Sherif, Muzafer: Soziale Verantwortung und die Gruppe


d.wieser, 24. Juli 07

In diesem Aufsatz nimmt Sherif das Problem sozialer Verantwortung in den Blick und verweist zugleich einleitend darauf, dass es sich um eine zu abstrakte Problemstellung handelt. Konkreter eignen sich die Phänomene soziale Verantwortung, Solidarität und Moral für eine sozialpsychologische Untersuchung.

Zunächst definiert Sherif Verantwortung als (a) anderen gegenüber verantwortlich zu sein, entweder unter Zwang durch Druck von außen oder durch angedrohte Sanktionen; dieser Bereich zählt zur administrativen, machtbezogenen Gesellschaftsstruktur und ist nicht Thema dieses Textes. (b) ist Verantwortung definiert als innere Stimme des Gewissens, als eine innere Dringlichkeit im Individuum. Das Individuum fühlt sich persönlich dafür verantwortlich, gewisse Werte zu verteidigen, und zwar beispielsweise aus dem Empfinden heraus, dass bestimmte Dinge getan, bestimmte Ziele erreicht oder bestimmte erstrebenswerte Standards zwischenmenschlicher Beziehungen beachtet werden müssen.

Für die Arbeit an derartigen Fragestellungen gibt es zwei extreme wissenschaftliche Herangehensweisen:

(1) Als streng psychoanalytisch gilt die Annahme, Verantwortung oder Gewissen wurzeln in Beschränkungen und Frustrationen der individuellen instinktiven Impulse in der Kindheit – durch Zwänge von Seiten erwachsener Autoritäten.

(2) Eine soziologisch geprägte Herangehensweise sieht Verantwortung beinahe so, als würden einem passiven Empfänger gesellschaftliche Standards eingeflößt.

Weder die individualistische noch die strikt soziokulturelle Begründung sind nach Sherifs Auffassung ausreichend, denn wo es um menschliche Beziehungen und Entwicklung geht, sind das Persönliche und das Gesellschaftliche immer miteinander verwoben. Somit sind innere Verantwortung, Gewissen und Solidaritätsempfinden Ergebnis einer Verbindung individueller und soziokultureller Einflüsse. Soziale Verantwortung entsteht, indem relevante Werte Bestandteil dessen werden, was man als das eigene Selbst sieht. Das individuelle Selbstbild wiederum entsteht – eingeschlossen hoch geschätzter persönlicher Werte im Bezug auf Mitmenschen und Gruppen, mit denen ein Individuum täglich zu tun hat – in freier Teilhabe an Gruppenaktivitäten und dem Verfolgen gemeinsamer Ziele.

Individuelle Entwicklung und das Funktionieren in Gruppen sind eng verknüpfte Prozesse – in der Betonung dieser Interdependenz kommt Sherifs integrative Sichtweise zum Tragen. Er bezieht sich im Folgenden auf Jean Piagets Forschung zur moralischen Entwicklung des Menschen:

Kindern aus zwei Altersgruppen wurden Sachverhalte vorgelegt, welche sie moralisch beurteilen sollten – welche Handlungen sind richtig und welche Handlungen halten sie für falsch.

  • (a) Kinder zwischen sechs und acht Jahren.
  • (b) Kinder zwischen neun und zwölf Jahren.

Kinder aus Gruppe (a) hielten Handlungen für falsch, die Eltern und andere Erwachsene ihnen verboten hatten. Ungleichbehandlungen bzw. soziale Ungerechtigkeit hielten sie seltener für ungerecht. Um also ein Verständnis von Ungleichbehandlung unter Individuen zu haben, muss ein Kind reziproke Beziehungen zu anderen unterhalten, diese als solche erkennen und an ihnen teilnehmen – insbesondere auf Altersgenossen bezogen. Daraus erwächst das individuelle Bewusstsein gegenseitiger Verantwortlichkeit, denn dieses muss vorhanden sein, damit ein Individuum die Stimme des Gewissens entwickeln kann.

Kinder aus Gruppe (b) hielten Handlungen, die ihnen verboten worden waren, selten für ungerecht, sahen aber 73% der Ungleichbehandlungen als ungerecht an. In manchen Fällen identifizierten sie auch Beispiele sozialer Ungerechtigkeit aus mangelnder Gleichheit als solche. Durch Teilhabe an Interaktionen mit anderen – auf reziproker Basis – entwickeln sich die moralischen Werte eines Kindes aus den Werten, die andere vorgeben, hiermit sind insbesondere Erwachsene gemeint. Piaget beobachtete eine wachsende Wahrnehmung gegenseitiger Verpflichtungen und innerer Verantwortung anderen Menschen gegenüber.

Muzafer SherifAnschließend stellt Sherif die Ergebnisse seiner Forschungen aus 1949 und 1954 vor. Es ging darum, Bedingungen herzustellen, unter welchen sich Gruppen auf natürliche Weise bilden würden, um beobachten zu können, wie Individuen zu aktiven und verantwortlichen Gruppenmitgliedern werden. Zudem sollte das Forschungsexperiment dazu dienen, mehrere Gruppen in ihrer Interaktion zu beobachten. Das Forschungssetting sah vor, Bedingungen für feindselige oder freundliche Einstellungen gegenüber einer zweiten Gruppe und deren Gruppenmitgliedern herzustellen.

Da heute Spannungen zwischen Gruppen die größte Herausforderung des Alltagslebens darstellen, wurden beide Gruppen unter Wettbewerbsbedingungen zusammen gebracht.
Im 1954 durchgeführten Teil des Robber’s Cave Experiments wurden Bedingungen hergestellt, unter denen rivalisierende Gruppen freiwillig und aktiv miteinander zu kooperieren beginnen sollten. Das Experiment in einem Ferienlager stellte eine natürliche Situation dar, Jungen im Alter zwischen elf und zwölf Jahren finden Sommerlager faszinierend. Die Forscher wandten die Technik der teilnehmenden Beobachtung an, wobei die Probanden nicht wussten, dass sie beobachtet wurden. Die Einstellung der Kinder wurde indirekt ermittelt, bei der Gruppenbildung sowie dem Umgang mit Konflikten beteiligten sich die Forscher nicht, vielmehr war das Forschungspersonal angewiesen, nur zu intervenieren, wenn die Kinder sie dazu aufforderten. So sollten die Gruppen geführt und in ihrer Dynamik stimuliert werden, indem man Einfluss auf das soziale und physische Setting nahm, nicht jedoch durch direkte persönliche Einflussnahme im Sinne einer Autorität.

Während des Ferienlagers wurden Interessen und Einstellungen der Probanden fortlaufend untersucht, zudem wurden spezifische Problemsituationen eingeführt, die einen natürlichen hohen Appellcharakter für die Kinder hatten. Zum Beispiel sollten sie eine Mahlzeit auf eigene Initiative hin erarbeiten, oder es wurde ein Boot in der Nähe des Camps ein wenig vom Wasser entfernt platziert, so dass die Kinder das Boot mit vereinten Kräften und planerischem Einsatz zu Wasser lassen konnten. Wenn Problemsituationen unmittelbar sind und ein höchst erstrebenswertes Ziel verkörpern, würden die Gruppenmitglieder eine Diskussion führen, planen und ihre Pläne gemeinsam in die Tat umsetzen, so die Hypothese.

Sherif verweist darauf, dass ein Auswahlverfahren sicher stellen sollte, dass die Probanden nicht aus schwierigen Familiensituationen kamen, keine sozialen Fehlanpassungen zeigten oder ungewöhnliche Frustrationen in der Kindheit erlebt hatten. Im Mittel lag der IQ der Kinder über dem Durchschnitt – mit dieser rigorosen Vorauswahl sollte sicher gestellt sein, dass die Forschungsergebnisse nicht maßgeblich an die familialen und persönlichen Hintergründe der Kinder gekoppelt sein würden.


Zitation

wieser, d. (24. Juli '07): Sherif, Muzafer: Soziale Verantwortung und die Gruppe, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/sherif-soziale-verantwortung

Text ist in Seiten aufgespalten » Text nicht aufspalten

16. Juni '07

Orientierung

Im Netz sind gut sortierte und ständig betreute Linksammlungen von ziemlicher Bedeutung — schließlich landet man wer-weiß-wo, wenn man sich auf Suchmaschinen und Stichworte verlassen muss… Hier also Linksammlungen zur Psychologie, mit denen man tatsächlich etwas anfangen kann…


» lesen ...
Schlüsselkonzept
25. September '07

Einstellung

Einstellungen sind ihrer Natur gemäß subjektiv, stellen also nicht unbedingt ein objektives Abbild der wahrgenommenen Wirklichkeit dar. Sie sind vielmehr eng mit dem Bereich der Gedanken und Empfindungen des Individuums verbunden. Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen, welche Aufgabe Einstellungen im Leben des Individuums erfüllen …


» lesen ...
Referat
03. Juni '07

Rogers, Carl: Einige Beobachtungen über die Organisation der Persönlichkeit

Der Prozess der Selbstintegration während der klientenzentrierten Therapie findet statt, da alle Faktoren, die das Selbstkonzept angreifen könnten, fehlen und der Therapeut die Klienten bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Selbst unterstützt. So gelangen Klienten zu differenzierteren Betrachtungen des Selbst und schließlich zur Neuordnung desselben, so Rogers.


» lesen ...