«Niemand liest etwas;
wenn er etwas liest, versteht er es nicht;
wenn er es versteht, vergisst er es sofort.»
Lemsches Gesetz
Stanislaw Lem: Eine Minute der Menschheit
Gehorsam in moderner Gesellschaft: Die Utrecht Studien.
d.wieser, 05. Juli 07
Die Autoren Meeus und Raaijmakers fassen eine Serie von neunzehn Experimenten zusammen, die sie in den 1980er Jahren zur Gehorsamsbereitschaft im Kontext psychologisch-administrativer Situationen durchgeführt hatten.
Ihre einleitenden kritischen Anmerkungen zu Milgrams Laboruntersuchungen zum Gehorsam sind zweifacher Natur:
- zum einen zweifeln sie die Glaubwürdigkeit der Situation im Experiment an, wie sie von Milgram angelegt worden war. Das Opfer der Stromschläge schreit vor Schmerz und der Untersuchungsleiter bleibt cool und distanziert – dies sind für Probanden zwei gänzlich widersprüchliche Signale, die dazu beigetragen haben mögen, dass die Probanden meinten, dem Opfer nicht wirklich Schmerz zuzufügen. Und dennoch wären alle Probanden, die sich nicht ganz sicher sind, ob sie dem Oper Schmerz zufügen, und dessen ungeachtet mit der Strafprozedur fortfahren, nach Meinung der Autoren als vollumfänglich gehorsam zu betrachten.
- Zum anderen stimmen sie den gängigen ethischen Einwänden gegen die Grausamkeit in Milgrams experimentellem Setting zu. Die Aufforderung, anderen Personen zur Strafe schwere elektrische Ladungen zu verabreichen, ist ihrer Auffassung nach kein akzeptabler Maßstab, da eine entfernt vergleichbare Situation im Alltag der Probanden niemals vorkommt. Die extreme Gehorsamsbereitschaft ist somit u.a. der ungewöhnlichen Laborsituation zuzuschreiben.
Indem sie diese Kritikpunkte zum Ausgangspunkt nehmen, konzentrieren sich die Utrecht Studien auf die spezifische Lage der Probanden im Gehorsamsexperiment sowie außerdem auf die Form der Gewalt gegen das Opfer.
Zur Lage der Probanden im Experiment
Im Milgrams Setting geraten die Probanden in eine Falle, so die Autoren, zum Beispiel weil die Situation wesentlich deutlichere Signale für gehorsames Verhalten bietet, als für Ungehorsam (der betont höhere Status des Untersuchungsleiters und sein direkter, konsistenter Einfluss sind mit den Signalen von Seiten des Opfers nicht aufzuwiegen). Zudem gehen die Probanden gänzlich unvorbereitet in die Laborsituation hinein und finden sich nachdem die ersten Stromschläge ausgeteilt sind, einerseits in einer ritualhaften Routine und andererseits in einem moralischen Dilemma, sobald das Opfer zu protestieren beginnt. Nach Auffassung der Autoren sind die Probanden in Milgrams Experiment nicht kompetent (gemacht worden), diesen Konflikt zu lösen, sie erwähnen in diesem Zusammenhang sogar fehlende kognitive und sozial-moralische Kompetenz (!). Und schließlich bringt die betont isolierte Lage der Probanden es mit sich, dass sie gehorsamsbereiter sind, als es unter anderen Umständen zu erwarten wäre.
Zur Aufgabe der Probanden im Experiment
In Milgrams Setting sind die Probanden aufgefordert, eine archaische Form physischer Gewalt gegen einen ihnen unbekannten Mitbürger auszuüben, damit entsteht im Laborexperiment eine Situation, die in modernen Gesellschaften unüblich ist. Nach Auffassung der Autoren ist in modernen Gesellschaften mittelbare Gewalt wesentlich vertrauter, eine Gewaltausübung also, deren Konsequenzen man als Handelnder nur indirekt erlebt, während man zudem größere Distanz zum Opfer hat.
Die Utrecht Studien prüfen administrative Gewalt als eine indirektere Form der Gewaltausübung, wie sie für moderne Gesellschaften charakteristischer ist. Zudem gehen sie der Frage nach, inwieweit die isolierte, nicht-informierte Lage der Probanden in Milgrams Setting die Gehorsamsbereitschaft erhöht haben kann.
Psychologisch-administrative Gewalt wird hier als eine typische Form mittelbarer Gewalt mit indirekten Konsequenzen verstanden. Einerseits gerät das Opfer erst nach einer Weile in einen angespannten Zustand, andererseits wird erst im Verlauf des Experiments deutlich, dass das Opfer persönlichen Schaden aus dem Verhalten des Probanden erfährt. Physischer Schmerz ist in dieser Untersuchung ausgeschlossen. Die Hypothese der Forscher lautet, dass mittelbare Gewalt leichter fällt und mehr Gehorsamsbereitschaft zu beobachten sein wird.
An der Uni Utrecht in den Niederlanden wurden 1981 sechs Pilotstudien mit 82 Teilnehmern durchgeführt, 1982-83 siebzehn Experimente zum administrativen Gehorsam mit 352 Teilnehmern und 1985 zwei Experimente nach Milgrams Setting mit 60 Probanden.
Das Forschungssetting lehnt sich an Milgrams Studien insofern an, als auch hier eine Triade von Untersuchungsleiter / informiertem Opfer / Proband als Täter verwendet wird. Die Probanden sind aufgefordert, bei einer Einstellungsprüfung mit sehr negativen Sticheleien dafür zu sorgen, dass der (vorgebliche) Bewerber aus dem Konzept gerät und bei der Prüfung versagt. Es sollen negative Bemerkungen zur Leistung des Bewerbers sowie zu seiner Persönlichkeit gemacht werden – vorgeschrieben sind fünfzehn solcher Bemerkungen (Stress-Bemerkungen). Die Probanden halten die Bewerbungssituation, die sie sabotieren, für echt, sind allerdings darüber aufgeklärt, dass diese Stress-Bemerkungen nicht zur Eignungsprüfung des Bewerbers gehören, sondern zu einem Forschungsprojekt zur Wirkung von psychologischem Stress auf die Prüfungsleistung. Auch wenn der Bewerber protestiert, sollen sie ihre Aufgabe fortführen; und genau wie bei Milgram nimmt der Protest des Opfers im Verlauf des Experiments zu.
Das Setting ist so angelegt, dass der (vorgebliche) Bewerber die Prüfung wegen der Sticheleien nicht zufriedenstellend absolvieren kann und den in Aussicht stehenden Job nicht bekommt. Weigert sich ein Proband, alle fünfzehn Stress-Bemerkungen anzubringen, fordert der Untersuchungsleiter vier mal auf, fortzufahren; weigert sich ein Proband nach vier Aufforderungen, gilt das Experiment als (ungehorsam) beendet. Ein Proband, der alle fünfzehn Stress-Bemerkungen anbringt, wird als gehorsam eingestuft. Die Szene wird von einer Videokamera aufgezeichnet.
Auch hier geraten die Probanden in eine moralische Zwickmühle, da sie abwägen müssen, ob psychologische Forschung wichtiger sein kann als die Jobaussicht eines Mitbürgers – die spannende Frage bleibt, ob sie selbst sich aktiv daran beteiligen, jemanden so durcheinander zu bringen, dass er einen Eignungstest nicht erfolgreich absolvieren kann.
Die Probanden der Kontrollgruppe sind nicht verpflichtet, alle fünfzehn Stress-Bemerkungen anzubringen; man stellt ihnen frei, wie weit sie gehen möchten.
Im Anschluss an die Experimente füllen die Probanden einen Fragebogen aus, anschließend findet eine umfassende Information über die eigentliche Forschungsstrategie statt, nach einem Jahr werden sie erneut einen Fragebogen ausfüllen.
Zitation
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