Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Über Angst- und Zwangsneurosen

In diesem Vortrag behandelt Frankl somatische Grundlagen neurotischer Erkrankungen sowie die Bedeutung des Humors für die Psychotherapie.

Obwohl nicht eindeutig ist, ob es sich bei somatischen Zusammenhängen im Falle neurotischer Erkrankungen um Krankheitsursachen oder Wirkungen dreht, zeigt Frankl am Beispiel der Platzangst, dass die Schilddrüsenfunktion von Belang ist.

Schematisch dargestellt ist der Zusammenhang einfach: Eine Überfunktion der Schilddrüse bzw. eine Übererregbarkeit des Sympathikus bedingt eine gesteigerte Angstbereitschaft. Angst wiederum erregt den Sympathikus. Derartige Mechanismen lassen sich am Beispiel der Platzangst als Spielart der Angstneurose nachvollziehen.

Abseits somatischer Hintergründe verweist Frankl darauf, dass die innere Haltung des Patienten darüber entscheidet, ob es nach traumatischen Erlebnissen zu einer neurotischen Erkrankung kommt. Eine somatische Angstbereitschaft addiert sich zur Erwartungsangst und resultiert in neurotischen Symptomen. Dabei bezieht sich die Erwartungsangst immer auf etwas sehr Spezifisches, die Angst selbst wird ängstlich erwartet, und somit fürchtet der Patient Folgeerscheinungen und etwaige Folgezustände der eigenen Angst.

Zur Therapie schlägt Frankl vor, sich die Absurdität der Situation zunutze zu machen. Man solle nicht vor der Angst flüchten, sondern sie geradezu aufsuchen, indem man sich wünscht, dass das eintritt, was man so sehr befürchtet: “Sobald nämlich an die Stelle der Furcht ein Wunsch tritt, ist aller Angst der Wind aus den Segeln genommen. Die dumme Angst ist dann die Klügere und gibt als solche nach” (92).

Beispielhaft erwähnt er einen Patienten, der bei gesellschaftlichen Auftritten entsetzlich schwitzte und sich verständlicher Weise vor diesen peinlichen Schweißausbrüchen so arg ängstigte, dass ein herrlicher Teufelskreis entstand: je mehr er sich vor dem Schwitzen fürchtete, desto angespannter wurde er und desto ärger schwitzte er denn auch. Frankl riet ihm, sich bei nächster sich bietender Gelegenheit vorzunehmen, die versammelte Gesellschaft mit seinen Schweißausbrüchen zu beehren – er solle sich wünschen, so zu schwitzen wie noch nie. Natürlich hatte die absurde Situation zur Folge, dass der Patient es innerlich lachend nicht zustande brachte, wie gewöhnlich in Schweiß auszubrechen: “Denn dieses Lachen, aller Humor, schafft Distanz, lässt den Patienten von […] den neurotischen Symptomen sich distanzieren” (93).

Somit rät Frankl, es sei überaus hilfreich, gewisse Symptome innerlich zu ironisieren (statt sie zu dramatisieren und den laufenden Mechanismen neue Nahrung zu geben), denn so ließen sich Teufelskreise überwinden.

Zum besseren Verständnis macht Frankl den Unterschied zwischen Angst- und Zwangsneurose deutlich: Ein Angstneurotiker leide an der Angst vor der Angst. Ein Zwangsneurotiker leide an der Angst vor dem Zwang. Während Patienten mit Angstneurose vor der Angst fortlaufen, rennen Patienten mit Zwangsneurose Sturm gegen die Angst.

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So einleuchtend und logisch die Therapievorschläge klingen habe ich das dumpfe Gefühl, die Angelegenheit sei nicht ganz so einfach wie im glorreichen Beispielfall dargelegt. Zum einen sind üppige Schweißausbrüche ein dicker Brocken; mir genügt schon die Tatsache, dass ich in gewissen Situationen schweißige Handflächen habe, was auf eher niedrigerem Peinlichkeits-Niveau zu einem ähnlichen Teufelskreis führt. Von dieser eigenen Erfahrung ausgehend kann ich nicht eben behaupten, es fiele mir nach Frankls Vortrag leicht, mich diesbezüglich auf die Humorschiene zu hieven.

Was ich meine, ist folgendes: der Therapievorschlag setzt voraus, dass man sich kognitiv einigermaßen vom Phänomen des Nicht-Schwitzen-Wollens distanziert, um sich überhaupt bewusst auf ein Schwitzenwollen konzentrieren zu können. Zumal ich es persönlich in den ominösesten Situationen nicht zustande brächte, mich gedanklich von der Angst vor schweißigen Handflächen loszureißen. Für mich ist die Geschichte mit den Handflächen ein guter Ausgangspunkt, um Erwartungsangst nachvollziehen zu können: erst erkenne ich eine Situation als potentiell gefährlich und gleichzeitig stelle ich an meinen Handflächen schon die befürchtete Reaktion fest.

Wenn ich mir nun nach Frankls Anweisung vornehme, bei der nächsten Gelegenheit jemandem meine schweißtriefende heiße Hand zu reichen, muss ich ehrlich gestehen, dass die Vorstellung jeglichen Humors entbehrt und ich eher eine unwirsche Haltung einnehme. Wie man eine angstbesetzte Situation ironisiert, wird mir womöglich nur ein Therapeut begreiflich machen können.

In Selbstversuchen hatte ich den besten Erfolg damit, der Situation offensiv zu begegnen und das ärgerliche Problem mit den eigenen Handflächen stur als völlig irrelevant zu deklarieren. Werde ich etwa nach einem Handschlag darauf angesprochen, kann ich diesem Gipfel aller diesbezüglichen Ängste damit begegnen, dass eine verschwitzte Hand überhaupt gar nichts “bedeutet” – Shit happens!

Ein weiteres Erlebnis im Zusammenhang mit neurotischem (Angst-) Schweiß ergab sich, als ein Dozent in sommerlichem Hemd mitten während des Vortrags darauf hinweis, er werde ergötzliche Schweißflecken im Hemd haben, und zwar als Resultat seiner Anspannung. Mich beeindruckte das Gleichzeitige von unterschwelliger Peinlichkeit bzw. vorauseilende Scham und der verbal-offensive Umgang mit dieser Misslichkeit: Das denkbar Schlimmste, das letztlich den Teufelskreis speist und im Rotieren hält, ist wohl, dass das angstbesetzte Phänomen “bemerkt” würde oder gar “zur Sprache” käme. Greift man dieser entsetzlichen Befürchtung vor, indem man das Monster beim Namen nennt, wird der Angst nach meiner Erfahrung ebenfalls der Wind aus den Segeln genommen.


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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