«Niemand liest etwas;
wenn er etwas liest, versteht er es nicht;
wenn er es versteht, vergisst er es sofort.»
Lemsches Gesetz
Stanislaw Lem: Eine Minute der Menschheit
Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955
d.wieser, 16. Juni 07
Das provisorische Dasein
Den Anknüpfungspunkt zu vorangegangenen Vorträgen bietet die Pathologie des Zeitgeistes. Viktor Frankl sieht zwei Hauptsymptome: zum einen den Fatalismus und zum anderen die provisorische Daseinshaltung.
Während des Krieges, in Kriegsgefangenschaft und in den Konzentrationslagern lebten die Menschen provisorisch von einem Tag zum nächsten. Dazu meint Frankl, “Der Mensch nun, der in den Tag hinein lebt, lebt immer auch aus dem Trieb heraus” (43). Das bedeutet zum Beispiel, dass sich Menschen im Bereich des Liebeslebens auf den Augenblick konzentrieren und ohne Weitsicht auf ein lebens- und menschenwürdiges Lieben auskommen. Es findet seinen Niederschlag zumal in typischen Kriegsehen, die zu Zwecken des Lustgewinns statt als Ausdruck der Verbundenheit geschlossen wurden.
Die Verbindung zur Jetztzeit findet Frankl in dem Hinleben der Menschen auf eine atomare Bedrohung, dafür setzt er den klinischen Ausdruck der “Erwartungsangst” ein, um die Bedeutung der inneren Blockade deutlich zu machen: “Denn selbst wenn es zur planetarischen Katastrophe eines dritten Weltkrieges kommen sollte, selbst dann ist unser aller tägliches und stündliches Bemühen niemals vergeblich” (44).
Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen im Konzentrationslager kann Frankl die oben begonnene Analogie vertiefen. Auch während des Krieges gebe es Menschen, die sich weiterhin ihrer Aufgabe widmeten: “für sie war dieses Leben [im Konzentrationslager] eher eine Bewährungsprobe, ja es wurde vielfach zum Höhepunkt ihres Daseins, nämlich zum Anlass höchsten Aufschwunges” (44). Daraus leitet er die Aufgabe für jeden Menschen ab, “das rechte, aufrechte Leiden echten Schicksals zu leisten” (45).
Seiner Analyse zur Folge entsteht Verzweiflung aus Vergötzung – darunter versteht er eine Verabsolutisierung eines einzigen Wertes oder Sinnmöglichkeit; wenn sich jemand auf einen solchen verabsolutierten Aspekt des Lebens konzentriert hat, mündet die eventuelle Nichterfüllung in Verzweiflung.
Wenn man auf der höchsten Anspruchsebene davon ausgeht, dass selbst im Leiden eine Sinnmöglichkeit liegt, kann das Leben niemals sinnlos sein. Frankl illustriert den Sachverhalt anhand der Atombombenphobie seiner Zeit und diagnostiziert eine Erwartungsangstneurose. Erst in der Erwartungsangst nämlich werde das, wovor man Angst hat, überhaupt wahr.
………………………………………………
Es ist nicht so einfach, Frankl in seiner Argumentation zu folgen, weil er seine Erfahrungen zu nicht unerheblichen Anteilen auf die Zeit im Konzentrationslager aufbaut. Ein solches Martyrium durchzustehen, setzt in der Tat eine Art geheimnisvoller innerer Ressource voraus, welche Frankl als einen tiefen Lebenssinn benennt, der sogar im äußersten Leid und im Angesicht des Todes noch weiter nach Sinnerfüllung strebt.
Auf mich wirkt die These idealistisch im besten Sinne, darüber hinaus allerdings auch deutlich heroisch und geradezu übermenschlich, insofern als am Daseinssinn ausgerechnet in Extremsituationen weiter gearbeitet werden soll. Was tatsächlich eine schockierende Wirkung auf mich hat, ist indes die konsequente Weiterführung seiner These – zuende gedacht bis an die Grenzen des Todes. Dabei ist es eher selten, dass Theoretiker ihre Konzepte auf die gesamte Lebensspanne ausdehen und dazu noch den “gesunden” Umgang mit dem eigenen Leid und Tod mit einbeziehen.
In Frankls Weltverständnis gehören Leid und Tod sehr viel selbstverständlicher zur Konzeption des Menschen hinzu, wenn man sich vor Augen führt, auf welche Erfahrungen er zurück blicken kann. Mir scheint in der heutigen Zeit seien diese Thesen von der transzendentalen Wirkung des Willens zum Sinn im Kontext der Betreuung und Pflege von Senioren und Schwerstkranken besonders von Interesse. Angesichts des herannahenden Todes wäre es somit Aufgabe des Pflegepersonals wie auch der Patienten selbst, für den Daseinssinn zu sorgen, statt davon auszugehen, dass eine provisorische Daseinshaltung für die Endphase des menschlichen Lebens schlichtweg die Norm darstellen muss.
Dass Menschen in Konzentrationslagern oder in Kriegsgefangenschaft zu Höchstleistungen fähig sind, erscheint mir einleuchtend. Dass Frankl die Allgemeinheit dazu auffordert, diesen Heldenbeispielen nachzueifern, ist eine ungemein anspruchsvolle Aufgabe.
Zitation
|
16. Juni '07
Forschung OnlineIm Netz finden sich mitunter hervorragend benutzerfreundliche Darstellungen sozialwissenschaftlicher Forschung… eine kommentierte Auswahl meiner Favoriten: » lesen ... |
06. Juni '07
AggressionAggression umfasst in psychologischem Verständnis die bewusste, willentliche Verletzung anderer Personen. Nicht nur Handlungen, auch Worte gelten als verbale Aggression, wenn sie anderen psychologischen Schaden zufügen. Darüber hinaus können auch Gedanken bzw. Phantasien als aggressiv gelten, welche die Verletzung anderer zum Inhalt haben. » lesen ... |
03. Juni '07
Rogers, Carl: Bedeutsame Aspekte der klientenzentrierten TherapieDas klientenzentrierte Wesen der Therapie besteht darin, dass sich der Therapeut darauf konzentriert, eine warme, zugewandte Atmosphäre zu gestalten, in welcher die Klienten arbeiten können. » lesen ... |



