Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Masse und Führer

Dieser Vortrag greift auf die Pathologie des Zeitgeistes zurück, deren Aspekte Fatalismus und provisorische Daseinshaltung bereits besprochen worden waren. In diesem Vortrag nun wendet sich Frankl einem dritten Aspekt zu, dem kollektivistischen Denken.

Der Fatalismus besagt, Handeln sei nicht möglich. Die provisorische Daseinshaltung besagt, Handeln sein nicht nötig. Kennzeichen kollektivistischen Denkens ist es, dass das Personsein (incl. der Verantwortung) zugunsten der Masse aufgegeben wird. Dabei unterscheidet Frankl sauber zwischen Gesellschaft oder Gemeinschaft und Masse: In der Masse kann keine Persönlichkeit und nicht einmal Individualität jemals zur Geltung kommen, das liegt im Wesen der Masse. Zugunsten der Gleichheit büßen Individuen ihre Persönlichkeit ein, um besser in der Masse untergehen zu können. Eine ursprüngliche Brüderlichkeit “degeneriert”, so Frankl, zum Herdeninstinkt (48).

Er leitet das Massenphänomen daraus ab, dass der heutige Mensch “verantwortungsscheu” sei, wobei Verantwortung immer eine explizit persönliche Angelegenheit ist. Der Krieg habe die Menschen gelehrt, sich treiben zu lassen und nach Möglichkeit nicht aufzufallen. In der Jetztzeit gebe sich der Mensch freiwillig als personales Wesen auf, wünsche ein Aufgehen in der Masse, bewirke damit aber den Untergang der eigenen Person. Mit dem Auf- oder Untergehen in der Masse ist allerdings nicht gegeben, dass das Individuum von seiner Verantwortung frei würde. Im Hinblick auf die seltsame Theorie der Kollektivschuld meint Frankl: “Wer pauschal, wer kollektiv urteilt bzw. wer ein Kollektiv verurteilt, der versucht nur, es sich bequem zu machen. […] sich der Verantwortung zu entheben – jener Verantwortlichkeit, die mit allem Urteilen oder gar Aburteilen verbunden ist” (49).

Der nach Frankl für das Massenphänomen anfällige Menschentyp sei der Fanatiker: “Während der kollektivistisch Denkende seine eigene Personalität vergisst, übersieht der fanatisch Eingestellte das Personsein des anderen, des anders Denkenden” (49). Ein fanatisch eingestellter Mensch ist dadurch charakterisiert, dass die öffentliche Meinung ihn im Griff hat, wohingegen er selbst ohne eigentlich eigene Meinung dasteht. An diesem Punkt bemächtigen sich Führer (bzw. Regierende) der öffentlichen Meinung und steuern somit die Meinung der Massen. Als Beispiel gilt die Regierungszeit Hitlers.

Innerhalb der öffentlichen Meinung können Schlagworte psychologische Kettenreaktionen auslösen, so denn kein Bezug mehr zur Bildung eines eigenen Standpunktes besteht: “Es ist nun begreiflich, dass ein Mensch ebenso lange, wie er eines Gewissenskonflikts überhaupt fähig ist, gegenüber dem Fanatismus, ja gegenüber der kollektiven Neurose, gefeit sein wird” (52), so Frankl.


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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04. Juni '08

Vorlesung zu Grundlagen der Sozialpsychologie SS 08

Prof. Dr. Heiner Keupp von der Ludwig-Maximilians Universität in München hält im Sommersemester 2008 eine Vorlesung zu den Grundlagen der Sozialpsychologie. Die Videos sind im Quicktime Player abspielbar, außerdem stehen begleitende Vorlesungsunterlagen im pdf-Format zum Download bereit.


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Schlüsselkonzept
06. Juni '07

Essstörung

Charakteristisch ist eine obsessive Beschäftigung mit Nahrung, Nahrungsaufnahme und Körpergewicht. Ursachen der verschiedenen Erkrankungsformen liegen grob gefasst im Bereich des Selbstwertgefühls sowie auch in gesellschaftlichen (medialen) Botschaften, welche Schlankheit mit Glücklichsein assoziieren.


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Referat
05. Juli '07

Gehorsam in moderner Gesellschaft: Die Utrecht Studien.

Das Gewicht der Autoritätsperson im Gehorsamsexperiment hat bei den Utrecht Studien nicht weniger Einfluss als bei Milgrams Experiment. Da die Form der ausgeübten Gewalt in dieser Studie alltäglichen Situationen angenähert ist, resultiert eine insgesamt höhere Gehorsamsbereitschaft für psychologisch-administrative Gewalt. Die Autoren sprechen hier von einem “Charakteristikum normaler sozialer Umstände” in modernen westlichen Gesellschaften.
Anders als in Milgrams Experimenten ist der Gehorsam hier nicht durch mangelnde Orientiertheit der Probanden zu erklären. Selbst wenn eine Woche im Voraus klar war, worum es im Experiment gehen würde, war die Gehorsamsbereitschaft extrem hoch. Die Experimente zeigten, dass die Probanden durchaus nicht unfähig wären, sich einer Autorität zu widersetzen, da sie sich beim ersten Anzeichen von Gefahr für sich selbst (legal liability) durchaus ungehorsam zeigen konnten. Als Grund nehmen die Autoren an, das Opfer sei in den Augen der Probanden eine neutrale Person, deren Schicksal ihnen letztlich gleichgültig sei, wenn sie die Verantwortung für den durch sie entstehenden Schaden einer Autorität (Institution) zuschreiben können.

Quelle: H.J. Wim Meeus & Quinten A.W. Raaijmakers: Obedience in modern society: the Utrecht studies. in: Journal of Social Issues, 1995.


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