Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Melancholie

In einer recht knapp gehaltenen Abhandlung differenziert Frankl, was sich hinter dem Krankheitsphänomen der Melancholie verbirgt.

Die Betonung liegt für Frankl auf einer korrekten psychiatrischen Diagnose, die zwischen Melancholie und neurotischer Depression differenzieren muss. Im Bereich der Psychosen nämlich unterscheidet man zwei so genannte “Formenkreise”, die Dementia praecox, auch Schizophrenie genannt, und den Bereich manisch-depressiver Erkrankungen. Hier handelt es sich um einen traurigen Verstimmungszustand, der phasenweise von übertriebenem Schaffensdrang und erheblicher Selbstüberschätzung abgelöst wird.

Frankl verweist darauf, dass bei einer psychotisch geprägten Melancholie die Skepsis bzw. der Pessimismus des Patienten ein Grundsymptom sei, und zwar ohne dass sich Motive (im Sinne äußerer Anlässe) für die Verstimmung finden ließen. Somit handelt es sich eigentlich eher um eine physische Erkrankung.

Natürlich wird Melancholie anders therapiert als neurotische Depression. Bei psychotischen Patienten legt Frankl Wert darauf, dass einerseits ein notwendiges Vertrauen in die 100%ig günstige Prognose geweckt wird und andererseits soll der Patient im Bezug zur Heilungsaussicht zur Geduld angehalten werden.

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Eigentlich ein spannend klingendes Thema: einerseits die psychotische Melancholie und andererseits die neurotische Depression; wie findet sich ein Psychiater bei der Diagnose zurecht? Ähneln sich die Krankheitsbilder tatsächlich oder legt dies nur die verwandte Namensgebung nahe?

Entweder habe ich Frankl nicht verstanden, oder aber er betont in diesem Vortrag lediglich, dass sich auch manisch-depressive Erkrankungen heilen lassen – vorausgesetzt man glaubt an die Aussicht auf Heilung und bringt die Geduld für eine (langwierige?) Behandlung auf.

Schizophrenie

Hier sammelt Frankl einige knappe Informationen zu Krankheitsbild und Behandlungsspielräumen.

Bleuler ging seinerzeit davon aus, das so genannte “Spaltungsirresein” sei darauf zurück zu führen, dass Assoziationskomplexe abgespalten sind. Frankl unterstreicht jedoch, diese Ansicht sei überholt, denn eine Bewusstseins- oder gar Persönlichkeitsspaltung sei bei dieser Erkrankung keineswegs gegeben.

Er differenziert zwischen drei Ausprägungen der Schizophrenie, zum einen gibt es die Hebephrenie, die durch einen frühen Beginn und langsamen Krankheitsverlauf gekennzeichnet ist. Des weiteren gibt es die Katatonie und schließlich noch die paranoide Schizophrenie. Katatonie, das so genannte “Spannungsirresein”, so Frankl, tritt akut auf, die Sperrung werde dann mitunter von einem ebenso plötzlichen Erregungszustand (Raptus) durchbrochen. Bei der paranoiden Ausprägung finden sich Wahnbildungen, welche sich zunächst auf Ideen bezüglich der Beziehung und der Beobachtungen beziehen und letztlich in einen Verfolgungswahn münden können. Zum Krankheitsbild zählen Sinnestäuschungen und Halluzinationen besonders bezogen auf Gehör und Körperempfindungen.

Da europäische Psychiater Schizophrenie nicht für seelisch bedingt halten, wie Frankl zusammenfasst, halten sie auch Psychotherapien für unangebracht. Frankl allerdings befürwortet Psychotherapien zur begleitenden Behandlung der Psychosen, denn auch wenn die wissenschaftliche Position dem entgegen steht, könne man “mindestens so tun, als ob es keine Erbanlage gäbe und als ob daher die Möglichkeiten seelischer Einflussnahme unbegrenzt wären – nur dann kann man die Gewissheit haben, die wirklich bestehenden Möglichkeiten auch ausgeschöpft zu haben” (109).


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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