Lucas & Lovagli: Selbstbehinderndes Verhalten: Gender, ethnische Zugehörigkeit und Status


d.wieser, 05. Juni 07

Wenn sich jemand für eine Verhaltensweise entscheidet, die für zukünftige Leistungen hinderlich sein wird, bezeichnet man das als self-handicapping, also Eigen- oder Selbstbehinderung. Bisherige Forschungen weisen darauf hin, dass es sich um ein Verhalten handelt, dass verstärkt bei Männern auftritt, somit ist die weitere Erforschung der Geschlechterperspektive besonders interessant. Die Autoren Lucas und Lovagli untersuchen nun den Zusammenhang zum gesellschaftlichen Status einer Person und der Wahrscheinlichkeit, selbstbehinderndes Verhalten zu zeigen. Sie gehen davon aus, dass Personen mit hohem gesellschaftlichen Status eine höhere Neigung zu selbstbehinderndem Verhalten zeigen: Wenn Individuen mit hohem Status zugleich ein höheres Ansehen zu verteidigen haben und wenn selbstbehinderndes Verhalten dazu dient, die Bedrohung dieses Ansehens zu verringern, dann müssen Individuen mit höherem Status eher zu selbstbehinderndem Verhalten neigen.

Bergson und Jones (1978) erklären dieses offenbar kontraproduktive Phänomen folgendermaßen: Sieht sich jemand mit einer schwierigen Herausforderung konfrontiert, reagiert er mit selbstbehinderndem Verhalten, um ein eventuelles Versagen dann auf diese Verhaltensweise zurück führen zu können (externale Zuschreibung). Ein Erfolg hingegen erhält umso größere Bedeutung für die Selbstachtung, als die gute Leistung trotz selbstbehinderndem Verhalten zustande gekommen ist. Kann also das Versagen der Selbstbehinderung zugeschrieben werden, bleibt die Selbstachtung geschützt.

Bisherige Untersuchungen zu diesem Phänomen stellten den Probanden eine Aufgabe, für welche sie einen selbst zu bestimmenden Zeitrahmen für die Vorbereitung erhielten. Anhand dieser Vorbereitungszeit lesen die Forscher das Maß für selbstbehindernde Verhaltensneigung ab – je weniger Zeit jemand sich selbst zugesteht, desto mehr selbstbehinderndes Verhalten.

Die Ergebnisse solcher Forschungen lassen sich so zusammenfassen: (1) Selbstbehinderung ist wahrscheinlicher, wenn die (Selbst)Achtung bedroht ist. (2) Selbstbehinderung ist wahrscheinlicher, wenn das Ergebnis öffentlich ist. (3) Männer zeigen mehr selbstbehinderndes Verhalten als Frauen. (4) Selbstbehinderung ist wahrscheinlicher, wenn das Ergebnis für bedeutsam gehalten wird, dabei wirkt sich eine hohe Motivation nicht mindernd auf das Phänomen aus. (5) Selbstbehinderung ist wahrscheinlicher, wenn jemand großzügige Anerkennung genießt und sich unsicher ist, ob dies verdient ist.

Den theoretischen Hintergrund der Untersuchung bildet die Status Characteristics Theory, sie stellt Bezüge zwischen Merkmalen wie Geschlecht und Ethnie und dem gesellschaftlichen Rang eines Individuums her. Die Mitglieder einer Gruppe entwickeln Erwartungen bezüglich der individuellen Kompetenz, einen Beitrag zum Gruppenziel leisten zu können. Ein Erklärungsansatz für Geschlechterunterschiede bei selbstbehinderndem Verhalten lautet: wenn Geschlecht (in einigen Gesellschaften) ein Statusmerkmal ist und Männer höher geachtet sind als Frauen, zeigen Männer mehr selbstbehinderndes Verhalten, um so ihre (Selbst)Achtung zu schützen.

Die Theorie unterscheidet diffuse Statusmerkmale wie Geschlecht und Bildung (Kompetenzen erstrecken sich auf eine große situative Bandbreite) und spezifische Statusmerkmale, also die Kompetenzen für spezielle Aufgaben. Bezogen auf selbstbehinderndes Verhalten ergibt sich folgendes: von Individuen mit hohem Status werden kompetente Beiträge zu Gruppenzielen erwartet, dazu werden sie so behandelt, dass die Kompetenzerwartung der Gruppe bestätigt und verstärkt wird:

(1) Sie erhalten mehr Gelegenheiten in der Gruppe, sich zu beweisen. (2) Sie leisten mehr. (3) Ihre Leistungen werden höher geschätzt. (4) Sie haben größeren Einfluss auf Gruppenentscheidungen.

Dazu merken die Autoren an, dass offenbar Individuen mit höherem Status (und einer größeren Neigung, selbstbehinderndes Verhalten zu zeigen) großzügige Anerkennung im Leben erhalten, sich aber unsicher sind, womit sie dies verdient haben, folglich haben sie größere Ängste, einen Statusverlust zu erleiden. Das selbstbehindernde Verhalten übt also die Funktion aus, bei eventuellen Tiefschlägen eine Erklärung bereit zu halten, die das Versagen eben diesem (unproduktiven) Verhalten anlastet, während das Selbstwertgefühl geschützt bleibt.

Lucas und Lovagli korrelieren nun Status und selbstbehinderndes Verhalten in ihrer Untersuchung. Unter Status verstehen sie den Rang einer Person innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie, basierend auf der Achtung von Seiten anderer ebenso wie der Selbstachtung. Sie unterziehen 117 undergraduate Students einem Wissenstest. Vorab erklärt man den Probanden, dass sie nach dem Test in Zweierteams über die Prüfung diskutieren werden ( focus groups ) – der Teampartner wird sowohl erfahren, wie viel Vorbereitungszeit jemand beansprucht hat, als auch, welches Ergebnis im Test erzielt wird. Als Vorbereitungszeit für den Test bietet man ihnen zwischen 5 und 20 Minuten an, dabei wird darauf hingewiesen, dass diese Vorbereitungszeit sich auf die Ergebnisse auswirkt: je mehr Vorbereitungszeit, desto besser die Testergebnisse. Die gewählte Vorbereitungszeit dient den Forschern als Maß für das selbstbehindernde Verhalten.

Die Ergebnisse (bezogen auf die Vorbereitungszeit und das Testergebnis) sind nach ethnischer Herkunft und Geschlecht der Probanden aufgespalten. Europäisch-amerikanische Männer (n=24) nahmen durchschnittlich 8,38 Minuten Vorbereitungszeit in Anspruch, die Frauen dieser Gruppe (n=65) hingegen 10,28 Minuten. Zum Vergleich nahmen nicht-europäisch-amerikanische Männer 11,45 Minuten Vorbereitung in Anspruch, die Frauen dieser Gruppe 14,25 Minuten.

Im Schlussteil ihrer Untersuchung greifen die Autoren ein bemerkenswertes Vergleichsbeispiel aus der Tierwelt zur Erklärung des Phänomens auf: Man fand heraus, dass auch Tiere selbstbehinderndes Verhalten zeigen, insbesondere dann, wenn es dazu dient, überdurchschnittliche Stärke zu demonstrieren. Gazellen beispielsweise hüpfen mehrmals auf der Stelle, wenn sie von einem Fressfeind angegriffen werden, bevor sie schließlich die Flucht antreten. Ein solches Verhalten können sich nur die schnellsten (und selbstsichersten) Tiere leisten – zumal ihr cool-abwartendes Hüpfen dem Fressfeind signalisiert, wie fit sie sind, denn mitunter ließe sich ein Wolf somit von einer ermüdenden Verfolgung abbringen.

Selbstbehindernd bleibt das Verhalten natürlich trotzdem, denn die Gazelle verliert kostbare Energie, die sie zur Flucht brauchen wird und sie lässt dem herannahenden Feind einen unnötigen Vorsprung. Doch für ihre Position innerhalb der Herde ist das Verhalten förderlich, da es ihren Rang unter den Sprintern des Tierreichs erheblich verbessert.

Denkbar, dass auch ein Schüler kurz vor einem wichtigen Test lieber in die Kneipe geht, statt zu lernen, um so (sich selbst und anderen) zu signalisieren, dass er diesen Nachteil in der Prüfungsvorbereitung durch überlegene Kenntnisse und Fähigkeiten wett machen wird. Ähnlich hat sich auch Muhammad Ali im Ring verhalten: indem er die Fäuste hängen ließ und dem Gegner provokativ seine offene Deckung zeigte, signalisierte er seine Verachtung für dessen Angriffsfähigkeit sowie seine eigene Überlegenheit, denn er würde die Deckung schneller aufbauen können, als der Gegner schlagen kann. Damit könnte ein gesellschaftliches Rollenvorbild verbunden sein, welches junge Fans dazu ermutigt, ebensolches selbstbehinderndes Verhalten zur Betonung der eigenen Furchtlosigkeit und Überlegenheit zu zeigen.

Die Autoren verweisen darauf, dass besonders Männer dazu erzogen werden, um einen möglichst hohen Status zu kämpfen, unter anderem indem sie Risiken und auch selbstbehinderndes Verhalten auf sich nehmen, um ihre Position zu verbessern. Eine groß angelegte Studie zu Sozialisation und Status könnte weitere Informationen zu diesem Phänomen erbringen.

In aller Aufrichtigkeit wird mir die Bedeutung des Geschlechtervergleichs noch nicht deutlich: Männer beanspruchen ca. zwei (mickrige) Minuten weniger Zeit zur Vorbereitung auf einen Test — zentraler erscheint mir die Frage, warum jemand sich nur 10 Minuten einräumt, wenn sie/er die doppelte Vorbereitungszeit haben kann.

Wie schon häufiger bei quantitativen Evaluation fehlt mir die erforderliche Hochachtung vor Zahlen (und wohl auch die angemessene Deutungsfähigkeit), einen überzeugenden Nachweis für die Existenz des Phänomens sehe ich angesichts dieser Ergebnisse noch nicht. Zudem können quantitativ arbeitende Forscher nicht an ihre Probanden herantreten und sie mit deren Selbstdeutungen des eigenen Verhaltens konfrontieren: Warum schöpft jemand nicht die vollen 20 Minuten aus? Und hat dieser Jemand bei früheren Prüfungen vergleichbare Handlungsmuster an sich selbst entdeckt? Wie also funktioniert dieses (mutmaßlich unbewusste) Verhalten im Alltag, also abseits einer inszenierten Experimentalsitaution? — egal, hier geht es um Zahlen.

Ich könnte mir vorstellen, offene Interviews, in welchen man die Teilnehmer der Studie im Anschluss an das Experiment mit dem Begriff self-handicapping konfrontiert, könnten (qualitativ ausgewertet) zu handfesteren Deutungs- bzw. Rationalisierungsmustern führen. Denkbar wäre, Nachhilfelehrer und Tutoren zu ihren Erfahrungen mit dem Phänomen zu befragen; anonym verarbeitete Selbstauskünfte einer größeren Anzahl von Studierenden ergäben nach geeigneter Analyse vermutlich ganz anders gelagerte Resultate: ich sehe zum Beispiel eine Verwandschaft zwischen Selbstbehinderung und Lernblockaden oder generellem Vermeidungsverhalten, ebenso sind Parallelen zur megalomanischen Selbstinszenierung oder prahlerischem Gruppenverhalten denkbar.

Besonders aufschlussreich bleibt natürlich die Gruppenperspektive der Forscher — ohne die Zutat der focus group erhielte man tatsächlich ein wesentlich anderes Setting (oder doch nicht?). Hier sehe ich (wie so oft schon) einen glücklichen Anknüpfungspunkt für die qualitative Forschung …

Quelle:
Lucas, J. W., Lovagli, M. J.: Self-handicapping: Gender, Race, and Status. in: Current Research in Social Psychology Vol. 10 No. 16 | 2005 (Host: uiowa.edu) HTML


Zitation

wieser, d. (05. Juni '07): Lucas & Lovagli: Selbstbehinderndes Verhalten: Gender, ethnische Zugehörigkeit und Status, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/lucas-lovagli


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