«Wir sind heute ganz besoffen davon, besoffen von Computern überall, besoffen von den Fortschritten des Informationszeitalters. Aber wovon wir ganz besonders besoffen sind, ist die Tatsache, wie viel Geld sich damit verdienen lässt.»
Gaddis: Das mechanische Klavier
Milgram: Bedingungen für Gehorsam und Ungehorsam gegenüber einer Autorität
d.wieser, 19. Juni 07
Stanley Milgram stellt in einem Aufsatz für Human Relations 1965 verschiedene Varianten seiner Studie zu Gehorsam und Ungehorsam dar. In Abwandlungen des Experiments erhält man tieferen Einblick in einige Faktoren, die gehorsames bzw. ungehorsames Verhalten gegenüber einer Autorität begünstigen bzw. hemmen: Nähe/Distanz zur Autorität, Nähe/Distanz zum Opfer, psychischer Konflikt und Anspannung, Autorität der im Hintergrund stehenden Institution.
Sehr vereinfachend ausgedrückt ist der Ausgangspunkt die Situation, dass eine Person einer anderen befiehlt, eine dritte Person zu verletzen: Autorität – Ausführender – Opfer. In der Untersuchung befiehlt also Person X, Person Y solle Person Z verletzen.
Die Forschungsfrage lautet, unter welchen Bedingungen Y die Anweisung befolgt ( obedience ) oder sich der Anweisung widersetzt ( disobedience ). Gehorsam und Ungehorsam beziehen sich ausschließlich auf beobachtbares Verhalten, nicht auf eventuelle Motive oder Erlebniswerte der jeweiligen Person Y.
Milgram erläutert die Terminologie in einer Fußnote dahingehend, dass es sich keinesfalls um Kooperation handeln kann, da X und Y während des Experiments unterschiedlichen Status innehaben, so dass man von einer Beziehung ausgehen muss, welche durch Dominanz-Subordination gekennzeichnet ist. Es handelt sich zudem nicht um Konformität, denn Konformität würde bedeuten, dass eine Person ohne eindeutigen Anlass zur Nachahmung den Urteilen oder Verhaltensweisen anderer folgen würde.
In diesem Experiment erlebt die Versuchsperson Y einen Konflikt, sobald (a) das Opfer um Gnade fleht und (b) der Versuchsleiter auf die weitere Ausführung seiner Anweisungen besteht.
Versuchsaufbau
Die Versuchspersonen sind ausschließlich männlich – zu 40% sind es Arbeiter, 40% Angestellte und 20% Fachleute höherer Bildung. Zum Versuchsaufbau erklärt Milgram folgendes: Gemessen wird das Maß (vorgeblicher) elektrischer Schockimpulse, die die Versuchsperson einer anderen Person auf Anweisung des Versuchsleiters zuzufügen bereit ist. Vorgeblich nämlich geht es um ein Lernexperiment zur Wirkung von Strafe auf die Gedächtnisleistung. Die “naive” Versuchsperson wird wie ihr späteres Opfer im Institut empfangen und über den Hergang des Lernexperiments informiert. Dabei wird die Auswahl so manipuliert, dass dem naiven Versuchsteilnehmer immer die Rolle des Lehrers zugeteilt wird, sein Schüler ist indes in das eigentliche Experiment eingeweiht. Der Schüler wird in einem Nebenraum an einen “elektrischen Stuhl” gefesselt, der Lehrer sitzt vor einem Pult, von welchem aus er die strafenden Stromschläge verabreicht. Dazu nutzen die Wissenschaftler den Nachbau eines Generators mit 30 Stromstärkeeinheiten von 15 bis 450 Volt. Zu Demonstrationszwecken wird dem Versuchsteilnehmer ein Stromstoß von 45 Volt verabreicht, um die Funktionstüchtigkeit der Apparatur zu unterstreichen.
Der Schüler soll nun eine Wortliste auswendig lernen, der Versuchsteilnehmer soll jeden Fehler durch einen elektrischen Impuls bestrafen – vor sich hat er eine Anlage, die es ermöglicht, Schocks von steigender Stromstärke auszuteilen. Auf der Apparatur sind Hinweise angebracht, die von “leichter Schock” bis zu “Achtung: Schwerer Schock” reichen; für jeden weiteren Fehler des Lernenden wird die nächsthöhere Stufe erforderlich. Der Lerndende reagiert mit Stöhnen auf die ihm zugefügten Schmerzen und bittet ab einer gewissen Stromstärke, das Experiment zu beenden. Diese Rückmeldungen sind Bandaufnahmen, die Reaktionen standardisiert an die jeweiligen Stromstärkeniveaus gekoppelt: bei 150 Volt verlangt der Lernende, das Experiment zu beenden, bei 180 Volt schreit er, die Schmerzen seien unerträglich, und bei 300 Volt nimmt er nicht mehr am Experiment teil und verlangt, befreit zu werden. Doch der Versuchsleiter besteht darauf, dass das Experiment ungeachtet dessen zu ende gebracht werden müsse. Auch seine Anweisungen sind standardisiert: “Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen fortfahren!”
Somit muss der Versuchsteilnehmer einen Konflikt lösen, der aus zwei unvereinbaren Anforderungen seines sozialen Umfeldes besteht. Entweder führt er die Anweisung des Versuchsleiters weiterhin aus und fügt dem Lernenden immer größere Schmerzen zu, oder er widersetzt sich den Anweisungen und erspart dem Lernenden Schmerzen. Milgram weist darauf hin, dass die Macht der Autoritätsperson (der Versuchsleiter) nicht im freien Feld ausgeübt werde, sondern im Spannungsfeld zu steigendem Gegendruck von Seiten des leidenden Schülers.
Sobald der Versuchsteilnehmer sich weigert, den nächsthöheren Stromschlag zu verabreichen, wird das Experiment als beendet betrachtet.
akustische Rückmeldung
Milgram erklärt, wie Modellstudien diese Untersuchung formten: ohne akustische Hinweise auf das Leiden des Lernenden gingen alle Versuchspersonen bis zur stärksten Voltzahl – ungeachtet der Warnhinweise auf ihrer Schalttafel (“Extremer Schock”; “Achtung: Schwerer Schock”). Daraufhin wurde das Stöhnen und Flehen des Lernenden als eine den Befehlen des Versuchsleiters entgegen gesetzte Kraft ins Experiment aufgenommen. Leichte Protestbekundungen erwiesen sich als wirkungslos, die Forscher modulierten jene akustischen Rückmeldungen und stellten konsterniert fest, dass selbst die aller stärksten Rückmeldungen einige Versuchspersonen nicht davon abhielten, bis zur höchsten Strafstufe voran zu schreiten. Allerdings sank der durchschnittlich höchste verabreichte Stromschlag nach Einführung der akustischen Hinweise, so dass das Verhalten der Versuchsteilnehmer sich unter diesen Bedingungen differenzierter darstellen ließ.
Milgram fasst zusammen, diese Vorarbeiten darüber Aufschluss geben, dass keiner der Forscher erwartet hatte, die Versuchsteilnehmer derart gehorsam zu finden. Zudem verweist die Situation darauf, dass Rückmeldungen seitens des Opfers für das Verhalten des Täters ausschlaggebend sind.
Nähe/Distanz zum Opfer
Während der Modellstudie konnten Versuchspersonen den Lernenden undeutlich durch versilbertes Glas sehen, wandten häufig den Kopf ab und empfanden den Anblick ihres Opfers offenbar als quälend. Dennoch fuhren sie fort, Stromschläge auszuteilen. Die Forscher fragten sich, welche Wirkung Sichtbarkeit bzw. Unmittelbarkeit des Opfers auf das Verhalten des Täters habe und entwickelten folgende Versionen:
- Remote Feedback – der Schüler befindet sich in einem angrenzenden Raum, war für die Versuchsperson weder sichtbar noch hörbar, nur bei 300 Volt schlug der Schüler protestierend gegen die Wand und entzog sichbei 315 Volt durch Schweigen dem Lernexperiment.
- Voice Feedback – hier wurde (1) akustische Rückmeldung hinzugefügt, die durch eine angelehnte Tür für die Versuchsperson gut hörbar waren.
- Proximity – ähnlich Bedingung (2), der Lernende befand sich nun im selben Raum wie die Versuchsperson, 1,5 Fuß entfernt, was bedeutet, dass der Schüler sichtbar und hörbar war.
- Touch-Proximity – ebenso wie (3), der Lernende erhielt Elektroschocks nur, indem er die Hand auf eine Platte legte. Bei 150 Volt bat der Lernende, das Experiment zu beenden, er weigerte sich, die Hand auf die Platte zu legen und weitere Strafen entgegen zu nehmen. Der Versuchsleiter ordnete an, dass die Versuchsperson die Hand des Lernenden mit Gewalt auf die Platte legen solle. In dieser Bedingung müsste eine gehorsame Versuchsperson ihr Opfer berühren, um jenseits der 150 Volt Strafen austeilen zu können.
In jeder dieser vier Bedingungen wurden vierzig Erwachsene getestet mit dem Ergebnis, dass die Gehorsamsbereitschaft bedeutend sank, wenn das Opfer in unmittelbare Nähe rückte: für (1) 34% Ungehorsam, (2) 37,5%, (3) 60%, (4) 70%.
mögliche Ursachen: ( When the victim is close, it is more difficult to exclude him phenomenologically. )
- Emphatic cues: in Bedingung (1) und etwas abgeschwächt auch in (2) nimmt das Leiden des Opfers für den Täter eher eine abstrakte Prägung an – er ist sich zwar der Tatsache bewusst, dass er einer anderen Person Schmerz zufügt, allerdings nur in einem konzeptionellen Sinne, was bedeutet, dass er zwar die Fakten anerkennt, allerdings kein Gefühl dafür entwickelt. Als Erklärung gilt demnach, dass die visuellen Hinweise auf das Leiden des Opfers in der Versuchsperson Affekte auslösen (Mitgefühl), welche ein umfassenderes Verständnis für die Situation des Opfers entstehen lassen. Sinkt die Gehorsamsbereitschaft, wäre dies auf die intensivierten emphatischen Hinweise seitens des Opfers zurückzuführen.
- Denial and narrowing of the cognitive field (Verleugnen und Einschränken des kognitiven Feldes): Bedingung (1) erlaubt es der Versuchsperson, das Opfer auszublenden, die Schalter lassen sich ohne moralische Überlegungen betätigen. Ein Versuchsteilnehmer wird mit der Aussage zitiert. «Es ist witzig, man vergisst tatsächlich, dass da draußen ein Typ ist, obwohl man ihn hören kann. Lange Zeit habe ich mich nur auf das Betätigen der Schalter und das Vorlesen der Worte konzentriert.»
- reciprocal fields (reziproke Felder): Ab Bedingung (3) kann der Versuchsteilnehmer das Opfer sehen und umgekehrt auch. Es mag leichter sein, jemanden zu verletzen, der nicht sehen kann, was man tut. Beobachtet das Opfer die Vorgänge, mag es zu Schuldgefühlen oder Scham kommen, die darauf hinwirken, die Handlung zu beenden. Sprachlich drückt sich dieses Phänomen darin aus, dass es leichter fällt, jemanden “hinter dessen Rücken” zu kritisieren, als es ihm “ins Gesicht zu sagen”. Werden dem Opfer einer Exekution die Augen verbunden, mag das dazu dienen, ihm den Anblick zu ersparen, doch es mag latent ebenso wirksam dazu dienen, den Stress auf Seiten des Exekutierenden zu vermindern. Ab Bedingung (3) wird die Rolle des Versuchsteilnehmers dadurch verändert, dass das Opfer ihn sehen kann, seine Selbstaufmerksamkeit steigt, er mag Scham empfinden und bei der Bestrafung des Opfers gehemmt sein.
- Phenomenal unity of act (phänomenologische Handlungseinheit:) In Bedingung (1) besteht eine physische und räumliche Trennung von Handlung und Handlungskonsequenzen, obzwar die Strafhandlungen des Versuchsteilnehmers mit den Reaktionen des Opfers zusammen hängen, besteht noch kein hinreichend klarer phänomenologischer Zusammenhang. Die Handlungsstruktur “ich verletze eine Person” ist in ihrer Einheit unterbrochen, da der Versuchsteilnehmer nur schwerlich eine Verbundenheit seiner eigenen Handlungen und den Konsequenzen dieser Handlungen für das Opfer herstellen kann. Diese Handlungseinheit wird erst in Bedingung (3) besser und in Bedingung (4) vollständig hergestellt.
- Incipient group formation (beginnende Gruppenbildung): Befindet sich das Opfer im Nebenraum, steigt der Abstand zum Versuchsteilnehmer, gleichzeitig steigt die Nähe zwischen Versuchsteilnehmer und Versuchsleiter. Somit bilden Versuchsteilnehmer und Versuchsleiter von Beginn an eine Gruppe, von der das Opfer ausgeschlossen ist. In Bedingung (1) ist das Opfer ein tatsächlicher Außenseiter, während Versuchsteilnehmer und Versuchsleiter im selben Raum eine gewisse Intimität entwickeln. Erst wenn das Opfer sich in einem Raum mit dem Versuchsteilnehmer befindet, können sie eine Allianz gegen den Versuchsleiter bilden – vereint in dem Bedürfnis, das Experiment zu beenden.
- Acquired behavior dispositions (erworbene Verhaltensdispositionen): Durch Belohnung und Strafe lernen Individuen, dass es (straf-)sicherer ist, aggressiv gegen Personen zu sein, die sich weiter entfernt befinden, als gegen Personen, die räumlich sehr nah sind. Diese Verhaltensnormen könnten Erklärungen für unterschiedliches Verhalten in den Versuchsbedingungen mit variierender Nähe-Distanz zwischen Opfer und Versuchsteilnehmer bieten.
Milgram schließt mit der Bemerkung, Nähe und Distanz haben in der Psychologie zu wenig Aufmerksamkeit erhalten – so als wäre der Mensch bewegungsunfähig – tatsächlich jedoch verändern sich unsere räumlichen Bezüge, während wir uns fortwährend bewegen. Ob wir nah oder entfernt sind, muss mächtigen Einfluss auf psychologische Prozesse haben, welche unser Verhalten anderen Menschen gegenüber bestimmen. Im Experiment nimmt die Zahl der Versuchsteilnehmer, die das Experiment abbrechen, indem sie den Gehorsam verweigern, mit wachsender Nähe zum Opfer zu. Die konkrete, sichtbare und nahe Gegenwart des Opfers wirkt darauf hin, sich der Macht des Versuchsleiters zu widersetzen und ungehorsam zu handeln.
Nähe der Autoritätsperson
Als nächstes stellt sich die Frage, inwiefern die Nähe zum Versuchsleiter das Verhalten der Versuchsperson beeinflusst. Der Versuchsleiter nämlich scheint die Gesamtsituation zu dominieren, da er die Strukturen vorgibt und sich die Versuchsperson so verhalten will, wie es der Versuchsleiter wünscht. Somit sind sich die Versuchspersonen der eigentlichen Triade des sozialen Felds (Versuchsleiter – Versuchsperson – Opfer) wenig bewusst, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf den Versuchsleiter konzentrieren und ihr Verhältnis zum Lernenden (als Opfer ihrer Handlungen) in den Hintergrund rücken. Milgram spricht hier von einer überdeterminierten Orientierung am Versuchsleiter, welche er als mögliche Ursache dafür herausstellt, dass die Versuchspersonen verhältnismäßig unsensibel auf die Bedürfnisse des Lernenden reagieren – Änderungen der Beziehung zwischen Versuchsperson und Versuchsleiter müssten sich demgemäß auf die Gehorsamsbereitschaft auswirken.
In verschiedenen Versuchen variierten die Forscher also die Nähe zwischen Versuchsperson und Versuchsleiter sowie das Maß der Überwachung seitens des Versuchsleiters.
- So saß der Versuchsleiter in einem Setting nur wenige Fuß von der Versuchsperson entfernt.
- In einem zweiten Setting verließ der Versuchsleiter das Labor nach wenigen einführenden Worten und instruierte die Versuchsperson nur via Telefon.
- In einem dritten Setting ließ sich der Versuchsleiter nicht im Labor blicken und übermittelte sämtliche Anweisungen durch eine Bandaufnahme.
War der Versuchsleiter weiter entfernt, ließ die Gehorsamsbereitschaft drastisch nach: saß er nahe neben der Versuchsperson, war die Gehorsamsbereitschaft nahezu dreimal höher als im zweiten Setting, wenn er also den Raum verlassen hatte. Die Versuchspersonen konnten sich wesentlich besser gegen die Anweisungen wehren, wenn sie den Versuchsleiter nicht vor sich hatten.
War der Versuchsleiter nicht im Labor, zeigten die Versuchspersonen zudem ein Verhalten, das sich niemals gezeigt hatte, wenn der Versuchsleiter ihre Handlungen vor Ort überwachte: Sie setzten zwar den Test fort, verabreichten allerdings wesentlich geringere Stromschläge, als sie es gemäß Anweisung hätten tun müssen, ohne den Versuchsleiter darüber zu informieren (Es wurden niemals tatsächliche Stromschläge verabreicht, die Versuchsanlage diente indes dazu, die vermeintlich verabreichten Ladungen zu registrieren). Während die Versuchspersonen also ungerührt niedrigste Ladungen verabreichten, versicherten sie dem Versuchsleiter (in Setting 2 telefonisch), sie gingen wie vereinbart zur jeweils nächsthöheren Ladung über. Diese Versuchspersonen unterminierten eindeutig die vereinbarte Vorgehensweise, dabei fiel es ihnen leichter, ihren inneren Konflikt durch Fehlinformation zu lösen, als sich offen in Opposition zum Versuchsleiter zu begeben.
Die Varianten des Experiments verweisen darauf, dass die physische Gegenwart der Autoritätsperson sich als wirksame Kraft auf den Gehorsam oder Ungehorsam einer Person auswirkt. Nimmt man die oben genannten Varianten zu Nähe und Distanz zum Opfer hinzu, ließe sich aussagen, dass es etwas wie Kraftfelder geben mag, die mit steigender Distanz an Wirksamkeit verlieren. Rückt das Opfer näher, wird es zunehmend schwieriger, immer höhere Dosen zur Strafe zu verabreichen. Wird hingegen die Distanz zur Autorität erhöht, fällt es den Versuchspersonen leichter, das Experiment zu beenden, bevor sie den Lernenden quälen müssen. Milgram weist darauf hin, dass beide Effekte sich im Experiment als wirksam erwiesen hatten, die Position des Versuchsleiters allerdings erbrachte die deutlichsten Resultate: Ob jemand destruktiven Befehlen gehorcht, hängt in hohem Maße von den proximalen Beziehungen zwischen Autorität und Individuum ab.
Spannungen
Neben quantitativen Auswertungen gibt Milgram nun Stressreaktionen wider, die sich am Verhalten der Versuchspersonen ablesen ließen. Statt das Experiment einfach abzubrechen, wenn ihnen die Situation unerträglich war (bzw. an dem Punkt, an dem das Gewissen ihnen ein Fortfahren verbot), konnte man beobachten, wie die Versuchspersonen weiterhin straften und dabei schwitzten, zitterten, stotterten, sich auf die Lippen bissen und stöhnten. Selbstauskünfte nach Abbruch des Experiments geben Aufschluss darüber, wie sich die Versuchspersonen fühlten (paraphrasiert wider gegeben):
Versuchspersonen brachen das Experiment ab und begründeten folgendermaßen:
«Klopft er? Ist er verletzt? Ich will nicht dafür verantwortlich sein, wenn ihm etwas passiert. Nein, ich kann nicht weiter machen. Ich weiß nicht, ob es ihm gut geht oder nicht. Ich sehe keinen Sinn darin – ihm die Lampen auszuknipsen oder so.»
«Es tut mir Leid. Wenn der Mann aufhören will, werde ich auch aufhören. Für kein Geld der Welt verletzte ich ein anderes Individuum.»
Gehorsame Versuchspersonen gaben an:
«[180 Volt verabreicht] Er hält es nicht aus! Ich werde den Mann da drinnen nicht umbringen! Hören Sie, wie er brüllt? Er hält es nicht aus. Was, wenn ihm etwas passiert? Ich übernehme keine Verantwortung dafür. Wer übernimmt die Verantwortung, wenn diesem Herrn etwas passiert?
[der Versuchsleiter übernimmt die Verantwortung]. In Ordnung.
[240 Volt verabreicht.] Au, nein. Sie meinen, ich muss weiter rauf in der Skala? Nein, Sir. Ich werde diesen Mann nicht umbringen! Ich werde ihm keine 450 Volt geben!
[der Versuchsleiter sagt, “Das Experiment erfordert es, dass Sie weiter machen.”] — Ich weiß, dass dem so ist, aber der Mann da drinnen brüllt, Sir…»
Trotz agitierter Einwände ging die Versuchsperson bis zur höchsten Ladung; die Spaltung zwischen dem, was sie sagt, und dem, was sie tut, ist kurios. Milgram vermutet, sie habe ihr Bedürfnis, die Anweisungen abzulehnen, nicht in passende Worte kleiden können; “Perhaps our culture does not provide adequate models for disobedience” (vielleicht bietet unsere Kultur keine angemessenen Vorbilder für Ungehorsam), so Milgram.
Noch kurioser ist die Beobachtung, dass einige Versuchspersonen (71 von 160 Personen) in nervöses Gelächter ausbrachen oder nervös lächelten. Später gaben sie eifrig um Richtigstellung bemüht an, dieses Lachen bedeute nicht, dass sie Spaß daran hatten, das Opfer zu malträtieren, sie seien keine Sadisten. Die Befragung nach dem Grad ihrer Anspannung und Nervosität ergab, dass die gehorsamen Versuchsteilnehmer sich etwas angespannter und nervöser einordneten, als die ungehorsamen Versuchspersonen am Punkt höchsten Anspannung.
Diese Anspannung verweist auf den inneren Konflikt – denn wäre da nur die Anforderung der Autorität als einzige psychologische Kraft gewesen, hätten wohl alle Teilnehmer den Versuch gehorsam zu ende gebracht. Wäre da nur das Mitgefühl für das Opfer gewesen, hätten wohl alle Teilnehmer das Experiment abgebrochen. Spannung entsteht also, wenn mindestens zwei unvereinbare Reaktionsneigungen gleichzeitig auftreten und miteinander konkurrieren. Somit ergab das Experiment sowohl gehorsame als auch ungehorsame Verhaltensweisen, getragen von (a) der tiefen Veranlagung, niemanden zu verletzen und (b) der ebenso tiefen Veranlagung, Autoritäten zu gehorchen.
Somit definiert die Spannung die Stärke des aversiven Zustands, welchem sich die Versuchspersonen nicht durch Ungehorsam entziehen können. Doch auch wenn die Anspannung extrem ist, können sich einige Personen offenbar nicht zur Entspannung durch Ungehorsam durchringen. Eine andere Kraft wirkt dem Ungehorsam machtvoll entgegen; jedes Anzeichen extremer innerer Spannung ist zugleich ein Hinweis auf die Stärke jener Kräfte, die das Individuum in der unangenehmen Situation ausharren lassen.
Zudem muss die Anspannung als Hinweis darauf gelten, wie tief sich die Versuchsteilnehmer auf die Situation eingelassen hatten. Unter normalen Umständen beginnt man nicht zu zittern und zu schwitzen, es sei denn, man befindet sich in einem wirklich tiefen Dilemma.
Hintergrund & Autorität
Im gegebenen Kontext spielt nicht nur die Autorität des Versuchsleiters eine Rolle, sondern auch die Autorität der Institution, unter deren Dach die angeblichen Lernexperimente statt fanden. Yale gilt als hoch angesehene Universität, und die meisten Versuchsteilnehmer brachten zum Ausdruck, dass dieser Name bereits für Seriosität, Integrität und Kompetenz des Projekts stehe. Einige Versuchsteilnehmer gaben sogar an, sie hätten keine Elektroschocks verabreicht, wenn das Experiment nicht in Yale stattgefunden hätte. In Kursivschrift fasst Milgram dieses Phänomen zusammen: “One must always question the relationship of obedience to a person’s sense of the context in which he is operating”. Wichtig ist, in welchem Kontext gehorsames Verhalten stattfindet – und entscheidend ist, wie die Person selbst diesen Handlungskontext deutet.
Um die Wirkung der Yale Universität als hintergründige Autorität zu überprüfen, verlegten die Wissenschaftler das Experiment in ein Industriegebiet ohne offenkundige Verbindungen zu Yale. Kein offizieller Briefkopf für die Einladungen, kein renommierter Name des Forschungsteams (sie gaben sich als “Research Associates of Bridgeport” aus); die Untersuchung fand nahe der Einkaufsmeile in einem etwas herunter gekommenen Bürogebäude statt; die Forscher gaben an, eine Untersuchung im Auftrag der Industrie durchzuführen.
Einige Teilnehmer standen den Absichten der Forscher skeptisch gegenüber, jemand gab an (paraphrasiert):
«Ich zweifelte an der Legitimität der Operation und an den Konsequenzen meiner Teilnahme. Ich hielt es für eine herzlose Art, Menschen zu Tests zu Gedächtnisleistung oder Lernverhalten heran zu ziehen, außerdem war es sicherlich gefährlich, wenn kein Arzt dabei war.»
Die Gehorsamsbereitschaft fiel in Bridgeport etwas geringer aus als in Yale – in Bridgeport gingen 48% bis zum Maximum, in Yale 65%. Möglicherweise gewährleistet die Einbindung in irgendeine Art von institutioneller Struktur, dass potentiell gefährliche Anweisungen befolgt werden. Die Untersuchung zeigt indes auch, dass es sich nicht um eine hoch respektable Einrichtung handeln muss: Milgram schließt daraus, dass allein die Kategorie “Institution” uns gehorsamsbereit macht. Die Versuchsteilnehmer könnten ein wissenschaftliches Labor für ebenso kompetent halten wie ein anderes, und sich gehorsam verhalten, so lange es nur ein wissenschaftliches Labor ist.
Eine weitere Abwandlung des Experiments zu Gehorsam und Ungehorsam nahm den Einfluss von Gruppendynamik in den Blick. Brach ein anderer Teilnehmer mitten im Experiment ab, taten 90% der Versuchsteilnehmer es ihm nach und verweigerten dem Versuchsleiter den Gehorsam. Befolgten die anderen die Anweisungen gehorsam, stärkte das die Macht des Versuchsleiters nur geringfügig. Wenn eine andere Person den Schalter betätigte und den Elektroschock auslöste, die Versuchsperson jedoch kleinere Aufgaben übernahm, brachen nur drei von 44 Versuchsteilnehmern das Experiment ab.
Zum Abschluss des Textes resümiert Milgram, wie erstaunlich hoch die Gehorsamsbereitschaft ausfiel: das Experiment habe einigen Teilnehmern ein Ventil geboten, ihre Aggression abzureagieren, in anderen Fällen habe es gezeigt, wie tief gehorsames Verhalten verankert ist, ungeachtet der Konsequenzen für andere Menschen.
Dass die Gehorsamsbereitschaft unerwartbar hoch ausgefallen war, überprüften die Wissenschaftler, indem sie 40 renommierte Psychiater über den Versuchsaufbau informierten und sie dann baten, Voraussagen über die Gehorsamsbereitschaft zu treffen. Ihren Voraussagen nach würden die meisten nicht über 150 Volt hinaus gehen (der Punkt also, an dem das Opfer ausdrücklich darum bittet, das Experiment abzubrechen); bei 300 Volt wären nur noch 3,73% gehorsam (der Punkt, an dem das Opfer keine Antworten mehr gibt). Doch tatsächlich gingen 62% gehorsam bis zum Maximum.
Milgram vermutet, die Psychiater hätten die situativen Aspekte unterschätzt. Eine Situation übt nämlich bedeutsamen Druck auf ein Individuum aus, sie mag Verhalten hemmen und anspornen. Manchmal kommt es nicht so sehr darauf an, welcher Typ Mensch jemand ist, sondern in welcher Situation sich jemand befindet. Denn wer sich als Versuchsteilnehmer in jenem Labor auf das Experiment einlässt, ist unversehens in eine Situation integriert, die ganz eigene Impulse entwickelt; der Teilnehmer ist dann mit dem Problem konfrontiert, wie er sich aus einer Situation heraus winden kann, die in höchst unerwünschter Richtung verläuft.
Das Experiment untersucht vor allem Variablen, die gehorsames Verhalten auslösen; Verhalten ist hier eine direkte Funktion der Situation, in welcher das Verhalten auftritt. Letztlich strebt die Sozialpsychologie eine überzeugende Theorie der Situationen an — so Milgram – eine Sprache, die Situationen definieren kann; dann die Entwicklung einer Typologie von Situationen; letztlich die Darstellung dessen, wie definierbare situative Eigenschaften sich in psychologische Kräfte im Individuum umwandeln.
Im Ausklang seines Aufsatzes gibt Stanley Milgram persönliche Eindrücke aus der Beobachtung der oben dargestellten Experimente wider. Es scheint durchaus möglich, dass der durch die demokratische amerikanische Gesellschaft hervorgebrachte Charakter keine verlässliche Isolierung gegen brutales, unmenschliches Verhalten auf Geheiß einer Autorität bietet. Ein substantieller Teil der Menschen tut, was man ihnen sagt, ungeachtet der Handlungen und ohne Gewissensbisse, insofern die Handlungsanweisung von einer legitimen Autorität ausgeht. Wenn die Wissenschaftler zu Forschungszwecken eine anonyme Autorität etablieren können, die dann andere dazu bringt, protestierenden Individuen schmerzhafte Elektroschocks zu verabreichen, — was kann dann die Regierung mit weit mehr Autorität und Prestige von ihren Untergebenen verlangen?
Quelle:
Stanley Milgram: Some Conditions of Obedience and Disobedience to Authority in: Human Relations, 1965; 18; 57.
Zitation
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16. Juni '07
OrientierungIm Netz sind gut sortierte und ständig betreute Linksammlungen von ziemlicher Bedeutung — schließlich landet man wer-weiß-wo, wenn man sich auf Suchmaschinen und Stichworte verlassen muss… Hier also Linksammlungen zur Psychologie, mit denen man tatsächlich etwas anfangen kann… » lesen ... |
06. Juni '07
GehorsamKonformität ist zwar ein verwandtes sozialpsychologisches Phänomen, unterscheidet sich indes von Gehorsam insofern, als der Einfluss bei konformem Verhalten von einer Gruppe von Individuen gleichen oder ähnlichen Status ausgeht. » lesen ... |
29. November '07
May, Rollo: Die Quellen der GewaltIn seiner phänomenologischen Untersuchung des Gewaltphänomens ist für May der Begriff der Macht – verstanden als fundamentaler Aspekt des Daseinsprozesses – von zentraler Bedeutung. Machtkonflikte und Machtlosigkeit des Menschen in der Gesellschaft stellen die wohl wichtigste (weil weitgehend negierte) Quelle der Gewalt dar. Der humanistische Standpunkt seiner logisch stringenten Analyse setzt als Gegenstück zur Aggression die völlige Isolation und als Gegenstück zur Gewalt das Mitgefühl – ein sehr lesenswertes Buch. Quelle: May, Rollo: Die Quellen der Gewalt. Eine Analyse von Schuld und Unschuld. ( Power and Innocence, 1972) Wien: Fritz Molden Verlag, 1974. » lesen ... |



