«Nur fortgesetztes Nachdenken kann uns weiterhelfen. Das schafft uns zwar keinen archimedischen Punkt, der hoch genug läge, um einen unbehinderten Überblick zu gewähren; im Nachdenken erreichen wir aber doch wenigstens Augenblicke jener kritischen Distanz, die uns wahrzunehmen erlaubt, ohne dass unsere Gefühle vorschnell die Deutung aufnötigen.»
Margarete & Alexander Mitscherlich
Die Unfähigkeit zu trauern
Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955
d.wieser, 16. Juni 07
Von der Trotzmacht des Geistes
In der Auseinandersetzung mit der Macht, die Gene oder Hormone auf den Menschen haben, analysiert Frankl in diesem Vortrag die Bedeutung des Bewusstseins.
Steht der Mensch also unter dem Diktat des Körpers (gemeint sind etwa Hormone, Triebe, Gene) oder verfügen wir über freien Willen? Als Erweiterung des landläufigen Ausspruchs, wo ein Wille sei, dort sei auch ein Weg, postuliert Frankl, “wo ein Ziel – dort ein Wille” (125).
Während die Psychoanalyse entwickelt wurde, war der Gesellschaft offenkundig das Gespür für das Physische bzw. das Sexuelle oder das Triebhafte abhanden gekommen. Für die heutige Zeit (die 50er Jahre, wohlgemerkt) treffe dies nicht zu, so Frankl, vielmehr müsse man sich fragen, ob vor lauter Triebbewusstsein nicht die Geistigkeit des Menschen abhanden zu kommen drohe, denn aus seiner Sicht sei der moderne Mensch “geistesüberdrüssig” oder “geistesmüde” (126). Deshalb appelliert er, der Mensch solle sich vom Fokus auf seine Triebnatur befreien und sich seiner Geistigkeit klar werden: “Wir haben den Menschen wieder freizusprechen – frei und verantwortlich” (127).
Das bedeutet nicht, dass die Bedingtheit des Menschen zu ignorieren wäre; selbstverständlich bleiben wir durch Vererbung und Erziehung, also durch Anlage und Umwelt, determiniert. Daneben allerdings liegen Spielräume, innerhalb derer die Freiheit des Menschen gefragt ist, Frankl meint das, was der Mensch über alle Bedingtheit hinaus ist: das spezifisch Menschliche. Und hierin sieht er den Ausdruck der so genannten “Trotzmacht des Geistes”.
So der Mensch Determinismen in den Vordergrund stellt, übersieht er, dass er die Triebe hat, dass also nicht die Triebe ihn haben. Frankl erahnt hierin die Gefahr eines neurotischen Fatalismus: “Freilich, wer von vornherein sein Schicksal für besiegelt hält, wird außerstande sein, es zu besiegen” (128), und “was zuallererst bejaht werden müsste, vor aller Triebhaftigkeit, das ist die Freiheit” (128).
Damit führt Frankl quasi als nachzuliefernden Beweis für die Trotzmacht des Geistes an, dass ebendiese aktiviert werden müsse, um ein gesundes Gleichgewicht zwischen Determinismus und Freiheit entstehen zu lassen und überdies den eigentlichen Raum für die Entfaltung des spezifisch Menschlichen überhaupt erst abzustecken.
Nun werde das von Philosophen disputierte Freiheitskonzept keinesfalls ausschließlich theoretisch gelöst, denn Fragen um die Trotzmacht des Geistes und das Vorhandensein jener Spielräume, innerhalb derer der Geist frei ist, werde in der Lebenspraxis entschieden. “Wo ein Ziel – dort ein Wille”, somit solle der “geistesüberdrüssige” Mensch womöglich über Zielsetzungen wieder in aktiven Kontakt zur eigenen (Willens-) Freiheit kommen.
Mit der barsch wirkenden Feststellung, der Mensch ist seine Freiheit wie das Tier seine Triebe ist, setzt Frankl seine eindeutige These (als Psychiater und Therapeut) der Theoriediskussion unter Philosophen entgegen. Schließlich müsste sich jede Psychotherapie erübrigen, wenn die deterministischen Menschenbilder sich bewahrheitet hätten. An einen schicksalsergebenen Patienten gewendet fragt Frankl, ob man sich von sich selbst etwa alles gefallen lassen müsse – mit der Freiheit des Willens und dem Vermögen, auf sich selbst einzuwirken, kommt die Verantwortung ins Spiel.
Zitation
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