Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Die Problematik psychiatrischer Aufklärung

Dass psychiatrische Phänomene Eingang in moderne Unterhaltungsmedien gefunden haben, stellt Frankl vor die Problematik des gefährlichen Halbwissens und der Notwendigkeit, psychiatrische Sachverhalte allgemeinverständlich zugänglich zu machen.

Journalistische, filmische oder populärwissenschaftliche Information, wie sie Frankl zu seiner Zeit beobachtete, bringt nicht nur die Gefahr des Unverständnisses in der Bevölkerung mit sich, sondern mehr noch die Gefahr des Missverständnisses. Hiermit deklariert Frankl den Sinn seiner Rundfunkvorträge erneut als notwendige profunde Information im Sinne einer Aufklärung; er macht es sich zum Ziel mit Vorurteilen und Mythen bzw. Fehlinformationen über Thematiken seines Fachbereichs aufzuräumen, weil eben solche Missverständnisse pathogen sein können.

So sieht er die Popularisierung psychiatrischer Erkenntnisse (vornehmlich in den USA) als Ursache eines neurotischen Fatalismus, gemeint ist ausdrücklich eine “medizinische bzw. psychiatrische Volksbildung, die auf eine gefährliche Halbbildung hinausläuft” (30). Für seinen Einflusskreis bedeutet diese Vortragsreihe also eine Art Prophylaxebehandlung, die Frankl als “Psychohygiene” verstanden wissen will.

Anhand eines Filmbeispiels verdeutlicht er, wie unnötige Befürchtungen gezüchtet werden: “Und es wäre zu wünschen, dass sich die Verantwortlichen der Filmproduktion dessen bewusst werden, dass jeder Meter Film, den sie drehen, einen Eingriff in die Massenpsyche darstellt, und jede Filmvorführung, ob man will oder nicht, eine psychologische Massenordination” (31).

Damit umreißt Frankl im Grunde genommen die Problemstrukturen, vor denen spätere Medienwissenschaftler bzw. Medienpädagogen stehen sollten. In treuherzigster Art und Weise fordert er vom Filmgewerbe, es sei darauf zu achten, “dass alles, was die Massen beeindruckt und beeinflusst, nicht Krankheitszeichen bleibt, sondern Heilmittel wird” (31). Darin zieht er die Filmbranche ebenso zur Verantwortung wie die Buchbranche.

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Andersherum hätte er auch an das Verantwortungsbewusstsein der Individuen vor den Radios appellieren können, wie man heute an die Verantwortung der Eltern für den Medienkonsum ihrer Sprösslinge appelliert – ein solcher Aufruf an die Hörer bleibt allerdings aus.
Deutlicher ist sein Aufruf, man möge mit psychiatrischem Halbwissen vorsichtig umgehen (wobei natürlich kein Laie unterscheiden kann, ob er sich halbes oder umfassendes korrektes Wissen angeeignet hat). Worin nun genau ein so gefährliches Halbwissen zu erkennen sei, wird auch nicht wirklich deutlich. Frankl weicht auf das Filmgewerbe aus, weil dort bereits psychiatrisches Halbwissen verbraten werde, indem gewisse psychische Krankheiten so vage und damit so bedrohlich dargestellt werden, dass die Zuschauer zu Hypochondern werden (müssen).

Auch wenn sich Frankl die Mühe macht, mittels Rundfunkvorträgen dem sich einschleichenden Halbwissen etwas Hilfreiches entgegen zu stellen, bleibt die Problematik deutlich genug. Zwar sehe ich die Brisanz dessen nicht so deutlich wie ein Psychiater, der in seiner täglichen Arbeit mit eventuell medial inspirierten Hypochondern zu kämpfen hat, dennoch aber muss ich anerkennen, dass Missverständnisse und Halbwissen (bei entsprechender individueller Veranlagung) bedrohlichere Ausmaße annehmen würden, als eine wohlbedachte Dosis präzise kontextualisiertes Fachwissens.

Frankl widmet einer Entmythologisierung von Psychiatrie und Psychologie sowie der zugehörigen Therapieformen erhebliche Aufmerksamkeit. Wenn also jemand an Halbwissen erkrankt sein sollte, könnten tatsächlich nur Kontextverständnis und Fakten die ursprüngliche Beeinflussung aufwiegen. Möglich, dass diese Website ebenfalls zur Aufklärung beitragen kann …


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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