Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Hypnose

Indem er wenige präzise Fakten zum Phänomen der Hypnose zusammenträgt, klärt Frankl die Zuhörer über eine geheimnisumwobene halbverstandene Behandlungstechnik auf.

Schon vor der Geburt der Psychoanalyse mit Erscheinen der Studien über Hysterie von Breuer und Freud gab es den Mesmerismus, und nach Frankls Dafürhalten könnte man auch Mesmer als Ursprung dieser Therapieform gelten lassen.

Der Mesmerismus hängt nicht etwa mit dem physikalischen Phänomen des Magnetismus zusammen, sondern entspricht tatsächlich der Hypnosebehandlung. Unter Hypnose befindet sich der Patient in einem psychischen Ausnahmezustand, der sich durch Suggestion herbeiführen lässt. Das Resultat ist schlicht, dass der Patient in diesem Zustand für weitergehende Suggestionen offener ist. Mit übersinnlichen Kräften hat das Phänomen definitiv nichts zu tun.

Es gab eine Phase, in welcher man Mythos und Technik sehr zeittypisch zu kombinieren wusste, indem man Menschen etwa via Telefon, Grammophon und Magnetophon mittelbar in Hypnose versetzte [Magnetophon ist die Bezeichnung für die ersten Tonaufzeichnungsgeräte aus den späten 20er Jahren].

Nach Frankls eigenen Praxiserfahrungen in der Anwendung der Hypnosetechnik stellt er klar, dass eine Hypnosebehandlung nur dann funktioniert, wenn der Patient ein praktisches Interesse am Behandlungsziel aufbringt, wenn er also überhaupt erst geheilt werden will.

Der Mythos von der Beeinflussung des Patienten über dessen eigene Absichten hinaus ist unrichtig. Ebenso unrichtig ist die populäre Annahme, nur oder mindestens doch besonders die willensschwachen Menschen ließen sich leicht hypnotisieren. Somit stellt Frankl eindeutig klar, ein Missbrauch dieser Behandlungstechnik sei unmöglich. Das Behandlungsziel müsse ein therapeutisches sein und mit den Interessen des Patienten zusammenwirken.

Über Angst und Angstneurosen

Dieser Vortrag ist mehr als nur Aufklärung über die Neurosenlehre, es spielen Inhalte von Frankls eigener Deutung mit hinein.

In der Neurosenlehre wird zwischen Angst- und Zwangsneurosen unterschieden. Entgegen der Diagnose, es handele sich um ein “Zeitalter der Angst” weist Frankl darauf hin, dass diese Erkrankungen nicht zunehmen, dass Angstzustände sogar seltener vorkommen, indes ändern sich die Symptome.

Anlass einer Angstneurose kann ein Trauma sein, dabei weist Frankl darauf hin, dass nach seinen Erkenntnissen selbst Menschen mit schweren Konflikten nicht notwendig erkranken, die Ursachen liegen seines Erachtens nicht in den Umgebungsumständen (also im Geschehen an sich), sondern im Wesen des Individuums begründet: “Dass ein seelisches Trauma […] auf einen Menschen überhaupt verletzend, also auf die Dauer schädigend wirkt, liegt jeweils am Menschen, an seiner ganzen Charakterstruktur, also nicht am Erlebnis selbst, das er erfahren musste” (69).

Es wäre sinnlos, Neurosen vorbeugen zu wollen, indem man die Menschen etwa möglichst vor psychischen Erschütterungen bewahren wollte, Frankl meint, es sei zuträglicher, sich “beizeiten sozusagen seelisch abzuhärten” (70). Interessanter Weise nehme überdies die Neurosenhäufigkeit in der Bevölkerung in Krisenzeiten ab.

Am Beispiel Arbeitslosigkeit oder Pensionierung macht Frankl deutlich, dass widersinniger Weise die Entlastung des Menschen zu einer neurotischen Krise führen kann. Abseits des alltäglichen Rhythmus – in diesem Falle abseits des Broterwerbs – entsteht ein Gefühl der Leere sobald der gewohnte Druck nachlässt. Somit kann gesagt werden, dass sowohl übermäßige Belastung als auch Entlastung den Menschen krank machen können. Der Lebenssinn indes hält die Balance und verhindert derartige Erkrankungen. Dieses Grundgesetz menschlichen Daseins will Frankl für die Therapie fruchtbar machen:

Bei einem angstneurotischen Patienten müsse der Therapeut die Aufmerksamkeit vom Symptom ablenken und einer wertvollen Sache zuwenden helfen, damit die im Zentrum der Besorgnis stehende eigene Person in den Hintergrund rücken kann, denn “erst in der Hingabe an eine Sache gestalten wir die eigene Person” (72). Man werde nur von der Angst befreit, wenn man Selbstbetrachtung und Selbstbespiegelung aufgeben könne, um sich einer gewissen Selbstaufgabe und Hingabe zu widmen. Darin liegt, so Frankl, das “Geheimnis der Selbstgestaltung” (72).

Als Referenz bezieht er zwei Aussagen von Karl Jaspers in seine Argumentation ein: zum einen die “Bodenlosigkeit des auf sich selbst allein gründenden Menschseins” (72-73) und zum anderen den Satz “Was der Mensch ist, das ist er durch die Sache, die er zur seinen macht” (73).

Nach Frankls Menschenbild ist die menschliche Existenz “zutiefst gekennzeichnet durch ihre Selbst-Transzendenz” (73), je mehr Hingabe jemand leisten kann, desto reicher (gesünder, wertvoller?) ist sein Menschsein.


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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16. Juni '07

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