Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Um die Liebe

Es geht um die psychologische Betrachtung der Liebe als zwischenmenschliches und intraindividuelles Phänomen. Für Frankl ist hier die Arbeit Binswangers, der Martin Heideggers Philosophie psychologisch nutzbar machte, von besonderem Interesse.

Binswanger setzt für Heideggers Konzept des In-Sorge Seins die Liebe als “liebendes Miteinandersein” ins Zentrum des menschlichen Daseins, welches Wirheit (nicht Wirrheit, sondern Wir-Gefühl) erzeugt. Seine Daseinsanalyse bringt somit einen anthropologisch ontologisches Konzept der Liebe hervor, während in der Psychoanalyse Liebe auf den biologisch physischen Sexualtrieb des Menschen reduziert bleibt, wohingegen in Schlagertexten nach Frankls Einschätzung alles als Liebe zu gelten hat.

Nach Frankls zusammenfassender Analyse handelt es sich um Liebe, wenn man nicht die Eigenschaften der jeweiligen Person meint, sondern die Person selbst als Trägerin jener Eigenschaften und damit den Menschen in seiner Einmaligkeit.

Im Gegensatz dazu steht ein anonymer auswechselbarer Partner als ein beliebiger Träger identischer (typischer) Eigenschaften; hierin sieht Frankl triebhafte Züge, denn es sei das Triebhafte im Menschen, das nach einem Typus suche statt nach einer Person. In etwas philosophischere Form gebracht hält Frankl fest, Liebe bedeute, eine Person in ihrem Wert erkennen und bejahen, und zwar auch ihr “Seinsollen” mitsehend (87).

Der gängige Spruch, Liebe mache blind, hält Frankl für nicht zutreffend, denn eigentlich mache bestenfalls das Verliebtsein eine ungewisse Blindheit aus, Liebe hingegen mache den Menschen “recht eigentlich erst sehend” (87).

Dennoch betont er den Zusammenhang von Triebhaftigkeit und Liebe, denn Liebe bedürfe der Triebhaftigkeit und umgekehrt, wobei er darauf verweist, dass erst die Liebe das Sexualleben menschenwürdig mache. Die Triebhaftigkeit bedürfe der Liebe nur, weil “jede normale Triebentwicklung die Liebesfähigkeit des jungen Menschen zur Bedingung und Voraussetzung hat” (88). Somit gibt Liebe erst Triebziel und ein Triebobjekt vor, worin Frankl die “Gewähr für endgültige und ausschließliche Partnerwahl” (88) sieht, denn “nur ein Ich, das ein Du intendiert, kann das Es integrieren!” (88)

Dann kommt Frankl auf Problemkonstellationen zu sprechen, die sich daraus ergeben, dass die oben genannte Integration nicht ohne Schwierigkeiten erfolgen kann: Wegen vorheriger Erfahrungen können sich Entmutigung und Enttäuschung im Bezug auf die Liebe festigen und so einen Rückschritt in der Entwicklung begründen. Dann stürzt man sich mitunter in den Rausch ausschließlicher Triebbefriedigung, so dass das Liebesbedürfnis betäubt und verdrängt werden kann. Frankl sieht hierin eine Überkompensation, da die Quantität Vorrang vor der Qualität erhält und sojemand sei “nicht imstande, sich ein wahres Liebesglück zu schaffen” (89).

Sexuelle Betäubung funktioniert auch zur Betäubung, wenn der Lebenssinn außer Reichweite geraten ist: “je mehr dann dieser sein Sinnanspruch ans Leben leer ausgeht, nur umso mehr wird die Triebbefriedigung zum Mittel zum Zweck […] also zum Genußmittel” (89). Hier kommt Frankl wieder auf seine These zurück, dass der Wille zur Lust (Lustprinzip) erst dann vorrangig wird, wenn der Wille zum Sinn frustriert ist. Somit wird der Fokus auf Triebbefriedigung nach Frankls Theorie zum Symptom eines existentiellen Vakuums. Wer in der Sexualität seine Betäubung findet, gebärdet sich nicht selten als Held (wohl der Eroberungen wegen?), in Wahrheit aber sei sojemand ein Schwächling, meint Frankl.

Zur balancierenden Darstellung der zum Thema Liebe gesetzten Priorität fügt Frankl in aller Deutlichkeit an, “nur in ein existentielles Vakuum hinein wuchert die sexuelle Libido!” (89)


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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16. Juni '07

Forschung Online

Im Netz finden sich mitunter hervorragend benutzerfreundliche Darstellungen sozialwissenschaftlicher Forschung… eine kommentierte Auswahl meiner Favoriten:


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Schlüsselkonzept
06. Juni '07

Balancetheorie

Mit der Balancetheorie lässt sich theoretisch ausdrücken, wie sich die Motivation für Veränderungen aus der Konfiguration bestimmter kognitiver Elemente ergibt (statt ausschließlich davon auszugehen, dass Bedürfniszustände alleinige Auslöser sein können). Denn nach gestalttheoretischen Prämissen formt das gesamte Muster einer Struktur deren motivationsspezifischen Auswirkungen auf den Menschen.


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Referat
30. Juli '07

Festinger & Carlsmith: Kognitive Konsequenzen erzwungener Zustimmung

In einer Zusammenfassung geben die Autoren Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz folgendermaßen wider:

Ist eine Person gezwungen, öffentlich eine Haltung zu vertreten, die der eigenen Haltung widerspricht, ist eine Neigung zur Meinungsänderung zu beobachten – die private Haltung wird der erzwungenen angeglichen.

Je mehr Druck das öffentliche Verhalten bewirkt hat, desto schwächer fällt die Neigung zur Meinungsänderung aus.

Quelle: Festinger, Leon & Carlsmith, James M.: Cognitive Consequences of Forced Compliance. in: Journal of Abnormal and Social Psychology, 58; 1959. (Host: yorku.ca) HTML


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