Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Die fatalistische Einstellung

Drei Vorträge gehören zusammen, in welchen Frankl die Pathologie des Zeitgeistes analysiert: neben der fatalistischen Einstellung sind dies die provisorische Daseinshaltung und kollektivistisches Denken.

Wenn neurotische Patienten, wie der Psychiater Viktor E. Frankl feststellt, von der Macht äußerer Lebensumstände so beeindruckt sind, dass sie sich einer fatalistischen Lebenseinstellung ergeben, dann muss der Psychiater auf die individuelle Verantwortung hindeuten und zur “Verantwortungsfreude” erziehen, um eine gesunde Balance herzustellen.

Um dem Fatalismus als Kennzeichen der Zeit auf die Spur zu kommen, zieht Frankl eine populäre These heran, die hinter den durch technischen Fortschritt herbeigeführten Veränderungen des Alltags pathogenes Potential vermutet: das hohe Tempo mache die Menschen krank. Diese These bezeichnet Frankl als trivial und banal, denn mit Aufkommen erhöhten Lebenstempos sei offensichtlich auf die Anpassungsfähigkeit des Menschen Verlass. Allerdings weist er darauf hin, dass eine gewisse Tempoverliebtheit der Menschen wiederum einen Fluchtmechanismus darstelle. Ein rasendes Lebenstempo nämlich stelle einen “missglückten Selbstheilungsversuch” (38) im Sinne einer Selbstbetäubung dar: “Der Mensch ist auf der Flucht vor einer inneren Öde und Leere, und auf dieser Flucht stürzt er sich eben in einen Trubel” (38).

Somit extrahiert er aus einer banalen These doch noch einen Beweis für seine These des existentiellen Vakuums. Der sinnleere Mensch begibt sich nicht etwa auf die Suche nach dem Sinn, sondern tritt die Flucht nach vorne an: “Je weniger er weiß, je weniger er um so etwas wie einen Sinn des Daseins und ein Ziel seines Weges weiß – nur umso mehr beschleunigt er das Tempo, indem er diesen Weg durcheilt” (39).

Eine andere populäre These lautet, es handele sich aktuell um ein Zeitalter der Angst. Auch diese These lässt Frankl nur indirekt gelten, denn wenn es heute mehr Angst gibt als zu früheren Zeiten, die nun tatsächlich größeres Gefahrenpotential boten, dann liegt die Wurzel heutiger Angst in der Langeweile. Paul Polak habe erwiesen, dass existentielle Fragen im Bewusstsein der Menschen erst dann Relevanz erhalten, wenn die sozialen Fragen weitestgehend gelöst sind.

Somit ändert sich Angst nicht in ihrer Quantität, sondern qualitativ, im Hinblick auf die Symptome also, während die Häufigkeit konstant bleibt. Melancholische Erkrankungen seien inzwischen zurückgegangen, zumal die Menschen weniger von Schuldgefühl geplagt sind (bes. Schuld vor Gott). Melancholische Zustände werden eher dadurch ausgelöst, dass der Verlust von Gesundheit und Arbeit aktuelle Besorgnisse der Menschen darstellt.

Einen Zuwachs an psychotherapeutischem Bedürfnis der Menschen verzeichnet Frankl allerdings sehr wohl, und zwar gehe es dabei um das ewige alte metaphysische Bedürfnis. Mit einem Lieblingsgleichnis illustriert er anschließend, warum Entlastung die Menschen in eine Krise führt: Ein baufälliges Gebäude wird stabilisiert, indem man es belastet. Für den Menschen bedeutet das laut Frankl: “mit den äußeren Schwierigkeiten wächst anscheinend seine innere Widerstandskraft” (42). Voraussetzung dafür, dass ein Mensch angesichts erhöhter Belastung eben nicht in eine Krise gerät, ist dass der Mensch über ein Warum zum Leben, also über einen profunden Lebenssinn verfügt, auf welchen er in solchen Situationen zurückgreifen kann.

Anhand der Angst vor der Atombombe verdeutlicht Frankl, wie Menschen aus einer solchen Angst heraus in eine “provisorische Daseinshaltung” hinein geraten. Im Angesicht einer globalen Bedrohung gilt ihnen das eigene Leben als grundsätzlich sinnlos, eigene Handlungen und Entscheidungen werden ihnen zur Farce. Wie ein Mensch der heutigen Zeit zum Faktum Atombombe Stellung nimmt, gibt also Aufschluss über seine psychische Gefährdung, so Frankl. Der Gleichgültigkeit der Massen sei nur Abhilfe zu schaffen, indem Zielbewusstsein etabliert werde. Wenn der Mensch eine Aufgabe hat, wird er fähig, selbst unter schwierigen Bedingungen (wie etwa einer atomaren Bedrohung) “innerlich aufrecht” (42) zu bleiben.


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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