Rogers, Carl: Bedeutsame Aspekte der klientenzentrierten Therapie


d.wieser, 03. Juni 07

Der Fachartikel, welcher 1946 in American Psychologist 1 veröffentlicht wurde, stellt die drei herausragendsten Elemente zusammen, die die nondirektive Methode von anderen Therapieformen unterscheiden. Rogers stellt dar, dass die von ihm entwickelte Therapieform (1) in einem vorhersehbaren Prozess verläuft, (2) sich wesentlich auf die Kapazität des Klienten stützt und (3) sich durch eine klientenzentrierte therapeutische Beziehung stützt.

(1)

Da man einen Weg gefunden hat, eine komplexe Reaktions- bzw. Entwicklungskette in katalytischer Weise anzuregen, verläuft die Therapie nach einem vorhersehbaren Muster ab, und zwar dann, wenn folgende Bedingungen gewährleistet sind:

Der Therapeut geht von dem Grundsatz aus, dass das Individuum für sich selbst verantwortlich ist und hält diese Verantwortlichkeit während der Interaktion aufrecht. Dabei geht er weiter von dem Grundsatz aus, dass das Individuum über Kräfte verfügt, die es reif, angepasster, unabhängiger und produktiver werden lassen; dies ist der Ausgangspunkt der therapeutischen Arbeit, nicht die therapeutische Beeinflussung durch den Therapeuten. Dieser nämlich sorgt vornehmlich für eine warme und nachgiebig-verständnisvolle Atmosphäre, so dass das Individuum frei wird, alle seine Einstellungen (innere Haltungen) vorzubringen — es wird nicht gewertet oder geurteilt. Zudem setzt der Therapeut nur einfache Verhaltensregeln fest, im Bezug auf innere Haltungen jedoch gibt es keinerlei Beschränkungen. Im Gespräch nutzt der Therapeut Techniken, die sein tiefes Verständnis der vorgebrachten Gefühle verdeutlichen und bringt allen Emotionen Akzeptanz entgegen, indem er die Haltung des Individuums in sensibler Weise reflektiert, ohne Zustimmung oder Ablehnung zu empfinden. Ein Therapeut hält sich daran, keine unangenehmen Nachfragen, Beschuldigungen, keine Interpretationen oder Ratschläge, Vorschläge, Überredungsversuche oder positive Bestärkung vorzubringen.

In einer solchen Atmosphäre geschieht nach Rogers Forschung folgendes: (1) Klienten bringen tiefe motivierende Haltungen zum Ausdruck, (2) sie erkunden ihre eigenen Haltungen und Reaktionen tiefer und umfassender als je zuvor und werden sich dabei einiger Aspekte ihres Selbst bewusst, die zuvor negiert oder abgelehnt wurden. (3) Sie erreichen eine klarere bewusste Erkenntnis ihrer motivierenden Haltungen und werden sich selbst umfassender akzeptieren, eingeschlossen der zuvor abgelehnten Persönlichkeitsanteile. (4) Vor dem Hintergrund solcher Erkenntnisse werden sie aus eigener Initiative und eigenverantwortlich neue Ziele ins Auge fassen, welche befriedigender sind als die fehlangepassten Motivationen früherer Ziele. (5) Um diese Ziele zu erreichen, werden sie sich anders verhalten, nämlich in Richtung größerer Reife und psychischen Wachsens. Das Verhalten wird spontaner, weniger angespannt und steht nun im Einklang mit den Bedürfnissen anderer Menschen, die Selbsteinschätzung ist realistischer und integrierter geworden.

In diesem Prozess gibt es Phasen, die auch in der psychoanalytischen Therapie von Bedeutung sind: Die Katharsis meint den graduellen und vollständigeren Ausdruck emotionaler Einstellungen. Dann gibt es eine Bewegung von oberflächlichen zu tiefer liegenden Problemen und Haltungen, deren Erkundung graduell wichtige Haltungen ins Bewusstsein dringen, die zuvor vom Bewusstsein abgelehnt wurden. Die Einsicht besteht in angemessenerer Konfrontation mit der Wirklichkeit, wie sie im Selbst existiert und ebenso mit der äußeren Wirklichkeit. Probleme werden im Zusammenhang verstanden, Verhaltensmuster werden entdeckt und bislang abgelehnte Elemente des Selbst können akzeptiert werden, so dass das Selbstkonzept neu formuliert wird. Die Schlussphase der Therapie ist davon gekennzeichnet, dass neu entwickelte Verhaltensweisen nun im Einklang mit dem neu geordneten Selbstkonzept stehen; es finden erste symbolische Schritte zu deren Umsetzung statt. Klienten sind zuversichtlich, die neuen Pläne umsetzen zu können und spätere Schritte verwirklichen das neue Selbstkonzept in zunehmendem Maße. Diese Entwicklung setzt sich nach Abschluss der Therapie weiter fort.

Dass ein solcherart geordneter und vorhersehbarer Prozess festzustellen ist, ist für Rogers der deutlichste Hinweis darauf, inwiefern sich der klientenzentrierte Therapieansatz von anderen therapeutischen Formen unterscheidet.

(2)

Rogers, CarlDie Ursache dieser Vorhersehbarkeit liegt laut Rogers darin begründet, dass der Therapeut katalytisch auf das Potential seiner Klienten wirkt, denn gerade die Kräfte der Klienten wurden in bisherigen Therapien vernachlässigt oder nicht erkannt.
Schließlich seien die Prinzipien Katharsis und Einsicht nicht neu, so Rogers, doch die Wachstumskräfte und die menschliche Neigung zur Selbstverwirklichung spielten nie eine tragende Rolle. Im neu entwickelten therapeutischen Setting kommen sie in vollem Umfang zum Tragen, weil der Therapeut diese Kräfte nicht nur anerkennt, sondern auf sie vertraut und sie damit auch dem Klienten nutzbar werden lässt.

Und eben jener Punkt trifft nach Rogers Erfahrungen auf größten Widerstand von Seiten der Therapeuten, wenn sie einsehen sollen, dass die Klienten sich selbst angemessener zu vervollkommnen verstehen, ohne dass der Therapeut sein ganzes Können auf ihre Genesung verwendet.

(3)

Das klientenzentrierte Wesen der Therapie besteht darin, dass sich der Therapeut darauf konzentriert, eine warme, zugewandte Atmosphäre zu gestalten, in welcher die Klienten arbeiten können. Dieser Punkt ist besonders für Therapeuten anderer Theorierichtungen eine größere Umstellung, denn die Therapiesitzung soll die Stunde des Klienten sein, nicht der große Auftritt des Therapeuten.
Zu beachten ist, dass die Haltung des Therapeuten aufrichtig sein muss, es geht nicht um eine subtile Beeinflussung bei bloß vorgeblicher Eigenregie der Klienten, so Rogers.

Im Ausblick formuliert Rogers die Wirkungsweise der von ihm entwickelten Therapieform zum Beispiel für die psychotherapeutische Ausbildung, welche seinen Untersuchungen zur Folge mit Theraphie- und Praxistraining beginnen sollte, die diagnostische Bildung müsste anschließend erfolgen (und er betrachtet sie als für die nondirektive Therapie als nicht zwingend erforderlich). Erst sollen Therapeuten psychologische Dynamiken in der Praxis erlernen und sich eine professionelle Demut sowie die durchgängige Bereitschaft aneignen, von den Klienten zu lernen.
Nach Rogers aktuellen Erkenntnissen lässt sich die nondirektive Technik in medizinischen Einrichtungen ebenso nutzen wie im Umgang mit Gruppenkonflikten, im Bereich der Erziehung und auch im Bereich der Philosophie.

Er fasst seine bisherigen klinischen Erfahrungen folgendermaßen zusammen: Das Verhalten des menschlichen Organismus mag von den Einflüssen bestimmt sein, denen der Mensch ausgesetzt war, doch ebenso ist er von der kreativen und integrativen Einsicht des Organismus selbst bestimmt.
Dass der Mensch als fähig erachtet wird, neuen Sinn in den Kräften zu sehen, die auf ihn einwirken, in den vergangenen Erfahrungen, die ihn vielleicht beherrschen, sowie in der Fähigkeit, sein Verhalten im Lichte der neu gewonnenen Einsichten bewusst zu ändern, werde grundlegenden Einfluss auf unser Denken haben, so Rogers, denn die menschliche Fähigkeit zur willentlichen Kontrolle müsse in der psychologischen Gleichung angemessene Beachtung finden.

Quelle:
Rogers, Carl R.: Significant Aspects of Client-Centered Therapy, 1946 (Host: yorku.ca) HTML


Zitation

wieser, d. (03. Juni '07): Rogers, Carl: Bedeutsame Aspekte der klientenzentrierten Therapie, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/rogers-1


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