«Menschen sterben nicht. Ist das nicht das Credo der neuen Kultur? Menschen werden in Informationsströme aufgesogen. Ich weiß nichts darüber. Computer sterben. Sie sterben in ihrerer gegenwärtigen Form. Als ausgeprägte Einzeleinheiten sind sie schon so gut wie tot. Eine Kiste, ein Monitor, eine Tastatur. Sie verschmelzen mit der Textur des Alltagslebens. Ist das wahr oder nicht?»
DeLillo: Cosmopolis
Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955
d.wieser, 16. Juni 07
Narkoanalyse und Psychochirurgie
Bei diesem Vortrag räumt Frankl mit zwei so genannten Schreckgespenstern auf, die zu der Zeit, in welcher die Rundfunkvorträge stattfanden, offenbar die Bevölkerung beunruhigten.
Die Narkoanalyse ist unter dem irreführenden Schlagwort “Wahrheitsserum” bekannt geworden, eigentlich aber handelt es sich um ein gängiges Schlafmittel, das intravenös verabreicht wird, um einen Hypnosezustand herbei zu führen. Ziel der Behandlung ist es, eine hypnoseartige Enthemmung zu erreichen, so dass der Patient über Verschwiegenes sprechen kann. Ursprung der Narkoanalyse sei laut Frankl die so genannte Schlafmittelhypnose, die Psychiatern während des Zweiten Weltkrieges als eine Art Abkürzung diente, wenn es darum ging, Patienten beim Abreagieren traumatischer Erfahrungen zu helfen.
Die im Schlagwort Wahrheitsserum implizierte Wirkung befindet Frankl als in mehrerer Hinsicht unsinnig, denn ein Mensch bleibt unter der Wirkung des Narkotikums durchaus in der Lage, die Wahrheit mindestens teilweise zu verschweigen. Zudem steigt die Offenheit für Suggestionen, so dass schon eine gewisse Fragestellung dazu führt, ganz gewisse Aussagen zu erbringen. Ein “unwiderstehlicher Zwang, ein Geständnis abzulegen” (96) entstehe durch die Behandlung also keinesfalls, ebensowenig gehe daraus ein garantiert wahrheitsmäßiges Geständnis hervor.
Die Psychochirurgie, also eine Hirnoperation zur Beeinflussung psychotischer Erkrankungen, betrachtet Frankl als Gegenstück zur Narkoanalyse. Beide Behandlungsmethoden rufen den Eindruck hervor, es handele sich um Techniken, die den Patienten zum willenlos formbaren Objekt der Ärzte und Psychiater machten. Die Information, der Charakter eines Menschen werde durch psychochirurgische Eingriffe formbar, sei nicht ganz korrekt, und deshalb müht sich Frankl um angemessene Kontextualisierung:
Experimentelle Vorarbeiten zur Psychochirurgie leisteten Pötzl und Hoff 1932 in Wien, dabei ging es darum, psychotische Erkrankungen dadurch zu therapieren, dass man einen chirurgischen Eingriff am Stirnhirn vornahm. Resultate charakterlicher Änderungen fasst Frankl mit Antriebsschwäche oder aber der (sehr merkwürdig klingenden) “Bummelwitzigkeit” (98) zusammen. Der Charakter der Patienten änderte sich zwar, war aber keinesfalls steuerbar bzw. vorsätzlich in bestimmte Bahnen umlenkbar.
Der portugisische Neurologe Moniz erhielt den Nobelpreis für eine aus heutiger Sicht noch fehlerhafte Methode, durch Lobotomie (Lappenschnitt) bzw. Leukotomie (Schnitt durchs Weiße) jene Nervenbahnen zu unterbrechen, von denen er annahm, sie verursachten psychotische Wahnideen.
Später war man in der Lage, seinen Fehler zu erkennen und andere Wege zu finden, um psychotische Symptome beeinflussen zu können – und zwar ohne mit dem Skalpell im Hirn herumzuhantieren.
……………………………………………Mir war die Narkoanalyse kein Begriff, beide Behandlungsmethoden in der Zusammenschau aber legen irgendwie die Vermutung nahe, dass die leicht morbiden Züge des ganzen Arrangements um willenlos formbare Menschen nach so vielen Jahren noch immer Eingang in die Literatur und natürlich ins filmische Genre finden. Vermutlich funktioniert der Mythos nur, weil er für ein aufgeklärtes Publikum mehr Gespenst als Schreck zu bieten haben dürfte.
Zitation
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