Rogers, Carl: Einige Beobachtungen über die Organisation der Persönlichkeit


d.wieser, 03. Juni 07

{ Rede des scheidenden Präsidenten der American Psychological Association anlässlich der Jahresversammlung im September 1947; veröffentlicht in American Psychologist, 2, 358-368. }

Zunächst einmal stellt Rogers die nondirektive Therapie als Möglichkeit vor, Persönlichkeitsprozesse zu beobachten; Beobachtungen aus der klientenzentrierten Arbeit bieten Beiträge zur Persönlichkeitsforschung. Zu deren Darlegung gibt Rogers wesentliche Merkmale des Beobachtungsmaterials wider:

Einzigartig wird dieses Material nämlich dadurch, dass die Therapiesitzungen auf Tonband aufgezeichnet werden, so erhält die psychologische Forschung eine Form von Arbeitsmaterial, welches mikroskopisch präzise Untersuchungen ermöglicht. Dank der Therapietechnik sind die Äußerungen der Klienten im Grunde genommen frei von Beeinflussungen seitens des Therapeuten, es handelt sich also um ungewöhnlich reine Formen des Ausdrucks innerer Einstellungen. Die einzig wahrnehmbare Einflussnahme des Therapeuten zeigt sich darin, dass sich die Klienten tiefer auf die Erkundung ihres Selbst einlassen, als sie es sich sonst zugestehen würden. Das aufgezeichnete Material ist so beschaffen, dass man die Welt mit den Augen des jeweiligen Klienten sehen kann, und damit öffnet sich der Zugang zum inneren Bezugsrahmen des Individuums: Man lernt Verhalten, die psychologische Bedeutung des Verhaltens und die Persönlichkeit aus der Sicht des Erzählenden kennen.
Darin sieht Rogers eine der tiefsten Lernerfahrungen für klinische Psychologen, da das Bezugssystem hier ausnahmsweise nicht vom Therapeuten vorgeformt ist, sondern vom Klienten selbst. Indem man unentwegt mit dem Klienten denke, werde diese Vorgehensweise für Fachleute zur Erweiterung des Horizonts, so Rogers.

Der Bezug zwischen organisiertem Wahrnehmungsfeld und Verhalten stellt sich folgendermaßen dar: Veränderungen der Selbst- und Realitätswahrnehmung bringen Veränderungen des Verhaltens mit sich. Hierzu nennt Rogers ein illustratives Beispiel aus der klinischen Praxis: Die Therapiedauer betrug 38 Tage mit insgesamt neunstündigem Kontakt zwischen Therapeut und Klient. Nach Katharsis und Einsicht ist das Verhalten des Klienten im Verlauf der Therapie organisierter geworden und zeigt effektive, realistische und planvolle Eigenschaften im Einklang mit der nun erlangten realistischen und organisierten Selbstwahrnehmung.

Hier können Einflussfaktoren abseits der Therapie ausgeschlossen werden, externe Ursachen können nicht zu diesen Therapieresultaten geführt haben. Während des neunstündigen Kontakts kann der Einfluss des Therapeuten schwerlich zu diesen Resultaten geführt haben, so Rogers, es sei denn der Einfluss wäre von traumatischer Tragweite gewesen. Die Aufzeichnungen zum Beispielfall enthalten keine Bewertungen seitens des Therapeuten, wohl aber eine warme akzeptierende Haltung.

Rogers erklärt, das Individuum könne unter bestimmten psychologischen Bedingungen seine Selbst- und Weltwahrnehmung ändern, was, wie in diesem Fall beispielhaft vollzogen, ein verändertes Verhalten zur Folge habe. Der Therapeut lässt die Kräfte des Individuums walten, so dass das Selbst als grundlegender Faktor der Persönlichkeitsentwicklung in Erscheinung tritt. Somit gelangt Rogers zu der Erkenntnis, das Selbst sei quasi der Architekt des Selbst. In der Therapie entdeckt das Individuum die eigene Kapazität zur Veränderung. Ist ein Individuum allerdings überzeugt, es sei von (un)gewissen unkontrollierbaren Bedingungen determiniert, wird dieser Therapieansatz besonders schwierig.
In Form von Tonbandmaterial fügt Rogers einige Selbstauskünfte der Klienten an, die den heilsamen Prozess ihrer jeweiligen Therapie darstellen. Hierzu merkt Rogers erläuternd an, dass sich die äußere Wirklichkeit nicht ändert, wohl aber Wahrnehmung und Organisation des Individuums; daraus entwickeln sich hilfreiche Verhaltensänderungen ohne zusätzliche Anstrengungen quasi nebenbei.

So formuliert Rogers die Hypothese, das Verhalten des Menschen sei nicht von organischen oder kulturellen Kräften beeinflusst oder determiniert, sondern vorrangig (und vermutlich ausschließlich) von der individuellen Wahrnehmungsweise dieser Elemente, so dass man davon auszugehen habe, das Wahrnehmungsfeld des Individuums sei maßgeblich für das Verhalten. Daraus folgt, dass die Psychologie sich mit dem Individuum und seiner Welt befassen müsste, wie es sie wahrnimmt, um dieses Wahrnehmungsfeld kennen zu lernen. Auch Snygg und Combs votieren dafür, den inneren Bezugsrahmen des Menschen zu untersuchen. Wenn man nämlich die Gesetze der Wahrnehmung erforsche, erfahre man mehr über die Gesetze des Verhaltens.

Zur Beziehung zwischen Selbstwahrnehmung und Anpassung führt Rogers aus, die Analyse der Therapiesitzungen habe gezeigt, dass das charakteristische Resultat nicht darin besteht, dass Probleme gelöst worden wären, sondern es wird infolge der geänderten Selbstwahrnehmung ein Zustand der Entspannung erreicht. Zur Illustration stellt er Selbstauskünfte der Klienten dar, welche während der Therapie eine neue Selbstwahrnehmung entwickelt haben. Der Kern der Veränderung besteht darin, die zuvor abgelehnten Verhaltensweisen ins Selbstkonzept zu integrieren.

Rogers bringt als weitere Hypothese vor: Wenn alle Anteile des Selbst akzeptiert und in das bewusste Selbstkonzept aufgenommen sind, wird diese Leistung von Gefühlen der Entspannung und Zufriedenheit begleitet, welche Rogers als psychologische Anpassung verstanden wissen will. Seiner Definition nach ist Anpassung ein Vorgang innerhalb des Individuums und bezieht sich nicht auf die Anpassung des Individuums an die äußere Wirklichkeit, sondern an die innere Wirklichkeit. Die als psychologische Fehlanpassung bezeichneten Spannungen bestehen darin, dass das Selbstkonzept (bewusst oder dem Bewusstsein zugänglich) nicht mit den tatsächlichen Wahrnehmungen im Einklang ist. Eine solche innerpsychische Diskrepanz festigt sich, wenn die Aufnahme jeglicher Perzepte verweigert ist, die nicht zur gegenwärtigen Persönlichkeitsorganisation passen.

Rogers nennt folgende Bedingungen für die veränderte Selbstwahrnehmung: Nur während sämtliche Bedrohungen des Selbstkonzepts fehlen, wird es den Klienten möglich, bislang zurückgewiesene Wahrnehmungen über sich selbst neu zu überdenken, zu differenzieren und so ins Selbst zu integrieren, dass sie ihren Platz erhalten.

Zur Erläuterung psychologischer Fehlanpassungen: Das Individuum bemüht sich immer, seinen Bedürfnissen nachzukommen, indem es so auf sein Erfahrungsfeld reagiert, wie es wahrgenommen wird. Der Effizienz wegen differenziert das Individuum Elemente dieses Feldes und integriert sie in neue Muster. Doch bekanntlich widerstreben Änderungen dem Selbst, deshalb ist es für das Individuum im Alltag einfacher und weniger bedrohlich, das Feld außerhalb des Selbst neu zu organisieren. Somit besteht die erste Form individueller Anpassung darin, jenen Teil des Feldes anders zu organisieren, der sich nicht ins Selbstbild einfügt. Und hier nimmt die klientenzentrierte Therapie ihren Ausgang, indem sie der unmittelbaren Welt des Individuums alle Aspekte des Feldes nimmt – bis auf das Selbst. Der Therapeut reagiert nicht auf Objekte der Gefühle oder Einstellungen, sondern nur auf Gefühle und Haltungen des Klienten, so dass dessen Selbst in den Blickpunkt rücken kann. Da der Therapeut keinerlei Bewertungen abgibt, kann er nicht zum Objekt werden, sondern wird als alternativer Ausdruck des Selbst des Klienten erfahrbar. Und indem der Therapeut für eine verständnisvolle Atmosphäre sorgt, entfernt er etwaige Bedrohungen, die die Selbstwahrnehmung beeinträchtigen würden.
Der Prozess der Selbstintegration während der klientenzentrierten Therapie findet statt, da alle Faktoren, die das Selbstkonzept angreifen könnten, fehlen und der Therapeut die Klienten bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Selbst unterstützt. So gelangen Klienten zu differenzierteren Betrachtungen des Selbst und schließlich zur Neuordnung desselben, so Rogers.

Es ist Rogers wichtig, Beziehungen zwischen der klientenzentrierten Methode und dem gängigen psychologischen Denken seiner Zeitgenossen herzustellen. So hält er fest, dass seine Beobachtungen des Selbst George Herbert Meads Denken über “I” und “Me” ähnelt; in Meads Termini ausgedrückt, bestünde das Therapieziel in wachsender Bewusstheit des “I” und Neuordnung des “Me” durch das “I”. Das Selbst als Ordnungsprinzip für Erfahrung sowie als Architekt des Selbst ähnelt Allports Denken – der Wissenschaftler plädiert dafür, der integrativen Funktion des Ich größere Bedeutung zuzumessen. Natürlich hat das gegenwärtige Erfahrungsfeld als verhaltensbestimmender Faktor der klientenzentrierten Therapie gestalttheoretische Hintergründe und steht zudem in gedanklicher Nähe zu Kurt Lewins Arbeiten. Syngg und Combs votieren für eine radikalere und umfassendere Betonung der inneren Wahrnehmungswelt des Individuums als Grundlage aller Psychologie, dies entspricht Rogers Beobachtungen.

Im Ausblick regt Rogers eine wissenschaftliche Kontroverse an, da er auf den revolutionären Charakter seiner Untersuchungsergebnisse verweisend davon ausgeht, dass sich einige Fundamente der psychologischen Denkweise angesichts seiner Befunde ändern müssen: Wenn die spezifische Determinante menschlichen Verhaltens im individuellen Wahrnehmungsfeld liegt, bedeutet das nicht einen radikal anderen Zugang für Psychologie und Persönlichkeitsforschung? Statt wie bislang Informationen über das Individuum als Objekt zu sammeln, würde man sich nun der aktuellen Situation des Individuums zuwenden, um sehen zu lernen, wie sich das Individuum selbst betrachtet (“We would try to see with him, rather than to evaluate him.”)

Rogers, CarlRogers regt an, Anpassung und Integration als innere Bedingungen zu sehen, die vom Maß der Akzeptanz aller Wahrnehmungen abhängen und auch von Maß der Ordnung dieser Wahrnehmungen innerhalb eines konsistenten Systems (Selbstkonzept). Ausgangspunkt psychologischer Untersuchungen wäre nicht mehr die äußere Umgebung des Menschen, sondern man lernte, ihn als innerlich geeintes Individuum zu sehen, das mit größter Wahrscheinlichkeit über die Fähigkeit verfügt, Problemen konstruktiv zu begegnen.

Zu beachten ist, dass das Selbst unter angemessenen Bedingungen zur Reorganisation seines Wahrnehmugsfeldes in der Lage ist und so sein Verhalten ändern kann. Das bedeutet, Persönlichkeitseigenschaften und psychologische Fähigkeiten des Menschen als veränderbar zu begreifen. Statt deren Starrheit anzunehmen, müsste die Psychologie also von einer prozessorientierten Betrachtungsweise ausgehen.

Die klientenzentrierte Therapie nun nimmt das Wahrnehmungsfeld des Klienten zum Ausgangspunkt echten Verstehens.

Quelle:
Rogers, Carl R.: Some Observations on the Organization of Personality, 1947 (Host: yorku.ca) HTML


Zitation

wieser, d. (03. Juni '07): Rogers, Carl: Einige Beobachtungen über die Organisation der Persönlichkeit, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/rogers-2


16. Juni '07

Forschung Online

Im Netz finden sich mitunter hervorragend benutzerfreundliche Darstellungen sozialwissenschaftlicher Forschung… eine kommentierte Auswahl meiner Favoriten:


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Schlüsselkonzept
29. Januar '08

Exotismus und Xenophobie

Beiden Konzepten ist gemeinsam, dass sie zunächst einmal auf (unbewusst wirksame) Bilder des Fremden zurück zu führen sind, die auf individualpsychologischer, sozialpsychologischer und kultureller Ebene als Vermeidungshaltungen Bedeutung erlangen. Für die Interaktionen zwischen Gruppen spielen Exotismus und Xenophobie als kulturell verankerte Bilder der Fremdgruppe und tief verwurzelte Bewusstseinsphänomene eine Rolle.

«Von den Fremdenbildern einer Gesellschaft kann man auf ihre Veränderungschancen schließen.» [ Erdheim, 262 ]


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Referat
05. Juli '07

Gehorsam in moderner Gesellschaft: Die Utrecht Studien.

Das Gewicht der Autoritätsperson im Gehorsamsexperiment hat bei den Utrecht Studien nicht weniger Einfluss als bei Milgrams Experiment. Da die Form der ausgeübten Gewalt in dieser Studie alltäglichen Situationen angenähert ist, resultiert eine insgesamt höhere Gehorsamsbereitschaft für psychologisch-administrative Gewalt. Die Autoren sprechen hier von einem “Charakteristikum normaler sozialer Umstände” in modernen westlichen Gesellschaften.
Anders als in Milgrams Experimenten ist der Gehorsam hier nicht durch mangelnde Orientiertheit der Probanden zu erklären. Selbst wenn eine Woche im Voraus klar war, worum es im Experiment gehen würde, war die Gehorsamsbereitschaft extrem hoch. Die Experimente zeigten, dass die Probanden durchaus nicht unfähig wären, sich einer Autorität zu widersetzen, da sie sich beim ersten Anzeichen von Gefahr für sich selbst (legal liability) durchaus ungehorsam zeigen konnten. Als Grund nehmen die Autoren an, das Opfer sei in den Augen der Probanden eine neutrale Person, deren Schicksal ihnen letztlich gleichgültig sei, wenn sie die Verantwortung für den durch sie entstehenden Schaden einer Autorität (Institution) zuschreiben können.

Quelle: H.J. Wim Meeus & Quinten A.W. Raaijmakers: Obedience in modern society: the Utrecht studies. in: Journal of Social Issues, 1995.


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