«Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an interessant zu werden, wo sie aufhört.»
Justus Liebig
Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955
d.wieser, 16. Juni 07
Psychische Hygiene des Reifens
Während sich der Vortrag Psychische Hygiene des Alterns an die männliche Bevölkerung richtet, entwirft Frankl im Bezug auf das Altern der Frauen ein seltsam anderes Konzept: Torschlusspanik und aufrechtes Leiden echten Schicksals.
Nach Frankls Gesellschaftsbild (es geht um die 50er Jahre) gilt Arbeit als Domäne der Männer, somit scheiden auch nur Männer aus dem Berufsleben aus. Da es auch die älteren Frauen gibt, deren Leben sich im Alter ändert, entwickelt Frankl ein gesondertes Prophylaktikum. Indem er sich auf die Arbeiten von Charlotte Bühler bezieht, weist er darauf hin, dass es im Bezug zum Alter eine Gleichzeitigkeit von biologischem Abbau und biographisch-geistigem Höhepunkt zu beachten gilt: “Nur jene Frauen, die sich krampfhaft bemühen, um jeden Preis jugendlich auszusehen, haben Grund und Recht, alarmiert zu sein” (58).
Von dieser Gleichzeitigkeit ausgehend legt Frankl das (vermutlich weibliche?) Phänomen der Torschlusspanik dar, somit geht er implizit davon aus, dass mit dem Ende der Empfängnisfähigkeit bzw. dem Eintritt der Menopause für die Frau der Alterungsprozess beginnt. [zugegeben: ich hatte Verständnisschwierigkeiten…]
Torschlusspanik sei eine Form der Angst, so Frankl, alle Angst sei letztlich Todesangst, dem fügt er jedoch seine eigene Deutung hinzu: jede Angst sei Gewissensangst. Im Falle der Frauen bedeutet dies, dass mit der Torschlusspanik eine negative Gewissensangst einhergeht, welche die verpassten Chancen und versäumten Gelegenheiten des Lebens fokussiert. Auch hier spielt der Wille zum Sinn eine zentrale Rolle: Für eine Frau (zu Frankls Zeit) besteht der Lebenssinn etwa darin, Gattin und Mutter zu sein. Diese Werte würden häufig verabsolutiert – sein Konzept der Vergötzung verweist auf die implizite Verzweiflung, denn “nur dann, wenn sie diese Vergötzung rückgängig macht, ist sie auch der Verzweiflung nicht mehr ausgeliefert” (59).
Im Falle des frustrierten Lebenssinns einer Frau kann also entweder in gesunder Weise die Vergötzung aufgelöst werden, oder aber die Frau konzentriert sich auf Fluchtwege: etwa die Entwertung der eigentlich vergötzten Werte, Ressentiments (welche Frankl als “Lebensneid” versteht, hier aber eher als “Liebesneid” verstanden wissen will) – und so entsteht mitunter der Typus der “hysterischen alten Jungfer” (60). Dabei ist jeder Verzicht (auf die Erfüllung von Lebensinhalten) eine Leistung im Sinne einer tatsächlichen Verzichtsleistung. In Richtung der Frauen meint Frankl, Werte im eigenen Leben seien als relativ zu betrachten, da dies allemal gesünder wäre, als sich auf den Teufelskreis der Verzweiflung einzulassen: “absolut hingegen kann nur eines sein, und das ist das Gebot unseres Gewissens” (60-61).
Statt Ressentiments zu entwickeln und der Verzweiflung anheim zu fallen, appelliert er an die Leidensfähigkeit der Frauen, die nicht Mutter und Gattin sind, die also ihre Lebensziele verpasst haben, er ermutigt sie, “das rechte, aufrechte Leiden echten Schicksals zu leisten” (61). In einer Fußnote erläutert er weiter, die rechte Haltung gegenüber uns selbst sei entscheidend, “dass wir von uns selbst abrücken und damit über uns selbst hinauswachsen” (61).
In anderem Ton fährt Frankl fort, Torschlusspanik sei eine optische Täuschung, da das Tor, das sich zu schließen drohe, nämlich das Tor zu einer vollen Scheune sei.
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Jenseits meiner Irritation bezüglich der Geschlechterrollen und der damit einhergehenden Leidens- bzw. Arbeitsfähigkeit verstehe ich Frankls Anliegen 2006 eher als ein “unisex-Problem”:
Was für die Zeit des Rentenalters gesagt wird, gilt für beide Geschlechter, ebenso gilt die Problematik der sogenannten Torschlusspanik (und der gesündere Fokus auf die vollen Scheunen) für beide Geschlechter. Zwar ist die Ausrichtung auf das “reife Alter” im Sinne eines reifen und nicht mehr empfängnisbereiten Körpers durchaus auch 2006 ein ausschließlich weibliches Problem, Frankls Argumente allerdings reichen über diese biologische Einschränkung hinaus.
Männer wie Frauen sind im Alter mit der Erkenntnis konfrontiert, dass gewisse Lebensziele unmöglich noch verwirklicht werden können. Hängen dann Lebenssinn und sogar Wille zum Sinn mit diesen Werten untrennbar zusammen, ist die in diesem Vortrag problematisierte Verzweiflung akut. In Richtung der Männer erwähnt Frankl die typisierten Lebensziele wie etwa ein Buch schreiben, ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, (einen Sohn zeugen?) – es gibt für beide Geschlechter Lebensziele, von denen man sich in einer bestimmten Lebensphase verabschieden muss, ohne Ressentiments aufzubauen oder Verzweiflung aufkommen zu lassen.
In diesem Sinne bedeutet das Altern tatsächlich eine Herausforderung, die mit Schicksalsergebenheit (i.S.v. Fatalismus) schlecht beraten wäre. Frankl meint, man müsse zu der Erkenntnis gelangen, dass Ziele (explizit sogar: Werte) relativ und das eigene Gewissen absolut seien. Von dieser geistigen Struktur ausgehend entsteht jene innere Haltung, die ein eigentliches Hinauswachsen über sich selbst auch im Verzicht zu leisten weiß.
Wieder eine ungewohnt harte Anforderung. Mir will scheinen, als liege der Kern des Problems darin begründet, dass derartige Thematiken, Dynamiken und Appelle im Alltag der Menschen besonders rar seien. Ob direkte Zusammenhänge mit dem gesellschaftlichen Fokus auf Jugendlichkeit bestehen, ob der Mythos (käuflicher oder mindestens “machbarer”) ewiger Jugend hier mit hineinspielt, wage ich nicht zu entscheiden. Frankl bietet seinem Auditorium Anleitungen zum würdigen Altern und nicht zuletzt auch zu einer seltsam heroisch wirkenden inneren Ausrichtung auf den Tod.
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