Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Das Buch als Therapeutikum

[aus dem Anhang:] Festvortrag zur Eröffnung der Buchwoche 1975

Das richtige Buch zur rechten Zeit kann “echte Lebenshilfe” leisten, so Frankl, dabei sieht er Literatur als Therapeutikum im Kampf gegen drei Aspekte der Zeitkrankheit: Pensionierungskrise, Arbeitslosigkeitsneurose und Sonntagsneurose.

Angesichts des um sich greifenden Sinnlosigkeitsgefühls, das Frankl als “existentielles Vakuum” bezeichnet, sei gute Literatur dazu geeignet, einen unerschöpflichen Sinn bereit zu halten: “Nichts aber vermöchte die Sinnfindung katalytisch so sehr in Gang zu bringen, wie das Buch” (170). Ein wirklich gutes Buch sei in der Lage, die Möglichkeit offen zu halten, dass sich die Wirklichkeit umgestalten lässt, denn ein solches Buch beschönigt oder verharmlost die Wirklichkeit nicht, und ermutigt, die Wirklichkeit nutzbar zu machen. Als zentripetales Freizeitvergnügen fördert Literatur das “selektiv Sein”: “Mitten in einer von der Dehumanisierung bedrohten Arbeitswelt schüttet der Mensch Inseln auf, auf denen er nicht nur sich unterhalten kann, sondern auch sich besinnen, nicht nur sich zerstreuen, sondern auch sich sammeln. Die aufs Lesen verwendete Freizeit verhilft ihm nicht zur Flucht vor sich selbst, vor seiner eigenen Leere, sondern sie lässt ihn “zu sich kommen”; (170-171).

Besonders hervorzuheben ist Frankls scharfer Ton in Richtung des Buchhandels und in gewissem Sinne auch in Richtung der Autoren: “Und eine Literatur, die es verschmäht, in diesem Sinne ein Heilmittel zu sein und am Kampf gegen die Krankheit des Zeitgeistes teilzunehmen”; eine solche Literatur ist nicht eine Therapie, sondern ein Symptom, das Symptom einer Massenneurose, der sie noch dazu in die Hände arbeitet. Wenn der Schriftsteller nicht fähig ist, den Leser gegen Verzweiflung zu immunisieren, dann soll er es doch wenigstens unterlassen ihn mit Verzweiflung noch zu infizieren” (167-168). Und schärfer noch in Richtung des Buchhandels: “Solange wir uns von vornherein auf den Standpunkt stellen, der Leser sei für dieses oder jenes Buch einfach zu blöd, bleibt er nicht nur auch wirklich blöd, sondern wird er überhaupt erst blöd” (171).

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Vergnüglich, wie sich Frankl dem Wert guter Literatur als Seelenbalsam zuwendet, um sich sogleich mahnend gegen jene zu wenden, die Literatur produzieren. Man könnte angesichts des letzten Zitates meinen, es basiere auf einer konkreten Unterhaltung mit jemandem, der anspruchsvolle Literatur für unverkäuflich hält.

Er weist jedoch darauf hin, dass die heilende Wirkung bestimmter Literaturformen immer auch im Bezug zu Texten stehend gesehen muss, welche die Leser weiter in Frustration und Verzweiflung treiben: Wenn ich mir den subjektiven Einwurf erlauben darf, so machen die Werke seriöser Autoren wie etwa Schmidtbauer oder Wickert auf mich eben diesen Eindruck– ihre Texte prangern den Verfall der heutigen Gesellschaft bis ins letzte hysterisch unter die Lupe gezerrte Detail an, allerdings fehlen ein optimistischer Grundton sowie Anhaltspunkte, wie der Misere entgegen zu wirken sei. Frankl dramatisiert eine “Zeitkrankheit”, dabei achtet er allerdings sehr darauf, nicht nur auf Gefahren oder bedenkliche Entwicklungen hinzuweisen, sondern er hat Strategien entwickelt, wie alledem entgegen zu wirken sei.

Grundsätzlich habe ich als Leserin ein ungutes Gefühl, sobald jemand die Zeit, in der wir leben, pathologisiert: alles wird schlechter, die Menschheit degeneriert, überall lauern unausweichliche Gefahren – mich erinnert dergleichen an Orakel oder finstre Propheten, deren Aussagen womöglich dazu angetan sind, in eine Dynamik der Self-Fulfilling-Prophecy zu münden. Während Schmidtbauer und Wickert zu den wuchernden Missständen nichts mehr einfällt (als ein den Niedergang dokumentierendes Buch nach dem anderen zu schreiben), wartet Frankl mit gut durchdachten Methoden und Konzepten auf. Wohl gemerkt: Er diagnostiziert die sog. Zeitkrankheiten so, dass seine Heilmethoden absolut passend wirken müssen. Und dennoch wird man feststellen, dass dieses existentielle Vakuum sich seit den 50er Jahren nicht etwa verflüchtigt hat. Ganz so einfach ist die Therapie der Gesellschaft offenbar nicht.

Am überzeugendsten wirkt auf mich Frankls Einwurf, freie Zeit münde in Sinnlosigkeitsgefühle, wenn man statt dem Sinn auf den Fersen zu bleiben, Zuflucht in Zerstreuung sucht. Das Bild zentripetaler Kräfte (das Gegenteil zentrifugaler Kräfte, der sog. Fliehkräfte also), die beispielsweise in Meditation oder eben beim Lesen guter Bücher zur Wirkung kommen, macht besonders dann Sinn, wenn man Fernsehen – als Zerstreuung – zum Gegenpol erklären wollte.

Das letztgenannte Zitat zeigt mir, wie entschieden sich Frankl gegen intellektuelle Unterforderung wendet, die letztlich eine Strategie darstellt, die Menschen “blöd” zu machen, damit die frei verkäuflichen Zerstreuungsmechanismen noch besser angenommen werden. Frankl ist sauer – er appelliert in diesem Vortrag nicht so sehr an die Sinnerfüllungskraft des Individuums wie an die Pflicht der Verlage, solcherart Sinnstrukturen überhaupt erst in Buchform zugänglich zu machen. Er mag gemeint haben, es sei die Aufgabe der Buchbranche, sich auf die Seite der Sinnsuche zu schlagen, statt der pathogenen Fliehkräfte Vorschub zu leisten.


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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16. Juni '07

Nachschlagewerke (engl.)

In englischer Sprache gibt das Netz bedeutend mehr her — meine Favoriten …


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06. Juni '07

Aggression

Aggression umfasst in psychologischem Verständnis die bewusste, willentliche Verletzung anderer Personen. Nicht nur Handlungen, auch Worte gelten als verbale Aggression, wenn sie anderen psychologischen Schaden zufügen. Darüber hinaus können auch Gedanken bzw. Phantasien als aggressiv gelten, welche die Verletzung anderer zum Inhalt haben.


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05. Juni '07

McIntyre et al.: Social Impact und Stereotyp

Man geht der Frage nach, inwiefern positive, erfolgreiche Rollenvorbilder mathematische Leistungen von Frauen beeinflussen können, während diese sich mit dem genannten Stereotyp konfrontiert sehen. Das zugrunde liegende Phänomen ist der sog. Stereotype Threat nach Steele, ein Effekt, der in Situationen greift, in welchen jemand etwas tut, für das es ein negatives Stereotyp der eigenen Gruppe gibt.


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