergleicht, zu verringern.
Es gibt zwei Unterschiede zwischen Meinungen und Fähigkeiten, die sich auf manifestes Verhalten zur Verringerung der Diskrepanz beziehen (Hypothesen IV und V):
Zitation
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Vorlesung zur Kommunikations- und MedienpsychologieEin recht aktueller Fund im Netz ist die Vorlesungsreihe Kommunikationspsychologie 2-4, die Professor Frindte im November 2007 an der Universität Jena präsentiert. » lesen ... |
05. Juni '07
StressIn gewisser Hinsicht sind Stressreaktionen erlernt, denn das Gehirn entscheidet vor dem Hintergrund vergangener Erfahrungen, was als Stress bewertet wird. Bei den psychologischen Zusammenhängen von Stress und Erkrankungswahrscheinlichkeit ist der Begriff Kontrolle bedeutsam … » lesen ... |
28. Juni '07
Sherif, Muzafer: Konformität, Abweichung, Normen und GruppenbeziehungenAn Sozialwissenschaftler gewandt, die Normen als etwas durchweg Negatives sehen, führt Sherif an, dass Normlosigkeit durchaus nicht das Endergebnis sozialer Veränderungen ist. Die Sozialwissenschaften müssen somit nicht nur den blind machenden, degradierenden Wirkungen bestimmter Normen nachgehen, sondern eher gültige Kriterien für vorherrschende Normen heraus filtern, die derartige Wirkungen herbei führen. Der Weg zur Befreiung von normativen Zwängen besteht darin, die freie Wahl der Werte voranzutreiben und Organisationsformen zu entwickeln, die zu bereicherndem Verhalten und sogar der Selbstverwirklichung der Mitglieder in ihren sozialen Beziehungen beitragen können. » lesen ... |



