«Wir erleben dasselbe: doch darf es niemand wissen. Identität der Geheimnisse. Die Schicksale schimmern in wechselndem Licht. Aber im Dunkel ist es wieder dasselbe.»
Elias Canetti
James, William: Existiert das "Bewusstsein"?
d.wieser, 03. Juni 07
In einem (mich verwirrenden) philosophisch geprägten Text zeigt Willam James, dass “Bewusstsein” eine Fiktion ist, welche zum Verständnis wichtiger Vorgänge im Menschen nicht beitragen kann. Dem stellt er sein Konzept der reinen Erfahrung als praktische Wahrheit gegenüber. Aus dieser Theorie ergeht der Wissenschaft größerer Erkenntnisgewinn als aus der Beschäftigung mit einem nur epistemologisch, nicht aber praktisch hilfreichen Bewusstseinskonzept.
Zunächst resümiert William James im Rückbezug auf die philosophischen Orientierungen seit Kant das Konzept des tranzendentalen Ichs vorgestellt hatte: Rationalisten bedeutet das Bewusstsein alles, während es den Empirikern nichts bedeutet, und wieder anderen ist es nur ein Label für die Tatsache, dass man den “Inhalt” menschlicher Erfahrung (er-)kennen kann. Das transzendentale Ich wird somit zum bloßen Bewusstsein ohne persönliche Form und Aktivität, dessen Inhalt erforschbar ist, doch über das Bewusstsein an sich weiß man nichts zu sagen.
James hält das Bewusstseinskonzept in der modernen Philosophie für ein Überbleibsel des vormaligen Konzepts der Seele ohne tatsächliche Relevanz: man sollte sich vom Konzept des Bewusstseins trennen. Denn der Begriff bezieht sich auf keine Entität, wohl aber auf eine Funktion: Es gibt keine stoffliche Qualität des Seins (anders als in der materiellen Welt), aus welcher unsere Gedanken bestehen, aber es gibt die Funktion der Erfahrung, die unsere Gedanken vollbringen und zu deren Durchführung diese Qualität abgerufen wird: erkennen oder wissen. Dafür war das Konzept Bewusstsein gesetzt worden.
Eine Hypothese des Autoren lautet: Die reine Erfahrung ist ein ursprüngliches Material, aus dem die Welt des Menschen besteht. Wissen ist dann die Beziehung, welche Bestandteile der reinen Erfahrung zueinander einnehmen. Somit gibt es Subjekt (Wissender) und Objekt (Gewusstes) – oder in philosophischeren Begriffen Erkennender und Erkanntes.
Für Neukantianer meint das Bewusstsein nur, dass Erfahrung von dualistischer Struktur sei: Minimum ist die Denkeinheit von Objekt-plus-Subjekt. Die Seele verstand man als vom Körper abtrennbar, das Bewusstsein hingegen ist zeitloser Zeuge des Geschehens, entspricht somit dem Inhalt menschlicher Erfahrung. Es folgt, dass das Bewusstsein nur als epistemologische Notwendigkeit zu gelten hat, ohne dass seine Existenz bewiesen wäre, so James.
Dann stellt der Autor die Haltung anderer Theoretiker vor, welche meinen, man könne sich der “Bewusstheit” (dt. Begriff im Originaltext) selbst bewusst werden, wenn man den Inhalt des Bewusstseins quasi subtrahiere.
II
Dem widersprechend postuliert James, die Erfahrung sei ohne innere Duplizität, man gelangt vielmehr durch Addition statt durch Subtraktion zu Bewusstsein und Inhalt.
Ein unzerteiltes Stück Erfahrung im gegebenen Kontext spielt einmal die Rolle des Wissenden und in anderem Kontext die Rolle des gewussten Dinges, eines objektiven “Inhalts” also – mal Gedanke, mal Ding, in beiden Bereichen ist gleichzeitiges Funktionieren möglich – Erfahrung ist damit zugleich subjektiv und objektiv. Die Konzepte “Gedanke” und “Ding” sind eine Frage der Beziehung, sie liegen außerhalb der betreffenden Erfahrung, nicht innerhalb, wie bislang angenommen wurde.
Hierin sieht James eine Fortführung der Arbeit Lockes und Berkeleys (Pragmatismus): Locke setzte den Begriff “Idee” für Ding ebenso wie für Gedanke; Berkeley sagte, was für den Philosophen die Ideen, seien die Realitäten für den gesunden Menschenverstand.
Anhand eines einfachen Beispiels erklärt James: wenn der Leser in einem Zimmer sitzt und liest, gibt es den Raum sowohl als “Bewusstseinsfeld” als auch als den Raum, in welchem man sitzt, je nach Kontext und jeweils als gesamte Erfahrung. Die “Raumerfahrung” nimmt einmal im Rahmen der individuellen Biographie und einmal als Geschichte des betreffenden Raumes Eingang in die beiden möglichen Ausprägungen der Erfahrung. Beide Konzepte sind durchaus inkompatibel, denn der Raum ist etwa seit dreißig Jahren derselbe, mag dem Bewusstsein aber bislang nie als tatsächlich existent vorgekommen sein.
III
James geht nun von der Wahrnehmung (das sinnlich Erfahrbare) zu Konzepten (das Verborgene) über und erläutert, dass das nur Gedachte ebenso funktioniert wie Wahrnehmungen, auch Gedachtes kann subjektiv oder objektiv zugleich sein. Hier bezieht er sich auf Texte von Hugo Münsterberg, der sich zur Objektivität nicht-wahrnehmbarer Erfahrungen geäußert hatte, indem er darauf verwies, dass es vollständige Parallelität zwischen dem derzeit Empfundenen und dem verborgenen Gedachten gebe.
(sinngemäß übersetztes Zitat:) “Das Objekt, an welches in denke und dessen Existenz ich anerkenne, ohne dass es jetzt meine Sinne anspricht, nimmt seinen Platz in der äußeren Welt ebenso ein wie das Objekt, das ich direkt vor mir sehe. … Gedachtes (das sich tatsächlich an anderen Orten oder zu anderen Zeiten befindet) hat eine Realität, die die Erfahrung direkt empfindet, es beeinflusst ebenso wie tatsächlich Wahrgenommenes.”
Das nur Gedachte hat zahlreiche Umgebungsvariabeln, die James als Associates bezeichnet, einige bringen Kohärenz (das System externer Wirklichkeiten) und andere sind locker konzipiert (Strom inneren Denkens, innerhalb dessen das Gedachte als “geistiges Bild” fließt). Daraus ergibt sich eine Dopplung von Gedanke und Gedachtem in einem, “subjektiv” ist, was die Erfahrung repräsentiert und “objektiv” ist die die repräsentierte Erfahrung – damit ist kein Dualismus per se gegeben, so James.
Die “reine Erfahrung” ist laut James das unmittelbare Feld der Gegenwart, sowohl subjektiv als auch objektiv, zunächst ist es einfach nur das Gegebene. Diese unmittelbare reine Erfahrung im Vorübergehen ist praktische Wahrheit. Das Bewusstsein hingegen meint eine Art äußerer Beziehung, bezeichnet also keinen speziellen Stoff, keine spezielle Seinsart. Die Eigentümlichkeit unserer Erfahrungen (sie sind nicht nur, sondern sind auch gewusst) erklärt sich besser im Kontext ihrer Beziehungen – diese Beziehungen sind wiederum untereinander Erfahrungen.
IV
Ebendies trifft auch auf das Wissen perzeptueller Erfahrungen zu: es ist erneut eine Frage der Beziehungen. Das Wissen vollzieht sich im Grunde tatsächlich und praktisch als Hinführen-zu und Enden-in Perzepten.
James reißt neben der Wahrnehmung die Rolle der Konzepte und Perzepte hier nur an, aufgrund der Knappheit dieser Erläuterungen habe ich schlichtweg den Faden verloren …
V
James nimmt etwaige Einwendungen gegen seine Theorie vorweg. Wollte man fragen, aus welchem Stoff die reine Erfahrung gemacht sei, so müsste die Antwort lauten, sie besteht aus dem, was erscheint, aus Raum, Intensität etc.
VI
Sind Gedanke und Ding so heterogen, wie gemeinhin (traditionell) angenommen wird?
Darauf gibt James zur Antwort, wären “Subjekt” und “Objekt” so weit getrennt voneinander, wäre es bezüglich eines vorliegenden Materials wohl kaum so schwierig zu differenzieren, welcher Teil der Information durch die Sinnesorgane kommt und welcher Teil “aus dem eigenen Kopf” hinzukommt. Empfindungen und apperzeptive Gedanken verschmelzen derart, dass man nicht sagen kann, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Wahrgenommene Erfahrungen sind der Nucleus, sie sind die ursprünglichen starken Erfahrungen; wir fügen ihnen zahlreiche konzeptuelle Erfahrungen hinzu, welche in der Vorstellung ebenfalls stark werden; die verborgenen Teile der äußeren physischen Welt bauen wir mit diesen Mitteln weiter aus. Um den Kern der Wirklichkeit fließt die Welt lose verbundener Einfälle und bloßer rhapsodischer Objekte wie Wolken, so James.
VIII
James erkennt den “Stream of Thinking” – den Strom des Denkens – emphatisch als Phänomen an. Philosophen mögen das Konzept des Bewusstseins aus dem Atem konstruiert haben; das Bewusstseinskonzept bleibt eine fiktive Einheit, wohingegen konkrete Gedanken vollends real sind. Und konkrete Gedanken bestehen für den Menschen aus demselben Stoff wie die Dinge selbst.
In einem vertiefenden Artikel “A World of Pure Experience” führt William James seine Theorie weiter aus; zugegebenermaßen reicht mein Verständnis der Philosophie nicht aus, um ihm dahin zu folgen.
Quelle:
James, William: Does “Consciousness” Exist?, 1904 (Host: yorku.ca) HTML
Zitation
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