Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Die Angst des Menschen vor sich selbst

Ein sehr interessanter Vortrag, der weniger psychiatrisch geprägt ist; Frankl nimmt vielmehr eine existentialistische Perspektive ein.

Im Rückbezug auf Kierkegaards Existenzphilosophie stellt Frankl der ursprünglichen Angst des Menschen vor dem Nichts die konkretisierte oder kondensierte Angst vor einem Etwas gegenüber. Von dort findet er den Übergang zur psychiatrisch belangreichen Kranheitsfurcht im Sinne einer neurotischen Angst vor der Angst bzw. einer Angst vor dem Zwang.

Neurotiker können nicht psychotisch werden, also nicht “geisteskrank” im landläufigen Verständnis. Dennoch aber befürchten Angstneurotiker, die Folgeerscheinungen der Angst würden zu einem Herzinfarkt oder Hirnschlag führen, sie könnten auf der Straße kollabieren oder ähnliches. Zwangsneurotiker entwickeln entsprechende Befürchtungen, wahnsinnig zu werden und in der Psychiatrie zu landen. Dadurch nährt sich der Teufelskreis ihrer Angst.

Frankl kontextualisiert das Konzept der Todesangst als Angst vor dem Nichts, wobei interessant ist, dass dieses Nichts sich nicht außerhalb des Menschen befindet, sondern innen, das bedeutet, “er ist aus Furcht vor sich selbst auf der Flucht vor sich selbst: er ist auf der Flucht vor dem Alleinsein – denn Alleinsein heißt ja allein-sein-müssen mit sich selbst” (113). Daraus leiten sich Frankls Theorien der Sonntagsneurose ab, denn eben am Wochenende wird der arbeitende Mensch mit sich selbst konfrontiert und findet im Innern die angstbesetzte Leere (das Nichts im eigentlichen Sinne) vor.

So ist die Sonntagsneurose ein “Gefühl der Öde und Leere, der Inhaltsleere und Sinnlosigkeit des Daseins, wie es gerade beim Stillstand wochentägiger Betriebsamkeit im Menschen aufbricht und zutage tritt” (114).

Die Angst des Menschen vor sich selbst ist nach Frankls Theorie auf einen frustrierten Willen zum Sinn zurück zu führen, welcher in der Lustbefriedigung zwar vorübergehend gemildert wird, das Problem an sich aber wird so nicht gelöst, sondern verschärft. Das ursprüngliche Problem ist das “Erlebnis der Ziel- und Zwecklosigkeit allen Bemühens”, welches Frankl als “existentielle Frustration bezeichnet, d.h. als Unerfülltheit des uns zutiefst innewohnenden Willens zum Sinn” (114).

Der Wille zur Lust stellt einen Ersatz für den Willen zum Sinn dar, dabei ist Lust im Grunde eine Wirkung des Willens zum Sinn; wird die Lust also von der Wirkung zum Ziel bzw. zum Zweck, entspannt sich die Lage des Individuums keineswegs, denn der Wille zum Sinn lässt sich auf diesem Fluchtweg nur betäuben oder vor dem eigenen Gewissen verbergen.

Um die Brisanz der Feststellung zu unterstreichen, führt Frankl eine Untersuchung von Plügge an, der bei fünfzig Personen, die einen gescheiterten Suizidversuch hinter sich hatten, feststellte, dass die Suizide “letztlich und eigentlich weder auf Krankheit noch auf wirtschaftliche Not, weder auf berufliche noch auf andere Konflikte zurückzuführen waren, sondern erstaunlicherweise auf eines: auf Hoffnungslosigkeit, auf Inhaltslosigkeit im Sinne von Langeweile, also auf die Unerfülltheit menschlicher Sehnsucht, menschlichen Ringes um einen gültigen Lebensinhalt” (114).

……………………………………………

Die Schlussworte dieses Vortrags habe ich vorsorglich in Gänze zitiert, da mir bei der Darstellung der Untersuchung von Plügge nicht ganz wohl ist: soll das bedeuten, von fünfzig Probanden hatten sich 100% aus Langeweile das Leben nehmen wollen? Wohlgemerkt ist Plügge Internist, mag die Probanden also durchaus auf physische oder berufliche Stressfaktoren hin untersucht und befragt haben. Dieses Ergebnis aus einer psychiatriefremden Branche findet Frankl denn auch “erstaunlich” – obzwar es nach seiner Theorie nun durchweg erwartbar wäre.

Frankls Vorträge wirken auf mich so, als bedeute die als Massenphänomen diagnostizierte “existentielle Frustration im allgemeinen” (114), dass die dargelegten Mechanismen nicht nur auf viele, sondern erwartungsgemäß auf alle Menschen zutreffen. Folgerichtig wären alle hedonistischen Strebungen des heutigen Menschen als Symptome des Massenphänomens zu verstehen; und die Pathologisierung des Zeitgeistes ist ein so umwerfend verallgemeinertes Konzept, dass mir unwohl ist. So zeigt die besagte Untersuchung denn auch im eigentlichen Sinne, was eine kollektive Neurose wirklich bedeutet…

Der Vortragsstoff war vor gut fünfzig Jahren aktuell – ist die kollektive Neurose nach Frankls Analyse denn heute weniger akut? Man könnte sich (jenseits neuer Statistiken) zum Beispiel fragen, ob hedonistisches Luststreben als Lebensinhalt nach wie vor den frustrierten Willen zum Sinn betäubt und ob die Menschen des 21. Jahrhunderts sich ebenfalls vor sich selbst fürchten, weil dieses existentielle Vakuum als das Nichts im Innern sie kräftig aus der Bahn gesunder Lebensführung haut. Wenn die von Frankl benannten Mechanismen heute ebenso aktuell gelten dürfen wie zu seinen Lebzeiten, dann drängt sich mir die Idee auf, dass all das bereits vor Frankls Analyse in den unterschiedlichsten Kulturepochen aktuell gewesen sein mag. Wäre dem so, dann könnte man sich immerhin darauf berufen, dass Frankl ein quasi überzeitliches Phänomen entdeckt hat, das die menschliche Existenz an sich betrifft.

Andersherum könnte man fragen, welche Sinnfindungsstrategien der heutige Mensch für sich entdecken konnte, was setzt die Masse dem existentiellen Vakuum der 50er Jahre heute entgegen? Dabei wäre zu beachten, dass Frankl nicht nur den abstrakten philosophischen Daseinssinn meint, sondern darüber hinaus einen tätigen aktiven Lebenssinn, etwas kreativeres, kommunitäres und anspruchsvolleres als beispielsweise “Selbstverwirklichung” egozentrischer Prägung. Derartige Fragen, die an Frankls Blick auf die Gesellschaft anschließen, erscheinen mir seltsam unlösbar.


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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29. August '07

Vorlesung zur Internet-Thematik online

Die Dozenten Dipl.-Psych. Matthias Spörrle und Dr. Bernhard Schmidt hielten im Wintersemester 2006 / 2007 eine Vorlesung zum Thema Internet–: Pädagogisch-psychologische Nutzung und Forschung.


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29. Januar '08

Exotismus und Xenophobie

Beiden Konzepten ist gemeinsam, dass sie zunächst einmal auf (unbewusst wirksame) Bilder des Fremden zurück zu führen sind, die auf individualpsychologischer, sozialpsychologischer und kultureller Ebene als Vermeidungshaltungen Bedeutung erlangen. Für die Interaktionen zwischen Gruppen spielen Exotismus und Xenophobie als kulturell verankerte Bilder der Fremdgruppe und tief verwurzelte Bewusstseinsphänomene eine Rolle.

«Von den Fremdenbildern einer Gesellschaft kann man auf ihre Veränderungschancen schließen.» [ Erdheim, 262 ]


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30. Dezember '07

Bauman: Dialektik der Ordnung

Im Vorwort zu «Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust» definiert Zygmunt Bauman seine Untersuchung als Beitrag zur Erforschung der Moderne, und zwar in einer Weise, die den Holocaust als Ergebnis des Zivilisationsprozesses betrachtet. Indem er einzelne Mechanismen analysiert und miteinander in Zusammenhang bringt, wird deutlich, inwiefern Voraussetzungen moralischer, gesellschaftlicher, sozialer, bürokratischer und technischer Art mit voranschreitender Modernisierung jenes Muster vertiefen, das den Holocaust ermöglicht hat.

«Der Holocaust war kein Bild an der Wand, sondern ein Fenster, durch das Dinge sichtbar wurden, die normalerweise unentdeckt bleiben. Und was zum Vorschein kam, geht nicht nur die Urheber, die Opfer und die Zeugen des Verbrechens etwas an, sondern ist von größter Bedeutung für alle, die heute leben und auch in Zukunft leben wollen.» (8)


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