«Niemand liest etwas;
wenn er etwas liest, versteht er es nicht;
wenn er es versteht, vergisst er es sofort.»
Lemsches Gesetz
Stanislaw Lem: Eine Minute der Menschheit
Maslow, Abraham: Deprivation, Bedrohung und Frustration
d.wieser, 03. Juni 07
Anlässlich des Symposium on the Frustration-Aggression Hypothesis setzt Maslow dem gängigen Frustrationskonzept hier zwei Konzepte entgegen, die ihm als hilfreichere Arbeitshypothesen gelten: Deprivation und Bedrohung der Persönlichkeit des Individuums.
Zunächst weist Maslow darauf hin, dass das Frustrationserlebnis den ganzen Menschen betrifft, nicht allein gewisse Segmente des Menschseins wie etwa seine Bedürfnisse.
Von dort ausgehend macht er auf eine bedeutsame Unterscheidung aufmerksam, indem er zwei Konzepte benennt, die das Frustrationsphänomen überschneiden: Gemäß der gängigen Definition bedeutet Frustration, dass man nicht das Ersehnte erhält, ein Wunsch wird nicht erfüllt, eine Gratifikation bleibt unerreicht. Dabei handelt es sich bei genauer Betrachtung sowohl um Deprivation, die für den Organismus weitgehend unschädlich ist, als auch um Deprivation, die zugleich die Persönlichkeit des Individuums bedroht (seine Lebensziele, Abwehrmechanismen, sein Selbstwertgefühl oder Sicherheitsempfinden).
Nur eine bedrohliche Deprivation hat laut Maslow die Vielzahl von Auswirkungen, die generell der Frustration zugeschrieben werden.
Als Beispiel bringt er die Erkenntnis ein, dass ein Zielobjekt sowohl intrinsische als auch symbolische Bedeutung für ein Individuum haben kann. Erhält ein bestimmtes Kind kein Eis von der Mutter, verliert es nur ein Eis. Ein zweites Kind empfindet in derselben Situation womöglich so, dass ihm nicht nur das Eis verwehrt bleibt, sondern zugleich die Liebe der Mutter. Für das zweite Kind hat das Eis nicht nur intrinsischen Wert als sensorische Gratifikation, sondern zusätzlich einen möglichen psychologischen (symbolischen) Wert.
Da diese Unterscheidung in der wissenschaftlichen Diskussion vernachlässigt worden sei, tauche ständig die Frage auf, ob sexuelle Deprivation unausweichlich zu Auswirkungen von Frustration führe (d.h. zu Aggression, Sublimierung etc.). In diesem Zusammenhang hat man nachgewiesen, dass pathogene Auswirkungen sexueller Deprivation nur zu erwarten sind, wenn die Erfahrung für die betreffende Person einen symbolischen Wert hat; wenn sie also als Zurückweisung durch das andere Geschlecht verstanden wird, als Minderwertigkeit, Wertlosigkeit, Respektlosigkeit oder Isolation.
Ähnlich werden die unvermeidbaren Deprivationserfahrungen der Kindheit schlicht mit Frustration gleich gesetzt. Doch wenn Kleinkinder sich der Liebe und des Respekts der Eltern gewiss sind, verarbeiten sie Deprivationserfahrungen erstaunlich leicht. Frustration zeigt sich erst dann, wenn die Deprivation grundlegende Anteile der Persönlichkeit des Kindes betrifft.
Folglich stehen bedrohliche Frustrationserfahrungen konzeptionell anderen bedrohlichen Situationen näher, als der Deprivationserfahrung. Zudem treten die klassischen Auswirkungen der Frustration häufig als Folge anderer bedrohlich-traumatisierender Erfahrungen auf, etwa Konflikt, Zurückweisung, schwere Erkrankungen, physische Bedrohung, Todesnähe, Beschämung, Isolation oder Prestigeverlust.
Maslow formuliert abschließend seine Hypothese, das Frustrationskonzept sei weniger konstruktiv als die überschneidenden Konzepte I Deprivation (welche im Effekt geringer ausfällt als Frustration) und II Bedrohung der Persönlichkeit (im Effekt wesentlich stärker als Frustration).
Quelle:
Maslow, Abraham: Deprivation, Threat and Frustration, 1941 (Host: yorku.ca) HTML
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