«Das Lesen versieht den Geist nur mit dem Material für das Wissen; erst das Denken macht das Gelesene zu unserem Eigentum.»
John Locke
Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955
d.wieser, 16. Juni 07
Ist der Mensch ein Produkt von Erbe und Umwelt?
Frankl geht hier von der These aus, man versuche, die Misere der Zeit und besonders den geistigen Notstand Einzelner wie auch der Masse insgesamt zu steuern, indem man auf dem hier in Frage stehenden Determinismus beharrt.
Doch allein über Gene und Umwelteinwirkung lässt sich der Mensch nicht erfassen, das eigentlich Menschliche werde außer Acht gelassen. Und wenn die Freiheit des Menschen unterschlagen werde, dann räche sich das beispielsweise in Form des Fatalismus.
Nach Frankls Perspektive hebt die Entscheidungsfreiheit den Menschen über sich selbst in seiner Bestimmtheit hinaus. Als Beispiel nennt er die Konzentrationslager ein “unbeabsichtigtes Massenexperiment zur Milieuforschung” (51), denn trotz Hunger sei keine Barbarei ausgebrochen und die Entscheidungskraft der Häftlinge habe den Milieueinfluss überragt.
Innerhalb des ihm noch zugemessenen Spielraumes sei der Mensch frei, so Frankl, ein innerer Halt in Form einer positiven Lebensauffassung wirke stärker als Erbe und Umwelt.
Kann man die Seele messen und wägen?
Es geht Frankl um die Frage, wie der seelische Aspekt des Menschseins (be)greifbar gemacht werden kann. Er beendet diesen Vortrag mit dem Hinweis, es sei seine “Überzeugung, dass das Gefühl viel feinfühliger sein kann, als der Verstand scharfsinnig” (162).
Bedeutsam ist der Hinweis an die Zuhörer des Rundfunkvortrages, dass ein Psychiater die Grenzen des Krankhaften wesentlich enger setzt als Laien. So gibt es zudem erhebliche Vorurteile bezüglich der Untersuchung psychischer Vorgänge oder der Untersuchung seelischer Hintergründe im Leben eines Menschen. Am bekanntesten dürften die Intelligenzprüfungen sein, welche allerdings nichts über das Wesen eines Menschen aussagen können, sondern Gedächtnisfunktion und Merkfähigkeit des Probanden testen können.
Sämtliche zur Ergründung von Wesensmerkmalen entwickelten Tests geben nur recht allgemeine typologische Orientierung und bergen zudem die Gefahr willkürlicher Deutungen, wie Villinger herausgearbeitet hat. Frankl meint nun, “will man also mehr als einen bloßen Typus, will man die Person erfassen, dann könnte man nie genug individualisieren. Ja, mehr als das: eigentlich müsste man für jede Person und […] jede Situation, in der sie sich befindet, einen eigenen Test erfinden. Man kann nämlich nie genug improvisieren” (160).
Obwohl sich der seelische Aspekt des Menschseins nicht mit Messverfahren ergründen lässt, widmet sich die Forschung bevorzugt der Vermessung von Teilaspekten. Wenn Frankl von Dimensionen spricht, meint er meist einen verborgenen Reduktionismus: “Testet man den Menschen, so ist es schon längst nicht mehr der Mensch, ist es jedenfalls nicht sein Wesen, was da erfasst wird. Vielmehr hat eine Psychologie, die in einer Testmethode gipfelt, den Menschen aus der ihm eigenen Dimension nur hineinprojiziert in die Dimension des Messbaren und Wägbaren. Das Wesentliche, das Eigentliche im Menschen, dessen Persönlichkeit, hat sie damit aus dem Blick verloren” (161).
Die Wesenserfassung ist für Frankl ein interindividueller Vorgang, der innere Aufgeschlossenheit voraussetzt, so geschieht die Erfassung nicht typologisch oder statistisch, sondern “in liebender Hingabe an das unverwechselbare Du des anderen” (161). Also ist es ein besonders intimer Vorgang, die Persönlichkeit eines anderen zu ergründen, in Frankls Formulierungen tauchen nicht umsonst Begriffe aus dem Vortrag über die Liebe auf. Es besteht eine Verwandtschaft zwischen psychotherapeutischer Beziehung und der Liebe.
“Der Liebe eignet eine kognitive, d.h. eine Erkenntnisfunktion. Aber auch die Psychotherapie muss Werte sehen; sie kann nie völlig wertfrei sein, sondern höchstens wertblind” (162). Wenn man so will, so ist die Seele zwar in Teilaspekten oder “Dimensionen” messbar, ein umfassenderer Zugang zum Wesen eines Menschen aber erfolgt über eine grundlegendere Aufgeschlossenheit, die der Liebe nicht unähnlich ist.
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