Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Psychoanalyse und Individualpsychologie

Frankl arbeitet sich bevorzugt (und in dieser Vortragsreihe ausschließlich) an Freud und Adler ab, wenn er sich mit Psychotherapie befasst. Zwischen Psychoanalyse und Individualpsychologie nämlich ist seine eigene Therapieform angesiedelt.

Adlers Individualpsychologie geht ursprünglich auf seine Forschungen zur Organminderwertigkeit zurück. Von dort ausgehend fand er ein seelisches Minderwertigkeitsgefühl, welches entweder kompensiert oder aber (in Form von Neurosenbildung) überkompensiert wird.

Freuds Psychoanalyse wiederum ist ein Kind ihrer Zeit, tief verankert in gesellschaftlichen Eigenheiten der viktorianischen Ära. Zudem ist Freuds Denken dem Naturalismus verhaftet, so dass er, laut Frankl, die Geistesnatur des Menschen zugunsten der Triebnatur zu übersehen neigte. Während Freud ausgehend von der Triebnatur die gesamte menschliche Natur erkärte, weist Frankl eindringlich darauf hin, dass man kein Menschenbild konstruieren darf, indem man vom Einzelfall eines triebgesteuerten Wesens ausgeht.

Zum Kontext erklärt Frankl das viktorianische Zeitalter zum “Zeitalter der Plüschkultur” (35), die Menschen waren einerseits prüde und andererseits lüstern – somit bedurfte zur damaligen Zeit tatsächlich die Triebnatur des Menschen der Entdeckung und der Etablierung. Insbesondere der sexuellen Unaufrichtigkeit musste zur Heilung der akut gewordenen Neurosen der Spiegel vorgehalten werden.

In der heutigen Zeit (gemeint sind die 50er Jahre, in denen diese Rundfunkvorträge entwickelt und gesendet wurden) besteht auf der Ebene der Triebnatur und der sexuellen Befriedigung nur indirekt ein Problem. Vorrangig ist ein “Ringen um Daseinssinn”, eine existentielle Unerfülltheit, so Frankl. Und wie ein Mensch daran leiden kann, dass er selbst wenig Wert hat (Individualpsychologie nach Adler), so leidet der heutige Mensch daran, dass sein Sein keinen Sinn hat.

Zur Illustration des Dilemmas greift Frankl auf ein Zitat von Nietzsche zurück: “Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.” Demgemäß hat sich therapeutisches Bemühen darauf zu richten, dass das Verlangen nach Sinnfindung zunächst überhaupt erst wieder geweckt wird. Zweitens dann soll eine Therapie die Sinnfindung im Leben der Menschen etablieren.
Zur vertiefenden Kontextualisierung stellt Frankl die Psychoanalyse dar als im Kern auf den Willen zur Lust hindeutend (Lustprinzip). Die Individualpsychologie nach Adler konzentriert sich auf den Willen zur Macht (das Geltungsstreben des Einzelnen), und diesen beiden Theorieperspektiven fügt Frankl sein eigenes Konzept an: “aber in Wahrheit ist der Mensch zutiefst durchwaltet von einem Willen zum Sinn” (36).

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Wenn ich Frankls Analyse der Massenneurose lese, ergeht es mir nicht anders als mit den Theorien der Psychoanalyse bzw. der Individualpsychologie: Es sind Diagnosen, die sich auf gesamtgesellschaftliche Phänomene beziehen, hervorgegangen wohlgemerkt aus psychiatrischer Praxis und einer Verallgemeinerung auf die Menschen “an sich”.
Man kann sich heute durchaus noch die Frage stellen, ob mit der eigenen Triebnatur etwas nicht rund läuft, oder ob das Geltungsstreben auf eine (Über-)Kompensation eigentlicher Minderwertigkeit zurück zu führen ist oder eben, ob der eigene Wille zum Sinn blockiert sein könnte. Während alle genannten Aspekte durchaus ein gutes Stück weit “zeitlose” Problematiken repräsentieren, kommt es mir etwas dubios vor, dass ein existentielles Vakuum eine Zeitkrankheit (und damit nun auch eine zeitlich-kulturell-epochal gebundene Erkrankung) darstellen könnte.

Alle drei Perspektiven haben etwas Verführerisches – nach meinem Dafürhalten ist es eine gewisse Eindeutigkeit, man kann die intelligent geführten Analysen kopfnickend absegnen und in die eigene Weltsicht einspeisen: Massenneurose. Bei mir persönlich bleibt jedoch eben angesichts der vereinfachenden schematischen Darstellung ein ungutes Gefühl, so als sei an der Beweisführung irgend etwas faul. Die gegenwärtige Zeit als von Sinnleere charakterisiert zu betrachten ebenso wie Frankl vor fünfzig Jahren seine Zeit auf diese Weise sah, ist wirklich eine naheliegende Analyse. Man schaut nach dem, was fehlt oder zunichte gemacht wird, und man wird nur weniges zusammenkratzen können, was den tiefen psychischen Sinnverlust auszubalancieren vermag.

Wenn Menschen, die ihr Leben der Sinnsuche verschrieben haben, Frankl zur Folge in der Hinwendung zu edlen Zielen viel mehr ertragen und überstehen, dann … sind dann alle Zeitgenossen von der Massenneurose der Moderne gefeit? Oder anders: so wie die von Freud effektiv popularisierte Triebnatur seine Zeitgenossen von neurotischen Neigungen befreite, so wäre die Sinnsuche als transzendenter Lebensinhalt wohl für Menschen aller Epochen heilsam. Was ich letztlich eigentlich sagen will – Frankls Konzept passt überhaupt nicht wirklich in die Tradition von Psychoanalyse (Wille zur Lust) und Individualpsychologie (Wille zur Macht), weil es beim Willen zum Sinn zwar gleichfalls um ein universelles und zeitloses Konzept geht, die Sinnsuche aber hat nach meinem “Empfinden” eine dem übergeordnete Natur.

Der Wille zum Sinn ist das überzeugendste der drei Konzepte, und ich wage zu behaupten, dass es in allen bisherigen und künftigen Epochen entsprechende Faktoren gäbe, die ein existentielles Vakuum zur Folge haben (können). An der gesamten Kontextualisierung seiner Theorie der noogenen Neurose stört mich einzig die Tatsache, dass dieses Phänomen am Heute der 50er Jahre festgemacht wird. Die Argumente bezüglich der Sonntags- Arbeitslosen- und Pensionierungsneurose lassen sich aalglatt auf das heutige Heute, also den Beginn des 21. Jahrhunderts, übertragen. Parallel zu verstehende Phänomene ließen sich wohl auch in Personen der Renaissance oder des Barock aufspüren, und zwar obwohl es damals eindeutige(re) Instinkte (das Müssen) und Traditionen (das Sollen) gegeben haben mag, bzw. konformistische oder totalitaristische Gesellschaftsstrukturen das Wollen des Individuums nivelliert haben mögen.

Wenn der Wille des Individuums frei ist, bzw. wo der tatsächliche Spielraum des individuellen Wollens gegeben ist, müsste sich Frankl zur Folge automatisch die Gefahr einer noogenen Neurose ergeben.


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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