«Die Welt ist gar nicht verrückt,
nur ungeeignet für normale und sehr wohl geeignet für normalisierte Menschen.»
Stanislaw Jerzy Lec
Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955
d.wieser, 16. Juni 07
Zwischen 1951 und 1955 hält Viktor E. Frankl monatliche Vorträge im österreichischen Radio. Sein Ziel ist es, in allgemeinverständlicher Form mit mythologisierenden Missverständnissen und Vorurteilen gegen die Psychotherapie aufzuräumen. Des weiteren geht es ihm um die sog. “Psychohygiene” angesichts einer sich ausbreitenden kollektiven Neurose.
Index
- Der Mensch auf der Suche nach dem Sinn
- Die Problematik psychiatrischer Aufklärung
- Psychoanalyse und Individualpsychologie
- Die fatalistische Einstellung
- Das provisorische Dasein
- Masse und Führer
- Psychische Hygiene des Alterns
- Psychische Hygiene des Reifens
- Hypnose
- Über Angst und Angstneurosen
- Über die Schlaflosigkeit
- Hypochondrie und Hysterie
- Um die Liebe
- Über Angst- und Zwangsneurosen
- Narkoanalyse und Psychochirurgie
- Melancholie
- Schizophrenie
- Die Angst des Menschen vor sich selbst
- Die Managerkrankheit
- Gnadentod oder Massenmord?
- Von der Trotzmacht des Geistes
- Das Leib-Seele-Problem, klinisch gesehen
- Spiritismus
- Was sagt der Psychiater zur modernen Kunst?
- Der Arzt und das Leiden
- Ist der Mensch ein Produkt von Erbe und Umwelt?
- Kann man die Seele messen und wägen?
- ANHANG: Das Buch als Therapeutikum
Die von mir verfassten referatähnlichen Texte stellen meine eigene Leseerfahrung dar und zwar ohne Gewähr bzgl. Fehlerlosigkeit. Der thematische Überblick bietet Interessierten einen ersten orientierenden Einstieg in Frankls Theorie- und Therapiekonzeption. Ich habe mir erlaubt, zu einzelnen Vortragsthemen meine subjektiven Gedanken anzufügen.
Quelle:
Viktor E. Frankl: Psychotherapie für den Alltag. Erstausgabe 1971: Psychotherapie für den Laien. Rundfunkvorträge über Seelenheilkunde. Frankfurt: Herder, Neuausgabe 1992.
Der Mensch auf der Suche nach dem Sinn
Das Einleitungskapitel gibt einen Vortrag Frankls anlässlich des XIV. Internationalen Kongresses für Philosophie in Wien (1968) wider.
Zu Beginn steht Frankls Definition des Menschen als eines Sinnsuchenden, nicht Glück oder Würde sind seiner Auffassung nach Ziel dieser Suche, sondern: “Ich würde sagen, was der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein an sich, sondern ein Grund zum Glücklichsein.” (15) Von dieser Erklärung ausgehend stellt er ein Modell zusammen, das für alle folgenden Rundfunkvorträge von Relevanz ist. Der Ursprung menschlicher Sinnsuche ist der Wille zum Sinn. Wird dieser Wille zum Sinn frustriert, will der Mensch das Glück erzwingen und wendet sich ersatzweise dem Willen zur Lust zu. Ein somit erzwungenes Glück (für den Augenblick) gemäß des Lustprinzips erachtet Frankl als pathogen – die Menschen werden neurotisch. Dabei ist nach seinem Modell eindeutig, dass die Lust eine Wirkung darstellt, die aus dem Streben nach Sinn hervorgeht. Ist die Wirkung allerdings zum Ziel geworden, lässt sich das daran ablesen, dass die Menschen sich in Hyperintention und Hyperreflexion ergehen und dabei das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren: Wenn man nun nämlich die Lust erzwingen will, kommt die Lust nicht mehr als natürliche Wirkung zustande.
Die Dynamik von Hyperintention und Hyperreflexion macht Frankl am Beispiel der Sexualneurosen deutlich: der Konsumationszwang und die technische Vervollkommnung des Sexualaktes haben letztlich zur Folge, dass die Menschen kaum mehr in der Lage sind, Lust zu erleben. Somit stehen sie nicht nur ihrem Willen zum Sinn im Weg, sondern zusätzlich noch ihrem Willen zur Lust.
Dann zieht Frankl einen weiteren Kontextkreis, indem er das existentielle Vakuum darstellt, welches von Instinktverlust und Traditionsverlust gespeist ist: wenn der Mensch nichts muss (Instinkt) und nichts soll (Tradition), dann bleibt die Frage übrig, was man eigentlich noch will. Auf diese Frage bietet Frankl zwei Antworten, man will, was die anderen tun (Konformismus) oder man tut, was die anderen wollen (Totalitarismus). Damit ist der Boden für ein existentielles Vakuum bereitet, aus Konformismus, Totalitarismus und Neurotizismus entsteht Langeweile. Dabei deklariert Frankl neben psychogenen Neurosen eine weitere Neurosenform, die noogene Neurose, welche aus geistiger Not und infolge abgründigen Sinnlosigkeitsgefühls entsteht.
Zur Illustration führt er den PIL-Test an, den C. Crumbaugh zur Diagnose noogener Neurosen entwickelt hat. Auf der Seite des Viktor Frankl Instituts findet man Crumbaughs Werke in der Bibliographie.
Auf einer anderen Ebene findet Frankl Ursachen für das existentielle Vakuum in einem zynisch wirkenden und selbstverständlich gewordenen Reduktionismus, welcher Entitäten wie Persönlichkeit, Charakter, Sinn und Wert auf biochemische oder statistisch ausgewertete Faktoren zurückführt. Dabei habe der Reduktionismus immer nur im Rahmen seiner jeweiligen Dimension recht, ein solches unidimensionales Denken allerdings stehe der Sinnfindung im Wege, da “nämlich der Sinn einer Struktur über die Elemente hinausgeht, aus denen sie sich zusammensetzt, bedeutet letzten Endes, dass der Sinn in einer höheren Dimension lokalisiert ist, als es die Elemente sind” (21).
Außerdem stellt Frankl den Unterschied zwischen Sinngebung und Sinnfindung dar, ein Rorschachtest ist beispielsweise ein sinngebender Vorgang, Sinnfindung jedoch geschieht unter Beteiligung des Gewissens als eine Art Gestalterfassung. Zum einen müsse somit Erziehung das Gewissen “verfeinern”, damit der Mensch den Forderungscharakter jeder Situation erfassen kann. Und zum anderen sei der Mensch zur Verantwortung zu erziehen, damit eine Unterscheidung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem überhaupt erfolgen kann.
Gewandt an die Philosophen des Kongresses schließt Frankl mit dem Hinweis, die Phänomenologie übersetze das Grundwissen über den Sinn des Lebens in wissenschaftliche Form. Die von Frankl entwickelte Logotherapie wiederum übersetze das Erlernte zurück in die Sprache der Menschen. Ein Arzt (und erst recht ein “Seelenarzt”) müsse laut Frankl in der Lage sein, Philosoph zu sein, um den Lebensfragen seiner Patienten angemessen begegnen zu können.
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Dieser Vortragstext ist nicht Bestandteil der Rundfunkvorträge sondern richtet sich an Philosophen, was deutliche Auswirkungen auf die Textgestaltung hat. In wenigen Sätzen stellt Viktor Frankl seine schematisch vereinfachende Sicht der Ursachen kollektiver Neurosen dar. Zum einen postuliert er vor Freuds Willen zur Lust und Adlers Willen zur Macht einen ursprünglicheren und nicht zuletzt auch “gesünderen” Willen zum Sinn.
Irgendwie gelangt man zu dem Eindruck, er betrachte die versammelten Philosophen als Sinnexperten, deren Aufgabe es wäre, ebenso wie ein Arzt für die Sinnfindung der Patienten bzw. der Menschen insgesamt zuständig zu sein. Ohne Kritik an den Philosophen (was nach den Rüffeln in Richtung Buchgewerbe durchaus erwartbar wäre), sagt Frankl letztlich aus, dass die Erkenntnisse moderner Philosophie erst noch in die Sprache der Menschen zurück übersetzt werden müssen, um der Bevölkerung überhaupt zugute kommen zu können.
Wenn sich Frankl beinahe wütend gegen einen bequemen unidimensionalen Reduktionismus in den Wissenschaften wendet, spricht er im Grunde für die Differenzierung oder Dimensionierung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Besonders philosophischer Reduktionismus sei der Sinnsuche abträglich.
Nachdem er also vor Reduktionismus warnt, fordert er gleichzeitig auf, die Gewissenserziehung auszuweiten, dabei ist nicht ganz eindeutig, ob er die Zuständigkeit für Gewissensfragen ebenfalls dem Publikum zuschreibt. Um die Menschen auf den Weg effektiver Sinnsuche bringen zu können, wäre nach Frankls Auffassung ein gut ausgebildetes Gewissen sowie die erforderliche Verantwortung jedenfalls unerlässlich. Wie das Gewissen der Menschen indes “verfeinert” werden soll (und von wem und wodurch), bzw. wie das Verantwortungsgefühl zu beleben sei, das bleibt seltsam unausgesprochen.
Der Vortrag hat zwar appellativen Charakter, bleibt jedoch betont zurückhaltend in der Frage echter Zuständigkeiten. So erwähnt er die Philosophen nicht ausdrücklich als Wissenschaftler, die einen präzisen Beitrag zur Behebung des existentiellen Vakuums zu leisten hätten. Wohl aber geht aus dem Text hervor, dass es angesichts einer Massenneurose offensichtlich um Verantwortung der Wissenschaftler gehen muss.
Man könnte meinen, es sei ausschließlich Frankls Ziel gewesen, hier seine Gesellschaftstheorie zur Diskussion zu stellen; ihn aber beflügelt unentwegt die Besorgnis des Arztes, der nach Heilmethoden zu suchen beginnt, nachdem er eine neue (Zeit-)Krankheit entdeckt und analysiert hat. Deshalb erlangt man den Eindruck, es sei ihm daran gelegen, Philosophen in die Arbeit des Gesellschaftsarztes einzuspannen und ihre Expertise einzufordern.
Die Problematik psychiatrischer Aufklärung
Dass psychiatrische Phänomene Eingang in moderne Unterhaltungsmedien gefunden haben, stellt Frankl vor die Problematik des gefährlichen Halbwissens und der Notwendigkeit, psychiatrische Sachverhalte allgemeinverständlich zugänglich zu machen.
Journalistische, filmische oder populärwissenschaftliche Information, wie sie Frankl zu seiner Zeit beobachtete, bringt nicht nur die Gefahr des Unverständnisses in der Bevölkerung mit sich, sondern mehr noch die Gefahr des Missverständnisses. Hiermit deklariert Frankl den Sinn seiner Rundfunkvorträge erneut als notwendige profunde Information im Sinne einer Aufklärung; er macht es sich zum Ziel mit Vorurteilen und Mythen bzw. Fehlinformationen über Thematiken seines Fachbereichs aufzuräumen, weil eben solche Missverständnisse pathogen sein können.
So sieht er die Popularisierung psychiatrischer Erkenntnisse (vornehmlich in den USA) als Ursache eines neurotischen Fatalismus, gemeint ist ausdrücklich eine “medizinische bzw. psychiatrische Volksbildung, die auf eine gefährliche Halbbildung hinausläuft” (30). Für seinen Einflusskreis bedeutet diese Vortragsreihe also eine Art Prophylaxebehandlung, die Frankl als “Psychohygiene” verstanden wissen will.
Anhand eines Filmbeispiels verdeutlicht er, wie unnötige Befürchtungen gezüchtet werden: “Und es wäre zu wünschen, dass sich die Verantwortlichen der Filmproduktion dessen bewusst werden, dass jeder Meter Film, den sie drehen, einen Eingriff in die Massenpsyche darstellt, und jede Filmvorführung, ob man will oder nicht, eine psychologische Massenordination” (31).
Damit umreißt Frankl im Grunde genommen die Problemstrukturen, vor denen spätere Medienwissenschaftler bzw. Medienpädagogen stehen sollten. In treuherzigster Art und Weise fordert er vom Filmgewerbe, es sei darauf zu achten, “dass alles, was die Massen beeindruckt und beeinflusst, nicht Krankheitszeichen bleibt, sondern Heilmittel wird” (31). Darin zieht er die Filmbranche ebenso zur Verantwortung wie die Buchbranche.
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Andersherum hätte er auch an das Verantwortungsbewusstsein der Individuen vor den Radios appellieren können, wie man heute an die Verantwortung der Eltern für den Medienkonsum ihrer Sprösslinge appelliert – ein solcher Aufruf an die Hörer bleibt allerdings aus.
Deutlicher ist sein Aufruf, man möge mit psychiatrischem Halbwissen vorsichtig umgehen (wobei natürlich kein Laie unterscheiden kann, ob er sich halbes oder umfassendes korrektes Wissen angeeignet hat). Worin nun genau ein so gefährliches Halbwissen zu erkennen sei, wird auch nicht wirklich deutlich. Frankl weicht auf das Filmgewerbe aus, weil dort bereits psychiatrisches Halbwissen verbraten werde, indem gewisse psychische Krankheiten so vage und damit so bedrohlich dargestellt werden, dass die Zuschauer zu Hypochondern werden (müssen).
Auch wenn sich Frankl die Mühe macht, mittels Rundfunkvorträgen dem sich einschleichenden Halbwissen etwas Hilfreiches entgegen zu stellen, bleibt die Problematik deutlich genug. Zwar sehe ich die Brisanz dessen nicht so deutlich wie ein Psychiater, der in seiner täglichen Arbeit mit eventuell medial inspirierten Hypochondern zu kämpfen hat, dennoch aber muss ich anerkennen, dass Missverständnisse und Halbwissen (bei entsprechender individueller Veranlagung) bedrohlichere Ausmaße annehmen würden, als eine wohlbedachte Dosis präzise kontextualisiertes Fachwissens.
Frankl widmet einer Entmythologisierung von Psychiatrie und Psychologie sowie der zugehörigen Therapieformen erhebliche Aufmerksamkeit. Wenn also jemand an Halbwissen erkrankt sein sollte, könnten tatsächlich nur Kontextverständnis und Fakten die ursprüngliche Beeinflussung aufwiegen. Möglich, dass diese Website ebenfalls zur Aufklärung beitragen kann …
Psychoanalyse und Individualpsychologie
Frankl arbeitet sich bevorzugt (und in dieser Vortragsreihe ausschließlich) an Freud und Adler ab, wenn er sich mit Psychotherapie befasst. Zwischen Psychoanalyse und Individualpsychologie nämlich ist seine eigene Therapieform angesiedelt.
Adlers Individualpsychologie geht ursprünglich auf seine Forschungen zur Organminderwertigkeit zurück. Von dort ausgehend fand er ein seelisches Minderwertigkeitsgefühl, welches entweder kompensiert oder aber (in Form von Neurosenbildung) überkompensiert wird.
Freuds Psychoanalyse wiederum ist ein Kind ihrer Zeit, tief verankert in gesellschaftlichen Eigenheiten der viktorianischen Ära. Zudem ist Freuds Denken dem Naturalismus verhaftet, so dass er, laut Frankl, die Geistesnatur des Menschen zugunsten der Triebnatur zu übersehen neigte. Während Freud ausgehend von der Triebnatur die gesamte menschliche Natur erkärte, weist Frankl eindringlich darauf hin, dass man kein Menschenbild konstruieren darf, indem man vom Einzelfall eines triebgesteuerten Wesens ausgeht.
Zum Kontext erklärt Frankl das viktorianische Zeitalter zum “Zeitalter der Plüschkultur” (35), die Menschen waren einerseits prüde und andererseits lüstern – somit bedurfte zur damaligen Zeit tatsächlich die Triebnatur des Menschen der Entdeckung und der Etablierung. Insbesondere der sexuellen Unaufrichtigkeit musste zur Heilung der akut gewordenen Neurosen der Spiegel vorgehalten werden.
In der heutigen Zeit (gemeint sind die 50er Jahre, in denen diese Rundfunkvorträge entwickelt und gesendet wurden) besteht auf der Ebene der Triebnatur und der sexuellen Befriedigung nur indirekt ein Problem. Vorrangig ist ein “Ringen um Daseinssinn”, eine existentielle Unerfülltheit, so Frankl. Und wie ein Mensch daran leiden kann, dass er selbst wenig Wert hat (Individualpsychologie nach Adler), so leidet der heutige Mensch daran, dass sein Sein keinen Sinn hat.
Zur Illustration des Dilemmas greift Frankl auf ein Zitat von Nietzsche zurück: “Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.” Demgemäß hat sich therapeutisches Bemühen darauf zu richten, dass das Verlangen nach Sinnfindung zunächst überhaupt erst wieder geweckt wird. Zweitens dann soll eine Therapie die Sinnfindung im Leben der Menschen etablieren.
Zur vertiefenden Kontextualisierung stellt Frankl die Psychoanalyse dar als im Kern auf den Willen zur Lust hindeutend (Lustprinzip). Die Individualpsychologie nach Adler konzentriert sich auf den Willen zur Macht (das Geltungsstreben des Einzelnen), und diesen beiden Theorieperspektiven fügt Frankl sein eigenes Konzept an: “aber in Wahrheit ist der Mensch zutiefst durchwaltet von einem Willen zum Sinn” (36).
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Wenn ich Frankls Analyse der Massenneurose lese, ergeht es mir nicht anders als mit den Theorien der Psychoanalyse bzw. der Individualpsychologie: Es sind Diagnosen, die sich auf gesamtgesellschaftliche Phänomene beziehen, hervorgegangen wohlgemerkt aus psychiatrischer Praxis und einer Verallgemeinerung auf die Menschen “an sich”.
Man kann sich heute durchaus noch die Frage stellen, ob mit der eigenen Triebnatur etwas nicht rund läuft, oder ob das Geltungsstreben auf eine (Über-)Kompensation eigentlicher Minderwertigkeit zurück zu führen ist oder eben, ob der eigene Wille zum Sinn blockiert sein könnte. Während alle genannten Aspekte durchaus ein gutes Stück weit “zeitlose” Problematiken repräsentieren, kommt es mir etwas dubios vor, dass ein existentielles Vakuum eine Zeitkrankheit (und damit nun auch eine zeitlich-kulturell-epochal gebundene Erkrankung) darstellen könnte.
Alle drei Perspektiven haben etwas Verführerisches – nach meinem Dafürhalten ist es eine gewisse Eindeutigkeit, man kann die intelligent geführten Analysen kopfnickend absegnen und in die eigene Weltsicht einspeisen: Massenneurose. Bei mir persönlich bleibt jedoch eben angesichts der vereinfachenden schematischen Darstellung ein ungutes Gefühl, so als sei an der Beweisführung irgend etwas faul. Die gegenwärtige Zeit als von Sinnleere charakterisiert zu betrachten ebenso wie Frankl vor fünfzig Jahren seine Zeit auf diese Weise sah, ist wirklich eine naheliegende Analyse. Man schaut nach dem, was fehlt oder zunichte gemacht wird, und man wird nur weniges zusammenkratzen können, was den tiefen psychischen Sinnverlust auszubalancieren vermag.
Wenn Menschen, die ihr Leben der Sinnsuche verschrieben haben, Frankl zur Folge in der Hinwendung zu edlen Zielen viel mehr ertragen und überstehen, dann … sind dann alle Zeitgenossen von der Massenneurose der Moderne gefeit? Oder anders: so wie die von Freud effektiv popularisierte Triebnatur seine Zeitgenossen von neurotischen Neigungen befreite, so wäre die Sinnsuche als transzendenter Lebensinhalt wohl für Menschen aller Epochen heilsam. Was ich letztlich eigentlich sagen will – Frankls Konzept passt überhaupt nicht wirklich in die Tradition von Psychoanalyse (Wille zur Lust) und Individualpsychologie (Wille zur Macht), weil es beim Willen zum Sinn zwar gleichfalls um ein universelles und zeitloses Konzept geht, die Sinnsuche aber hat nach meinem “Empfinden” eine dem übergeordnete Natur.
Der Wille zum Sinn ist das überzeugendste der drei Konzepte, und ich wage zu behaupten, dass es in allen bisherigen und künftigen Epochen entsprechende Faktoren gäbe, die ein existentielles Vakuum zur Folge haben (können). An der gesamten Kontextualisierung seiner Theorie der noogenen Neurose stört mich einzig die Tatsache, dass dieses Phänomen am Heute der 50er Jahre festgemacht wird. Die Argumente bezüglich der Sonntags- Arbeitslosen- und Pensionierungsneurose lassen sich aalglatt auf das heutige Heute, also den Beginn des 21. Jahrhunderts, übertragen. Parallel zu verstehende Phänomene ließen sich wohl auch in Personen der Renaissance oder des Barock aufspüren, und zwar obwohl es damals eindeutige(re) Instinkte (das Müssen) und Traditionen (das Sollen) gegeben haben mag, bzw. konformistische oder totalitaristische Gesellschaftsstrukturen das Wollen des Individuums nivelliert haben mögen.
Wenn der Wille des Individuums frei ist, bzw. wo der tatsächliche Spielraum des individuellen Wollens gegeben ist, müsste sich Frankl zur Folge automatisch die Gefahr einer noogenen Neurose ergeben.
Die fatalistische Einstellung
Drei Vorträge gehören zusammen, in welchen Frankl die Pathologie des Zeitgeistes analysiert: neben der fatalistischen Einstellung sind dies die provisorische Daseinshaltung und kollektivistisches Denken.
Wenn neurotische Patienten, wie der Psychiater Viktor E. Frankl feststellt, von der Macht äußerer Lebensumstände so beeindruckt sind, dass sie sich einer fatalistischen Lebenseinstellung ergeben, dann muss der Psychiater auf die individuelle Verantwortung hindeuten und zur “Verantwortungsfreude” erziehen, um eine gesunde Balance herzustellen.
Um dem Fatalismus als Kennzeichen der Zeit auf die Spur zu kommen, zieht Frankl eine populäre These heran, die hinter den durch technischen Fortschritt herbeigeführten Veränderungen des Alltags pathogenes Potential vermutet: das hohe Tempo mache die Menschen krank. Diese These bezeichnet Frankl als trivial und banal, denn mit Aufkommen erhöhten Lebenstempos sei offensichtlich auf die Anpassungsfähigkeit des Menschen Verlass. Allerdings weist er darauf hin, dass eine gewisse Tempoverliebtheit der Menschen wiederum einen Fluchtmechanismus darstelle. Ein rasendes Lebenstempo nämlich stelle einen “missglückten Selbstheilungsversuch” (38) im Sinne einer Selbstbetäubung dar: “Der Mensch ist auf der Flucht vor einer inneren Öde und Leere, und auf dieser Flucht stürzt er sich eben in einen Trubel” (38).
Somit extrahiert er aus einer banalen These doch noch einen Beweis für seine These des existentiellen Vakuums. Der sinnleere Mensch begibt sich nicht etwa auf die Suche nach dem Sinn, sondern tritt die Flucht nach vorne an: “Je weniger er weiß, je weniger er um so etwas wie einen Sinn des Daseins und ein Ziel seines Weges weiß – nur umso mehr beschleunigt er das Tempo, indem er diesen Weg durcheilt” (39).
Eine andere populäre These lautet, es handele sich aktuell um ein Zeitalter der Angst. Auch diese These lässt Frankl nur indirekt gelten, denn wenn es heute mehr Angst gibt als zu früheren Zeiten, die nun tatsächlich größeres Gefahrenpotential boten, dann liegt die Wurzel heutiger Angst in der Langeweile. Paul Polak habe erwiesen, dass existentielle Fragen im Bewusstsein der Menschen erst dann Relevanz erhalten, wenn die sozialen Fragen weitestgehend gelöst sind.
Somit ändert sich Angst nicht in ihrer Quantität, sondern qualitativ, im Hinblick auf die Symptome also, während die Häufigkeit konstant bleibt. Melancholische Erkrankungen seien inzwischen zurückgegangen, zumal die Menschen weniger von Schuldgefühl geplagt sind (bes. Schuld vor Gott). Melancholische Zustände werden eher dadurch ausgelöst, dass der Verlust von Gesundheit und Arbeit aktuelle Besorgnisse der Menschen darstellt.
Einen Zuwachs an psychotherapeutischem Bedürfnis der Menschen verzeichnet Frankl allerdings sehr wohl, und zwar gehe es dabei um das ewige alte metaphysische Bedürfnis. Mit einem Lieblingsgleichnis illustriert er anschließend, warum Entlastung die Menschen in eine Krise führt: Ein baufälliges Gebäude wird stabilisiert, indem man es belastet. Für den Menschen bedeutet das laut Frankl: “mit den äußeren Schwierigkeiten wächst anscheinend seine innere Widerstandskraft” (42). Voraussetzung dafür, dass ein Mensch angesichts erhöhter Belastung eben nicht in eine Krise gerät, ist dass der Mensch über ein Warum zum Leben, also über einen profunden Lebenssinn verfügt, auf welchen er in solchen Situationen zurückgreifen kann.
Anhand der Angst vor der Atombombe verdeutlicht Frankl, wie Menschen aus einer solchen Angst heraus in eine “provisorische Daseinshaltung” hinein geraten. Im Angesicht einer globalen Bedrohung gilt ihnen das eigene Leben als grundsätzlich sinnlos, eigene Handlungen und Entscheidungen werden ihnen zur Farce. Wie ein Mensch der heutigen Zeit zum Faktum Atombombe Stellung nimmt, gibt also Aufschluss über seine psychische Gefährdung, so Frankl. Der Gleichgültigkeit der Massen sei nur Abhilfe zu schaffen, indem Zielbewusstsein etabliert werde. Wenn der Mensch eine Aufgabe hat, wird er fähig, selbst unter schwierigen Bedingungen (wie etwa einer atomaren Bedrohung) “innerlich aufrecht” (42) zu bleiben.
Das provisorische Dasein
Den Anknüpfungspunkt zu vorangegangenen Vorträgen bietet die Pathologie des Zeitgeistes. Viktor Frankl sieht zwei Hauptsymptome: zum einen den Fatalismus und zum anderen die provisorische Daseinshaltung.
Während des Krieges, in Kriegsgefangenschaft und in den Konzentrationslagern lebten die Menschen provisorisch von einem Tag zum nächsten. Dazu meint Frankl, “Der Mensch nun, der in den Tag hinein lebt, lebt immer auch aus dem Trieb heraus” (43). Das bedeutet zum Beispiel, dass sich Menschen im Bereich des Liebeslebens auf den Augenblick konzentrieren und ohne Weitsicht auf ein lebens- und menschenwürdiges Lieben auskommen. Es findet seinen Niederschlag zumal in typischen Kriegsehen, die zu Zwecken des Lustgewinns statt als Ausdruck der Verbundenheit geschlossen wurden.
Die Verbindung zur Jetztzeit findet Frankl in dem Hinleben der Menschen auf eine atomare Bedrohung, dafür setzt er den klinischen Ausdruck der “Erwartungsangst” ein, um die Bedeutung der inneren Blockade deutlich zu machen: “Denn selbst wenn es zur planetarischen Katastrophe eines dritten Weltkrieges kommen sollte, selbst dann ist unser aller tägliches und stündliches Bemühen niemals vergeblich” (44).
Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen im Konzentrationslager kann Frankl die oben begonnene Analogie vertiefen. Auch während des Krieges gebe es Menschen, die sich weiterhin ihrer Aufgabe widmeten: “für sie war dieses Leben [im Konzentrationslager] eher eine Bewährungsprobe, ja es wurde vielfach zum Höhepunkt ihres Daseins, nämlich zum Anlass höchsten Aufschwunges” (44). Daraus leitet er die Aufgabe für jeden Menschen ab, “das rechte, aufrechte Leiden echten Schicksals zu leisten” (45).
Seiner Analyse zur Folge entsteht Verzweiflung aus Vergötzung – darunter versteht er eine Verabsolutisierung eines einzigen Wertes oder Sinnmöglichkeit; wenn sich jemand auf einen solchen verabsolutierten Aspekt des Lebens konzentriert hat, mündet die eventuelle Nichterfüllung in Verzweiflung.
Wenn man auf der höchsten Anspruchsebene davon ausgeht, dass selbst im Leiden eine Sinnmöglichkeit liegt, kann das Leben niemals sinnlos sein. Frankl illustriert den Sachverhalt anhand der Atombombenphobie seiner Zeit und diagnostiziert eine Erwartungsangstneurose. Erst in der Erwartungsangst nämlich werde das, wovor man Angst hat, überhaupt wahr.
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Es ist nicht so einfach, Frankl in seiner Argumentation zu folgen, weil er seine Erfahrungen zu nicht unerheblichen Anteilen auf die Zeit im Konzentrationslager aufbaut. Ein solches Martyrium durchzustehen, setzt in der Tat eine Art geheimnisvoller innerer Ressource voraus, welche Frankl als einen tiefen Lebenssinn benennt, der sogar im äußersten Leid und im Angesicht des Todes noch weiter nach Sinnerfüllung strebt.
Auf mich wirkt die These idealistisch im besten Sinne, darüber hinaus allerdings auch deutlich heroisch und geradezu übermenschlich, insofern als am Daseinssinn ausgerechnet in Extremsituationen weiter gearbeitet werden soll. Was tatsächlich eine schockierende Wirkung auf mich hat, ist indes die konsequente Weiterführung seiner These – zuende gedacht bis an die Grenzen des Todes. Dabei ist es eher selten, dass Theoretiker ihre Konzepte auf die gesamte Lebensspanne ausdehen und dazu noch den “gesunden” Umgang mit dem eigenen Leid und Tod mit einbeziehen.
In Frankls Weltverständnis gehören Leid und Tod sehr viel selbstverständlicher zur Konzeption des Menschen hinzu, wenn man sich vor Augen führt, auf welche Erfahrungen er zurück blicken kann. Mir scheint in der heutigen Zeit seien diese Thesen von der transzendentalen Wirkung des Willens zum Sinn im Kontext der Betreuung und Pflege von Senioren und Schwerstkranken besonders von Interesse. Angesichts des herannahenden Todes wäre es somit Aufgabe des Pflegepersonals wie auch der Patienten selbst, für den Daseinssinn zu sorgen, statt davon auszugehen, dass eine provisorische Daseinshaltung für die Endphase des menschlichen Lebens schlichtweg die Norm darstellen muss.
Dass Menschen in Konzentrationslagern oder in Kriegsgefangenschaft zu Höchstleistungen fähig sind, erscheint mir einleuchtend. Dass Frankl die Allgemeinheit dazu auffordert, diesen Heldenbeispielen nachzueifern, ist eine ungemein anspruchsvolle Aufgabe.
Masse und Führer
Dieser Vortrag greift auf die Pathologie des Zeitgeistes zurück, deren Aspekte Fatalismus und provisorische Daseinshaltung bereits besprochen worden waren. In diesem Vortrag nun wendet sich Frankl einem dritten Aspekt zu, dem kollektivistischen Denken.
Der Fatalismus besagt, Handeln sei nicht möglich. Die provisorische Daseinshaltung besagt, Handeln sein nicht nötig. Kennzeichen kollektivistischen Denkens ist es, dass das Personsein (incl. der Verantwortung) zugunsten der Masse aufgegeben wird. Dabei unterscheidet Frankl sauber zwischen Gesellschaft oder Gemeinschaft und Masse: In der Masse kann keine Persönlichkeit und nicht einmal Individualität jemals zur Geltung kommen, das liegt im Wesen der Masse. Zugunsten der Gleichheit büßen Individuen ihre Persönlichkeit ein, um besser in der Masse untergehen zu können. Eine ursprüngliche Brüderlichkeit “degeneriert”, so Frankl, zum Herdeninstinkt (48).
Er leitet das Massenphänomen daraus ab, dass der heutige Mensch “verantwortungsscheu” sei, wobei Verantwortung immer eine explizit persönliche Angelegenheit ist. Der Krieg habe die Menschen gelehrt, sich treiben zu lassen und nach Möglichkeit nicht aufzufallen. In der Jetztzeit gebe sich der Mensch freiwillig als personales Wesen auf, wünsche ein Aufgehen in der Masse, bewirke damit aber den Untergang der eigenen Person. Mit dem Auf- oder Untergehen in der Masse ist allerdings nicht gegeben, dass das Individuum von seiner Verantwortung frei würde. Im Hinblick auf die seltsame Theorie der Kollektivschuld meint Frankl: “Wer pauschal, wer kollektiv urteilt bzw. wer ein Kollektiv verurteilt, der versucht nur, es sich bequem zu machen. […] sich der Verantwortung zu entheben – jener Verantwortlichkeit, die mit allem Urteilen oder gar Aburteilen verbunden ist” (49).
Der nach Frankl für das Massenphänomen anfällige Menschentyp sei der Fanatiker: “Während der kollektivistisch Denkende seine eigene Personalität vergisst, übersieht der fanatisch Eingestellte das Personsein des anderen, des anders Denkenden” (49). Ein fanatisch eingestellter Mensch ist dadurch charakterisiert, dass die öffentliche Meinung ihn im Griff hat, wohingegen er selbst ohne eigentlich eigene Meinung dasteht. An diesem Punkt bemächtigen sich Führer (bzw. Regierende) der öffentlichen Meinung und steuern somit die Meinung der Massen. Als Beispiel gilt die Regierungszeit Hitlers.
Innerhalb der öffentlichen Meinung können Schlagworte psychologische Kettenreaktionen auslösen, so denn kein Bezug mehr zur Bildung eines eigenen Standpunktes besteht: “Es ist nun begreiflich, dass ein Mensch ebenso lange, wie er eines Gewissenskonflikts überhaupt fähig ist, gegenüber dem Fanatismus, ja gegenüber der kollektiven Neurose, gefeit sein wird” (52), so Frankl.
Psychische Hygiene des Alterns
Mit diesem Vortrag doziert Frankl über ein zu seiner Zeit bereits aktuelles Thema, die so genannte “Überalterung der Bevölkerung”. Dabei geht es ihm vereinfacht formuliert darum, die Sinnsuche des Menschen ins Rentenalter hinein zu retten.
Anhand eines szenischen Beispiels illustriert Frankl, dass Untätigkeit und zielloses Dahinleben im Alter die eigentliche Definition des “Siechtums” ausmacht, da es dem grundlegenden menschlichen Verlangen zuwiderläuft, “dem Dasein die Sinnfülle zu sichern” (53). Wird das Ringen um Lebenszweck und Daseinssinn im Alter frustriert, bedeutet dies ebenso wie für jüngere Menschen zum einen das Gefühl innerer Leere und des weiteren bedeutet es eine höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit oder gar einen verfrühten Tod. Aus diesem Grund plädiert Frankl für ein Tätigbleiben nach der Pensionierung, und zwar in einer Weise, die nicht nur dem Individuum zu einem Daseinszweck verhilft, sondern zudem einen unschätzbaren Beitrag für die Gemeinschaft beinhaltet.
Zur Verdeutlichung zieht Frankl Parallelen zwischen der Arbeitslosigkeitsneurose, die schon bei jungen Menschen schwere Depressionen zur Folge haben kann. Derartige Erkrankungen ließen sich seiner Forschung zur Folge lindern, indem die Betroffenen sich ehrenamtlich engagierten. Daraus leitet Frankl nun eine lebensverlängernde und krankheitsverhütende Wirkung des Tätigbleibens an sich ab.
Psychologisch bedeutsam ist, dass die Zeit sowie das Bewusstsein der Menschen von einem Gegenstand ausgefüllt bleiben, so dass das subjektive Gefühl erhalten bleibt bzw. neu geweckt wird, “ein wertvolles und lebenswürdiges Dasein zu leben” (57).
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Aus diesem Anliegen Frankls geht für mich erst hervor, was mit psychischer Hygiene gemeint ist – eine Art aufgeklärter Prophylaxebehandlung, die sich eindringlich gegen Dynamiken richtet, die seltsam “natürliche” Reaktionen der Menschen darstellen. Im Rentenalter genießt man seine freie Zeit, lebt endlich für sich allein und tut, was man will: man entspannt sich, meidet jegliche Form der Arbeit (für andere) und feiert sich selbst.
Mir kommt es so vor, als spreche Frankl vielleicht sogar gegen die etablierte “Natur” des Rentnerdaseins, wenn er entgegen einer hedonistischen Genußhaltung an die Schaffenskraft und sogar -pflicht der älteren Bevölkerungsanteile appelliert. Je nach Persönlichkeit des Einzelnen wird sein Aufruf eventuell unangenehm fordernd wirken. Sport und Fitness im Rentenalter sind heute etablierte Ziele, die der physischen Gesundheit dienen, Training des Geistes ist etwas weniger gut etabliert (und geht meines Erachtens in der Medienkonsum-Kultur kräftig unter), nun noch eine Fortsetzung der “Arbeit” vorzuschlagen, ist ungewöhnlich.
Wenn ich Frankl recht verstanden habe, meint er keine Hobbys, sondern die Übernahme von Verantwortung innerhalb der Gesellschaft; er meint auch keinen Freizeitsport, Spiele oder Reisen, sondern Tätigkeit – ob bezahlt oder unbezahlt sei egal: Arbeit also. Im Grunde tritt hier Frankls Menschenbild klar zutage, für ihn ist der Mensch natürlicherweise tätig und produktiv. Eine hedonistische Haltung, die er zwar nicht erwähnt, welche mit dem erwähnten “Siechtum” seltsam verknüpft scheint, und ein ergeben-passives Warten auf den Tod entsprechen nicht seinem Menschenbild.
Dreht man den Sachverhalt ein wenig um, so wird ersichtlich, dass das Rentenalter eine Lebensphase ist, in welcher man ohne täglicher Arbeit durch Erhalt der Rente wirtschaftlich versorgt ist; Frankl meint indes, dass man ohne Tätigsein nicht (gesund) leben kann, da Tätigkeit für den Menschen mehr ist, als Broterwerb – es ist Aktivität.
Bemerkenswert ist der Hinweis, dass sich Frankl mit diesem Vortrag an pensionierte Männer wendet, in Richtung der Frauen hingegen entwirft er einen gesonderten psychohygienischen Vorschlag mit charmanter Unterscheidung von Altern und Reifen: Die Psychische Hygiene des Reifens.
Psychische Hygiene des Reifens
Während sich der Vortrag Psychische Hygiene des Alterns an die männliche Bevölkerung richtet, entwirft Frankl im Bezug auf das Altern der Frauen ein seltsam anderes Konzept: Torschlusspanik und aufrechtes Leiden echten Schicksals.
Nach Frankls Gesellschaftsbild (es geht um die 50er Jahre) gilt Arbeit als Domäne der Männer, somit scheiden auch nur Männer aus dem Berufsleben aus. Da es auch die älteren Frauen gibt, deren Leben sich im Alter ändert, entwickelt Frankl ein gesondertes Prophylaktikum. Indem er sich auf die Arbeiten von Charlotte Bühler bezieht, weist er darauf hin, dass es im Bezug zum Alter eine Gleichzeitigkeit von biologischem Abbau und biographisch-geistigem Höhepunkt zu beachten gilt: “Nur jene Frauen, die sich krampfhaft bemühen, um jeden Preis jugendlich auszusehen, haben Grund und Recht, alarmiert zu sein” (58).
Von dieser Gleichzeitigkeit ausgehend legt Frankl das (vermutlich weibliche?) Phänomen der Torschlusspanik dar, somit geht er implizit davon aus, dass mit dem Ende der Empfängnisfähigkeit bzw. dem Eintritt der Menopause für die Frau der Alterungsprozess beginnt. [zugegeben: ich hatte Verständnisschwierigkeiten…]
Torschlusspanik sei eine Form der Angst, so Frankl, alle Angst sei letztlich Todesangst, dem fügt er jedoch seine eigene Deutung hinzu: jede Angst sei Gewissensangst. Im Falle der Frauen bedeutet dies, dass mit der Torschlusspanik eine negative Gewissensangst einhergeht, welche die verpassten Chancen und versäumten Gelegenheiten des Lebens fokussiert. Auch hier spielt der Wille zum Sinn eine zentrale Rolle: Für eine Frau (zu Frankls Zeit) besteht der Lebenssinn etwa darin, Gattin und Mutter zu sein. Diese Werte würden häufig verabsolutiert – sein Konzept der Vergötzung verweist auf die implizite Verzweiflung, denn “nur dann, wenn sie diese Vergötzung rückgängig macht, ist sie auch der Verzweiflung nicht mehr ausgeliefert” (59).
Im Falle des frustrierten Lebenssinns einer Frau kann also entweder in gesunder Weise die Vergötzung aufgelöst werden, oder aber die Frau konzentriert sich auf Fluchtwege: etwa die Entwertung der eigentlich vergötzten Werte, Ressentiments (welche Frankl als “Lebensneid” versteht, hier aber eher als “Liebesneid” verstanden wissen will) – und so entsteht mitunter der Typus der “hysterischen alten Jungfer” (60). Dabei ist jeder Verzicht (auf die Erfüllung von Lebensinhalten) eine Leistung im Sinne einer tatsächlichen Verzichtsleistung. In Richtung der Frauen meint Frankl, Werte im eigenen Leben seien als relativ zu betrachten, da dies allemal gesünder wäre, als sich auf den Teufelskreis der Verzweiflung einzulassen: “absolut hingegen kann nur eines sein, und das ist das Gebot unseres Gewissens” (60-61).
Statt Ressentiments zu entwickeln und der Verzweiflung anheim zu fallen, appelliert er an die Leidensfähigkeit der Frauen, die nicht Mutter und Gattin sind, die also ihre Lebensziele verpasst haben, er ermutigt sie, “das rechte, aufrechte Leiden echten Schicksals zu leisten” (61). In einer Fußnote erläutert er weiter, die rechte Haltung gegenüber uns selbst sei entscheidend, “dass wir von uns selbst abrücken und damit über uns selbst hinauswachsen” (61).
In anderem Ton fährt Frankl fort, Torschlusspanik sei eine optische Täuschung, da das Tor, das sich zu schließen drohe, nämlich das Tor zu einer vollen Scheune sei.
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Jenseits meiner Irritation bezüglich der Geschlechterrollen und der damit einhergehenden Leidens- bzw. Arbeitsfähigkeit verstehe ich Frankls Anliegen 2006 eher als ein “unisex-Problem”:
Was für die Zeit des Rentenalters gesagt wird, gilt für beide Geschlechter, ebenso gilt die Problematik der sogenannten Torschlusspanik (und der gesündere Fokus auf die vollen Scheunen) für beide Geschlechter. Zwar ist die Ausrichtung auf das “reife Alter” im Sinne eines reifen und nicht mehr empfängnisbereiten Körpers durchaus auch 2006 ein ausschließlich weibliches Problem, Frankls Argumente allerdings reichen über diese biologische Einschränkung hinaus.
Männer wie Frauen sind im Alter mit der Erkenntnis konfrontiert, dass gewisse Lebensziele unmöglich noch verwirklicht werden können. Hängen dann Lebenssinn und sogar Wille zum Sinn mit diesen Werten untrennbar zusammen, ist die in diesem Vortrag problematisierte Verzweiflung akut. In Richtung der Männer erwähnt Frankl die typisierten Lebensziele wie etwa ein Buch schreiben, ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, (einen Sohn zeugen?) – es gibt für beide Geschlechter Lebensziele, von denen man sich in einer bestimmten Lebensphase verabschieden muss, ohne Ressentiments aufzubauen oder Verzweiflung aufkommen zu lassen.
In diesem Sinne bedeutet das Altern tatsächlich eine Herausforderung, die mit Schicksalsergebenheit (i.S.v. Fatalismus) schlecht beraten wäre. Frankl meint, man müsse zu der Erkenntnis gelangen, dass Ziele (explizit sogar: Werte) relativ und das eigene Gewissen absolut seien. Von dieser geistigen Struktur ausgehend entsteht jene innere Haltung, die ein eigentliches Hinauswachsen über sich selbst auch im Verzicht zu leisten weiß.
Wieder eine ungewohnt harte Anforderung. Mir will scheinen, als liege der Kern des Problems darin begründet, dass derartige Thematiken, Dynamiken und Appelle im Alltag der Menschen besonders rar seien. Ob direkte Zusammenhänge mit dem gesellschaftlichen Fokus auf Jugendlichkeit bestehen, ob der Mythos (käuflicher oder mindestens “machbarer”) ewiger Jugend hier mit hineinspielt, wage ich nicht zu entscheiden. Frankl bietet seinem Auditorium Anleitungen zum würdigen Altern und nicht zuletzt auch zu einer seltsam heroisch wirkenden inneren Ausrichtung auf den Tod.
Hypnose
Indem er wenige präzise Fakten zum Phänomen der Hypnose zusammenträgt, klärt Frankl die Zuhörer über eine geheimnisumwobene halbverstandene Behandlungstechnik auf.
Schon vor der Geburt der Psychoanalyse mit Erscheinen der Studien über Hysterie von Breuer und Freud gab es den Mesmerismus, und nach Frankls Dafürhalten könnte man auch Mesmer als Ursprung dieser Therapieform gelten lassen.
Der Mesmerismus hängt nicht etwa mit dem physikalischen Phänomen des Magnetismus zusammen, sondern entspricht tatsächlich der Hypnosebehandlung. Unter Hypnose befindet sich der Patient in einem psychischen Ausnahmezustand, der sich durch Suggestion herbeiführen lässt. Das Resultat ist schlicht, dass der Patient in diesem Zustand für weitergehende Suggestionen offener ist. Mit übersinnlichen Kräften hat das Phänomen definitiv nichts zu tun.
Es gab eine Phase, in welcher man Mythos und Technik sehr zeittypisch zu kombinieren wusste, indem man Menschen etwa via Telefon, Grammophon und Magnetophon mittelbar in Hypnose versetzte [Magnetophon ist die Bezeichnung für die ersten Tonaufzeichnungsgeräte aus den späten 20er Jahren].
Nach Frankls eigenen Praxiserfahrungen in der Anwendung der Hypnosetechnik stellt er klar, dass eine Hypnosebehandlung nur dann funktioniert, wenn der Patient ein praktisches Interesse am Behandlungsziel aufbringt, wenn er also überhaupt erst geheilt werden will.
Der Mythos von der Beeinflussung des Patienten über dessen eigene Absichten hinaus ist unrichtig. Ebenso unrichtig ist die populäre Annahme, nur oder mindestens doch besonders die willensschwachen Menschen ließen sich leicht hypnotisieren. Somit stellt Frankl eindeutig klar, ein Missbrauch dieser Behandlungstechnik sei unmöglich. Das Behandlungsziel müsse ein therapeutisches sein und mit den Interessen des Patienten zusammenwirken.
Über Angst und Angstneurosen
Dieser Vortrag ist mehr als nur Aufklärung über die Neurosenlehre, es spielen Inhalte von Frankls eigener Deutung mit hinein.
In der Neurosenlehre wird zwischen Angst- und Zwangsneurosen unterschieden. Entgegen der Diagnose, es handele sich um ein “Zeitalter der Angst” weist Frankl darauf hin, dass diese Erkrankungen nicht zunehmen, dass Angstzustände sogar seltener vorkommen, indes ändern sich die Symptome.
Anlass einer Angstneurose kann ein Trauma sein, dabei weist Frankl darauf hin, dass nach seinen Erkenntnissen selbst Menschen mit schweren Konflikten nicht notwendig erkranken, die Ursachen liegen seines Erachtens nicht in den Umgebungsumständen (also im Geschehen an sich), sondern im Wesen des Individuums begründet: “Dass ein seelisches Trauma […] auf einen Menschen überhaupt verletzend, also auf die Dauer schädigend wirkt, liegt jeweils am Menschen, an seiner ganzen Charakterstruktur, also nicht am Erlebnis selbst, das er erfahren musste” (69).
Es wäre sinnlos, Neurosen vorbeugen zu wollen, indem man die Menschen etwa möglichst vor psychischen Erschütterungen bewahren wollte, Frankl meint, es sei zuträglicher, sich “beizeiten sozusagen seelisch abzuhärten” (70). Interessanter Weise nehme überdies die Neurosenhäufigkeit in der Bevölkerung in Krisenzeiten ab.
Am Beispiel Arbeitslosigkeit oder Pensionierung macht Frankl deutlich, dass widersinniger Weise die Entlastung des Menschen zu einer neurotischen Krise führen kann. Abseits des alltäglichen Rhythmus – in diesem Falle abseits des Broterwerbs – entsteht ein Gefühl der Leere sobald der gewohnte Druck nachlässt. Somit kann gesagt werden, dass sowohl übermäßige Belastung als auch Entlastung den Menschen krank machen können. Der Lebenssinn indes hält die Balance und verhindert derartige Erkrankungen. Dieses Grundgesetz menschlichen Daseins will Frankl für die Therapie fruchtbar machen:
Bei einem angstneurotischen Patienten müsse der Therapeut die Aufmerksamkeit vom Symptom ablenken und einer wertvollen Sache zuwenden helfen, damit die im Zentrum der Besorgnis stehende eigene Person in den Hintergrund rücken kann, denn “erst in der Hingabe an eine Sache gestalten wir die eigene Person” (72). Man werde nur von der Angst befreit, wenn man Selbstbetrachtung und Selbstbespiegelung aufgeben könne, um sich einer gewissen Selbstaufgabe und Hingabe zu widmen. Darin liegt, so Frankl, das “Geheimnis der Selbstgestaltung” (72).
Als Referenz bezieht er zwei Aussagen von Karl Jaspers in seine Argumentation ein: zum einen die “Bodenlosigkeit des auf sich selbst allein gründenden Menschseins” (72-73) und zum anderen den Satz “Was der Mensch ist, das ist er durch die Sache, die er zur seinen macht” (73).
Nach Frankls Menschenbild ist die menschliche Existenz “zutiefst gekennzeichnet durch ihre Selbst-Transzendenz” (73), je mehr Hingabe jemand leisten kann, desto reicher (gesünder, wertvoller?) ist sein Menschsein.
Über die Schlaflosigkeit
Obwohl es “Schlaflosigkeit” nicht wirklich gibt, da es sich eher um eine Schlafstörung handeln dürfte, bietet Frankl in diesem Vortrag einige psychische Hintergründe, die zum besseren Umgang mit diesem Phänomen beitragen sollen.
Schlaflosigkeit ist ähnlich wie Traumlosigkeit zunächst meist eine subjektive Täuschung, denn man schläft sehr wohl irgendwann ein, ebenso wie man sehr wohl träumt, diese Traumphasen beim Erwachen aber nicht mehr erinnert. Gegen Schlafstörungen bieten Medikamente keine echte Therapie, so Frankl, vielmehr eignen sie sich, um in Ausnahmesituationen den heilsamen Schlaf künstlich herbeizuführen.
Frankls Hauptthese lautet, es sei die Angst vor der Schlaflosigkeit, die den Schlaf blockiere. Im Sinne der Erwartungsangst entsteht somit ein Teufelskreis (circulus vitiosus) bzw. eine spiralförmige Entwicklung, in dessen Verlauf die Befürchtungen die Symptome weiter verstärken.
Die Therapie der Erwartungsangst stellt Frankl folgendermaßen dar: Es sei ein Fehler, dem Schlaf quasi auflauern zu wollen, denn mit der entsprechenden Anspannung des Geistes und der Verkrampfung des Körpers wirkt man dem Entspannungszustand entgegen, der zum Einschlafen notwendig ist. Gegen die Angst vor einer schlaflosen Nacht lässt sich immerhin ins Feld führen, dass der Körper sich die benötigte Dosis Schlaf in jedem Fall besorgen wird.
Dabei ist die Schlafdauer nicht wirklich relevant, es geht eher um die Schlafmenge, welche sich aus Schlafdauer plus Schlaftiefe ergibt. Zur Selbsttherapie sollte man nicht über den Schlaf nachdenken und auch nicht den bevorstehenden Tag durchdenken. Zuträglicher sei es, so Frankl, an den gewesenen Tag zu denken, so dass eventuelle Sorgen nicht unterdrückt werden müssen, sondern dem Bewusstsein zugänglich bleiben.
Eine besonders amüsante weil paradoxe Therapie schlägt Frankl vor, um den Teufelskreis der Erwartungsangst dauerhaft zu durchbrechen: Statt den Schlaf erzwingen zu wollen, könnte man sich einfach vornehmen, eine schlaflose Nacht zu verbringen. Ein bewusster Verzicht auf Schlaf wird erfahrungsgemäß recht bald den Schlaf garantieren.
Ein zu unterscheidendes Phänomen ist die Durchschlafstörung. In einem solchen Fall rät Frankl, nicht das Licht einzuschalten oder zu lesen und ebenso wenig den bevorstehenden Tag zu planen. Vielmehr solle man versuchen, an den eben verlorenen Traum anzuknüpfen, um nicht gänzlich aus der unterbrochenen “Traumstimmung” (78) herauszufallen. Generell gilt der Ratschlag, man möge sich nicht dem naheliegenden Ärger hingeben, da Ärger das Einschlafen mit ziemlicher Sicherheit auf längere Zeit verhindern werde.
Hypochondrie und Hysterie
Wenn Frankl die verschiedensten Krankheiten allgemeinverständlich erläutert, dann dient das der Entmythologisierung psychischer Diagnosen und der Aufklärung der Patienten. Insbesondere für jene, die eine unverständlichen diagnostischen Bezeichnung gleich für eine ungünstige Prognose halten, ist diese Aufklärung unerlässlich.
Frankl beschreibt die Dynamik so, dass manche Patienten bereits erhöhte Besorgnis im Hinblick auf eine (halbverstandene) Diagnose entwickeln und dann den Eindruck erlangen, der Arzt bagatellisiere die Bedeutung des Ganzen. Daraus entwickeln sie eine Protesthaltung und fixieren sich zudem noch auf die jeweilige Missempfindung, welche wiederum allein aus der Erwartungsangst gespeist intensiviert wird. Nach Frankls Erfahrung als Psychiater und Arzt entstehen nervöse Missempfindungen dann, wenn Patienten ihre Aufmerksamkeit erst begreiflicher Weise auf das erkrankte Organ richten und dann letztlich ein übermächtiges Maß an Aufmerksamkeit auf dieses Organ richten müssen: Krankheitsfurcht.
In solchen Fällen sei es wenig hilfreich, die Patienten als Hypochonder (eingebildete Kranke) einzustufen oder sie mit der “ehrenrührigen” (83) Charakterbezeichnung als Hysteriker zu betrachten. Denn anders als zu Beginn der psychoanalytischen Theorie ist der Begriff Hysterie heute eher ein moralisches Stigma, keine psychologische Diagnose.
Hysterie, wie sie von dem französischen Neurologen Charcot erforscht wurde, ist selten; zu den Symptomen zählen immerhin Lähmungserscheinungen und Anfälle. Als charakterologische Merkmale hysterischer Menschen nennt Frankl zum einen ihre Unechtheit, ihre Überspanntheit und das übertrieben wirkende Gehabe. Diese Eigenart sei der Ausgleich für eine grundlegendere Erlebnisarmut, die in einem überzogenen Erlebnishunger Ausdruck findet. Des weiteren seien krankhafter Egoismus sowie ein berechnendes Wesen kennzeichnend. In der Dynamik zwischen Erlebnisarmut und -hunger spielt die suggestive Beeinflussbarkeit eine zentrale Rolle. Damit steht zumal eine Konversionsbereitschaft in Zusammenhang, welche psychische Inhalte in physische Krankheitsbilder umwandelt. Diese Mechanismen dienen der Kompensation innerer Erlebnisarmut, so Frankl.
Was Egoismus und berechnende Kälte dieses Charaktertypus betrifft, so wirkt dieser zweckgerichtete Egoismus deutlich theatralisch, denn “der Hysteriker spielt Theater, und in diesem Theater führt er Regie; wenn wir ihm nun die Zuschauer liefern, dann leisten wir seiner Hysterie nur Vorschub” (83).
Die Therapie gestaltet sich schwierig, denn eigentlich, so Frankl, sei eine Umerziehung notwendig. Die Aufgabe des Therapeuten wäre es, die benannten Mechanismen zu stoppen, ohne jedoch die Patienten zu kränken.
Um die Liebe
Es geht um die psychologische Betrachtung der Liebe als zwischenmenschliches und intraindividuelles Phänomen. Für Frankl ist hier die Arbeit Binswangers, der Martin Heideggers Philosophie psychologisch nutzbar machte, von besonderem Interesse.
Binswanger setzt für Heideggers Konzept des In-Sorge Seins die Liebe als “liebendes Miteinandersein” ins Zentrum des menschlichen Daseins, welches Wirheit (nicht Wirrheit, sondern Wir-Gefühl) erzeugt. Seine Daseinsanalyse bringt somit einen anthropologisch ontologisches Konzept der Liebe hervor, während in der Psychoanalyse Liebe auf den biologisch physischen Sexualtrieb des Menschen reduziert bleibt, wohingegen in Schlagertexten nach Frankls Einschätzung alles als Liebe zu gelten hat.
Nach Frankls zusammenfassender Analyse handelt es sich um Liebe, wenn man nicht die Eigenschaften der jeweiligen Person meint, sondern die Person selbst als Trägerin jener Eigenschaften und damit den Menschen in seiner Einmaligkeit.
Im Gegensatz dazu steht ein anonymer auswechselbarer Partner als ein beliebiger Träger identischer (typischer) Eigenschaften; hierin sieht Frankl triebhafte Züge, denn es sei das Triebhafte im Menschen, das nach einem Typus suche statt nach einer Person. In etwas philosophischere Form gebracht hält Frankl fest, Liebe bedeute, eine Person in ihrem Wert erkennen und bejahen, und zwar auch ihr “Seinsollen” mitsehend (87).
Der gängige Spruch, Liebe mache blind, hält Frankl für nicht zutreffend, denn eigentlich mache bestenfalls das Verliebtsein eine ungewisse Blindheit aus, Liebe hingegen mache den Menschen “recht eigentlich erst sehend” (87).
Dennoch betont er den Zusammenhang von Triebhaftigkeit und Liebe, denn Liebe bedürfe der Triebhaftigkeit und umgekehrt, wobei er darauf verweist, dass erst die Liebe das Sexualleben menschenwürdig mache. Die Triebhaftigkeit bedürfe der Liebe nur, weil “jede normale Triebentwicklung die Liebesfähigkeit des jungen Menschen zur Bedingung und Voraussetzung hat” (88). Somit gibt Liebe erst Triebziel und ein Triebobjekt vor, worin Frankl die “Gewähr für endgültige und ausschließliche Partnerwahl” (88) sieht, denn “nur ein Ich, das ein Du intendiert, kann das Es integrieren!” (88)
Dann kommt Frankl auf Problemkonstellationen zu sprechen, die sich daraus ergeben, dass die oben genannte Integration nicht ohne Schwierigkeiten erfolgen kann: Wegen vorheriger Erfahrungen können sich Entmutigung und Enttäuschung im Bezug auf die Liebe festigen und so einen Rückschritt in der Entwicklung begründen. Dann stürzt man sich mitunter in den Rausch ausschließlicher Triebbefriedigung, so dass das Liebesbedürfnis betäubt und verdrängt werden kann. Frankl sieht hierin eine Überkompensation, da die Quantität Vorrang vor der Qualität erhält und sojemand sei “nicht imstande, sich ein wahres Liebesglück zu schaffen” (89).
Sexuelle Betäubung funktioniert auch zur Betäubung, wenn der Lebenssinn außer Reichweite geraten ist: “je mehr dann dieser sein Sinnanspruch ans Leben leer ausgeht, nur umso mehr wird die Triebbefriedigung zum Mittel zum Zweck […] also zum Genußmittel” (89). Hier kommt Frankl wieder auf seine These zurück, dass der Wille zur Lust (Lustprinzip) erst dann vorrangig wird, wenn der Wille zum Sinn frustriert ist. Somit wird der Fokus auf Triebbefriedigung nach Frankls Theorie zum Symptom eines existentiellen Vakuums. Wer in der Sexualität seine Betäubung findet, gebärdet sich nicht selten als Held (wohl der Eroberungen wegen?), in Wahrheit aber sei sojemand ein Schwächling, meint Frankl.
Zur balancierenden Darstellung der zum Thema Liebe gesetzten Priorität fügt Frankl in aller Deutlichkeit an, “nur in ein existentielles Vakuum hinein wuchert die sexuelle Libido!” (89)
Über Angst- und Zwangsneurosen
In diesem Vortrag behandelt Frankl somatische Grundlagen neurotischer Erkrankungen sowie die Bedeutung des Humors für die Psychotherapie.
Obwohl nicht eindeutig ist, ob es sich bei somatischen Zusammenhängen im Falle neurotischer Erkrankungen um Krankheitsursachen oder Wirkungen dreht, zeigt Frankl am Beispiel der Platzangst, dass die Schilddrüsenfunktion von Belang ist.
Schematisch dargestellt ist der Zusammenhang einfach: Eine Überfunktion der Schilddrüse bzw. eine Übererregbarkeit des Sympathikus bedingt eine gesteigerte Angstbereitschaft. Angst wiederum erregt den Sympathikus. Derartige Mechanismen lassen sich am Beispiel der Platzangst als Spielart der Angstneurose nachvollziehen.
Abseits somatischer Hintergründe verweist Frankl darauf, dass die innere Haltung des Patienten darüber entscheidet, ob es nach traumatischen Erlebnissen zu einer neurotischen Erkrankung kommt. Eine somatische Angstbereitschaft addiert sich zur Erwartungsangst und resultiert in neurotischen Symptomen. Dabei bezieht sich die Erwartungsangst immer auf etwas sehr Spezifisches, die Angst selbst wird ängstlich erwartet, und somit fürchtet der Patient Folgeerscheinungen und etwaige Folgezustände der eigenen Angst.
Zur Therapie schlägt Frankl vor, sich die Absurdität der Situation zunutze zu machen. Man solle nicht vor der Angst flüchten, sondern sie geradezu aufsuchen, indem man sich wünscht, dass das eintritt, was man so sehr befürchtet: “Sobald nämlich an die Stelle der Furcht ein Wunsch tritt, ist aller Angst der Wind aus den Segeln genommen. Die dumme Angst ist dann die Klügere und gibt als solche nach” (92).
Beispielhaft erwähnt er einen Patienten, der bei gesellschaftlichen Auftritten entsetzlich schwitzte und sich verständlicher Weise vor diesen peinlichen Schweißausbrüchen so arg ängstigte, dass ein herrlicher Teufelskreis entstand: je mehr er sich vor dem Schwitzen fürchtete, desto angespannter wurde er und desto ärger schwitzte er denn auch. Frankl riet ihm, sich bei nächster sich bietender Gelegenheit vorzunehmen, die versammelte Gesellschaft mit seinen Schweißausbrüchen zu beehren – er solle sich wünschen, so zu schwitzen wie noch nie. Natürlich hatte die absurde Situation zur Folge, dass der Patient es innerlich lachend nicht zustande brachte, wie gewöhnlich in Schweiß auszubrechen: “Denn dieses Lachen, aller Humor, schafft Distanz, lässt den Patienten von […] den neurotischen Symptomen sich distanzieren” (93).
Somit rät Frankl, es sei überaus hilfreich, gewisse Symptome innerlich zu ironisieren (statt sie zu dramatisieren und den laufenden Mechanismen neue Nahrung zu geben), denn so ließen sich Teufelskreise überwinden.
Zum besseren Verständnis macht Frankl den Unterschied zwischen Angst- und Zwangsneurose deutlich: Ein Angstneurotiker leide an der Angst vor der Angst. Ein Zwangsneurotiker leide an der Angst vor dem Zwang. Während Patienten mit Angstneurose vor der Angst fortlaufen, rennen Patienten mit Zwangsneurose Sturm gegen die Angst.
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So einleuchtend und logisch die Therapievorschläge klingen habe ich das dumpfe Gefühl, die Angelegenheit sei nicht ganz so einfach wie im glorreichen Beispielfall dargelegt. Zum einen sind üppige Schweißausbrüche ein dicker Brocken; mir genügt schon die Tatsache, dass ich in gewissen Situationen schweißige Handflächen habe, was auf eher niedrigerem Peinlichkeits-Niveau zu einem ähnlichen Teufelskreis führt. Von dieser eigenen Erfahrung ausgehend kann ich nicht eben behaupten, es fiele mir nach Frankls Vortrag leicht, mich diesbezüglich auf die Humorschiene zu hieven.
Was ich meine, ist folgendes: der Therapievorschlag setzt voraus, dass man sich kognitiv einigermaßen vom Phänomen des Nicht-Schwitzen-Wollens distanziert, um sich überhaupt bewusst auf ein Schwitzenwollen konzentrieren zu können. Zumal ich es persönlich in den ominösesten Situationen nicht zustande brächte, mich gedanklich von der Angst vor schweißigen Handflächen loszureißen. Für mich ist die Geschichte mit den Handflächen ein guter Ausgangspunkt, um Erwartungsangst nachvollziehen zu können: erst erkenne ich eine Situation als potentiell gefährlich und gleichzeitig stelle ich an meinen Handflächen schon die befürchtete Reaktion fest.
Wenn ich mir nun nach Frankls Anweisung vornehme, bei der nächsten Gelegenheit jemandem meine schweißtriefende heiße Hand zu reichen, muss ich ehrlich gestehen, dass die Vorstellung jeglichen Humors entbehrt und ich eher eine unwirsche Haltung einnehme. Wie man eine angstbesetzte Situation ironisiert, wird mir womöglich nur ein Therapeut begreiflich machen können.
In Selbstversuchen hatte ich den besten Erfolg damit, der Situation offensiv zu begegnen und das ärgerliche Problem mit den eigenen Handflächen stur als völlig irrelevant zu deklarieren. Werde ich etwa nach einem Handschlag darauf angesprochen, kann ich diesem Gipfel aller diesbezüglichen Ängste damit begegnen, dass eine verschwitzte Hand überhaupt gar nichts “bedeutet” – Shit happens!
Ein weiteres Erlebnis im Zusammenhang mit neurotischem (Angst-) Schweiß ergab sich, als ein Dozent in sommerlichem Hemd mitten während des Vortrags darauf hinweis, er werde ergötzliche Schweißflecken im Hemd haben, und zwar als Resultat seiner Anspannung. Mich beeindruckte das Gleichzeitige von unterschwelliger Peinlichkeit bzw. vorauseilende Scham und der verbal-offensive Umgang mit dieser Misslichkeit: Das denkbar Schlimmste, das letztlich den Teufelskreis speist und im Rotieren hält, ist wohl, dass das angstbesetzte Phänomen “bemerkt” würde oder gar “zur Sprache” käme. Greift man dieser entsetzlichen Befürchtung vor, indem man das Monster beim Namen nennt, wird der Angst nach meiner Erfahrung ebenfalls der Wind aus den Segeln genommen.
Narkoanalyse und Psychochirurgie
Bei diesem Vortrag räumt Frankl mit zwei so genannten Schreckgespenstern auf, die zu der Zeit, in welcher die Rundfunkvorträge stattfanden, offenbar die Bevölkerung beunruhigten.
Die Narkoanalyse ist unter dem irreführenden Schlagwort “Wahrheitsserum” bekannt geworden, eigentlich aber handelt es sich um ein gängiges Schlafmittel, das intravenös verabreicht wird, um einen Hypnosezustand herbei zu führen. Ziel der Behandlung ist es, eine hypnoseartige Enthemmung zu erreichen, so dass der Patient über Verschwiegenes sprechen kann. Ursprung der Narkoanalyse sei laut Frankl die so genannte Schlafmittelhypnose, die Psychiatern während des Zweiten Weltkrieges als eine Art Abkürzung diente, wenn es darum ging, Patienten beim Abreagieren traumatischer Erfahrungen zu helfen.
Die im Schlagwort Wahrheitsserum implizierte Wirkung befindet Frankl als in mehrerer Hinsicht unsinnig, denn ein Mensch bleibt unter der Wirkung des Narkotikums durchaus in der Lage, die Wahrheit mindestens teilweise zu verschweigen. Zudem steigt die Offenheit für Suggestionen, so dass schon eine gewisse Fragestellung dazu führt, ganz gewisse Aussagen zu erbringen. Ein “unwiderstehlicher Zwang, ein Geständnis abzulegen” (96) entstehe durch die Behandlung also keinesfalls, ebensowenig gehe daraus ein garantiert wahrheitsmäßiges Geständnis hervor.
Die Psychochirurgie, also eine Hirnoperation zur Beeinflussung psychotischer Erkrankungen, betrachtet Frankl als Gegenstück zur Narkoanalyse. Beide Behandlungsmethoden rufen den Eindruck hervor, es handele sich um Techniken, die den Patienten zum willenlos formbaren Objekt der Ärzte und Psychiater machten. Die Information, der Charakter eines Menschen werde durch psychochirurgische Eingriffe formbar, sei nicht ganz korrekt, und deshalb müht sich Frankl um angemessene Kontextualisierung:
Experimentelle Vorarbeiten zur Psychochirurgie leisteten Pötzl und Hoff 1932 in Wien, dabei ging es darum, psychotische Erkrankungen dadurch zu therapieren, dass man einen chirurgischen Eingriff am Stirnhirn vornahm. Resultate charakterlicher Änderungen fasst Frankl mit Antriebsschwäche oder aber der (sehr merkwürdig klingenden) “Bummelwitzigkeit” (98) zusammen. Der Charakter der Patienten änderte sich zwar, war aber keinesfalls steuerbar bzw. vorsätzlich in bestimmte Bahnen umlenkbar.
Der portugisische Neurologe Moniz erhielt den Nobelpreis für eine aus heutiger Sicht noch fehlerhafte Methode, durch Lobotomie (Lappenschnitt) bzw. Leukotomie (Schnitt durchs Weiße) jene Nervenbahnen zu unterbrechen, von denen er annahm, sie verursachten psychotische Wahnideen.
Später war man in der Lage, seinen Fehler zu erkennen und andere Wege zu finden, um psychotische Symptome beeinflussen zu können – und zwar ohne mit dem Skalpell im Hirn herumzuhantieren.
……………………………………………Mir war die Narkoanalyse kein Begriff, beide Behandlungsmethoden in der Zusammenschau aber legen irgendwie die Vermutung nahe, dass die leicht morbiden Züge des ganzen Arrangements um willenlos formbare Menschen nach so vielen Jahren noch immer Eingang in die Literatur und natürlich ins filmische Genre finden. Vermutlich funktioniert der Mythos nur, weil er für ein aufgeklärtes Publikum mehr Gespenst als Schreck zu bieten haben dürfte.
Melancholie
In einer recht knapp gehaltenen Abhandlung differenziert Frankl, was sich hinter dem Krankheitsphänomen der Melancholie verbirgt.
Die Betonung liegt für Frankl auf einer korrekten psychiatrischen Diagnose, die zwischen Melancholie und neurotischer Depression differenzieren muss. Im Bereich der Psychosen nämlich unterscheidet man zwei so genannte “Formenkreise”, die Dementia praecox, auch Schizophrenie genannt, und den Bereich manisch-depressiver Erkrankungen. Hier handelt es sich um einen traurigen Verstimmungszustand, der phasenweise von übertriebenem Schaffensdrang und erheblicher Selbstüberschätzung abgelöst wird.
Frankl verweist darauf, dass bei einer psychotisch geprägten Melancholie die Skepsis bzw. der Pessimismus des Patienten ein Grundsymptom sei, und zwar ohne dass sich Motive (im Sinne äußerer Anlässe) für die Verstimmung finden ließen. Somit handelt es sich eigentlich eher um eine physische Erkrankung.
Natürlich wird Melancholie anders therapiert als neurotische Depression. Bei psychotischen Patienten legt Frankl Wert darauf, dass einerseits ein notwendiges Vertrauen in die 100%ig günstige Prognose geweckt wird und andererseits soll der Patient im Bezug zur Heilungsaussicht zur Geduld angehalten werden.
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Eigentlich ein spannend klingendes Thema: einerseits die psychotische Melancholie und andererseits die neurotische Depression; wie findet sich ein Psychiater bei der Diagnose zurecht? Ähneln sich die Krankheitsbilder tatsächlich oder legt dies nur die verwandte Namensgebung nahe?
Entweder habe ich Frankl nicht verstanden, oder aber er betont in diesem Vortrag lediglich, dass sich auch manisch-depressive Erkrankungen heilen lassen – vorausgesetzt man glaubt an die Aussicht auf Heilung und bringt die Geduld für eine (langwierige?) Behandlung auf.
Schizophrenie
Hier sammelt Frankl einige knappe Informationen zu Krankheitsbild und Behandlungsspielräumen.
Bleuler ging seinerzeit davon aus, das so genannte “Spaltungsirresein” sei darauf zurück zu führen, dass Assoziationskomplexe abgespalten sind. Frankl unterstreicht jedoch, diese Ansicht sei überholt, denn eine Bewusstseins- oder gar Persönlichkeitsspaltung sei bei dieser Erkrankung keineswegs gegeben.
Er differenziert zwischen drei Ausprägungen der Schizophrenie, zum einen gibt es die Hebephrenie, die durch einen frühen Beginn und langsamen Krankheitsverlauf gekennzeichnet ist. Des weiteren gibt es die Katatonie und schließlich noch die paranoide Schizophrenie. Katatonie, das so genannte “Spannungsirresein”, so Frankl, tritt akut auf, die Sperrung werde dann mitunter von einem ebenso plötzlichen Erregungszustand (Raptus) durchbrochen. Bei der paranoiden Ausprägung finden sich Wahnbildungen, welche sich zunächst auf Ideen bezüglich der Beziehung und der Beobachtungen beziehen und letztlich in einen Verfolgungswahn münden können. Zum Krankheitsbild zählen Sinnestäuschungen und Halluzinationen besonders bezogen auf Gehör und Körperempfindungen.
Da europäische Psychiater Schizophrenie nicht für seelisch bedingt halten, wie Frankl zusammenfasst, halten sie auch Psychotherapien für unangebracht. Frankl allerdings befürwortet Psychotherapien zur begleitenden Behandlung der Psychosen, denn auch wenn die wissenschaftliche Position dem entgegen steht, könne man “mindestens so tun, als ob es keine Erbanlage gäbe und als ob daher die Möglichkeiten seelischer Einflussnahme unbegrenzt wären – nur dann kann man die Gewissheit haben, die wirklich bestehenden Möglichkeiten auch ausgeschöpft zu haben” (109).
Die Angst des Menschen vor sich selbst
Ein sehr interessanter Vortrag, der weniger psychiatrisch geprägt ist; Frankl nimmt vielmehr eine existentialistische Perspektive ein.
Im Rückbezug auf Kierkegaards Existenzphilosophie stellt Frankl der ursprünglichen Angst des Menschen vor dem Nichts die konkretisierte oder kondensierte Angst vor einem Etwas gegenüber. Von dort findet er den Übergang zur psychiatrisch belangreichen Kranheitsfurcht im Sinne einer neurotischen Angst vor der Angst bzw. einer Angst vor dem Zwang.
Neurotiker können nicht psychotisch werden, also nicht “geisteskrank” im landläufigen Verständnis. Dennoch aber befürchten Angstneurotiker, die Folgeerscheinungen der Angst würden zu einem Herzinfarkt oder Hirnschlag führen, sie könnten auf der Straße kollabieren oder ähnliches. Zwangsneurotiker entwickeln entsprechende Befürchtungen, wahnsinnig zu werden und in der Psychiatrie zu landen. Dadurch nährt sich der Teufelskreis ihrer Angst.
Frankl kontextualisiert das Konzept der Todesangst als Angst vor dem Nichts, wobei interessant ist, dass dieses Nichts sich nicht außerhalb des Menschen befindet, sondern innen, das bedeutet, “er ist aus Furcht vor sich selbst auf der Flucht vor sich selbst: er ist auf der Flucht vor dem Alleinsein – denn Alleinsein heißt ja allein-sein-müssen mit sich selbst” (113). Daraus leiten sich Frankls Theorien der Sonntagsneurose ab, denn eben am Wochenende wird der arbeitende Mensch mit sich selbst konfrontiert und findet im Innern die angstbesetzte Leere (das Nichts im eigentlichen Sinne) vor.
So ist die Sonntagsneurose ein “Gefühl der Öde und Leere, der Inhaltsleere und Sinnlosigkeit des Daseins, wie es gerade beim Stillstand wochentägiger Betriebsamkeit im Menschen aufbricht und zutage tritt” (114).
Die Angst des Menschen vor sich selbst ist nach Frankls Theorie auf einen frustrierten Willen zum Sinn zurück zu führen, welcher in der Lustbefriedigung zwar vorübergehend gemildert wird, das Problem an sich aber wird so nicht gelöst, sondern verschärft. Das ursprüngliche Problem ist das “Erlebnis der Ziel- und Zwecklosigkeit allen Bemühens”, welches Frankl als “existentielle Frustration bezeichnet, d.h. als Unerfülltheit des uns zutiefst innewohnenden Willens zum Sinn” (114).
Der Wille zur Lust stellt einen Ersatz für den Willen zum Sinn dar, dabei ist Lust im Grunde eine Wirkung des Willens zum Sinn; wird die Lust also von der Wirkung zum Ziel bzw. zum Zweck, entspannt sich die Lage des Individuums keineswegs, denn der Wille zum Sinn lässt sich auf diesem Fluchtweg nur betäuben oder vor dem eigenen Gewissen verbergen.
Um die Brisanz der Feststellung zu unterstreichen, führt Frankl eine Untersuchung von Plügge an, der bei fünfzig Personen, die einen gescheiterten Suizidversuch hinter sich hatten, feststellte, dass die Suizide “letztlich und eigentlich weder auf Krankheit noch auf wirtschaftliche Not, weder auf berufliche noch auf andere Konflikte zurückzuführen waren, sondern erstaunlicherweise auf eines: auf Hoffnungslosigkeit, auf Inhaltslosigkeit im Sinne von Langeweile, also auf die Unerfülltheit menschlicher Sehnsucht, menschlichen Ringes um einen gültigen Lebensinhalt” (114).
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Die Schlussworte dieses Vortrags habe ich vorsorglich in Gänze zitiert, da mir bei der Darstellung der Untersuchung von Plügge nicht ganz wohl ist: soll das bedeuten, von fünfzig Probanden hatten sich 100% aus Langeweile das Leben nehmen wollen? Wohlgemerkt ist Plügge Internist, mag die Probanden also durchaus auf physische oder berufliche Stressfaktoren hin untersucht und befragt haben. Dieses Ergebnis aus einer psychiatriefremden Branche findet Frankl denn auch “erstaunlich” – obzwar es nach seiner Theorie nun durchweg erwartbar wäre.
Frankls Vorträge wirken auf mich so, als bedeute die als Massenphänomen diagnostizierte “existentielle Frustration im allgemeinen” (114), dass die dargelegten Mechanismen nicht nur auf viele, sondern erwartungsgemäß auf alle Menschen zutreffen. Folgerichtig wären alle hedonistischen Strebungen des heutigen Menschen als Symptome des Massenphänomens zu verstehen; und die Pathologisierung des Zeitgeistes ist ein so umwerfend verallgemeinertes Konzept, dass mir unwohl ist. So zeigt die besagte Untersuchung denn auch im eigentlichen Sinne, was eine kollektive Neurose wirklich bedeutet…
Der Vortragsstoff war vor gut fünfzig Jahren aktuell – ist die kollektive Neurose nach Frankls Analyse denn heute weniger akut? Man könnte sich (jenseits neuer Statistiken) zum Beispiel fragen, ob hedonistisches Luststreben als Lebensinhalt nach wie vor den frustrierten Willen zum Sinn betäubt und ob die Menschen des 21. Jahrhunderts sich ebenfalls vor sich selbst fürchten, weil dieses existentielle Vakuum als das Nichts im Innern sie kräftig aus der Bahn gesunder Lebensführung haut. Wenn die von Frankl benannten Mechanismen heute ebenso aktuell gelten dürfen wie zu seinen Lebzeiten, dann drängt sich mir die Idee auf, dass all das bereits vor Frankls Analyse in den unterschiedlichsten Kulturepochen aktuell gewesen sein mag. Wäre dem so, dann könnte man sich immerhin darauf berufen, dass Frankl ein quasi überzeitliches Phänomen entdeckt hat, das die menschliche Existenz an sich betrifft.
Andersherum könnte man fragen, welche Sinnfindungsstrategien der heutige Mensch für sich entdecken konnte, was setzt die Masse dem existentiellen Vakuum der 50er Jahre heute entgegen? Dabei wäre zu beachten, dass Frankl nicht nur den abstrakten philosophischen Daseinssinn meint, sondern darüber hinaus einen tätigen aktiven Lebenssinn, etwas kreativeres, kommunitäres und anspruchsvolleres als beispielsweise “Selbstverwirklichung” egozentrischer Prägung. Derartige Fragen, die an Frankls Blick auf die Gesellschaft anschließen, erscheinen mir seltsam unlösbar.
Die Managerkrankheit
Mit diesem Vortrag will Frankl Aufklärungsarbeit leisten, um die Massen vor hypochondrischer Phobie bezogen auf ein nebulöses “modernes” Krankheitsbild zu bewahren.
Die Managerkrankheit meint einen frühzeitigen physischen und seelischen Zusammenbruch bis hin zum vorzeitigen Tod, bedingt durch Überlastung und als zu schwer empfundene Verantwortung. Man diagnostiziert zumeist Herz- oder Hirnschlag, Bluthochdruck verschiedenster Prägung sowie Schwierigkeiten im Magen-Darm-Bereich.
Seelische Dauerspannung hat in der Tat Langzeitwirkung auf die Spannung der Blutgefäße, so Frankl, ein psychosomatisches Wirkungsgefüge, das zu organischen Veränderungen führt.
Die so genannte Managerkrankheit lässt sich hervorragend therapieren und man kann vorbeugende Maßnahmen in den eigenen Lebensstil einbauen. Übermäßige Aufregung sei zu vermeiden, man habe für ausreichend Schlaf zu sorgen und solle sich zum physischen Ausgleich regelmäßig sportlich betätigen.
Dieser modernen “Zivilisationskrankheit” habe der moderne Lebensstil bereits ein Therapeutikum entgegen gesetzt, indem nämlich der Freizeitsport zu neuen Ehren gekommen sei.
Gnadentod oder Massenmord?
Zum Thema Euthanasie trägt Frankl eine Diskussion vor, die den Gründen, die für Euthanasie sprechen sollen, ärztlich-ethische Gründe entgegen hält. Es geht um die Frage, ob unheilbar Geisteskranke als sinnlose Existenzen getötet werden sollen.
Zunächst vertieft Frankl die Frage, was “heilbar” überhaupt bedeutet: Oft sind lindernde Behandlungen durchaus möglich und erstrebenswert, selbst wenn die Heilung des Patienten nicht erfolgen kann. Der Fortschritt in der Erforschung medizinischer Techniken und neuer Wirkstoffe lässt auch in aktuell als unheilbar geltenden Fällen hoffen, dass eine Heilmethode gefunden werden wird. Somit ist ein Arzt nie allwissend genug, um jemals über Euthanasie entscheiden zu können – das Konzept der “Unheilbarkeit” ist immer nur ein temporäres.
Und selbst unter der unwahrscheinlichsten Voraussetzung, dass man allwissend wäre und die Unheilbarkeit definitiv wäre, so wäre es nicht die Aufgabe eines Arztes, unheilbar erkrankte Patienten zu töten; kein Arzt habe das Recht, über den in dieser Frage entscheidenden Lebenswert zu entscheiden.
Darüber hinaus gibt es noch den Wirtschaftlichkeitseinwand, der in der Euthanasie einen volksökonomischen Einsparmöglichkeit sehen könnte. Dem hält Frankl entgegen, dass der minimale Prozentsatz von Anstaltsinsassen in keinem Fall einen Sparfaktor darstelle. Und würden Ärzte gesetzlich zur Euthanasie berechtigt, änderte dies das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient so nachhaltig, dass die medizinische Ethik unrettbar auf dem Kopf stünde.
Es gibt auch den Einwand, unheilbar Geisteskranke seien gesellschaftlich unnütze Personen. Frankl erwidert barsch, gesellschaftlicher Nutzen sei als Wertmaßstab disqualifiziert. Geistig zurückgebliebene Kinder werden von ihren Eltern geliebt, niemand könne ernstlich den Standpunkt vertreten, ein sozialer Nutzen sei den höher stehenden humanitären Werten menschlichen Zusammenlebens über zu ordnen.
Zum Schluss diskutiert Frankl noch das Argument, der Gnadentod komme dem eigentlichen Willen der betroffenen Patienten entgegen, da dieser Wille krankheitsbedingt “umnachtet” sei. Der Arzt habe sich also zum Anwalt des Willens der Patienten zu machen und quasi eine stellvertetende Selbsttötung durchzuführen. Frankl wischt dahingehende Mutmaßungen als unsachlich vom Tisch und verweist darauf, dass der Wille eines Menschen von außen nicht zu erfassen ist, erst recht könne niemand sich dazu aufschwingen, über den eigentlichen Lebenswillen eines anderen Menschen zu entscheiden. Aus selbstverständlicher ärztlicher Ethik heraus wird ein Arzt selbst dann noch einen Menschen retten, wenn ein offensichtlicher Suizidversuch vorliegt.
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Unglaublich, wie neutral und sachlich Frankl sich mit einem Thema befasst, das ihn in seinem gesamten Privatleben betrifft. Er selbst war den massenmörderischen Maschinerien der Nationalsozialisten ausgesetzt, überlebte das KZ und verlor wegen des Genozids seine Familie.
Nur mit einem knappen Seitenhieb an dieses historische Erbe kommt Frankl gänzlich ohne subjektive Einwürfe aus und diskutiert objektiv, warum sich ein Arzt bzw. der behandelnde Psychiater unmöglich dazu bereit erklären wird, als aktuell unheilbar krank geltende Patienten gnädig zu töten.
Ich gestehe, dass mich beim Lesen eine deutliche Übelkeit erfasst hat, diese Objektivität ist unglaublich tapfer irgendwie, für Frankl geht es nicht um Genozid, sondern um Euthanasie in der Verantwortung des Arztes.
Dem letzten Einwand, ein Arzt solle sich dazu hergeben, einen stellvertretenden Suizid des Patienten durchzuführen, müsste vermutlich auch die aktuelle Debatte um Patientenverfügungen thematisch verwandt sein. Wenn die physische Freiheit eines Menschen so eingeschränkt ist, dass die Option zur eigenhändigen Durchführung des “Freitodes” nicht mehr besteht, ist es in jedem Fall ethisch kompliziert, einen stellvertretenden Suizid in Auftrag zu geben. Im Falle geistiger Erkrankungen wäre der Umgang mit dem “eigentlichen” Willen des Patienten geradezu unmöglich.
Von der Trotzmacht des Geistes
In der Auseinandersetzung mit der Macht, die Gene oder Hormone auf den Menschen haben, analysiert Frankl in diesem Vortrag die Bedeutung des Bewusstseins.
Steht der Mensch also unter dem Diktat des Körpers (gemeint sind etwa Hormone, Triebe, Gene) oder verfügen wir über freien Willen? Als Erweiterung des landläufigen Ausspruchs, wo ein Wille sei, dort sei auch ein Weg, postuliert Frankl, “wo ein Ziel – dort ein Wille” (125).
Während die Psychoanalyse entwickelt wurde, war der Gesellschaft offenkundig das Gespür für das Physische bzw. das Sexuelle oder das Triebhafte abhanden gekommen. Für die heutige Zeit (die 50er Jahre, wohlgemerkt) treffe dies nicht zu, so Frankl, vielmehr müsse man sich fragen, ob vor lauter Triebbewusstsein nicht die Geistigkeit des Menschen abhanden zu kommen drohe, denn aus seiner Sicht sei der moderne Mensch “geistesüberdrüssig” oder “geistesmüde” (126). Deshalb appelliert er, der Mensch solle sich vom Fokus auf seine Triebnatur befreien und sich seiner Geistigkeit klar werden: “Wir haben den Menschen wieder freizusprechen – frei und verantwortlich” (127).
Das bedeutet nicht, dass die Bedingtheit des Menschen zu ignorieren wäre; selbstverständlich bleiben wir durch Vererbung und Erziehung, also durch Anlage und Umwelt, determiniert. Daneben allerdings liegen Spielräume, innerhalb derer die Freiheit des Menschen gefragt ist, Frankl meint das, was der Mensch über alle Bedingtheit hinaus ist: das spezifisch Menschliche. Und hierin sieht er den Ausdruck der so genannten “Trotzmacht des Geistes”.
So der Mensch Determinismen in den Vordergrund stellt, übersieht er, dass er die Triebe hat, dass also nicht die Triebe ihn haben. Frankl erahnt hierin die Gefahr eines neurotischen Fatalismus: “Freilich, wer von vornherein sein Schicksal für besiegelt hält, wird außerstande sein, es zu besiegen” (128), und “was zuallererst bejaht werden müsste, vor aller Triebhaftigkeit, das ist die Freiheit” (128).
Damit führt Frankl quasi als nachzuliefernden Beweis für die Trotzmacht des Geistes an, dass ebendiese aktiviert werden müsse, um ein gesundes Gleichgewicht zwischen Determinismus und Freiheit entstehen zu lassen und überdies den eigentlichen Raum für die Entfaltung des spezifisch Menschlichen überhaupt erst abzustecken.
Nun werde das von Philosophen disputierte Freiheitskonzept keinesfalls ausschließlich theoretisch gelöst, denn Fragen um die Trotzmacht des Geistes und das Vorhandensein jener Spielräume, innerhalb derer der Geist frei ist, werde in der Lebenspraxis entschieden. “Wo ein Ziel – dort ein Wille”, somit solle der “geistesüberdrüssige” Mensch womöglich über Zielsetzungen wieder in aktiven Kontakt zur eigenen (Willens-) Freiheit kommen.
Mit der barsch wirkenden Feststellung, der Mensch ist seine Freiheit wie das Tier seine Triebe ist, setzt Frankl seine eindeutige These (als Psychiater und Therapeut) der Theoriediskussion unter Philosophen entgegen. Schließlich müsste sich jede Psychotherapie erübrigen, wenn die deterministischen Menschenbilder sich bewahrheitet hätten. An einen schicksalsergebenen Patienten gewendet fragt Frankl, ob man sich von sich selbst etwa alles gefallen lassen müsse – mit der Freiheit des Willens und dem Vermögen, auf sich selbst einzuwirken, kommt die Verantwortung ins Spiel.
Das Leib-Seele-Problem, klinisch gesehen
Eine knappe Abhandlung zur Relativierung psychosomatischer Zusammenhänge.
Schon die Alltagssprache weist darauf hin, dass ein Zusammenhang zwischen seelischen und physischen Vorgängen bestehe, so Frankl. Am Beispiel der Aerophagie kann nachvollzogen werden, dass das Herunterschlucken oder Herunterwürgen von Ärger dazu führt, dass man tatsächlich Luft schluckt, wie sich internistisch nachweisen lässt.
Es ist Frankls Position, der ganze Mensch müsse behandelt werden, auch wenn es sich um scheinbar ausschließlich physische Probleme handelt. Er wendet sich indes gegen die verallgemeinernde Haltung, jede physische Erkrankung sei psychischen Ursprungs, “leibliches Geschehen ist somit keineswegs immer der Ausdruck seelischen Erlebens” (132).
Der umgekehrte Wirkungsmechanimus ist ebenso denkbar, dass also physische Gegebenheiten sich psychisch auswirken. In seiner Abhandlung zu Angst- und Zwangsneurosen hatte Frankl bereits darauf hingewiesen, dass die Funktionsweise der Schilddrüse einen Einfluss auf die rein physisch zu nennende Angstbereitschaft eines Menschen haben kann. Aus solchen Zusammenhängen nun jedoch den Schluss zu ziehen, Geist oder Gewissen ließen sich auf Schilddrüsenhormone reduzieren, sei ein gefährlicher Trugschluss.
In der Erforschung psychosomatischer Zusammenhänge sei darauf zu achten, dass zwischen Bedingen und Bewirken im Unterschied zum Erzeugen von Symptomen differenziert werde.
Spiritismus
Da Frankl sich der Entmythologisierung verschrieben hat, macht er es sich hier zur Aufgabe, etwaige Mythen um dieses Zeitphänomen zu entwirren.
Man könnte sich verwundert fragen, warum Frankl sich diesem Thema zuwendet, und es geht ihm auch hier um die so genannte Psychohygiene, denn Menschen mit einer gewissen Anfälligkeit können aus der Einlassung auf spiritistische Kulte heraus regelrecht erkranken. Nach seinen Erkenntnissen verursacht Spiritismus zwar keine Geistesstörungen, kann sie aber durchaus auslösen.
Als Ursache dafür, dass Spiritismus auf größeres Interesse in der Bevölkerung trifft, nennt Frankl die “Desorientiertheit am Geistigen” als eine “Form der Glaubenslosigkeit” (136). Zur Wirkungsweise dieser Mode verweist er auf Massen- und Autosuggestion, welche missbräuchlich als Indizien für die Macht des Geistes verkauft würden.
Möglicherweise handelt es sich also um ein Phänomen, gespeist aus der Sehnsucht der Menschen nach der Entdeckung der Trotzmacht des Geistes. Nach Frankls Dafürhalten sind solche Wege der Auseinandersetzung mit dem Geistigen mehr als nur dubios, sondern schädlich: “mir will scheinen, als ob durch dergleichen Praktiken die geistige Wirklichkeit des Menschen, das wirklich Geistige in der Welt, dem schlichten und einfachen Menschen und dessen unbefangenem gesunden Verstand gegenüber eher in Misskredit gebracht würde, anstatt gefördert – zu welcher Förderung wir heute wahrlich allen Grund haben” (140).
Was sagt der Psychiater zur modernen Kunst?
Vermutlich ist dieser Vortrag die Antwort auf die Frage, ob moderne Künstler psychiatrischer Behandlung bedürfen, weil man sie mit Blick auf ihre ungewöhnlichen Schöpfungen für geisteskrank hält (?) …
Es ist in der Tat nicht ersichtlich, welchen Sinn dieser Vortrag hat. Frankl erklärt sich vorweg als nicht-sachverständig im Bereich Kunst. Eventuelle psychische Erkrankungen weisen nicht auf einen bestimmten künstlerischen Stil hin und umgekehrt. Bilder psychisch erkrankter Menschen zeigen keine deutlichen Identifikationsmerkmale, zumal Frankl richtig stellen muss, “niemals ist eine seelische Krankheit an sich produktiv, niemals ist das Krankhafte selber von sich aus schöpferisch” (143).
Noch wirrer wird die Abhandlung, als Frankl ein Experiment heranzieht, in welchem er Studierenden Texte von Heidegger und Texte von einer schizophren erkrankten Person ohne Hinweis auf die Autoren vorlegte. Es war den Studenten nicht möglich, Heideggers Texte von denen eines Schizophrenen zu unterscheiden, was Frankl darauf zurückführt, dass Heidegger gern Neologismen in die philosophische Sprache eingeführt hat, die seine aus dem Kontext gerissenen Texte unverständlich wirken lassen.
Der Arzt und das Leiden
In enger Anbindung an den Vortrag zum Thema Euthanasie legt Frankl hier den Umgang mit Leiden vornehmlich in der Dynamik zwischen Patient und Arzt bzw. Psychotherapeut dar.
Schon im Vortrag Gnadentod oder Massenmord hatte sich Frankl mit der Aufgabe des Arztes auseinander gesetzt, das Leben des Menschen als höchstes Gut zu achten und einen so genannten “Gnadentod” für unheilbar Kranke aus ethischen und humanitären Gründen ausgeschlossen. In diesem Vortrag nun knüpft er daran an, indem er den Umgang mit notwendigem Leid thematisiert.
Wenn Leiden nicht medizinisch verringert werden kann, müsse der Arzt dem Patienten Größeres “abverlangen”, als nur eine Operationsangst zu überwinden, dem unheilbar leidenden Patienten müsse “die Demut, es hinzunehmen, es auf sich zu nehmen” (149) abverlangt werden. Dabei geht es Frankl um die Erlangung einer passenden inneren Haltung dem Schicksal gegenüber. Denn nach seiner Theorie hat selbst “schicksalhaft notwendiges Leiden” (149) immer einen Wert im Hinblick auf den Lebenssinn: “Der Sinn liegt dann darin, in welcher Haltung wir ihm begegnen […] in diesem Wie ist eine Möglichkeit gegeben, Sinn zu erfüllen und in unser Leben hineinzuinvestieren; […] eine letzte Chance hiezu bliebt auch dem unheilbar und aussichtslos leidenden Menschen gewahrt” (149).
Im Sinne ärztlicher Seelsorge sei es laut Frankl Aufgabe des Arztes, seine Patienten nicht nur arbeits- und genußfähig zu machen, sondern sie im Falle unheilbaren Leidens auch leidensfähig zu machen.
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Auch wenn diese Perspektive befremdlich wirkt und den Patienten übermenschliches Heldentum abverlangt, so ist sie in Auseinandersetzung mit der Euthanasiefrage Frankls Antwort auf die Setzung, unheilbar Erkrankte seien in ihrem Lebenswillen nicht durchschaubar, geschweige denn dürfe man sich zum Richter über den Sinn ihres Lebens aufschwingen.
Folgerichtig postuliert er in diesem Vortrag, gerade dort, wo andere es wagen könnten, den unsäglichen Begriff “lebensunserten Lebens” einzubringen, sei die höchste Sinnerfüllung im Dasein eines Menschen zu verorten: ein in Demut auf sich genommenes Schicksal und eine ehrenhafte Haltung in der Konfrontation mit Leid und Tod.
Ist der Mensch ein Produkt von Erbe und Umwelt?
Frankl geht hier von der These aus, man versuche, die Misere der Zeit und besonders den geistigen Notstand Einzelner wie auch der Masse insgesamt zu steuern, indem man auf dem hier in Frage stehenden Determinismus beharrt.
Doch allein über Gene und Umwelteinwirkung lässt sich der Mensch nicht erfassen, das eigentlich Menschliche werde außer Acht gelassen. Und wenn die Freiheit des Menschen unterschlagen werde, dann räche sich das beispielsweise in Form des Fatalismus.
Nach Frankls Perspektive hebt die Entscheidungsfreiheit den Menschen über sich selbst in seiner Bestimmtheit hinaus. Als Beispiel nennt er die Konzentrationslager ein “unbeabsichtigtes Massenexperiment zur Milieuforschung” (51), denn trotz Hunger sei keine Barbarei ausgebrochen und die Entscheidungskraft der Häftlinge habe den Milieueinfluss überragt.
Innerhalb des ihm noch zugemessenen Spielraumes sei der Mensch frei, so Frankl, ein innerer Halt in Form einer positiven Lebensauffassung wirke stärker als Erbe und Umwelt.
Kann man die Seele messen und wägen?
Es geht Frankl um die Frage, wie der seelische Aspekt des Menschseins (be)greifbar gemacht werden kann. Er beendet diesen Vortrag mit dem Hinweis, es sei seine “Überzeugung, dass das Gefühl viel feinfühliger sein kann, als der Verstand scharfsinnig” (162).
Bedeutsam ist der Hinweis an die Zuhörer des Rundfunkvortrages, dass ein Psychiater die Grenzen des Krankhaften wesentlich enger setzt als Laien. So gibt es zudem erhebliche Vorurteile bezüglich der Untersuchung psychischer Vorgänge oder der Untersuchung seelischer Hintergründe im Leben eines Menschen. Am bekanntesten dürften die Intelligenzprüfungen sein, welche allerdings nichts über das Wesen eines Menschen aussagen können, sondern Gedächtnisfunktion und Merkfähigkeit des Probanden testen können.
Sämtliche zur Ergründung von Wesensmerkmalen entwickelten Tests geben nur recht allgemeine typologische Orientierung und bergen zudem die Gefahr willkürlicher Deutungen, wie Villinger herausgearbeitet hat. Frankl meint nun, “will man also mehr als einen bloßen Typus, will man die Person erfassen, dann könnte man nie genug individualisieren. Ja, mehr als das: eigentlich müsste man für jede Person und […] jede Situation, in der sie sich befindet, einen eigenen Test erfinden. Man kann nämlich nie genug improvisieren” (160).
Obwohl sich der seelische Aspekt des Menschseins nicht mit Messverfahren ergründen lässt, widmet sich die Forschung bevorzugt der Vermessung von Teilaspekten. Wenn Frankl von Dimensionen spricht, meint er meist einen verborgenen Reduktionismus: “Testet man den Menschen, so ist es schon längst nicht mehr der Mensch, ist es jedenfalls nicht sein Wesen, was da erfasst wird. Vielmehr hat eine Psychologie, die in einer Testmethode gipfelt, den Menschen aus der ihm eigenen Dimension nur hineinprojiziert in die Dimension des Messbaren und Wägbaren. Das Wesentliche, das Eigentliche im Menschen, dessen Persönlichkeit, hat sie damit aus dem Blick verloren” (161).
Die Wesenserfassung ist für Frankl ein interindividueller Vorgang, der innere Aufgeschlossenheit voraussetzt, so geschieht die Erfassung nicht typologisch oder statistisch, sondern “in liebender Hingabe an das unverwechselbare Du des anderen” (161). Also ist es ein besonders intimer Vorgang, die Persönlichkeit eines anderen zu ergründen, in Frankls Formulierungen tauchen nicht umsonst Begriffe aus dem Vortrag über die Liebe auf. Es besteht eine Verwandtschaft zwischen psychotherapeutischer Beziehung und der Liebe.
“Der Liebe eignet eine kognitive, d.h. eine Erkenntnisfunktion. Aber auch die Psychotherapie muss Werte sehen; sie kann nie völlig wertfrei sein, sondern höchstens wertblind” (162). Wenn man so will, so ist die Seele zwar in Teilaspekten oder “Dimensionen” messbar, ein umfassenderer Zugang zum Wesen eines Menschen aber erfolgt über eine grundlegendere Aufgeschlossenheit, die der Liebe nicht unähnlich ist.
Das Buch als Therapeutikum
[aus dem Anhang:] Festvortrag zur Eröffnung der Buchwoche 1975
Das richtige Buch zur rechten Zeit kann “echte Lebenshilfe” leisten, so Frankl, dabei sieht er Literatur als Therapeutikum im Kampf gegen drei Aspekte der Zeitkrankheit: Pensionierungskrise, Arbeitslosigkeitsneurose und Sonntagsneurose.
Angesichts des um sich greifenden Sinnlosigkeitsgefühls, das Frankl als “existentielles Vakuum” bezeichnet, sei gute Literatur dazu geeignet, einen unerschöpflichen Sinn bereit zu halten: “Nichts aber vermöchte die Sinnfindung katalytisch so sehr in Gang zu bringen, wie das Buch” (170). Ein wirklich gutes Buch sei in der Lage, die Möglichkeit offen zu halten, dass sich die Wirklichkeit umgestalten lässt, denn ein solches Buch beschönigt oder verharmlost die Wirklichkeit nicht, und ermutigt, die Wirklichkeit nutzbar zu machen. Als zentripetales Freizeitvergnügen fördert Literatur das “selektiv Sein”: “Mitten in einer von der Dehumanisierung bedrohten Arbeitswelt schüttet der Mensch Inseln auf, auf denen er nicht nur sich unterhalten kann, sondern auch sich besinnen, nicht nur sich zerstreuen, sondern auch sich sammeln. Die aufs Lesen verwendete Freizeit verhilft ihm nicht zur Flucht vor sich selbst, vor seiner eigenen Leere, sondern sie lässt ihn “zu sich kommen”; (170-171).
Besonders hervorzuheben ist Frankls scharfer Ton in Richtung des Buchhandels und in gewissem Sinne auch in Richtung der Autoren: “Und eine Literatur, die es verschmäht, in diesem Sinne ein Heilmittel zu sein und am Kampf gegen die Krankheit des Zeitgeistes teilzunehmen”; eine solche Literatur ist nicht eine Therapie, sondern ein Symptom, das Symptom einer Massenneurose, der sie noch dazu in die Hände arbeitet. Wenn der Schriftsteller nicht fähig ist, den Leser gegen Verzweiflung zu immunisieren, dann soll er es doch wenigstens unterlassen ihn mit Verzweiflung noch zu infizieren” (167-168). Und schärfer noch in Richtung des Buchhandels: “Solange wir uns von vornherein auf den Standpunkt stellen, der Leser sei für dieses oder jenes Buch einfach zu blöd, bleibt er nicht nur auch wirklich blöd, sondern wird er überhaupt erst blöd” (171).
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Vergnüglich, wie sich Frankl dem Wert guter Literatur als Seelenbalsam zuwendet, um sich sogleich mahnend gegen jene zu wenden, die Literatur produzieren. Man könnte angesichts des letzten Zitates meinen, es basiere auf einer konkreten Unterhaltung mit jemandem, der anspruchsvolle Literatur für unverkäuflich hält.
Er weist jedoch darauf hin, dass die heilende Wirkung bestimmter Literaturformen immer auch im Bezug zu Texten stehend gesehen muss, welche die Leser weiter in Frustration und Verzweiflung treiben: Wenn ich mir den subjektiven Einwurf erlauben darf, so machen die Werke seriöser Autoren wie etwa Schmidtbauer oder Wickert auf mich eben diesen Eindruck– ihre Texte prangern den Verfall der heutigen Gesellschaft bis ins letzte hysterisch unter die Lupe gezerrte Detail an, allerdings fehlen ein optimistischer Grundton sowie Anhaltspunkte, wie der Misere entgegen zu wirken sei. Frankl dramatisiert eine “Zeitkrankheit”, dabei achtet er allerdings sehr darauf, nicht nur auf Gefahren oder bedenkliche Entwicklungen hinzuweisen, sondern er hat Strategien entwickelt, wie alledem entgegen zu wirken sei.
Grundsätzlich habe ich als Leserin ein ungutes Gefühl, sobald jemand die Zeit, in der wir leben, pathologisiert: alles wird schlechter, die Menschheit degeneriert, überall lauern unausweichliche Gefahren – mich erinnert dergleichen an Orakel oder finstre Propheten, deren Aussagen womöglich dazu angetan sind, in eine Dynamik der Self-Fulfilling-Prophecy zu münden. Während Schmidtbauer und Wickert zu den wuchernden Missständen nichts mehr einfällt (als ein den Niedergang dokumentierendes Buch nach dem anderen zu schreiben), wartet Frankl mit gut durchdachten Methoden und Konzepten auf. Wohl gemerkt: Er diagnostiziert die sog. Zeitkrankheiten so, dass seine Heilmethoden absolut passend wirken müssen. Und dennoch wird man feststellen, dass dieses existentielle Vakuum sich seit den 50er Jahren nicht etwa verflüchtigt hat. Ganz so einfach ist die Therapie der Gesellschaft offenbar nicht.
Am überzeugendsten wirkt auf mich Frankls Einwurf, freie Zeit münde in Sinnlosigkeitsgefühle, wenn man statt dem Sinn auf den Fersen zu bleiben, Zuflucht in Zerstreuung sucht. Das Bild zentripetaler Kräfte (das Gegenteil zentrifugaler Kräfte, der sog. Fliehkräfte also), die beispielsweise in Meditation oder eben beim Lesen guter Bücher zur Wirkung kommen, macht besonders dann Sinn, wenn man Fernsehen – als Zerstreuung – zum Gegenpol erklären wollte.
Das letztgenannte Zitat zeigt mir, wie entschieden sich Frankl gegen intellektuelle Unterforderung wendet, die letztlich eine Strategie darstellt, die Menschen “blöd” zu machen, damit die frei verkäuflichen Zerstreuungsmechanismen noch besser angenommen werden. Frankl ist sauer – er appelliert in diesem Vortrag nicht so sehr an die Sinnerfüllungskraft des Individuums wie an die Pflicht der Verlage, solcherart Sinnstrukturen überhaupt erst in Buchform zugänglich zu machen. Er mag gemeint haben, es sei die Aufgabe der Buchbranche, sich auf die Seite der Sinnsuche zu schlagen, statt der pathogenen Fliehkräfte Vorschub zu leisten.
Zitation
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04. Juni '08
Vorlesungen zur Sozialpsychologie WS 05/06Prof. Dr. Heiner Keupp und Prof. Dr. Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München sind mit Vorlesungen zu Grundlagen der Sozialpsychologie (2005/2006) online als Videovorlesung zu verfolgen. Es handelt sich um insgesamt 26 Vorlesungen in bemerkenswerter technischer Qualität — von inhaltlichen Qualitäten will ich gar nicht reden… ein echter Favorit im Netz. » lesen ... |
06. Juni '07
GehorsamKonformität ist zwar ein verwandtes sozialpsychologisches Phänomen, unterscheidet sich indes von Gehorsam insofern, als der Einfluss bei konformem Verhalten von einer Gruppe von Individuen gleichen oder ähnlichen Status ausgeht. » lesen ... |
03. Juni '07
Maslow, Abraham: Deprivation, Bedrohung und FrustrationGemäß der gängigen Definition bedeutet Frustration, dass man nicht das Ersehnte erhält, ein Wunsch wird nicht erfüllt, eine Gratifikation bleibt unerreicht. Dabei handelt es sich bei genauer Betrachtung sowohl um Deprivation, die für den Organismus weitgehend unschädlich ist, als auch um Deprivation, die zugleich die Persönlichkeit des Individuums bedroht (seine Lebensziele, Abwehrmechanismen, sein Selbstwertgefühl oder Sicherheitsempfinden). Nur eine bedrohliche Deprivation hat laut Maslow die Vielzahl von Auswirkungen, die generell der Frustration zugeschrieben werden. » lesen ... |



