«Lassen wir der Sprache freien Lauf: der homo psychologicus ist ein Nachfahre des homo mente captus.
Da die Psychologie nur die Sprache der Alienation sprechen kann, ist sie also nur in der Kritik des Menschen möglich oder in der Kritik an sich selbst.»
Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft
Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955
d.wieser, 16. Juni 07
Der Mensch auf der Suche nach dem Sinn
Das Einleitungskapitel gibt einen Vortrag Frankls anlässlich des XIV. Internationalen Kongresses für Philosophie in Wien (1968) wider.
Zu Beginn steht Frankls Definition des Menschen als eines Sinnsuchenden, nicht Glück oder Würde sind seiner Auffassung nach Ziel dieser Suche, sondern: “Ich würde sagen, was der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein an sich, sondern ein Grund zum Glücklichsein.” (15) Von dieser Erklärung ausgehend stellt er ein Modell zusammen, das für alle folgenden Rundfunkvorträge von Relevanz ist. Der Ursprung menschlicher Sinnsuche ist der Wille zum Sinn. Wird dieser Wille zum Sinn frustriert, will der Mensch das Glück erzwingen und wendet sich ersatzweise dem Willen zur Lust zu. Ein somit erzwungenes Glück (für den Augenblick) gemäß des Lustprinzips erachtet Frankl als pathogen – die Menschen werden neurotisch. Dabei ist nach seinem Modell eindeutig, dass die Lust eine Wirkung darstellt, die aus dem Streben nach Sinn hervorgeht. Ist die Wirkung allerdings zum Ziel geworden, lässt sich das daran ablesen, dass die Menschen sich in Hyperintention und Hyperreflexion ergehen und dabei das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren: Wenn man nun nämlich die Lust erzwingen will, kommt die Lust nicht mehr als natürliche Wirkung zustande.
Die Dynamik von Hyperintention und Hyperreflexion macht Frankl am Beispiel der Sexualneurosen deutlich: der Konsumationszwang und die technische Vervollkommnung des Sexualaktes haben letztlich zur Folge, dass die Menschen kaum mehr in der Lage sind, Lust zu erleben. Somit stehen sie nicht nur ihrem Willen zum Sinn im Weg, sondern zusätzlich noch ihrem Willen zur Lust.
Dann zieht Frankl einen weiteren Kontextkreis, indem er das existentielle Vakuum darstellt, welches von Instinktverlust und Traditionsverlust gespeist ist: wenn der Mensch nichts muss (Instinkt) und nichts soll (Tradition), dann bleibt die Frage übrig, was man eigentlich noch will. Auf diese Frage bietet Frankl zwei Antworten, man will, was die anderen tun (Konformismus) oder man tut, was die anderen wollen (Totalitarismus). Damit ist der Boden für ein existentielles Vakuum bereitet, aus Konformismus, Totalitarismus und Neurotizismus entsteht Langeweile. Dabei deklariert Frankl neben psychogenen Neurosen eine weitere Neurosenform, die noogene Neurose, welche aus geistiger Not und infolge abgründigen Sinnlosigkeitsgefühls entsteht.
Zur Illustration führt er den PIL-Test an, den C. Crumbaugh zur Diagnose noogener Neurosen entwickelt hat. Auf der Seite des Viktor Frankl Instituts findet man Crumbaughs Werke in der Bibliographie.
Auf einer anderen Ebene findet Frankl Ursachen für das existentielle Vakuum in einem zynisch wirkenden und selbstverständlich gewordenen Reduktionismus, welcher Entitäten wie Persönlichkeit, Charakter, Sinn und Wert auf biochemische oder statistisch ausgewertete Faktoren zurückführt. Dabei habe der Reduktionismus immer nur im Rahmen seiner jeweiligen Dimension recht, ein solches unidimensionales Denken allerdings stehe der Sinnfindung im Wege, da “nämlich der Sinn einer Struktur über die Elemente hinausgeht, aus denen sie sich zusammensetzt, bedeutet letzten Endes, dass der Sinn in einer höheren Dimension lokalisiert ist, als es die Elemente sind” (21).
Außerdem stellt Frankl den Unterschied zwischen Sinngebung und Sinnfindung dar, ein Rorschachtest ist beispielsweise ein sinngebender Vorgang, Sinnfindung jedoch geschieht unter Beteiligung des Gewissens als eine Art Gestalterfassung. Zum einen müsse somit Erziehung das Gewissen “verfeinern”, damit der Mensch den Forderungscharakter jeder Situation erfassen kann. Und zum anderen sei der Mensch zur Verantwortung zu erziehen, damit eine Unterscheidung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem überhaupt erfolgen kann.
Gewandt an die Philosophen des Kongresses schließt Frankl mit dem Hinweis, die Phänomenologie übersetze das Grundwissen über den Sinn des Lebens in wissenschaftliche Form. Die von Frankl entwickelte Logotherapie wiederum übersetze das Erlernte zurück in die Sprache der Menschen. Ein Arzt (und erst recht ein “Seelenarzt”) müsse laut Frankl in der Lage sein, Philosoph zu sein, um den Lebensfragen seiner Patienten angemessen begegnen zu können.
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Dieser Vortragstext ist nicht Bestandteil der Rundfunkvorträge sondern richtet sich an Philosophen, was deutliche Auswirkungen auf die Textgestaltung hat. In wenigen Sätzen stellt Viktor Frankl seine schematisch vereinfachende Sicht der Ursachen kollektiver Neurosen dar. Zum einen postuliert er vor Freuds Willen zur Lust und Adlers Willen zur Macht einen ursprünglicheren und nicht zuletzt auch “gesünderen” Willen zum Sinn.
Irgendwie gelangt man zu dem Eindruck, er betrachte die versammelten Philosophen als Sinnexperten, deren Aufgabe es wäre, ebenso wie ein Arzt für die Sinnfindung der Patienten bzw. der Menschen insgesamt zuständig zu sein. Ohne Kritik an den Philosophen (was nach den Rüffeln in Richtung Buchgewerbe durchaus erwartbar wäre), sagt Frankl letztlich aus, dass die Erkenntnisse moderner Philosophie erst noch in die Sprache der Menschen zurück übersetzt werden müssen, um der Bevölkerung überhaupt zugute kommen zu können.
Wenn sich Frankl beinahe wütend gegen einen bequemen unidimensionalen Reduktionismus in den Wissenschaften wendet, spricht er im Grunde für die Differenzierung oder Dimensionierung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Besonders philosophischer Reduktionismus sei der Sinnsuche abträglich.
Nachdem er also vor Reduktionismus warnt, fordert er gleichzeitig auf, die Gewissenserziehung auszuweiten, dabei ist nicht ganz eindeutig, ob er die Zuständigkeit für Gewissensfragen ebenfalls dem Publikum zuschreibt. Um die Menschen auf den Weg effektiver Sinnsuche bringen zu können, wäre nach Frankls Auffassung ein gut ausgebildetes Gewissen sowie die erforderliche Verantwortung jedenfalls unerlässlich. Wie das Gewissen der Menschen indes “verfeinert” werden soll (und von wem und wodurch), bzw. wie das Verantwortungsgefühl zu beleben sei, das bleibt seltsam unausgesprochen.
Der Vortrag hat zwar appellativen Charakter, bleibt jedoch betont zurückhaltend in der Frage echter Zuständigkeiten. So erwähnt er die Philosophen nicht ausdrücklich als Wissenschaftler, die einen präzisen Beitrag zur Behebung des existentiellen Vakuums zu leisten hätten. Wohl aber geht aus dem Text hervor, dass es angesichts einer Massenneurose offensichtlich um Verantwortung der Wissenschaftler gehen muss.
Man könnte meinen, es sei ausschließlich Frankls Ziel gewesen, hier seine Gesellschaftstheorie zur Diskussion zu stellen; ihn aber beflügelt unentwegt die Besorgnis des Arztes, der nach Heilmethoden zu suchen beginnt, nachdem er eine neue (Zeit-)Krankheit entdeckt und analysiert hat. Deshalb erlangt man den Eindruck, es sei ihm daran gelegen, Philosophen in die Arbeit des Gesellschaftsarztes einzuspannen und ihre Expertise einzufordern.
Zitation
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