May, Rollo: Die Quellen der Gewalt


d.wieser, 29. November 07

In seiner phänomenologischen Untersuchung des Gewaltphänomens ist für May der Begriff der Macht – verstanden als fundamentaler Aspekt des Daseinsprozesses – von zentraler Bedeutung. Machtkonflikte und Machtlosigkeit des Menschen in der Gesellschaft stellen die wohl wichtigste (weil weitgehend negierte) Quelle der Gewalt dar. Der humanistische Standpunkt seiner logisch stringenten Analyse setzt als Gegenstück zur Aggression die völlige Isolation und als Gegenstück zur Gewalt das Mitgefühl – ein sehr lesenswertes Buch.

Macht definiert May als «Besitz wirksamer Mittel, andere zu beeinflussen und sich in zwischenmenschlichen Beziehungen das Gefühl der eigenen Bedeutung zu verschaffen» (16). Machtlosigkeit oder Ohnmacht hingegen ist eine unangenehme Erfahrung, die mitunter zu gewaltsamen Ausbrüchen führen kann – die genaueren Abläufe sind weiter unten dargestellt. Auf gesellschaftlicher wie individueller Ebene gilt Macht als negativ konnotiertes Thema, und dies hat nach Auffassung des Autoren weit reichende Konsequenzen: Wenn wir uns nicht mit Macht auseinander zu setzen bereit sind, liegt dem vermutlich ein Konflikt mit der eigenen Ohnmachtserfahrung zugrunde.

Es gibt gemeinhin die gesellschaftliche Anstrengung, aggressive Neigungen des Menschen zu unterdrücken oder in akzeptable (gewaltfreie) Formen umzuwandeln – dies gilt für den Bereich der Kindererziehung ebenso wie für Anti-Aggressions-Training Erwachsener. Wenn Macht (und das Fehlen von Macht) nicht thematisierbar sind, werden essentielle Möglichkeiten zur Selbstbehauptung blockiert, denn im positivsten Sinne ist Macht Ausdruck für Selbstbestätigung des Individuums. Die Publizistin Hannah Arendt wird mit der Feststellung zitiert, Gewalt sei Ausdruck der Ohnmacht, und dies entspricht Rollo Mays Argumentation: um individuelle Selbstachtung aufzubauen, kann (oder muss unwillkürlich) als letztes mögliches Mittel Gewalt ausgeübt werden. Menschen werden gewalttätig, um ihr Selbstbild zu etablieren oder zu schützen, damit Opfer (und alle anderen) anerkennen sollen, dass sie als Person etwas bedeuten. Wohlgemerkt: Gewalt gilt hier als letzte verbliebene Option, wenn alle übrigen Ausdrucksmöglichkeiten blockiert sind.

Macht entspricht auf subjektiver Ebene dem Gefühl persönlicher Bedeutung – dieses Gefühl wiederum ist zum einen wichtig für die Selbstintegration des Einzelnen, und zum anderen spielt es eine grundlegende Rolle für die Bildung zwischenmenschlicher Beziehungen. Denn schließlich sind Aggression, Gewalt und Macht im Wesentlichen zwischenmenschliche Phänomene:

«Das Gegenteil von Aggression ist keineswegs Friedfertigkeit, sondern Isolation, der Zustand der völligen Kontaktlosigkeit.» (162)

Folgende Formen der Macht werden genannt:

  • (a) ausbeuterische Macht (z.B.: Sklaverei; hier sind Gewalt oder Gewaltandrohung immer voraus gesetzt)
  • (b) manipulierende Macht (gemeint ist die Macht über eine andere Person)
  • ( c) konkurrierende Macht (Macht gegen eine Person)
  • (d) sorgende Macht (Macht zugunsten einer anderen Person)
  • (e) integrierende Macht (Macht zusammen mit einer anderen Person, ergänzende Macht)

In diesem Kontext führt May die (unbequemen) Fragen an, was Gewalt dem Individuum zu bieten hat; welche Ziele lassen sich mit Gewalt (und Aggression) tatsächlich erreichen?

Letztlich handelt es sich bei Gewaltausbrüchen um einen schalen Ersatz für etwas, das sich nicht (mehr) auf zivilisiertere Weise durchsetzen lässt – beispielsweise kann der Drang nach Behauptung der eigenen Bedeutung im Hintergrund motivierend wirken.

Rollo May stellt Macht in fünf Schichten oder Phasen dar, die er als ontologisch verstanden wissen will:

  • die Macht zu sein
  • Selbstbestätigung (persönliche Bedeutung, Selbstachtung, Anerkennung)
  • Selbstbehauptung (gegen ein Hindernis oder einen Gegner von außen)
  • Aggression (wenn Selbstbehauptung dauerhaft unzugänglich bleibt, dringt man mit Aggression in die Machtbereiche eines anderen Individuums ein und nimmt ggf. davon Besitz)
  • Gewalt (eine Explosion, die erst statt findet, wenn Aggression unwirksam bleibt; sie dient einerseits dazu, innere Spannungen zu lindern, und andererseits bietet sie Ersatz für ein Gefühl der eigenen Bedeutsamkeit)

In seiner weiteren Untersuchung der Zusammenhänge erklärt May, dass entgegen allen anders lautenden Hinweisen, Gewalt und Kommunikation inkompatibel sind. Auch Sprache transportiert Aggression und Gewalt, wie er am Beispiel der Obszönität darlegt. Obszönität ist demnach eine Störung der Kommunikation, die zu heftigen Reaktionen herausfordern will oder wie eine Kriegserklärung den erwartbaren Ablauf einer Unterhaltung stört.

«Gewalt und Kommunikation schließen einander aus. […] Man kann nicht mit jemandem sprechen, so lange er ein Feind ist, und kann man mit ihm sprechen, ist er kein Feind mehr.» (67)

Für die psychologische Entwicklung und Personwerdung des Menschen ist Macht ein unerlässlicher Faktor, so May: «Das Sein manifestiert sich nur im Prozess der Verwirklichung seiner Macht; […]. Macht wird verwirklicht in Situationen, in denen ein Widerstand überwunden wird.» (156) Eine solche Definition umfasst selbstverständlich nicht nur aggressive Reaktionsweisen – Macht wird im menschlichen Alltag bevorzugt ohne negative Aggression entwickelt.

Schließlich geht May auf die zerstörerischen Aspekte der Gewalt ein, deren tiefere Mechanismen uns noch immer rätselhaft erscheinen mögen. Wenn es im 21. Jahrhundert zu unvorhersehbaren Gewaltausbrüchen kommt (May waren auch schon 1974 erschreckende Amokläufe bekannt…), so mag das daran liegen, dass wir über faszinierende, attraktive Aspekte der Gewalt nicht einmal nachdenken möchten.

Rollo Mays Betrachtungen zu den ansprechenden Faktoren der Gewalt kreisen um den etwas missverständlichen Begriff der Ekstase – definiert nach der griechischen Wortbedeutung als aus sich heraus gehen oder gar aus sich heraus getreten sein. So haben die Entsetzlichkeiten des Krieges eine uns faszinierende Seite, wenngleich die starke Anziehungskraft den Menschen unbewusst bleiben mag. Extreme Situationen üben einen ungemeinen Reiz aus, ebenso die Lust an der Zerstörung – solcherart sind die Beispiele für Aspekte der Gewalt, die in der Gesellschaft nicht thematisiert werden (dürfen).

Eine wichtige Unterscheidung betrifft den sozialpsychologischen Zusammenhang von Aggression und Gewalt: während menschliche Aggression sich auf ein bestimmtes Objekt bezieht, braucht Gewalt kein spezifisches Objekt mehr. Wenn wir uns bedroht fühlen, gibt es drei Möglichkeiten – wir können beispielsweise die Flucht antreten, dann ist Angst die treibende Kraft. Wir können uns auch dem Kampf stellen, dann sind Aggression und Gewalt (-bereitschaft) die motivierenden Faktoren, die eine Selbstbehauptung in Aussicht stellen. Und drittens kann es zu einer verzögerten Reaktion kommen – wenn man also erst nachdenkt und dann handelt, überwindet man den Impuls zu Kampf oder Flucht. May bezeichnet die letztgenannte Reaktionsweise als Geschenk der Zivilisation und auch als Bürde.

Anders als instinktgeleitete Tiere können Menschen eine schwierige zwischenmenschliche Situation überdenken, bevor sie (impulsiv) reagieren oder (wohl überlegt) handeln. Die persönliche Deutung der jeweiligen Situation nämlich entscheidet darüber, welche Reaktion wir als angemessen oder aussichtsreich erachten. Dass der Mensch Situationen und Ereignisse symbolisch untersucht und einschätzt, bietet einen bedeutenden Spielraum für angemessene Verhaltensoptionen. Jemand, der bereits eine tief empfundene Machtlosigkeit in sich trägt, wird auch noch so harmlose Konflikte als unerträgliche Bedrohung erleben und womöglich nach dieser Deutung handeln.

«Wie ein Mensch seine Umwelt sieht und deutet, wird somit zum entscheidenden Faktor für das Maß seiner Gewalttätigkeit.» (200)

Gewaltformen wiederum unterscheidet May folgendermaßen:

  • einfache Gewalt
  • berechnete Gewalt
  • geschürte Gewalt
  • mitwirkende Gewalt
  • Gewalt von oben (die Perversion einer ursprünglichen Beschützerrolle)

Alle Formen der Gewalt gelten in der Gesellschaft als negativ und verachtungswürdig – es ist böse, anderen Gewalt anzutun, könnte man kindlich formulieren. Allerdings gehört auch das Böse zum menschlichen Leben hinzu, zum Beispiel weil es nicht eigentlich böse ist, sondern sich (neutral gefasst) sehr negativ auf das Zusammenleben auswirkt, weil es destruktive Auswirkungen hat und die Gesellschaft größten Wert auf konstruktive Umgangsformen legt.

Dem fügt Rollo May die phänomenologische Einsicht an, dass solches als böse geltendes Verhalten dem Individuum in Extremsituationen als die einzig hilfreiche (und damit noch lange nicht angemessene oder richtige) Option erscheinen kann. Weil Gewaltausbrüche sinniger Weise streng sanktioniert sind, fehlt dem Menschen ein gerechtfertigter Zugang zu aggressiven Formen, innere Spannung abzuführen. Es fehlt dem einzelnen auch eine legitime Option, sich gewaltsam Geltung zu verschaffen, wenn alle friedlicheren Möglichkeiten zur Selbstbehauptung blockiert sind. Hier rät der Autor zu einer veränderten Werteorientierung, die das so genannte Böse nicht tabuisiert:

«Wenn man aber immer gut zu sein versucht, wird man nicht ein moralischer Gigant, sondern ein selbstgefälliger Pedant. […] Wir sollten eher eine größere Empfindsamkeit für das Böse und das Gute erwerben. Die sittliche Existenz ist ein dialektischer Prozess zwischen Gut und Böse.» (260)

Der Beitrag der Medien zum genannten Problem stellt May folgendermaßen dar: wo in Gangsterfilmen ein Verbrecher zur Identifikationsfigur gemacht ist, ergibt sich für Zuschauer die Möglichkeit, ihre unterdrückten, geheimen Wünsche (mit) zu erleben. Ein Verbrecher-Held kann so für eine Form der Rache an einer Gesellschaft stehen, die wesentliche Bestandteile der menschlichen Gefühlswelt unterdrücken lässt.
Entscheidend für Medien und Gewaltproblematik ist, dass Zuschauer in eine passive Rolle gedrängt sind – und Passivität und Ohnmacht oder Machtlosigkeit hängen zusammen. Auf der Gefühlsebene können Zuschauer die Regelübertretungen des Helden aktiv nachvollziehen, doch auf der Handlungsebene ihres alltäglichen Lebens bleibt eine noch schwierigere Passivität zurück. Rollo May schlussfolgert, dass das Erleben von Machtlosigkeit sich somit quasi doppelt, und, wie bereits dargelegt, kann Machtlosigkeit unter Umständen zu Gewaltausbrüchen beitragen.

Wie sich die Gewaltproblematik nachhaltig lösen lässt, ergibt sich aus der Argumentation um Gut und Böse, um Macht und Machtlosigkeit und um Individuum und Gesellschaft. Wenn man das Bedürfnis nach Selbstbehauptung als Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses nach (sozialer) Bedeutung auslegt, wäre dies ein hervorragender Ansatzpunkt. Die Krankheit entsteht da, wo der Einzelne die Anderen braucht – zur Personwerdung, zur Entwicklung, zur Bildung einer persönlichen Bedeutung. Alle stehen in der Verantwortung, den Menschen Möglichkeiten offen zu halten, sich als Person heraus zu bilden, die für ihre Mitmenschen bedeutsam ist und weiterhin (mehr oder andere) Bedeutung erlangen kann.

«Um die Krankheit an der Wurzel zu packen, müssen wir die Ohnmacht überwinden. Wir müssen eine Methode finden, die Macht so zu verteilen, dass jeder einzelne in den verschiedenen Bereichen unserer bürokratischen Gesellschaft das Gefühl haben kann, dass auch er etwas zählt, dass auch er für seine Mitmenschen von Bedeutung ist, dass er nicht als Unperson auf den Kehrichthaufen der Gleichgültigkeit geworfen wird.» (263)

Rollo May schreibt, dass völlige Kontaktlosigkeit und Isolation das Gegenteil von Aggression (in der ursprünglichen Wortbedeutung) darstellen. Das Gegenteil von Gewalt ist nach seinen Überlegungen das Mitgefühl – der humanistische Standpunkt.

«Während die Gewalt feindselige Bilder auf den Gegner projiziert, nimmt das Mitgefühl solche dämonischen Impulse in der eigenen Person an. Es ermöglicht uns, einen Menschen zu beurteilen, ohne ihn zu verteufeln. Seine Feinde lieben, das erfordert Gnade, aber Mitgefühl mit seinen Feinden haben, ist menschenmöglich.» (273)

Die Voraussetzung für ein solches Mitgefühl ist folgerichtig der Besitz von Macht bzw. eine hinreichende Machtposition des Individuums, ohne welche man sich nicht um Mitmenschen kümmern kann (weil man sie zum Beispiel als potentiell bedrohlich erlebt). «Der Mangel an Selbstachtung und Selbstbestätigung macht es einem sehr schwer, für andere noch etwas zu erübrigen» (270), so May.

Quelle: May, Rollo: Die Quellen der Gewalt. Eine Analyse von Schuld und Unschuld. ( Power and Innocence, 1972) Wien: Fritz Molden Verlag, 1974.

Onsite
  • [ ebooks ] Persönlichkeitstheorien » Rollo May.
    Autor: C. George Boeree PHD; dt.: d.wieser HTML-Version
  • [ PDF ] Persönlichkeitstheorien » Rollo May.
    Autor: C. George Boeree PHD; dt.: d.wieser PDF 128KB

Zitation

wieser, d. (29. November '07): May, Rollo: Die Quellen der Gewalt, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/may-gewalt


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Je mehr Druck das öffentliche Verhalten bewirkt hat, desto schwächer fällt die Neigung zur Meinungsänderung aus.

Quelle: Festinger, Leon & Carlsmith, James M.: Cognitive Consequences of Forced Compliance. in: Journal of Abnormal and Social Psychology, 58; 1959. (Host: yorku.ca) HTML


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