Sherif, Muzafer: Konformität, Abweichung, Normen und Gruppenbeziehungen


d.wieser, 28. Juni 07

Dem Menschen begegnen im Alltag überall Druck und Ermahnungen, die das Verhalten in gewünschte Bahnen lenken und regulieren sollen – sozial, politisch, wirtschaftlich und religiös.

Normen sind das Produkt der Interaktion zwischen Individuen über einen gewissen Zeitraum hinweg, immer bezogen auf gegenseitige und individuelle Bedürfnisse. Somit kann keine abstrakte Handlung als konform oder deviant (abweichend) bezeichnet werden, ohne die Norm näher zu bezeichnen und den Bezugsrahmen der Norm zusammen mit der jeweiligen interindividuellen Dynamik in den Blick zu nehmen.

Nach Sherif lassen sich Untersuchungen zu Konformität und Devianz nur bedingt im Laborexperiment durchführen – die Situation ist im Labor vom Untersuchungsleiter künstlich hergestellt, so dass die individuelle Bereitschaft, sich im Experiment konform zu verhalten, maßgeblich mit dem vorhandenen Maß an Struktur sowie Anzahl und Deutlichkeit möglicher Handlungsalternativen zusammenhängt. Denn in einer sehr strukturlosen Situation mit zahlreichen offenen Alternativen werden die Probanden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit den Definitionen anpassen, die der Untersuchungsleiter vorgibt.

Sherif betont mehrfach, konformes Verhalten lasse sich nicht als Abstraktum betrachten, im Hintergrund gibt es immer eine Norm, und zudem ist die Position des Individuums innerhalb der Gruppe, die die betreffende Norm hält, zu beachten. Da Normen sich auf Bereiche des Verhaltens beziehen, die für den Erhalt der Gruppe bedeutsam sind, ist die relative Bedeutung des betroffenen Verhaltensbereichs maßgeblich. Eine normative Verhaltensgrundlage kann zudem integriert oder widersprüchlich und damit konflikthaft sein. Zu beachten ist weiterhin, dass Konformität einerseits erzwungen (Abweichungen werden bestraft) bzw. mit der Androhung von Zwang durchgesetzt werden kann; oder Konformität entsteht aus der inneren Überzeugung des Individuums auf Grundlage seiner Werthaltungen. Um Aussagen über Konformität und Abweichung treffen zu können, muss beachtet werden, ob alternative Verhaltensweisen erreichbar sind, dies mag auf physikalische Eigenheiten der jeweiligen Situation und/oder auf das soziale Umfeld zurückweisen.

Nur wenn diese Aspekte den Untersuchungskontext bestimmen, kann konformes oder abweichendes Verhalten als Hinweis auf Stabilität und Veränderungspotential der Gruppe betrachtet werden. Es lässt sich zum Beispiel ablesen, ob Stabilität und Veränderung Folgen des Zwangs sind oder aus freiwilliger Interaktion der Individuen erwachsen. Somit erhält man Aufschluss über das Funktionieren sowie das gemeinsame Ziel einer Gruppe, wenn Normen, Konformität und Abweichung untersucht werden.

Sherifs Laborexperiment zur Entstehung von Normen

«Features of man’s relationship with man become most salient as determinants of his conformities precisely when the stimulus situation they face together is highly fluid and provides various alternatives.»

Sherif hat Normbildung in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mithilfe des autokinetischen Effekts untersucht. Dabei geht es im Prinzip um Sinnestäuschung: ohne jeden Bezugsrahmen in einem abgedunkelten Raum scheint sich ein unbewegter Lichtpunkt zu bewegen; Menschen nehmen Art und Ausmaß der Bewegung unterschiedlich wahr. Wird das Phänomen in einer Gruppe betrachtet, liegt ein Reiz vor, der hinreichend “flüssig” ist, um verschiedenste Alternativen zulässig erscheinen zu lassen – die Gruppensituation ist nun entscheidend.

Es ging bei diesem Experiment nicht darum, die individuelle Anfälligkeit für Suggestion zu überprüfen, so Sherif, sondern um die Beobachtung eines sich über einen Zeitraum hinweg stabilisierendes Gruppenverhaltens. Selbst wenn ein Individuum allein befragt wird und nicht mehr mit den übrigen Mitgliedern der Gruppe interagiert, wird sein Verhalten weiter aus der Gruppenerfahrung heraus organisiert. Sherif hatte festgestellt, dass in den Gruppen mit der Zeit eine Annäherung und Übereinstimmung (Konvergenz) individuellen Verhaltens entsteht, es kommt zu Ähnlichkeiten der Deutung, die zuvor nicht gegeben waren. Die dabei entstehende Norm entspricht nicht dem Durchschnitte der individuellen Werte und ist auch nicht notwendig mit einer individuellen Ursprungshaltung identisch. Letzteres ist zum Beispiel dann zu erwarten, wenn ein Gruppenmitglied besonders hohes Ansehen bzw. hohen Status innehat, die übrigen Gruppenmitglieder sind dann eher geneigt, sich dessen Meinung / Haltung / Verhaltensweise anzupassen.

Besonders hervorstechend ist das Forschungsergebnis, dass die konsolidierte Norm anschließend nicht mehr von der Gegenwart der übrigen Gruppenmitglieder abhängt, sondern auch in deren Abwesenheit vom Individuum weiter vertreten wird.

Doch im Labor lässt sich nicht in vollem Umfang herausfinden, welche typischen Bedingungen an der Entstehung verschiedener Modi von Willfährigkeit und Unabhängigkeit gegenüber sozialen Einflüssen beteiligt sind.


Zitation

wieser, d. (28. Juni '07): Sherif, Muzafer: Konformität, Abweichung, Normen und Gruppenbeziehungen, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/sherif-konformitaet

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29. August '07

Vorlesung zu Erziehung & Sozialisation online

Dozentin Prof. Dr. Sabine Walper spricht über folgende Inhalte:

  • Psychoanalyse
  • Lerntheorien
  • Bindungstheorie (Bowlby, Ainsworth)
  • Strukturgenetische Theorien
  • Strukturfunktionalismus (Bonfenbrenner, Elder)
  • Rollen- und Interaktionstheorien (Parsons, Luhmann, Mead, Turner, Goffman)
  • Erziehung im Wandel
  • Familie
  • Die Rolle Gleichaltriger
  • Geschlechtstypische Sozialisation


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Schlüsselkonzept
06. Juni '07

Aggression

Aggression umfasst in psychologischem Verständnis die bewusste, willentliche Verletzung anderer Personen. Nicht nur Handlungen, auch Worte gelten als verbale Aggression, wenn sie anderen psychologischen Schaden zufügen. Darüber hinaus können auch Gedanken bzw. Phantasien als aggressiv gelten, welche die Verletzung anderer zum Inhalt haben.


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Referat
05. Juni '07

de Freitas Messina & Tiedemann: Psychobiologische Depression in Kindheit und Adoleszenz: ein klinischer Überblick

Hatte man bis in die 70er noch gemeint, Depressionen beträfen nur Erwachsene, so ist man inzwischen bei der bitteren, statistisch abgesicherten Erkenntnis angelangt, dass diese Erkrankung bei Kindern und Heranwachsenden auftreten kann und zusehends häufiger auftritt. Für Leser, die mit psychiatrischen Begriffswelten weniger vertraut sind hier ein wichtiger Hinweis: Bei all den aufgelisteten Symptomen findet man womöglich sofort Parallelen zum Verhalten der eigenen Kinder – es handelt sich jedoch nicht um eine Anleitung zur Selbstdiagnose oder um frische Nahrung für Hypochonder.


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