Hall & Crisp: Angstinduzierte Reaktionsbeständigkeit und Stereotypänderung


d.wieser, 05. Juni 07

Es geht generell um die Frage, welche Faktoren am Zusammenspiel von Einstellung und Sozialverhalten beteiligt sind, genauer gesagt geht es um Faktoren, die die Verarbeitung sozialer Wahrnehmungsmuster bezogen auf Vorurteile und Stereotypen beeinflussen können. Ein solcher Faktor ist die im experimentellen Setting hergestellte Angst (engl. anxiety, dt. auch: Besorgnis oder Sorge, was hier zutreffender erscheint als “handfeste” Angstzustände) – wie wirkt sich Angst darauf aus, wie stark Stereotype sich unterdrücken lassen bzw. wie stark sie sich äußern?

Vorab angemerkt: mein Eindruck von diesem Fachartikel geht dahin, dass bei der Untersuchung etwas irgendwie schief gegangen ist; die erzielten Ergebnisse werden derart jonglierend in einen mir nebulös bleibenden neurowissenschaftlichen Zusammenhang gestellt, dass die Deutungsunsicherheit der Autoren sich direkt auf meine Rezension auswirken wird.

Vorherige Forschungen untersuchten den Zusammenhang zwischen Stereotypen, deren Unterdrückung und Angst: War jemand bemüht, eine stereotype Denkweise zu unterdrücken, resultierte das später in einem verstärkten Ausdruck stereotyper Einstellung (dem sog. Rebound-Effect, die stereotype Denkweise wird also neu ins Sozialverhalten bzw. in die Personenwahrnehmung eingebunden), ebenso wurde experimentell nachgewiesen, dass Angst zur Verstärkung von Stereotypen beiträgt.

Ein fulminanter Auftakt des Artikels in einem einzigen Satz: In Gesellschaften mit egalitären Normen müssen stereotype Denkweisen unterdrückt werden. Interessant, dass gleich die Denkweise unterdrückungswürdig sein soll, meine These wäre, man ist gehalten darauf zu achten, welchem Publikum man die Äußerungen solcher Stereotype präsentiert. Übrigens geht der Begriff des Stereotyps auf Lippmann (1922) zurück und meint eine vorgefasste Meinung über soziale Gruppen. Es konnte experimentell nachgewiesen werden, dass beispielsweise die normative Sensibilität der Zielgruppe, die Schuldgefühle der Probanden oder auch die Motivation, vorurteilsfrei zu sein, bei diesem Prozess eine Rolle spielen. Als zusätzlich beteiligten Faktor untersuchen die Autoren nun experimentell herbeigeführte Angst; diese nämlich verringert die zielgerichtete Aufmerksamkeit (i.S. Der Informationsverarbeitung), was dazu führen kann, dass Details nicht mehr beachtet werden. Man geht davon aus, dass bei hochgradiger Angst soziale Informationen nur noch minimal verarbeitet werden und Stereotype als kognitive Abkürzungen verstärkt zum Tragen kommen können. Ist die stereotypisierte Zielgruppe nicht-sensibel (z.B. Skinheads), wächst die Stereotypbildung nach einer Phase der Unterdrückung erneut an, mutmaßlich weil keine sozialen Sanktionen erwartbar sind. Ist die Zielgruppe jedoch sensibel (z.B. afroamerikanische Personen), erfolgt kein solcher Rebound der Stereotype, da harte soziale Sanktionen erwartet werden.

Auf der Basis vorheriger Forschungsergebnisse treffen die Autoren eine Voraussage über die Verhaltensweisen, die sie im Experiment zutage fördern werden: wird die Stereotypbildung nicht unterdrückt und herrscht wenig Angst, erwartet man die geringsten Stereotypbildungen. Bei Unterdrückung ohne Angst, etwas mehr, ohne Unterdrückung und bei gesteigerter Angst ebenfalls mehr und bei Unterdrückung und Angst ist ein besonders hohes Maß an Stereotypbildung zu erwarten. Dazu nun der Versuchsaufbau:

Es werden 54 Studierende zwischen 17 und 19 Jahren in die Studie einbezogen, 32 männliche und 22 weibliche Personen. Als Zielgruppe für etwaige Stereotypisierung wählt man eine weibliche chinesische Person.

Das Experiment erfolgt in zwei unmittelbar aufeinander folgenden Phasen, vorgebliches Thema der Veranstaltung ist der Auswahlprozess für Graduierte.

  • I Unterdrückungsanweisung: den Probanden wird das Foto einer weiblichen chinesischen Person gezeigt, woraufhin sie gebeten werden, einen Tag im Leben dieser Person zu skizzieren – der Zeitrahmen beträgt fünf Minuten. Die Hälfte der Probanden erhält nur diese Vorinformation. Die andere Hälfte wird zusätzlich noch darüber unterrichtet, dass Forschungen den Zusammenhang zwischen Voreingenommenheit und stereotypem Denken erwiesen hätten, jeglicher Ausdruck, der als Stereotyp verstanden werden könne, sei bei der Beschreibung zu vermeiden.

Nach Abschluss der ersten Phase teilt man den Probanden mit, es folge ein ganz neuer Testabschnitt, der nichts mit dem vorherigen gemein habe.

  • II Angstmanipulation: Den Probanden wird nun ein kurzer Text über eine Person vorgelegt, dann sollen einige Fragen beantwortet und Beurteilungen dieser Person abgegeben werden. Eine Hälfte der Probanden erhält keine weitere Anweisungen, die andere Hälfte jedoch wird gebeten, außerdem einen spontanen fünfminütigen Vortrag zu einem unbekannten Thema zu halten, diese Leistung werde dazu verwendet, ihre individuelle Vortragsfähigkeit zu beurteilen, darüber hinaus werde dieser Vortrag auf Video festgehalten. Diese zusätzlichen Anforderungen sollen den Angstlevel heben. Gleich nach der Angstmanipulation maßen die Autoren den Angstlevel der Probanden anhand einer Skala, um sicher zu stellen, dass die vorbeeinflusste Gruppe einen höheren Angstlevel zeigt, als die Vergleichsgruppe.

Der in Phase II vorliegende Text über eine weibliche Person namens Wei Ling enhält sechs Verhaltensweisen, zwei Stereotype (sehr gutes Klausurergebnis, Mahlzeit mit der Familie), zwei anti-stereotype Verhaltensweisen (Besuch im Nachtklub, Arbeit im Supermarkt) und zwei neutrale Merkmale (Fernsehen, Freunde treffen). Warum es sich dabei um gesicherte (anti-) Stereotype (bezogen auf chinesische Mitbürger) handelt, habe ich nicht recht nachvollziehen können. Vermutlich handelt es sich um Merkmale, die Phase I zutage gefördert hat, die Unterteilung in Stereotyp und anti-Stereotyp bleibt mir unklar.

Zur Auswertung beurteilen zwei neutrale Gutachter die in Phase I entstandenen Texte im Hinblick auf vorgetestete Persönlichkeitsattribute, jeweils mit einer Skalierung von -5 bis +5. Für die weibliche chinesische Person stehen Stereotyp (intelligent, Familiensinn, diszipliniert, traditionsbewusst), anti-Stereotyp (gedankenlos, faul, beleidigend, achtlos) und neutrale Merkmale (zugänglich, ernst, defensiv, unsympatisch) zur Beurteilung. In Phase II bewerten die Probanden die chinesische Person nach eben diesem Verfahren, wodurch sich direkte Vergleiche zwischen den beiden Phasen anstellen lassen.

Es folgt eine mir unbegreifliche Rechenarbeit, die empirische Resultate zutage fördert, mit denen ich gleichfalls nichts anfangen kann. Irgendwie lese ich dann ab “Diskussion” weiter:

Die Autoren warnen (!) vorab, die Angstmanipulation habe keine messbare Unterdrückungsreaktion erbracht. Nun wäre es möglich, dass die Messinstrumente nicht fein genug gewählt wurden, man erwägt sogar Rechenfehler oder fragt sich, ob das Maß an experimentell erzeugter Angst nicht hinreichend gewesen sei. Allerdings konnte nachgewiesen werden, dass die Anweisung in Phase I, Stereotype zu unterdrücken, tatsächliche Auswirkungen zeigte. Man diskutiert weiter ein Problem, das sich aus der zeitlichen (und gedanklichen, also kognitiven) Nähe zwischen Phase I und II ergeben mag. Das feststehende Untersuchungsergebnis lautet, dass hohe Angstlevel in einer konstanten Unterdrückung der Stereotype resultierten ( response perseverance oder Reaktionsbeständigkeit). Angstfrei lässt sich die Wahrnehmungsweise ändern, doch wenn Angst eine Rolle spielt, bleibt die Regulation der Stereotype aufrecht. Die Rebound-Reaktion wird also (noch) nicht bewiesen.

Den Grundgedanken des Experiments finde ich grandios, alles bis auf den Faktor “Angst” ist sehr einleuchtend, insbesondere dann, wenn man die Stereotype tatsächlich aus den Beschreibungen aus Phase I gezogen haben sollte (sicher bin ich mir da nicht). Wenn ich es mir recht überlege, könnte die Angstmanipulation in Phase II bestenfalls eine Anspannung bewirkt haben, so dass die Selbstpräsentation vor der Videokamera und zur Bewertung der eigenen Vortragsfähigkeit Wei Ling in den Hintergrund gerückt hat.

Eine direkt auf die Stereotype bezogene Angst sehe ich (den Prinzipien der Untersuchung gemäß) tatsächlich nicht. Die Probanden werden durch die Anforderung zur optimalen Selbstpräsentation vermutlich prächtig abgelenkt; ob es sich um Angst handelt, wage ich indes zu bezweifeln. Da nicht getestet wird, wie sich soziale Angst im gegebenen Kontext auswirkt, sondern wie im Zuge einer unspezifischen kognitiven Anspannung unterdrückte Inhalte via geistige Abkürzung wieder zum Vorschein kommen (oder eben nicht), wäre die ausdrückliche Definition der experimentell herbeigeführten Angst mehr in den Vordergrund zu stellen. Für mich klingt es eher nach einer Anspannung mit narzistischer Note, als nach einer Form von Angst, die sich auf die Informationsverarbeitung hätte auswirken können – andererseits: wie weit hätte man wohl gehen dürfen, um “handfeste Angst” herbeizuführen?
Raffiniert ist der Gedanke, in einer Phase narzistischer Anspannung könnte die Stereotypunterdrückung aufrecht erhalten werden, weil man kognitiv bemüht bleibt, bei der Präsentation einen möglichst guten (& politisch korrekten) Eindruck zu hinterlassen.

Letztlich darf somit nicht verallgmeinert werden, es sei Angst im Spiel gewesen, als die Stereotype beständig unterdrückt wurden. Man könnte verlässlicher darauf verweisen, dass unter den gemessenen Anspannungsbedinungen (und in der zeitlichen Nähe zu Phase I, auch das gibt mir zu denken) kein Rebound-Effekt auftreten konnte (noch nicht?).

Weiterhin möchte ich anmerken, die gewählte Zielgruppe könnte ggf. zu schwach mit Sterotypen konnotiert sein – um in saftigeren Vorurteilen schwelgen zu können, hätte man den Probanden auch Berufsgruppen statt Bevölkerungsteile anbieten können; ich denke da an Bauarbeiter, Friseure oder Drogendealer oder (…), denn im Vergleich zu Untersuchungen über Skinheads und Vorurteile schneiden die chinesischen Mitbürger in meinem eigenen Vorurteilsrepertoire ehr mager ab. Ein Tag im Leben eines Drogendealers oder Skinhead setzt zumindest farbenprächtigere Phantasien frei, als ein Tag im Leben einer jungen Chinesin – möglicherweise wären diese zu unterdrückenden Stereotype mit höherer Wahrscheinlichkeit in Phase II wieder aufgetreten.

Quelle:
Hall, N. R., Crisp, R. J.: Anxiety-Induced Response Perseverance and Stereotyping Change. in: Current Research in Social Psychology Vol. 8 No. 7 | 2003 (Host: uiowa.edu ) HTML

Onsite

Zitation

wieser, d. (05. Juni '07): Hall & Crisp: Angstinduzierte Reaktionsbeständigkeit und Stereotypänderung, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/hall-crisp-stereotyp


31. Juli '07

Shermer: Skeptizismus, Deromantisierung, Entmystifizierung

Bei einer Konferenz für Technology, Entertainment, Design (TED) liefert Shermer in einer knappen Viertelstunde die kuriosesten (willkommensten) Irrtümer ab, denen die Menschen der Neuzeit heißblütig anhängen. Der große Skeptiker gibt sich sarkastisch und unterhält sein Publikum ganz hervorragend mit einer feinen Kette seiner Enthüllungen.

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Schlüsselkonzept
29. August '07

Angst

Die Differenzierung von Furcht und Angst geht auf die Arbeiten des dänischen Religionsphilosophen Kierkegaard zurück. In einem Werk mit dem Titel Der Begriff Angst von 1844 definierte er Furcht als Reaktion auf einen eindeutigen Reiz und Angst als Reaktion auf mehrdeutige oder unklare Reize:

«Man findet den Begriff Angst kaum jemals in der Psychologie behandelt, ich muss deshalb darauf aufmerksam machen, dass er gänzlich verschieden ist von Furcht und ähnlichen Begriffen, die sich auf etwas Bestimmtes beziehen, während Angst die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit ist. Daher wird man beim Tier, eben weil es in seiner Natürlichkeit nicht als Geist bestimmt ist, keine Angst finden.»


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Referat
05. Juni '07

de Freitas Messina & Tiedemann: Psychobiologische Depression in Kindheit und Adoleszenz: ein klinischer Überblick

Hatte man bis in die 70er noch gemeint, Depressionen beträfen nur Erwachsene, so ist man inzwischen bei der bitteren, statistisch abgesicherten Erkenntnis angelangt, dass diese Erkrankung bei Kindern und Heranwachsenden auftreten kann und zusehends häufiger auftritt. Für Leser, die mit psychiatrischen Begriffswelten weniger vertraut sind hier ein wichtiger Hinweis: Bei all den aufgelisteten Symptomen findet man womöglich sofort Parallelen zum Verhalten der eigenen Kinder – es handelt sich jedoch nicht um eine Anleitung zur Selbstdiagnose oder um frische Nahrung für Hypochonder.


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