«Wie leicht sich das sagt: sich selber finden!
Wie man erschrickt, wenn es wirklich geschieht.»
Elias Canetti
Sherif, Muzafer: Soziale Verantwortung und die Gruppe
d.wieser, 24. Juli 07
Im zweiten Teil des Experiments 1954 sollten die Spannungen gemildert und die Einstellung gegenüber der Fremdgruppe ins Positive umgewandelt werden, so dass zwischen beiden Gruppen Freundschaft und Kooperation möglich wurden. Zunächst wurden gemeinsame Aktivitäten gewählt, die für beide Seiten gleichermaßen befriedigend ausfallen würden – dazu zählten beispielsweise gemeinsame Mahlzeiten oder gemeinsames Anschauen eines Films. Sherif stellte fest, dass der Antagonismus beibehalten wurde, es wurden weiterhin Schimpfworte gegen Mitglieder der jeweils anderen Gruppe verwendet und die negative Einstellung blieb trotz gemeinsamer Unternehmungen bestehen, denn die Situation wurde vielmehr dazu genutzt, die Feindseligkeit zwischen den Gruppen zu intensivieren: Die Kinder beschimpften sich während der Mahlzeiten, bewarfen sich mit Lebensmitteln und anderen Gegenständen.
Das Forschungsanliegen bestand nun darin, den Antagonismus zu mindern, etwa indem den Kindern erstrebenswerte Ziele gesetzt wurden, die von Einzelgruppen nicht zu bewältigen waren, sehr wohl jedoch durch vereinte Anstrengungen. Eine Serie solch übergeordneter Ziele hat kumulative Wirkung bei der Konfliktminderung zwischen den beiden Gruppen, so Sherif. Als Beispiele sind die Wasserknappheit im Zeltlager oder Campingunternehmungen außerhalb des Lagers mit verschiedenen Situationen genannt, die vereinte Anstrengungen beider Gruppen erforderlich machten. Nachdem allerdings ein solches Ziel gemeinsam verwirklicht worden war, kehrte die Feindseligkeit zurück.
Gruppenmitglieder weiteten den Bereich gemeinsamer Aktivitäten hernach in Eigenregie aus, so fanden nach gemeinsam erreichten Erfolgen gemeinsame Mahlzeiten statt, bis sich die Kooperation schließlich spontan auf gruppenübergreifende Freundschaften ausdehnte und am Lagerfeuer für beide Gruppen Unterhaltungseinheiten geplant und durchgeführt wurden.
Nach Abschluss des Zeltlagers wollten alle Kinder zusammen in einem Bus nach Hause fahren, nicht wie vorgesehen in einem Bus für jede Gruppe. Bei der Heimfahrt gab eine Gruppe ein im Wettkampf gewonnenes Preisgeld für Erfrischungsgetränke für alle Kinder aus, obwohl sie für den Betrag alle Mitglieder der eigenen Gruppe mit Snacks und Getränken hätten versorgen können – sie zogen es in ihrer Entscheidung vor, dass alle Kinder gleichermaßen von dem Preisgeld profitierten.
In einer Serie übergeordneter Zielsetzungen erprobte Kooperation hat den kumulativen Effekt, Spannungen zwischen Gruppen herab zu setzen und sogar Freundschaften und eine eher positive Einstellung zu Mitgliedern der Fremdgruppe entstehen zu lassen, so Sherifs Resümee. Die Auswertung der Forschungsbeobachtungen erbrachte als Ergebnis, dass nun erstmals Freundschaften mit Mitgliedern der Fremdgruppe geschlossen sowie Persönlichkeitsmerkmale der anderen größtenteils positiv bewertet wurden; und die zuvor kategorisch gültigen Verdikte des Inhalts alle Mitglieder der anderen Gruppe seien Stinker, Betrüger etc. gingen nun gegen Null.
Sherif fasst zusammen, dass Verantwortungsempfinden notwendig Menschen betrifft, zu denen man in Beziehung steht. Verhalten wird vor dem Hintergrund von Normen und Werten, die von mindestens einer weiteren Person anerkannt werden, als verantwortlich oder nicht verantwortlich bewertet. Eine sozial verantwortlich handelnde Person agiert im Einklang mit den Werten ihrer Bezugsgruppe – Familie, Schule, Spielgruppe, Gang, Club, Arbeitsgruppe, Gemeinschaft oder Nation. Wenn Individuen sich an Aktivitäten mit attraktiven gemeinsamen Zielen beteiligen, entstehen Gruppenorganisation, -struktur und -werte. Als Teilnehmer an Planung, Diskussion, Entscheidung und Handlungen, in deren Ablauf sich die Gruppe incl. Gruppenwerte bildet, übernimmt das Individuum Gruppenentscheidungen und -werte als seine eigenen Entscheidungen und Werte.
Ein Gruppenmitglied verhält sich nicht nur verantwortlich bezüglich geltender Statusarrangements und Gruppenwerte, sondern fühlt sich der Gruppe persönlich verpflichtet. Befindet sich die Eigengruppe im Konflikt mit einer Fremdgruppe, fühlt sich das Individuum verantwortlich dafür, die Spannungen zwischen den Gruppen zu steigern und den Antagonisten zu beschimpfen bzw. herab zu würdigen, wie das Robber’s Cave Experiment zeigen konnte. Sehen sich antagonistische Gruppen mit übergeordneten gemeinsamen Zielen konfrontiert, die nur mit vereinten Kräften zu verwirklichen sind, entstehen während der Kooperation schließlich freundschaftliche Gefühle sowie die innere Verantwortung, mit den Mitgliedern der Fremdgruppe zu kooperieren. Somit ist das Feldforschungsexperiment in diesem Falle eine Miniaturdarstellung des Phänomens, dass Gruppen Verantwortung für einander übernehmen, wenn unmittelbare gemeinsame Ziele zu erreichen sind, die die gesammelten Ressourcen beider Gruppen erfordern. Wenn sich die Gruppennormen von Feindseligkeit hin zu Freundschaft und Kooperation verschieben, ändert sich auch die individuelle Haltung.
Quelle:
Sherif, Muzafer: Social Responsibility And The Group: Edward C. Lindeman Memorial Lecture. in The Social Welfare Forum, 1956 (Host: brocku.ca) HTML
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