«—- die Gegenwart anderer ist erforderlich, um die Wirklichkeit wirklich werden zu lassen.»
Irving Yalom
McIntyre et al.: Social Impact und Stereotyp
d.wieser, 05. Juni 07
Ein Social-Impact-Trend in der Auswirkung von Rollenmodellen auf die verschärfte Bedrohung durch das weibliche “Mathematik-Stereotyp”
Wie schon zuvor ist auch in dieser Untersuchung das Stereotyp “Frauen sind schlechter in Mathematik als Männer” Gegenstand einer erweiterten und vertiefenden Studie. Man geht der Frage nach, inwiefern positive, erfolgreiche Rollenvorbilder mathematische Leistungen von Frauen beeinflussen können, während diese sich mit dem genannten Stereotyp konfrontiert sehen. Das zugrunde liegende Phänomen ist der sog. Stereotype Threat nach Steele, ein Effekt, der in Situationen greift, in welchen jemand etwas tut, für das es ein negatives Stereotyp der eigenen Gruppe gibt. Die zur negativ stereotypisierten Gruppe gehörenden Personen zeigen dann schlechtere (Test-) Leistungen, als es ihre eigentliche Kompetenz erwarten lässt. Weist man weibliche Testteilnehmer vorab auf die Gültigkeit des Stereotyps hin, werden sie bei einem mathematischen Test wesentlich schlechter abscheiden als Männer und zudem auch wesentlich schlechter, als es ihre mathematischen Fähigkeiten erwarten lassen.
Forscher suchen nun nach Variabeln, die an diesem sozialpsychologischen Phänomen beteiligt sind, um den leistungsschwächenden Effekt abmildern zu können. Man konnte im Experiment beispielsweise die Bedeutung des Tests herabsetzen, um bessere Leistungen der Frauen zu erzielen, oder die Vorrangstellung des Stereotyps herabsetzen, Entschuldigungen für schlechte Leistungen vorgeben, den Zusammenhang zwischen Test und Stereotyp negieren oder auch das Fähigkeitskonzept von statisch nach fließend beeinflussen. Die Autoren dieser Studie verwenden positive Rollenvorbilder aus der stereotypisierten Gruppe (naturwissenschaftlich erfolgreiche Frauen), um auf den leistungsschwächenden Effekt des Stereotype Threat einzuwirken.
In einer Vorstudie werden Collegestudenten zu einem Mathetest gebeten. Der Versuchsleiter weist ausdrücklich auf die Valenz des Vorurteils hin (d.h. Frauen sind erwiesener Maßen schlechter in solchen Tests als Männer) und gibt vor, den anspruchsvollen Test selbst entwickelt zu haben, um seine Kompetenz zu unterstreichen. War der Versuchsleiter ein Mann, schnitten Frauen deutlich schlechter ab als Männer, hatte eine Frau die Versuchsleitung inne, waren die Leistungen der Frauen ebenso gut wie die der Männer und bedeutend besser als unter einem männlichen Versuchsleiter. In einer Abwandlung der Vorstudie erzielten Frauen schlechtere Ergebnisse, wenn der Versuchsleiter als mathematisch nicht sonderlich begabte Frau angegeben wurde, war die Versuchsleiterin als hochkompetente Frau angegeben, entsprachen die Testergebnisse der Frauen durchschnittlich denen der Männer. Daraus konnte geschlussfolgert werden, dass positive Rollenvorbilder die Bedrohung durch ein negatives Stereotyp günstig beeinflussen.
Um dem zugrunde liegenden Phänomen auf die Spur zu kommen, entwickeln die Autoren ein erweitertes Versuchssetting: Als Rollenvorbilder dienen vier kurze biographische Texte erfolgreicher Frauen; man will nun herausfinden, ob die Anzahl positiver Rollenvorbilder sich (additiv) begünstigend auswirkt, oder ob ganz bestimmte Formen von Vorbildern (sog. Gegenbeispiele zum Stereotyp) am besten geeignet sind. Es könnte auch ein Phänomen zugrunde liegen, das als Dynamic Social Impact Theory – Theorie der sozialen Wechselwirkung – bekannt ist. Demnach steigt die soziale Wirkung einer Quelle (hier der positiven Rollenvorbilder) nicht proportional zur Anzahl der Quellen an, sondern verläuft in Form einer Art Kurve ( power function ).
Für die Studie werden 259 Probanden in gemischten Gruppen einem Mathetest unterzogen, 209 Frauen und 86 Männer. Unter einem Vorwand, der die wahren Absichten der Forscher verschleiert, sollen sie zwei separate Testabschnitte durchlaufen. Vorab wird das infrage stehende Stereotyp aktiviert, indem der Versuchsleiter darauf hinweist, dass Frauen erwiesener Maßen bei solchen Tests schlechter abschneiden als Männer.
In Phase I sollen kurze Aufsätze gelesen werden – es gibt 0-4 Aufsätze zur Biographie erfolgreicher Frauen sowie stereotypneutrale Vergleichstexte. Das bedeutet, die Probanden befassens ich mit einer zufälligen Auswahl von 1-4 Biographien oder eben mit neutralen Texten, bevor sie zum eigentlichen Mathetest übergehen. In Phase II sollen in 20 Minuten 34 schwierige mathematische Aufgaben bearbeitet werden. Anders als in den Vorstudien gibt der Versuchsleiter nicht vor, an der Entwicklung der Fragen beteiligt zu sein.
Man kann nun statistisch auswerten, inwieweit sich die Lektüre der Biographien auf die Testergebnisse auswirkt, obzwar die Studiensituation diesen Zusammenhang weitestgehend unbenannt ließ. Einige Frauen haben keinen Text über ein erfolgreiches Rollenvorbild gelesen, andere bis zu vier solcher Texte (wenn ich das richtig verstanden habe). Nach Darlegung der üblichen Rechenvorgänge kommt folgendes Ergebnis zum Vorschein:
Frauen, die nach der Konfrontation mit dem Stereotyp keine Biographie eines positiven Rollenvorbilds gelesen haben, erzielen im Vergleich mit den anderen Gruppen die schlechtesten Ergebnisse im Mathetest (ihre Ergebnisse sind schlechter als die der Männer). Die Lektüre von 1-2 biographsichen Texten verbesserte die Leistung der Frauen graduell, jene, die drei Biographien gelesen hatte, erzielten durchschnittlich ebenso gute Ergebnisse wie die Männer. Wer vier Biographien gelesen hatte, verbesserte die Leistungen nur unwesentlich im Vergleich zur 3-Biographien-Gruppe.
Es kann folglich ausgeschlossen werden, dass ein bestimmter Text zur Anhebung der Leistungen beigetragen hat, außerdem offenbaren die Zahlen, dass die Leistung der Frauen nicht immer weiter (linear) mit der Anzahl gelesener Biographien ansteigt. Die zu den Ergebnissen passende Theorie ist das Social Impact Model, denn die statistische Auswertung zeigt annähernd den von Latané errechneten Kurvenverlauf. Nach Latané ergibt sich der soziale Einfluss (sinngemäß) durch die Faktoren Macht (Status, Kompetenz), Nähe zum Zielindividuum und Anzahl der Gruppenmitglieder – ein erstes Rollenvorbild übt starken Einfluss aus, jedes weitere Vorbild hat stützenden Einfluss. Statt einer linear wachsenden Beeinflussung durch immer weitere gute Vorbilder entsteht eine Art Sättigungskurve: Für diese Studie bedeutet es, dass nicht mehr als drei posivite Rollenvorbilder notwendig sind, um die Leistungen der Frauen trotz direkter Einwirkung des negativen Stereotyps zu optimieren bzw. den Stereotype Threat nach Steele quasi auszubalancieren.
Ein für mich höchst erstaunlicher Vorgang, dass sich ein negatives Stereotyp der eigenen Gruppe derart schwächend auf die eigenen Leistungen auswirkt (wohlgemerkt, auf die Durchschnittsleistungen der jeweiligen Gruppe von Frauen mit gleichen Versuchsbedingungen) und dass sich die ganze Situation durch positive Rollenvorbilder auspendeln lässt. Letztlich ist es doch ein durchgängies Gruppenexperiment, wenn auch die Testergebnisse als Durchschnittsleistungen ausgegeben werden – wieso schlüsselt man nicht zusätzlich ein klein wenig Individualleistung auf? – die individuell erzielten Testergebnisse hätte ich gern als “von-bis”-Leistung gesehen, bevor ich dem experimentell erzeugten Threat und der heilsamen Wirkung des Rollenvorbilds größeren Respekt zolle.
Überdies spukt mir durch den Kopf, dass eine echte Vergleichsgruppe aus Frauen und Männern gegeben sein sollte, die den Mathetest ganz ohne Vorspiel durchläuft: wie also sehen die Resultate aus, wenn keine psychologische Beeinflussung statt findet? Zur besseren Balance könnten die Forscher mindestens Standardwerte angeben, die gewöhnlich beim infrage stehenden Mathetest entstehen. Dann nämlich könnte man besser ersehen, wie sich der Stereotype Threat (als Abweichung vom Mittelwert) auswirkt und die ausgleichende Bedeutung unmittelbarer Konfrontation mit positiven Vorbildern im Gesamtgefüge erahnen.
Hier liegt der Fokus nach ordentlichen Vorstudien straff auf der Berechnung rund um den begünstigenden Einfluss von Rollenvorbildern. Eine Vergleichsgruppe, die nicht mit dem Stereotyp konfrontiert wurde, könnte ebenso gut die 0-4 ermutigenden Texte bearbeiten, um messbar zu machen, wie groß deren Wirkung unter entspannten unbedrohlichen Bedingungen wäre.
Allerdings scheint mir diese Untersuchung als Zwischenergebnis vorgestellt zu sein, es werden weitere Tiefenuntersuchungen folgen, die irgendwelchen Variabeln auf die Spur zu kommen versuchen. Liest man die rundweg beeindruckende und einleuchtende Präsentation jedoch im erweiterten experimentellen Kontext unter Einbeziehung einer ganz und gar stereotyp-neutralen Vergleichsgruppe, werden dem unbedarften Leser die Einflüsse des Stereotype Threat wie der Social Impact Theory frischer vor Augen geführt, als durch den bloßen Rückverweis auf deren theoretische Existenz.
Vermutlich hadere ich als Leserin wieder mit der Künstlichkeit des Settings, mich interessiert die Einbettung des ausgefuchsten Tests in die ganz gewöhnliche Alltagswelt, in der Frauen mitunter ohne daran erinnert zu werden, dass Mathe nicht ihre (Gruppen-) Stärke ist, solche Tests machen müssen: wie sind die Standardwerte und wie sehen die Werte der Frauen aus, wenn man ihnen ohne aktiviertes Stereotyp erbauliche Gruppenvorbilder mit auf den Weg gibt?
Das Experiment zeigt mir, wie leicht sich jene Hebel der Verunsicherung in Bewegung setzen lassen, die einen Menschen dazu bringen, sich einem Mythos zu unterwerfen, dessen Kraft darin liegt, dass er einfach nur in der Luft schwebt. Denn auch wenn eine Frau gar nicht daran glaubt, dass Frauen den Männern mathematisch unterlegen sind, hat die listige Aktivierung des Stereotyps zur Folge, dass es wie ein Bannspruch im Raum steht. Um diesem Stereotyp kognitiv zu entkommen, müsste man sich als nicht-Frau definieren; der Umweg über positive Gegenbeispiele stellt der List eine Gegenlist zur Seite. Es erinnert mich an soziale Techniken des Trostspendens und Ermutigens: weil es offenbar Frauen gibt, die den Zahlen zuwiderleben, wird frau unverfrohren genug, ihr Bestes zu geben.
Kleine Anmerkung am Rande: ich kann einfach nicht glauben, dass den Probandinnen der Zusammenhang zwischen Phase I und II entgangen sein könnte! & … wie hätten sich die Versuchsbedingungen geändert, wenn es Biographien männlicher Vorbilder gewesen wären? In einer emanzipierten Welt kann die Frau sich auch mit einem männlichen Genie identifizieren, oder macht das Stereotyp die Geschlechterrollen so deutlich, dass die Lektüre männlicher Biographien den Damen den letzten Rest gegeben hätte? Lauter spannende Überlegungen zur Genderforschung…
Quelle:
McIntyre, Lord, Gresky, Ten Eyck, Frye, Bond:A Social Impact Trend in the Effects of Role Models on Alleviating Women’s Mathematics Stereotype Threat. in: Current Research in Social Psychology Vol. 10 No. 9 | 2005 (Host: uiowa.edu) HTML
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- [ konzepte ] Stereotyp
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