Festinger, Leon: Eine Theorie Sozialer Vergleichsprozesse


d.wieser, 03. Juni 07

Die vorliegende Theorie stellt dar, inwiefern sowohl soziale Beeinflussungsprozesse wie auch manche Formen kompetitiven Verhaltens Manifestationen desselben soziopsychologischen Prozesses sind. Dem liegt ein menschlicher Trieb der Selbstbewertung zugrunde, welcher darin Ausdruck findet, dass Menschen sich mit anderen Menschen vergleichen, um u.a. Erkenntnisse über die eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu sammeln. Festinger arbeitet hier Ähnlichkeiten und Unterschiede individueller Meinungen bzw. Fähigkeiten heraus, um zu zeigen, wie derselbe sozialpsychologische Prozess die Dynamik zwischen Individuum und Gruppe strukturiert.

Im Zentrum der Untersuchung steht der soziale Vergleich als Phänomen sozialpsychologischer Theorie. Festinger stellt eine Reihe Hypothesen sowie deren Korollare und Derivate dar, um das Phänomen dezidiert zu analysieren.

Hypothese I

Es gibt im menschlichen Organismus einen Trieb, die eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu evaluieren (zu bewerten / auszuwerten).

Meinungen und Fähigkeiten zeigen ähnliche Auswirkungen auf das Verhalten. In einer früheren Veröffentlichung hatte der Autor den Trieb vorgestellt, welcher darauf abzielt festzustellen, ob die eigenen Meinungen korrekt sind oder nicht. Hier weitet Festinger das Triebkonzept auf Fähigkeiten aus – derselbe Trieb sei dafür verantwortlich, dass der Mensch eine akkurate Einschätzung seiner Fähigkeiten erlangen will.
Wie also gehen Menschen vor, die ihre eigenen Meinungen und Fähigkeiten evaluieren?

Hypothese II

Insoweit als objektive, nicht-soziale Vergleichsmittel fehlen, evaluieren Menschen ihre Meinungen und Fähigkeiten im Vergleich mit den Meinungen und Fähigkeiten anderer Menschen.

Wo objektive, physikalische Grundlagen zur Evaluation fehlen, hängen subjektive Urteile korrekter oder inkorrekter Meinung und die subjektiv akkurate Einschätzung der eigenen Fähigkeiten davon ab, wie man im Vergleich zu anderen Menschen abschneidet.

Korollar II A:

Jenseits physischer wie sozialer Vergleichsmöglichkeiten sind subjektive Evaluationen der eigenen Meinungen und Fähigkeiten instabil.

Hierzu haben Untersuchungen zu Fähigkeiten und Erwartungsniveau (level of aspiration) nachgewiesen, dass das Erwartungsniveau ohne soziale Vergleichsmöglichkeiten bezeichnender Weise gemäß den eigenen Leistungen fluktuiert. Dasselbe Phänomen findet man auch bezüglich privat (also ohne soziale Vergleichsmöglichkeit) entwickelter Meinungen.

Korollar II B:

Wenn eine objektive nicht-soziale Vergleichsgrundlage besteht, um die eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu evaluieren, werden Menschen ihre Meinungen und Fähigkeiten nicht durch Vergleiche mit anderen Menschen evaluieren.

Hypothese III

Die Neigung, sich mit einer gewissen anderen Person zu vergleichen, nimmt mit der wachsenden Unterschiedlichkeit der Meinungen und Fähigkeiten ab.

Das bedeutet, eine Person neigt nicht dazu, die eigenen Meinungen und Fähigkeiten mit denen einer Person zu vergleichen, die sich in dieser Hinsicht (zu) stark unterscheidet. Liegen die Fähigkeiten der Vergleichsperson zu weit von den eigenen Fähigkeiten entfernt (sowohl darüber als auch darunter), kann kein akkurater (befriedigender) Vergleich mehr gezogen werden. Ebenso vergleicht man die eigenen Meinungen nicht mit den Meinungen solcher Personen, deren Meinungen extrem von den eigenen abweichen. Es gibt selbst auferlegte Beschränkungen des Spektrums bzgl. der Meinungen und Fähigkeiten, mit denen der Mensch sich vergleicht (dazu später mehr).

Korollar III A:

Steht eine Reihe möglicher Vergleichspersonen zur Verfügung, wird jemand zum Vergleich gewählt, dessen Meinungen und Fähigkeiten den eigenen nahe stehen.

Korollar III B:

Steht einzig eine sehr abweichende Vergleichsmöglichkeit zur Verfügung, wird die Person keine subjektiv präzise Evaluation der eigenen Meinung oder Fähigkeit anstellen können.

(Dieser Satz ist für Fähigkeiten experimentell bewiesen, nicht jedoch für Meinungen.)

Die Selektivität bei Vergleichen von Meinungen und Fähigkeiten ist u. a. bestimmt von der Diskrepanz zwischen eigenen und fremden Meinungen und Fähigkeiten. Konzeptuell betrachtet handelt es sich um exakt denselben Prozess. Phänomenologisch betrachtet erscheint der Prozess für Meinungen und Fähigkeiten jeweils unterschiedlich:
Wenn es um Meinungen geht, hat man den Eindruck, jene, mit denen man sich nicht vergleicht (bzw. nicht vergleichen kann), seinen “ganz andere Menschen” oder Vertreter anderer Gruppierungen oder Menschen mit anderem Hintergrund als man selbst. Diese Verschiedenheitsbehauptung (allegation of difference) geht oft mit einer Abwertung einher, die dazu dient, die Nicht-Vergleichbarkeit zu stützen.
Wenn es um Fähigkeiten geht, handelt es sich phänomenologisch betrachtet um den Prozess der Bezeichnung von unter- oder überlegenem Status bezogen auf Personen, mit denen man sich nicht vergleicht (nicht vergleichen kann).

Ableitung A (von I, II, III):

Subjektive Evaluationen von Meinungen oder von Fähigkeiten sind stabil, wenn Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Personen bestehen, deren Meinungen oder Fähigkeiten als den eigenen nahe stehend beurteilt werden.

Ableitung B (von I, II, III):

Stehen als Vergleichsmöglichkeiten Menschen zur Verfügung, deren Meinungen oder Fähigkeiten sich gewissermaßen von den eigenen unterscheiden, entsteht die Neigung, die eigene Evaluation der in Frage stehenden Meinungen oder Fähigkeiten zu ändern.

Untersuchungen zur Wirkung, die das Wissen um Gruppenmeinungen oder -fähigkeiten auf die ursprünglich privaten Evaluationen Einzelner hat, ergaben: Trifft die instabile private Evaluation auf Vergleichsgrundlagen, hat dies eine Wirkung auf die Selbstbewertung. Der Vergleich mit der Leistung anderer definiert (als Norm), wie die eigene Fähigkeit sein soll und verleiht der Selbstbewertung mithin Stabilität.

Festinger, Gerard et al. führten Untersuchungen zur Meinung durch, in welchen eine Person zunächst privat eine Meinung entwickelte und dann Zugang zum Meinungskonsens der eigenen Gruppe erhielt. Wenn die Mehrheit diese private Meinung nicht teilte, hatte die Person relativ geringes Vertrauen, dass die eigene Meinung korrekt sei, und viele änderten daraufhin ihre Meinung zugunsten des Gruppenkonsenses. Wenn die Mehrheit die private Meinung teilte, zeigte die Person relativ hohes Vertrauen in die Korrektheit dieser Meinung, und es war extrem selten, dass sie die Meinung änderte. Demnach wirkt der Vergleich mit anderen tendenziell als Definition einer korrekten Meinung und stabilisiert die Selbstbewertung.

Ableitung C (von I, II, III) (als Folge aus Hypothese I und Korollar III B)

Eine Person wird weniger von Situationen angezogen, in denen andere sich stark von ihr selbst unterscheiden, als von Situationen, in denen andere ihr im Bezug auf Meinungen und Fähigkeiten nahe stehen.

Dazu haben Festinger, Gerard et al. eine Untersuchung durchgeführt, bei welcher eine Versuchsperson die eigene Meinung zu einem Thema auf einen Zettel schrieb und dann eine vorgebliche Auswertung der Meinungen in der Gruppe erhielt. Einige Versuchspersonen konnten daraus entnehmen, dass die meisten Gruppenmitglieder ihre Meinung teilten. Einige mussten hingegen anerkennen, dass die Gruppe mehrheitlich anderer Meinung war. In allen acht Untersuchungssettings gaben die Versuchspersonen an, sich weniger zur Gruppe hingezogen zu fühlen, wenn eine deutliche Meinungsdiskrepanz vorlag.

Ableitung D (von I, II, III)

Besteht bezogen auf Meinungen oder Fähigkeiten eine Diskrepanz in der Gruppe, werden die Gruppenmitglieder handeln, um diese Diskrepanz zu verringern.

Die Hypothesen I, II und III lassen den Schluss zu, dass der Trieb, die eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu evaluieren, zu einem Verhalten führt, das für die betreffende Person eine Situation herstellt, in welcher die Vergleichspersonen ihr nahe stehen. Es finden Handlungen statt, um die Diskrepanzen zwischen der Person und jenen, mit denen sie sich vergleicht, zu verringern.

Es gibt zwei Unterschiede zwischen Meinungen und Fähigkeiten, die sich auf manifestes Verhalten zur Verringerung der Diskrepanz beziehen (Hypothesen IV und V):

Hypothese IV

Es gibt einen unidirektionalen Aufwärtstrieb im Falle von Fähigkeiten, der bei Meinungen nicht gegeben ist.

Bei Fähigkeiten haben unterschiedliche Leistungen intrinsisch verschiedenartige Wertigkeiten; je höher ein Ergebnis ausfällt, desto erstrebenswerter ist die Leistung.
Bei Meinungen wird keiner Meinung eine höhere Wertigkeit zugeschrieben, als einer anderen. Die Wertigkeit ergibt sich aus dem subjektiven Empfinden, dass diese Meinung korrekt bzw. gültig ist.

Hypothese V

Es gibt nicht-soziale Beschränkungen, die es schwierig oder unmöglich machen, die eigene Fähigkeit zu ändern; solche Beschränkungen gibt es für Meinungen nicht.

Im Falle von Meinungen besteht die Handlung zur Verringerung existierender Diskrepanzen im relativ unkomplizierten Uniformitätsdruck. Ist eine Uniformität der Meinungen hergestellt, liegt ein Zustand sozialer Zustimmung vor.
Im Falle der Fähigkeiten besteht die Handlung jedoch aus der Interaktion von unidirektionalem Druck, immer bessere Leistungen zu erbringen, und der Verringerung der Diskrepanz. Die Auflösung beider gleichzeitig wirkender Formen des Drucks ist ein Zustand, in welchem alle Gruppenmitglieder bezogen auf eine bestimmte Fähigkeit relativ nah beieinander liegende Leistungen erbringen; vollkommene Uniformität ist jedoch nicht möglich. Die beiden Formen des Drucks wirken nicht mehr auf eine Person ein, welche leicht bessere Leistungen erbringt, als die anderen. Und da nicht jedes Gruppenmitglied ein wenig besser sein kann, als die anderen, bedeutet dies für die Evaluation der Fähigkeiten, dass ein Zustand sozialer Zustimmung nie erreicht werden wird. Kompetitives Verhalten, Handlungen zum Schutz der eigenen Überlegenheit und sogar einige Formen kooperativen Verhaltens sind Manifestationen im sozialen Prozess der beiden Formen des Drucks, die keine Zustimmung erreichen.

Im Folgenden geht es um den spezifischen Charakter sozialer Handlungen, die aus dem Uniformitätsdruck hervorgehen. Festinger nennt drei Hauptmanifestationen des Uniformitätsdrucks (Ableitungen D1, D2, D3):

Ableitung D1:

Besteht eine Diskrepanz bezüglich der Meinungen und Fähigkeiten, wird es Tendenzen geben, die eigene Position so zu verändern, dass man sich den übrigen Gruppenmitgliedern annähert.

Ableitung D2:

Besteht eine Diskrepanz bezüglich der Meinungen und Fähigkeiten, wird es Tendenzen geben, die übrigen Gruppenmitglieder zu “verändern”, um sie der eigenen Position anzunähern.

Im Kontext der Hypothese V implizieren diese Ableitungen unterschiedliche Vorgänge für Meinungen und Fähigkeiten:
Meinungen lassen sich relativ frei ändern, somit vollzieht sich der Prozess, die Positionen der Gruppenmitglieder relativ zueinander zu verändern, in Handlungen, die vorwiegend sozial orientiert sind. Bestehen Meinungsunterschiede und besteht zudem Uniformitätsdruck, manifestieren sich beide Formen des Drucks als Beeinflussungsprozess.
Besteht Uniformitätsdruck hinsichtlich der Fähigkeiten, manifestieren sich die beiden Formen des Drucks weniger als sozialer Prozess sondern eher in Handlungen gegen eine Umwelt, die die Dynamik einschränkt. Ohne den unidirektionalen Aufwärtstrieb (vgl. Hypothese IV) wäre dieser Prozess natürlich nicht kompetitiv.

Ein Experiment von Hoffmann, Festinger und Lawrence zeigt den kompetitiven Prozess: In einer Leistungssituation erzielt eine von drei Personen erheblich bessere Ergebnisse. Die beiden anderen können sich so verhalten, dass die überlegene Person keine zusätzlichen Punkte erzielt (und dies tun sie auch). Ist die Situation so eingerichtet, dass die Leistung des Einzelnen von den übrigen Gruppenmitgliedern kontrolliert werden kann, wird so gehandelt, dass die Position der Gruppenmitglieder dahingehend verändert wird, dass existierende Diskrepanzen verringert werden. Das Gruppenmitglied mit wesentlich höherer Leistung und außerdem ohne alternative Vergleichsgruppe für die Selbstbewertung seiner Fähigkeiten ist dem Druck der Vergleichbarkeit in zwei Weisen ausgesetzt: Die Leistung kann sinken oder die Leistungen der anderen können mit erheblichem Aufwand verbessert werden, bis einige Gruppenmitglieder nahe genug an die Bestleistungen heran reichen, um eine Vergleichbarkeit herzustellen, jedoch ohne dass sich die Leistungen exakt entsprächen. Sobald eine Vergleichbarkeit innerhalb der Gruppe wieder hergestellt ist, dürfte der Prozess weiter kompetitiv verlaufen.

Ableitung D3:

Bestehen Diskrepanzen hinsichtlich Meinungen oder Fähigkeiten, wird es Tendenzen geben, sich nicht länger mit jenen Gruppenmitgliedern zu vergleichen, die anders sind als man selbst.

Die Vergleichbarkeit kann auch durch veränderte Zusammensetzung der Vergleichsgruppe hergestellt werden. Gibt es jemanden, dessen Fähigkeiten sich sehr von den eigenen unterscheiden, und dessen Fähigkeiten somit nicht zur Selbstbewertung hilfreich sind, bedeutet das an sich noch keine Unannehmlichkeit.
Im Falle der Meinungen hingegen bedeutet eine Meinungsdiskrepanz eine Bedrohung der eigenen Meinung, da die abweichende Meinung bedeuten könnte, dass die eigene Meinung nicht korrekt bzw. gültig ist.

Hypothese VI

Wird der Vergleich mit anderen beendet, ist dies mit Feindseligkeit und Abwertung verbunden, und zwar in dem Maße, wie ein fortgesetzter Vergleich mit der betreffenden Person unangenehme Konsequenzen impliziert.

Im Falle von Meinungen müsste der Prozess, andere als nicht-vergleichbar zu definieren, erwartungsgemäß mit der Zurückweisung seitens der Gruppe einhergehen.
Im Falle von Fähigkeiten ist dies nicht notwendig zutreffend; definiert man die Fähigkeiten Tieferstehender als nicht-vergleichbar, tritt kaum eine Abwertung auf. Definiert man Höherstehende als nicht-vergleichbar, mag der unidirektionale Aufwärtstrieb in einigen Fällen zur Abwertung führen. Somit resultiert der Prozess, andere als nicht-vergleichbar zu definieren, in einer “Stratifikation des Status” – einige sind eindeutig unterlegen, andere überlegen.

Korollar VI A:

Das Ende des Vergleichens mit anderen wird im Falle der Meinungen mit Feindseligkeit oder Abwertung einhergehen. Im Falle der Fähigkeiten ist dies nicht generell zutreffend.

Im Folgenden geht es um Manifestationen des Uniformitätsdrucks (hervorgehend aus dem Trieb, Meinungen und Fähigkeiten zu evaluieren) und um die Frage, welche Faktoren die Intensität dieser Formen des Drucks bestimmen:

Ableitung E (von I, II, III):

Jegliche Faktoren, die den Druck verstärken, eine gewisse Meinung oder Fähigkeit zu evaluieren, steigern den Uniformitätsdruck bezogen auf die jeweilige Meinung oder Fähigkeit.

Hypothese VII

Jegliche Faktoren, die die Bedeutung einer bestimmten Gruppe als Vergleichsgruppe für eine bestimmte Meinung oder Fähigkeit erhöhen, erhöhen auch den Uniformitätsdruck bezogen auf die jeweilige Meinung oder Fähigkeit in der jeweiligen Gruppe.

Korollar zu Ableitung E:

Die wachsende Bedeutung einer Meinung oder Fähigkeit oder auch ein Wachsen der Relevanz für unmittelbares Verhalten steigern den Druck, Diskrepanzen bezüglich der betreffenden Meinung oder Fähigkeit zu verringern.

Je wichtiger die Meinung oder Fähigkeit für eine Person ist, und je größer der Bezug zum Verhalten (insbesondere soziales Verhalten), und je unmittelbarer das Verhalten ist – desto größer fällt der Evaluationstrieb aus.

Wenn der Uniformitätsdruck steigt, sollte sich auch die Tendenz verstärken, sich nicht mehr mit jenen zu vergleichen, die sich zu stark unterscheiden. Der Rahmen, innerhalb dessen hilfreiche Vergleiche zu anderen gezogen werden, verkleinert sich, während der Uniformitätsdruck ansteigt.

Korollar VII A:

Je attraktiver eine Gruppe ist, desto stärker fällt der Uniformitätsdruck bezogen auf Meinungen oder Fähigkeiten aus.

Festinger nennt drei Manifestationen höheren Uniformitätsdrucks:

  • eine erhöhte Neigung, die eigene Position zu ändern,
  • verstärkte Anstrengungen, die Positionen anderer zu ändern,
  • stärkere Beschränkung des Rahmens, innerhalb dessen hilfreiche Vergleiche gezogen werden können.

Korollar VII B:

Je relevanter die Meinungen oder Fähigkeiten für die Gruppe sind, desto stärker fällt der Uniformitätsdruck bezogen auf diese Meinungen oder Fähigkeiten aus.

Ist die jeweilige Meinung oder Fähigkeit notwendig oder wichtig für das Leben der Gruppe oder für das Erreichen von Befriedigungen, welche Mitglieder an die Gruppe binden, wird das Bedürfnis nach Evaluation in der Gruppe stark sein.

Im Folgenden geht es um Faktoren, welche die Manifestationen des Uniformitätsdrucks differenziell beeinflussen:

Hypothese VIII

Wenn Personen, die sich stark von den eigenen Meinungen oder Fähigkeiten unterscheiden, als von einem selbst verschieden wahrgenommen werden (und zwar bezogen auf Attribute, die mit der Divergenz übereinstimmen), wird die Neigung, den Vergleichsrahmen einzuengen, stärker.

Die Erkenntnis, dass in der Gruppe Heterogenität bezüglich der jeweiligen Angelegenheit besteht, befähigt die Gruppenmitglieder, ihren Vergleichsrahmen einzuengen.
Eine Verringerung der Kommunikation deutet hier auf verringerte Vergleichsbereitschaft mit anderen hin. Doch da gibt es noch die allgemein beobachtbare Neigung, am meisten mit solchen Gruppenmitgliedern zu kommunizieren, die abweichende Meinungen vertreten. Festinger löst diese Unstimmigkeit folgendermaßen:
Man vergleicht sich vornehmlich mit jenen, die einem selbst nahe stehen und erhält somit Unterstützung für die eigene Meinung aus der Gruppe der Ähnlichen.
Der Vergleich mit jenen, die andere Meinungen vertreten, bedeutet eine Bedrohung der eigenen Meinung.
Somit findet Kommunikation hauptsächlich mit jenen statt, die am meisten von der eigenen Position abweichen und dennoch den Vergleich noch zulässig erscheinen lassen – es handelt sich in diesem Fall um beeinflussende Formen der Kommunikation.

Hypothese IX

Wenn in einer Gruppe eine Palette von Meinungen und Fähigkeiten besteht, wird die relative Stärke der drei Manifestationen des Uniformitätsdrucks für diejenigen anders ausfallen, deren Position nahe am Modus der Gruppe liegt, als für diejenigen, deren Position vom Gruppenmodus weit entfernt liegt.

Insbesondere jene, die nahe am Modus der Gruppe liegen, werden

  • stärkere Tendenzen zeigen, die Position anderer (abweichender) Gruppenmitglieder zu verändern,
  • relativ schwächere Tendenzen, den Vergleichsrahmen einzuengen und
  • bedeutend schwächere Tendenzen, die eigene Position zu ändern.

(im Vergleich zu jenen, die vom Modus der Gruppe stärker abweichen).

Im Folgenden geht es um die Frage, welche Faktoren das Ausmaß des Uniformitätsdrucks bestimmen:

  • zum Teil ist die Stärke des Drucks ausschlaggebend

Im Falle der Meinungen:

  • Widerstand gegen Meinungsänderung
  • Macht der Gruppe, ihre Mitglieder erfolgreich zu beeinflussen.

Im Falle der Fähigkeiten kann der Prozess der Beeinflussung innerhalb der Gruppe keine Uniformität der Fähigkeiten herstellen, ganz gleich wie mächtig die Gruppe einwirkt. Uniformität ist nur insofern möglich, als die Werteinstellungen der Gruppenmitglieder bezogen auf eine bestimmte Fähigkeit verändert und der Motivationsgrad erhöht werden.

Folgen für Gruppenformation und gesellschaftliche Struktur

Nach Festingers Theorie wirkt der Trieb zur Selbstevaluation der eigenen Meinungen und Fähigkeiten auf

  • das Verhalten von Personen in Gruppenzusammenhängen,
  • Prozesse der Gruppenformation,
  • Prozesse veränderter Gruppenzugehörigkeit.

Der Trieb zur Selbstevaluation ist eine Kraft, die darauf hinwirkt, dass Personen sich in Gruppen zusammenfinden und sich zu anderen Menschen gesellen wollen. So sind die subjektiven Gefühle, die Korrektheit der eigenen Meinung festgestellt zu haben, bzw. die subjektive Evaluation adäquater eigener Leistungen bei wichtigen Fähigkeiten aussagekräftige Beispiele für die Befriedigungen, die Menschen daraus ziehen, dass sie sich in Gruppen zusammenfinden. Der Trieb zur Selbstbewertung ist ein wichtiger Faktor, der dazu beiträgt, den Menschen gesellig zu machen.

Die selektive Neigung, manchen Gruppierungen beizutreten und andere zu verlassen plus Beeinflussungsprozesse innerhalb der Gruppe sowie kompetitives Verhalten (wenn Diskrepanzen vorliegen), ist laut Festinger die sozialpsychologische Voraussetzung dafür, dass Menschen einer Gruppierung relativ ähnliche Meinungen und Fähigkeiten zeigen – zumindest in den für die Gruppe relevanten Bereichen. Verschiedene Gruppen sollten somit relative Unähnlichkeiten aufweisen.

Es ist laut Festinger durchaus denkbar, dass die gesellschaftliche Segementierung in Gruppen es der Gesellschaft ermöglicht, eine Vielfalt der Meinungen zu erhalten und Personen mit einer Vielzahl an Fähigkeiten unter zu bringen. Eine Gesellschaft, die nicht flexibel genug ist, solche Segmentierungen zuzulassen, wird demgemäß nicht dieselbe Vielfalt aufweisen.

Zudem ermöglicht die Segementierung in Gruppen mit relativ gleichen Fähigkeiten den Status innerhalb einer Gesellschaft. Werden solche Statusunterscheidungen fest beibehalten, profitieren sowohl die Höherstehenden, als auch die Tieferstehenden. Auf diese Weise können die Tieferstehenden nämlich die Unterschiede ignorieren und sich innerhalb der eigenen Gruppe vergleichen.

Die Bedeutung der Nicht-Vergleichbarkeit, die der Gruppensegmentierung notwendig folgt, betrachtet Festinger folgendermaßen:

  • Menschen sind sich der Meinungen von Mitgliedern nicht-vergleichbarer Gruppen mit Sicherheit in gewisser Weise bewusst.
  • Insofern als vollständige Nicht-Vergleichbarkeit nicht erreicht werden kann, hat dies bedeutsame Auswirkungen auf das erwartbare Verhalten von Minderheiten:
  • geringere Sicherheit ihrer Selbstbewertung,
  • der Uniformitätsdruck ist für Minderheiten höher als für die Mehrheit,
  • die Mitglieder einer Minderheit suchen stärkeren Rückhalt in der eigenen Gruppe,
  • die Mitglieder einer Minderheit sind weniger tolerant gegenüber verschiedenen Meinungen oder Fähigkeiten, die für die eigene Gruppe relevant sind.

Somit sind Minderheitengruppen häufig von Zersplitterung in immer kleinere Fraktionen betroffen, wenn sie unter starkem Druck von Seiten der Mehrheit stehen. Der stärkere Uniformitätsdruck impliziert zudem eine verstärkte Neigung, abweichende Personen als nicht-vergleichbar zu definieren. Nicht-Vergleichbarkeit hinsichtlich der Meinungen führt hier zur Abweisung seitens der Gruppe und somit zur Zersplitterung.

Konsequenzen des Vermeidens von Nicht-Vergleichbarkeit

Festinger nennt zwei Situationen, in denen Vergleichbarkeit erzwungen wird – trotz der Neigung, sich nicht mit stark Abweichenden zu vergleichen:

  • Wenn die Attraktivität der Gruppe aus anderen Gründen so stark ist, dass das in Meinungen oder Fähigkeiten stark abweichende Gruppenmitglied in der Gruppe bleiben möchte.

Wenn es außerdem keine alternative Vergleichsgruppe für die betreffende Meinung oder Fähigkeit gibt, oder wenn die Meinung oder Fähigkeit für die Gruppe höchst relevant ist, wird die Vergleichbarkeit innerhalb der Gruppe in hohem Maße erzwungen.

Eine Gruppe von hoher Attraktivität hat die effektive Macht, ihre Mitglieder zu beeinflussen; im Falle einer Meinungsdiskrepanz ist zu erwarten, dass abweichende Meinungen eliminiert werden und somit die Uniformitätsdynamik effektiv greift.
Bezogen auf Fähigkeiten wären die Werte und Bemühungen des Abweichenden nicht mit seinen Leistungen im Einklang. Ist die abweichende Person dem Gruppenmodus unterlegen, resultieren daraus tief empfundenes Versagen und Unzulänglichkeitsgefühle bezogen auf die in Frage stehende Fähigkeit.

  • Die Vergleichbarkeit wird auch dann erzwungen, wenn der Abweichende die Gruppe nicht verlassen kann. Wenn eine Person also physisch oder psychisch daran gehindert ist, die Gruppe zu verlassen, wenn des weiteren die Attraktivität der Gruppe Null oder negativ ist, hat die Gruppe keine effektiven Einflussmöglichkeiten. Straft die Gruppe Nicht-Zustimmung mit Drohungen oder Strafen, kann Uniformität auf diese Weise erzwungen werden.

Im Falle der Meinungen kann es unter den gegebenen Bedingungen dazu kommen, dass das abweichende Mitglied oberflächliche Zustimmung oder oberflächliche Konformität zeigt, ohne dass eine private Akzeptanz der Situation gegeben wäre.
Im Falle der Fähigkeiten müsste der Abweichende etwaige Strafen schlicht über sich ergehen lassen, da Fähigkeiten deutlich schwieriger zu ändern sind. Bei Fähigkeiten, die dem Gruppenmodus überlegen sind, wäre oberflächliche Konformität möglich. Bei unterlegenen Fähigkeiten und einer gegebenen alternativen Vergleichsmöglichkeit, mag die Gruppensituation den Abweichenden indes nicht so nachhaltig quälen. Oberflächlich wird der Betreffende Strebsamkeit an den Tag legen, und privat wird seine Evaluation der in Frage stehenden Fähigkeit unbeeinflusst bleiben können.

Quelle:
Festinger, Leon: A Theory of Social Comparison Processes. in: Human Relations 1954; 7; 117


Zitation

wieser, d. (03. Juni '07): Festinger, Leon: Eine Theorie Sozialer Vergleichsprozesse, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/festinger-vergleich


05. Dezember '07

Psychology Press Podcast

Am 04. Dezember 2007 veröffentlicht Psychology Press ein Audio-Interview mit Viren Swami zum Thema zwischenmenschlicher Anziehung. Der Psychologe ist Co-Autor eines Buches über körperliche Attraktivität mit dem Titel The Psychology of Physical Attraction.


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Schlüsselkonzept
03. Juli '07

Konformität

Konformität bedeutet, die eigenen Verhaltensweisen, Haltungen, Einstellungen bzw. Meinungen denen der Gruppenmitglieder (unaufgefordert) anzupassen.


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Referat
04. Juni '07

Bateson: Frustration-Aggression Hypothese und Kultur

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