«Du bist eine Reaktion auf alles. Dich motiviert ein Satz, eine Wetterlage, ein Tonfall, eine Mahlzeit, dein Abbild. Dein Abbild ist ebenfalls eine Reaktion.»
Wohmann: Gegenangriff
Miller, Neil E.: Frustration-Aggression Hypothese
d.wieser, 03. Juni 07
Der Text nimmt korrigierend Bezug auf J. Dollard, L. W. Doob, N. E. Miller, O. H. Mowrer, and R. R. Sears: Frustration and Aggression. New Haven: Yale University Freer, 1939. Miller konzentriert sich auf die darin enthaltene Formulierung, das Vorkommen von Aggression setze immer das Vorhandensein von Frustration voraus und umgekehrt führe das Vorhandensein von Frustration immer zu einer Form von Aggression.
Der erste Teil der Aussage habe als Arbeitshypothese der Forscher zu gelten, so Miller. Der zweite Teil der Aussage hingegen sei in zweifacher Hinsicht unglücklich gewählt:
- Es scheint (wenn auch nicht logisch zwingend), dass Frustration keine anderen Folgen habe, als Aggression. Im weiteren Verlauf des betreffenden Ursprungstextes jedoch werde genau dieser Zusammenhang analytisch aufgelöst.
- Die Formulierung unterscheide nicht zwischen der Initiierung und dem tatsächlichen Auftreten aggressiven Verhaltens; somit sei die Möglichkeit ausgeschlossen, andere Reaktionen könnten dominieren und aggressives Verhalten verhindern. Damit sei die Aussage nicht im Einklang mit dem Gesamttext, der sehr wohl zwischen Initiierung und tatsächlicher Reaktion unterscheide: Strafe sei beispielsweise geeignet, aggressive Handlungen zu hemmen.
Miller gibt eine Neuformulierung der Hypothese: Frustration führt zur Überprüfung verschiedener Reaktionsweisen, darunter auch die Initiierung zu einer Form aggressiven Verhaltens.
Anhand einer schematischen Skizze denkbarer Prozesse als Reaktion auf eine frustrierende Situation spricht Miller von Hierarchien möglicher individueller Reaktionsweisen. Neben aggressiven Reaktionen gibt es ein Repertoire anderer Reaktionen auf Frustrationserlebnisse, die individuell in einer hierarchischen Ordnung stehen. Andere nicht-aggressive Reaktionen können den aggressiven Impuls hemmen bzw. verhindern, wenn sie in der Hierarchie als starke Impulse weit oben rangieren. Ebenso können die nicht-aggressiven Reaktionen vorrangig sein und aggressives Verhalten hemmen, ohne es allerdings restlos zu verhindern: wenn etwa eine aggressive Reaktionsweise gehemmt ist und eine weitere Frustrationserfahrung hinzukommt, welche für sich genommen keine aggressive Handlung auslösen würde, kann es dazu kommen, dass die gemäß Hierarchie nächststärkere Reaktion eintritt.
Fortgesetzte Frustrationserfahrungen können erfolgreiche nicht-aggressive Reaktionen also aushebeln, so dass doch noch die aggressive Verhaltensweise zutage tritt.
Frustrationserfahrungen können sich summieren, wenn also die aggressive Reaktion gehemmt ist (etwa durch Strafandrohung) und eine weitere Frustrationserfahrung hinzu kommt, dann kann es trotz Hemmung zu aggressiven Reaktionen kommen. Ist eine aggressive Reaktionsweise gehemmt, bedeutet dies also nicht, dass aggressives Verhalten nicht doch noch ausgelöst werden kann.
Miller verweist darauf, dass die Aggression-Frustrations Hypothese vier weiterführende Untersuchungsfelder eröffnet:
- Bestimmte Ausprägungen aggressiven Verhaltens sind für Individuum und Gesellschaft höchst gefährdend. Aus den Schwierigkeiten, mit Aggression umzugehen, können auf individueller Ebene akute Persönlichkeitskonflikte hervorgehen. Zudem kann Aggression für wichtige gesellschaftliche Institutionen zum gewichtigen Problem werden — etwa im Verhältnis zwischen In-Group und Out-Group.
- Es gilt zu erforschen, nach welchen Regeln die Initiierung aggressiven Verhaltens unter bestimmten Umständen erfolgt. Hier nennt Miller interessante Phänomene wie Objektverschiebung, veränderte Formen aggressiven Verhaltens und Katharsis der Aggression.
- Man müsste der Frage nachgehen, welche anderen Reaktionen auf Frustrationserfahrungen erfolgen können, abgesehen von aggressivem Verhalten. Dabei spielt John Deweys Theorie im Zusammenhang mit Kognition und Problemlösung eine Rolle.
- Die Aggression-Frustration Hypothese selbst sei gründlich zu erforschen: benötigt werden exakte Voraussagen dahingehend, unter welchen Umständen aggressives Verhalten ausgelöst werden kann und welche Position innerhalb der Hierarchie möglicher Reaktionen die jeweiligen Reaktionsweisen einnehmen. Die Hypothese müsse durch Untersuchung von Sonderfällen und Ausnahmen auf Exaktheit überprüft und konkretisiert werden.
Betrachtet man zudem die frühe Phase der Sozialisation im Hinblick auf das Zusammenwirken von angeborenen physischen Reaktionsmustern, Lernmechanismen und Struktur der sozialen Netzwerke, welche Belohnung und Strafe beinhalten, wäre zu klären, inwiefern hier Erkenntnisse zum Zusammenhang von Aggression und Frustrationserlebnis zu finden seien.
Quelle:
Miller, Neil E.: The Frustration-Aggression Hypothesis, 1941 (Host: yorku.ca) HTML
Zitation
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