Milgram: Bedingungen für Gehorsam und Ungehorsam gegenüber einer Autorität


d.wieser, 19. Juni 07

Stanley Milgram stellt in einem Aufsatz für Human Relations 1965 verschiedene Varianten seiner Studie zu Gehorsam und Ungehorsam dar. In Abwandlungen des Experiments erhält man tieferen Einblick in einige Faktoren, die gehorsames bzw. ungehorsames Verhalten gegenüber einer Autorität begünstigen bzw. hemmen: Nähe/Distanz zur Autorität, Nähe/Distanz zum Opfer, psychischer Konflikt und Anspannung, Autorität der im Hintergrund stehenden Institution.

Sehr vereinfachend ausgedrückt ist der Ausgangspunkt die Situation, dass eine Person einer anderen befiehlt, eine dritte Person zu verletzen: Autorität – Ausführender – Opfer. In der Untersuchung befiehlt also Person X, Person Y solle Person Z verletzen.
Die Forschungsfrage lautet, unter welchen Bedingungen Y die Anweisung befolgt ( obedience ) oder sich der Anweisung widersetzt ( disobedience ). Gehorsam und Ungehorsam beziehen sich ausschließlich auf beobachtbares Verhalten, nicht auf eventuelle Motive oder Erlebniswerte der jeweiligen Person Y.

Milgram erläutert die Terminologie in einer Fußnote dahingehend, dass es sich keinesfalls um Kooperation handeln kann, da X und Y während des Experiments unterschiedlichen Status innehaben, so dass man von einer Beziehung ausgehen muss, welche durch Dominanz-Subordination gekennzeichnet ist. Es handelt sich zudem nicht um Konformität, denn Konformität würde bedeuten, dass eine Person ohne eindeutigen Anlass zur Nachahmung den Urteilen oder Verhaltensweisen anderer folgen würde.

In diesem Experiment erlebt die Versuchsperson Y einen Konflikt, sobald (a) das Opfer um Gnade fleht und (b) der Versuchsleiter auf die weitere Ausführung seiner Anweisungen besteht.

Versuchsaufbau

Die Versuchspersonen sind ausschließlich männlich – zu 40% sind es Arbeiter, 40% Angestellte und 20% Fachleute höherer Bildung. Zum Versuchsaufbau erklärt Milgram folgendes: Gemessen wird das Maß (vorgeblicher) elektrischer Schockimpulse, die die Versuchsperson einer anderen Person auf Anweisung des Versuchsleiters zuzufügen bereit ist. Vorgeblich nämlich geht es um ein Lernexperiment zur Wirkung von Strafe auf die Gedächtnisleistung. Die “naive” Versuchsperson wird wie ihr späteres Opfer im Institut empfangen und über den Hergang des Lernexperiments informiert. Dabei wird die Auswahl so manipuliert, dass dem naiven Versuchsteilnehmer immer die Rolle des Lehrers zugeteilt wird, sein Schüler ist indes in das eigentliche Experiment eingeweiht. Der Schüler wird in einem Nebenraum an einen “elektrischen Stuhl” gefesselt, der Lehrer sitzt vor einem Pult, von welchem aus er die strafenden Stromschläge verabreicht. Dazu nutzen die Wissenschaftler den Nachbau eines Generators mit 30 Stromstärkeeinheiten von 15 bis 450 Volt. Zu Demonstrationszwecken wird dem Versuchsteilnehmer ein Stromstoß von 45 Volt verabreicht, um die Funktionstüchtigkeit der Apparatur zu unterstreichen.

Der Schüler soll nun eine Wortliste auswendig lernen, der Versuchsteilnehmer soll jeden Fehler durch einen elektrischen Impuls bestrafen – vor sich hat er eine Anlage, die es ermöglicht, Schocks von steigender Stromstärke auszuteilen. Auf der Apparatur sind Hinweise angebracht, die von “leichter Schock” bis zu “Achtung: Schwerer Schock” reichen; für jeden weiteren Fehler des Lernenden wird die nächsthöhere Stufe erforderlich. Der Lerndende reagiert mit Stöhnen auf die ihm zugefügten Schmerzen und bittet ab einer gewissen Stromstärke, das Experiment zu beenden. Diese Rückmeldungen sind Bandaufnahmen, die Reaktionen standardisiert an die jeweiligen Stromstärkeniveaus gekoppelt: bei 150 Volt verlangt der Lernende, das Experiment zu beenden, bei 180 Volt schreit er, die Schmerzen seien unerträglich, und bei 300 Volt nimmt er nicht mehr am Experiment teil und verlangt, befreit zu werden. Doch der Versuchsleiter besteht darauf, dass das Experiment ungeachtet dessen zu ende gebracht werden müsse. Auch seine Anweisungen sind standardisiert: “Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen fortfahren!”

Somit muss der Versuchsteilnehmer einen Konflikt lösen, der aus zwei unvereinbaren Anforderungen seines sozialen Umfeldes besteht. Entweder führt er die Anweisung des Versuchsleiters weiterhin aus und fügt dem Lernenden immer größere Schmerzen zu, oder er widersetzt sich den Anweisungen und erspart dem Lernenden Schmerzen. Milgram weist darauf hin, dass die Macht der Autoritätsperson (der Versuchsleiter) nicht im freien Feld ausgeübt werde, sondern im Spannungsfeld zu steigendem Gegendruck von Seiten des leidenden Schülers.
Sobald der Versuchsteilnehmer sich weigert, den nächsthöheren Stromschlag zu verabreichen, wird das Experiment als beendet betrachtet.


Zitation

wieser, d. (19. Juni '07): Milgram: Bedingungen für Gehorsam und Ungehorsam gegenüber einer Autorität, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/milgram-gehorsam

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