«Ressentiment lässt sich in einer ersten Lesart als eine vorbewusst gewordene neidische Enttäuschung bezeichnen. […] Unser eigener Neid verschwindet hinter der Beschäftigung mit den Untugenden anderer.»
Margarete & Alexander Mitscherlich
Die Unfähigkeit zu trauern
Priester: Rassismus. Eine Sozialgeschichte
d.wieser, 31. Januar 08
«“Rasse” ist keine anthropologische oder biologische, sondern eine soziale Kategorie. Diese Erkenntnis ist so alt wie der Rassismus selbst.» (16)
In Karin Priesters Text zur Sozialgeschichte des Rassismus beeindrucken mich der eindringliche Stil sowie die umfassende Kontextualisierung verschiedener sozialhistorischer Fäden, die das Phänomen Rassismus gebündelt letztlich ausmachen. Die Arbeit der Soziologieprofessorin der Universität Münster verliert sich nicht wie andere Sozialgeschichten in detailreichen Untersuchungen geschichtlicher Begebenheiten, sondern geleitet die Leser zu Kernpunkten, zeigt relevante Querverbindungen auf und bleibt fortwährend auf nachvollziehbaren Ebenen gesellschaftlicher Entwicklungen. Ein überaus dynamisches Buch, vor allem die beiden letzten Kapitel als energische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Stichworten wie Identitätspolitik, Ethnopluralismus und Neue Rechte sind ungemein einprägsam und lehrreich.
Ethnozentrismus ist nicht mit Rassismus gleich zu setzen, beide allerdings sind soziale Phänomene, die die Machtverteilung zwischen Gruppen durch Auf- bzw. Abwertungen zu definieren und zu sortieren suchen. Rassismus bezeichnet nach den Erläuterungen der Autorin
«eine bestimmte, pseudowissenschaftlich untermauerte Strategie zur Ablenkung von sozialen Konflikten und zur Legitimation von Vorherrschaft. Der Begriff hat eine sozialpsychologische Dimension, insofern er sich auf historisch und ethnografisch immer und überall anzutreffende fremdenfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen bezieht, sie schürt, bündelt und auf ein politisches Ziel hin aktiviert. Ethnozentrisches Verhalten wird erst in Verbindung mit reaktionären, konservativen oder faschistischen Doktrinen, Organisationen und Programmen zu dem, wovon hier die Rede ist: zu Rassismus.» (8)
Die ersten vier Kapitel führen die Leser vom Jahr 1492 über den Germanenmythos des 18. Jahrhunderts und Volkstumstheoretiker wie Gobineau, Chamberlain oder Herder zu einem aufregenden Vergleich zwischen Südafrika und Brasilien: Rassismus als mögliches, nicht zwingendes Resultat kolonialer Praxis. Die beiden darauf folgenden Kapitel konzentrieren sich auf das 19. Jahrhundert mit seinen diversen Wurzeln des Antisemitismus sowie auf die Entstehung stereotyper Haltungen gegenüber der jüdischen Bevölkerungsminderheit. Daran anschließend werden die haarsträubenden Auswüchse nationalsozialistischer Rassenpolitik entlang der Stichworte “Rassenhygiene” und “Erbgesundheitspflege” exemplifiziert.
Ende des 19. Jahrhunderts gab es faktisch drei verschiedenartige Begriffsbedeutungen im Kontext rassistischer Ideologie:
- Dem eugenischen Rassenbegriff entsprach der Terminus der “Vitalrasse”, dieser bezeichnete das Erbgut einer Bevölkerungsgruppe.
- Zudem gab es die “anthropologischen Systemrassen”, die mich seltsam an Tierzucht erinnern – man nahm an, es sei wünschenswert, nicht mehr existente, mutmaßlich reine menschliche “Urrassen” neu zu beleben. Da man solchen Rassen überdies auch psychische und kulturelle Merkmale zuschrieb, war mit dieser spekulativen Beigabe die Voraussetzung für rassistische Diskriminierung deutlich angelegt.
- Und schließlich entwickelte sich das Verständnis von Rasse im Sinne des “Volkstums”, wiederum mit besonderem Fokus auf Volksseele oder -geist.
Um ein Beispiel zum eindringlichen Charakter des Textes zu geben, bieten sich Karin Priesters Definitionen des Rassismus an – im Vergleich mit anderen mir bekannten Auseinandersetzungen mit der Sozialgeschichte des Rassismus wirkt der Stil der Autorin geradezu leidenschaftlich:
«Es ging immer um Wertsysteme, nie nur um somatische Unterschiede. […] Der Kernpunkt allen rassistischen Denkens ist die Amalgamierung von Kultur und Natur, die blutsmäßige Verankerung kultureller und kognitiver Unterschiede.» (290)
Rassismus ist mehr als nur die Einstellung einzelner Mitglieder einer Gruppe, sondern eigentlich die systematisch von einer Gruppe ausgeübte Macht der Unterwerfung anderer Gruppen. Man geht von drei Phasen aus, in welchen sich Rassismus aufbaut:
- Zunächst werden Vorurteile in der Bevölkerung verankert, und zwar auf der Basis dubioser Merkmale einer Rasse – augenscheinlich sind dies physische Merkmale, tatsächlich allerdings besteht die Kraft der Ideologie darin, dass den physischen Merkmalen kulturelle oder geistige Eigenschaften beigeordnet werden. Aus einer solchen (oft pseudowissenschaftlich untermauerten) Vermischung physischer und kultureller Merkmale einer Fremdgruppe (und im Gegenzug natürlich auch der Eigengruppe) wird ideologisch eine Bewertungsgrundlage gebastelt, die zum Ziel hat, die Fremdgruppe als unterlegen und die Eigengruppe als überlegen einzustufen.
- Wenn derartige Vorurteile in einer Gruppe zur unumstößlich scheinenden Wahrheit zementiert sind, wenn sie Teil der Weltdeutung bzw. der Gruppenidentität geworden sind, ist eine zweite Phase erreicht. Nun sind es nicht mehr nur Vorurteile, sondern es gibt eine für alle Mitglieder der Gruppe verbindlich wirkende Doktrin.
- In der dritten Phase würden rassistische Vorgaben im System installiert – etwa im Rechtssystem in Form von rassistischen Gesetzen. Man spricht von Staatsrassismus, wenn das juristische System einer Gruppe bzw. Gesellschaft die Diskriminierung einer Fremdgruppe aus rassistischen Gründen vorschreibt. Somit wird die Abwehr gegen Fremdgruppen beispielsweise in Form von Vertreibung oder organisiertem Völkermord durchführbar bzw. legitimiert.
Für den Fortbestand der Gruppe hat Rassismus unter bestimmten Voraussetzungen festigende, konservierende Funktionen. Es gibt in solchen Fällen eine gewisse Bedrohungssituation — faktisch oder imaginiert —, die sich ideologisch ausbeuten lässt. Man kann sehr schlicht ausgedrückt sagen, es sei allgemein eine bevorstehende Veränderung, die zur bedrohlichen Instabilität führen könnte. Modernisierungstendenzen sind potente Katalysatoren gesellschaftlicher Veränderung, universalisierende Dynamiken brechen althergebrachte gesellschaftliche Grenzziehungen auf – Rassismus dient häufig dazu, die bestehende Gesellschaftsordnung angesichts solcher Umwälzungen in einer ganz spezifischen Weise zu konservieren. In der Diskriminierung einer Fremdgruppe besteht für die Eigengruppe eine aufwertende, stabilisierende, stärkende Funktion. Karin Priester weist mehrfach darauf hin, dass Rassismus auf gesellschaftlicher Ebene eine Abwehr- oder Vermeidungsstrategie darstellt:
«Generell ist Rassismus zu begreifen als der Versuch, die emanzipatorischen, in diesem Sinne universalisierenden Folgen einer sich modernisierenden Welt durch die Festschreibung einer biopsychosozialen Andersartigkeit von Ethnien und der in ihnen lebenden Menschen abzuwehren.» (290)
Es folgt ein Sprung in zeitgenössische Strömungen des ideologisch wiederbelebten Rassismus alten Gepräges, der Neo-Rassismus bzw. die «verbale Kosmetik» (247), wie sie im Hintergrund gängiger Begriffe wie Ethnopluralismus, Multikulturalismus, Pluralismus und Universalismus vonstatten gehet.
«Ethnopluralismus ist ein zentraler Begriff der Neuen Rechten, mit deren Hilfe der alte Rassismus für überwunden erklärt wird, nur um ihn in neuem Sprachgewand wieder auferstehen zu lassen.» (268)
Zwar waren mir die einzelnen Begriffe klar, nicht jedoch die politischen oder möglicherweise ideologischen Zusammenhänge – diese letzten Kapitel aus Karin Priesters Buch sind in meiner Leseerfahrung die informativsten.
Nach Priesters eingängiger Darstellung ist Ethnopluralismus «eine Politik der Apartheid im Verhältnis der Ethnien und Völker zueinander und fungiert als Gegenbegriff zu Universalismus» (247). Die Autorin vollzieht die Logik dieses -ismus so lange dezidiert-kritisch nach, bis das ethnopluralistische Weltbild in seinem Kern zutage liegt:
«Der immer und überall stattfindende Wandel erscheint als ungeordnete Flut von bedrohlichen Impulsen, die abgewehrt oder schnell wieder in geordnete Bahnen gelenkt werden müssen. Das Leben ist ein permanentes Fließen, aber in einer Welt, in der alles fluktuiert, müssen Dämme errichtet, Ordnung und Abgrenzung wiederhergestellt werden. Außenimpulse aufzunehmen hieße, die einmal eingeschlagene Wachstumslinie zu korrigieren oder möglicherweise zu verlassen und wäre eine Systembedrohung.» (257 – 258)
Trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse und aller Aufarbeitung vergangener Ereignisse ist der Rassismus weiterhin — verborgen unter neuen Begriffen — im Umlauf. Ideologisch scheinen die Dinge ganz herrlich verpackt. Im Zusammenhang mit Identitätspolitik ergibt sich folgendes Bild:
«Die Identitätspolitik mit ihrer Betonung der uneingeschränkten Differenz hat inzwischen auch Eingang in die Diskurse der Neuen Rechten gefunden. Dass die Menschen verschieden seien und durch Abstraktion nicht gleichgesetzt werden dürften, gehört zur ideologischen Grundausstattung rechten Denkens ebenso wie die Forderung nach einer Separation der Kulturen.
Identitätspolitik, in welcher Variante sie auch auftritt, wirkt trennend und nicht vereinigend. Ob sie aber bedrohlich wirkt oder nicht auch produktiv, hängt von den Interaktionsbeziehungen ab.» (288)
Quelle: Priester, Karin: Rassismus. Eine Sozialgeschichte. Leipzig: Reclam, 2003
Onsite
- [ konzepte ] Ethnozentrismus
Zitation
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16. Juni '07
Periodika (engl.)Für mich kein Problem, und trotzdem die unendliche Geschichte mit der kognitiven Herausforderung: englisch lesen, nach deutsch umsortieren; nunja, das Englische beherrscht die E-Journal-Szene. Meine Favoriten … » lesen ... |
06. Juni '07
GehorsamKonformität ist zwar ein verwandtes sozialpsychologisches Phänomen, unterscheidet sich indes von Gehorsam insofern, als der Einfluss bei konformem Verhalten von einer Gruppe von Individuen gleichen oder ähnlichen Status ausgeht. » lesen ... |
03. Juni '07
Festinger, Leon: Eine Theorie Sozialer VergleichsprozesseDer Trieb zur Selbstevaluation ist eine Kraft, die darauf hinwirkt, dass Personen sich in Gruppen zusammenfinden und sich zu anderen Menschen gesellen wollen. So sind die subjektiven Gefühle, die Korrektheit der eigenen Meinung festgestellt zu haben, bzw. die subjektive Evaluation adäquater eigener Leistungen bei wichtigen Fähigkeiten aussagekräftige Beispiele für die Befriedigungen, die Menschen daraus ziehen, dass sie sich in Gruppen zusammenfinden. Der Trieb zur Selbstbewertung ist ein wichtiger Faktor, der dazu beiträgt, den Menschen gesellig zu machen. » lesen ... |


