Jelenec: Implizite Einstellungen gegenüber älteren Frauen und Männern


d.wieser, 05. Juni 07

Neben Sexismus und Rassismus ist eine facettenreiche Diskriminierung | Stigmatisierung älterer Menschen (im Englischen der sog. Ageism) ein interessantes gesellschaftliches Phänomen.

Vergangene Forschungen zeigten, dass die Struktur der Befragung erheblichen Einfluss auf das Ergebnis ausübt, insbesondere wenn die Einstellung gegenüber älteren Menschen durch den Vergleich mit jungen Menschen erforscht werden soll – im direkten Vergleich schneidet das Alter negativer ab, als die erstrebens- und erhaltenswerte Jugendlichkeit.

In der Vorurteilsforschung bedient man sich eleganter Weise Methoden, die nicht nur direkte (möglicherweise bewusste) Einstellung abfragen, sondern sog. indirekte oder implizite (möglicherweise unbewusste) Einstellungen gegenüber einer Personengruppe:

Greenwald et al entwickelten einen Test zur impliziten Assoziaton (IAT – Implicit Association Test), um automatische Assoziationen zwischen Zielkonzept und Attributdimension zu ergründen. Der Test findet am Computer statt, wo nacheinander kontrastierte Konzepte als positiv oder negativ bewertet werden. In der Forschung zur Stigmatisierung älterer Menschen werden als Zielkonzepte alte und junge Menschen kontrastiert – die Attributdimension ist positiv/negativ.

Statt die älteren Menschen als Gesamtgruppe zu untersuchen, spaltet man die Zielgruppe in Untergruppen auf, die womöglich zu verschiedenen Attributionen von positiv-negativ führen können: so lässt sich herausfiltern, ob es innerhalb der Zielgruppe “ältere Menschen” Differenzierungen in Subkategorien gibt, welche zu positiveren oder negativeren Bewertungen gelangt, als die Zielgruppe insgesamt. Zudem lässt sich eine geschlechtsspezifische Differenzierung vornehmen, indem man zwischen älteren Frauen und älteren Männern unterscheidet.

Für die Untersuchung wurde die Zielgruppe “ältere Menschen” – aufgespalten in ältere Frau, gute Oma, alte Beißzange, älterer Mann, guter Opa, alter Zausel – der neutralen Vergleichsgruppe “junge Leute” gegenüber gestellt. Zehn gängige Stereotype für jung oder alt stellten die Kategorien dar. Als Attribute wurden Begriffe verwandt, die eindeutig positiv oder negativ besetzt sind, nicht aber eindeutig mit jung oder alt in Verbindung stehen. Die Kategorielabel variierten je nach Testdurchgang (positiv-neutral-negativ oder männlich-weiblich).

Details zu Computerprogrammen, die zur Durchführung verwendet wurden, sowie zum statistischen Auswertungsverfahren kann ich nicht widergeben – ich verstehe schlichtweg kein einziges Wort. (Verzeihung!)

Gemessen wurde (vermutlich?) die Reaktionszeit zur Herstellung einer Bewertung wie “alt-positiv” oder “jung-positiv”; daran konnte irgendwie abgelesen werden, ob beispielsweise eine positive Bewertung einer Subgruppe zur positiveren Bewertung der Gesamtgruppe führte. Man kam zu dem Ergebnis, dass bei dieser Form des Forschungssettings beachtliche negative (implizite) Einstellungen gegenüber der Gruppe “ältere Menschen” zutage treten: die implizite Bewertung stellt sich sogar noch negativer dar, als vergleichbare Untersuchungen zur expliziten Bewertung älterer Menschen.

Unter anderem stellte sich im geschlechtsspezifischen Vergleich heraus, dass ältere Frauen nicht negativer bewertet werden als ältere Männer.

Mir ist beim sorgfältigen Lesen des Artikels nicht klar geworden, welche Personengruppen (nach welchem Auswahlverfahren) dem Test unterzogen wurden – ich gestehe ein, dass mich die statistischen Fachbegriffe rundweg aus der Bahn werfen; außerdem fällt es mir schwer, den lustigen Korrelaten einen gesellschaftlichen Sinn abzugewinnen:

Beim Lesen fragte ich mich unwillkürlich nach dem Warum hinter all diesen hervorgerechneten impliziten Bewertungen. Warum ist alt=negativ? Dabei glaube ich verstanden zu haben, dass es sich um einen automatisierten Test handelt, der quasi “reflexhafte” Sortierungen abfragt, die auf tiefere Bezüge zur sozialen Wirklichkeit verweisen. So fällt die Evaluation der Forschungsergebnisse gleichsam automatisiert aus – warum die Relationen zwischen alt=negativ und jung=positiv sich hielten, obzwar positiv konnotierte Subgruppen zu einer leicht positiveren Bewertung führten, habe ich nicht nachvollziehen können.

Mein stirnrunzelndes Geständnis müsste an dieser Stelle lauten: ich mag mir nicht vorstellen, dass sich Attributionen, selbst wenn sie so mechanisch-stumpf-abfragbare Stereotype repräsentieren, schlichtweg ausrechnen und statistisch auffächern lassen. Da liegt ein Ergebnis vor, das in meinen Augen noch längst nicht präsentabel wäre – die Empirie verweist auf ein Problem, das nur in den einleitenden Worten des Aufsatzes zur Geltung kommt. Ungenannt bleibt beispielsweise eine (implizierte) ethische Bedeutung dieser Testergebnisse. Es verbleibt der umwerfende Eindruck, dass ich die Studie überhaupt nicht verstanden habe, weder formal noch inhaltlich.

Quelle:
Jelenec, Petra: Implicit Attitutes Toward Elderly Women and Men in: Current Research in Social Psychology Vol. 7 No. 16 | 2002 (Host: uiowa.edu) HTML


Zitation

wieser, d. (05. Juni '07): Jelenec: Implizite Einstellungen gegenüber älteren Frauen und Männern, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/jelenec-einstellung


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Quelle: Stanley Milgram: Some Conditions of Obedience and Disobedience to Authority in: Human Relations, 1965; 18; 57.


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