«Wir erleben dasselbe: doch darf es niemand wissen. Identität der Geheimnisse. Die Schicksale schimmern in wechselndem Licht. Aber im Dunkel ist es wieder dasselbe.»
Elias Canetti
van Zyl et al.: Geringer Selbstwert bei Psychotherapiepatienten
d.wieser, 05. Juni 07
Eine qualitative Untersuchung
Der seit zehn Jahren praktizierende Therapeut van Zyl rekrutiert elf seiner männlichen Patienten zu einer qualitativen Untersuchung, in welcher die Bedeutung der negativen und positiven Zuschreibungen eines Menschen mit geringem Selbstwertgefühl genauer erforscht werden sollen. Relevant ist die Aufgabestellung allein deshalb, weil geringer Selbstwert an der Entstehung diverser psychischer Erkrankungen beteiligt ist oder eher die Ursache diverser Grundprobleme darstellt, welche psychische Erkrankungen konstituieren können.
Hierzu muss man wissen, dass das Selbstwertempfinden in der Kindheit vornehmlich durch sog. judgements (also Beurteilungen) von Seiten der Eltern zustande kommt. Besonders schwierig ist die Lage, wenn Eltern dem Kind kategorische, eindimensionale Eigenschaften wie “du bist gut”, “du bist böse” oder “du bist ein Gewinner”, “du bist ein Versager” zuschreiben. Was mit dem sich entwickelnden Selbstbild des Kindes geschieht, wenn Eltern (oder eben neutraler “Bezugspersonen”) hauptsächlich das unerwünschte Verhalten kommentieren, während sie erwünschtes Verhalten des Kindes unkommentiert lassen, kann man sich denken…, auch wenn Zyl dies nicht erwähnt.
Fragen, die Zyl nicht stellt, sind nach meiner Lektüre zum Beispiel: Warum hängen Menschen mit geringem Selbstwertempfinden die negativen Zuschreibungen an die ganz große Glocke und vernachlässigen ihre positiven Eigenschaften gänzlich? Dies wird im vorliegenden Text nämlich als gegeben vorausgesetzt – es ist nun mal so, es ist aber zugleich ein ganz merkwürdiger Zirkel: Wenn jemand sich ausschließlich auf seine schlechten Eigenschaften konzentriert, kann er sich notwendiger Weise keinen gesunden Selbstwert zuschreiben. Und wenn jemand keinen gesunden Selbstwert entwickelt hat, wird er seine positiven Eigenschaften nicht in den Blick nehmen – oder wie?
Hierzu verweist der Autor in einer Randbemerkung darauf, dass therapeutische Intervention schwierig ist, wenn sie dem Patienten “beibringen” will, seine positiven Eigenschaften hervorzukramen und zu bedenken. Er selbst arbeitet mit medizinischer Hypnotherapie und Visualisierungen, welche den Patienten sowohl negative als auch positive Zuschreibungen geistig vor Augen führen – wieso diese Vorgehensweise erfolgreicher ist, habe ich dem Text nicht entnehmen können.
Gut möglich, dass ich mit ganz verkehrten Erwartungen an den Text getreten bin, denn ich bin von den Ergebnissen der Untersuchung eher enttäuscht. Nachdem van Zyl mit Forscherteam mehrstündige offene Interviews geführt, (handschriftliche!) Aufzeichnungen gemacht und die Texte durch eine Art Grounded-Theory-Maschine gejagt hat, kommt er mit Kategorien an, die irgendwie nur die holistische Menschensicht in feine Scheibchen schneidet (sog. Dimensionen). Dann stellt er fest, dass das geringe Selbstwertgefühl in all diesen Dimensionen eine Rolle spielt (Applaus!), sich also quasi als Grundmelodie des Lebens herauskristallisiert. Wir erinnern uns kurz, dass es sich um Psychotherapiepatienten handelt, die u.a. wegen mangelnden Selbstwertempfindens in ärztlicher Behandlung sind…
Eigentlich will van Zyl herausfinden, was diese negativen und positiven Zuschreibungen (Label) für die Patienten bedeuten (zumindest formuliert er dieses Forschungsziel mehrfach) – allerdings fand ich beim mehrmaligen Lesen keine Antworten darauf. Als (Inter)Aktionskategorien erbringt seine Forschung, dass ein ungesunder Umgang mit zumeist emotionalen Problemen vorliegt. Die Informationsverarbeitung der Patienten verläuft so, dass sich die selektive Aufmerksamkeit in allen Lebenslagen auf Negatives stürzt, negative Ereignisse personalisiert (=persönlich genommen?) werden und positive Informationen über das Selbst und andere sogar zurückgewiesen oder nicht positiv gewertet werden. Das klingt allerdings recht ungesund.
Erneut: Was bedeuten die negativen und positiven Zuschreibungen für die Patienten? Van Zyl liefert statt dessen Kategorien, die Handlungsmuster wiedergeben:
Die Patienten flüchten sich in Drogenmissbrauch, um den besagten emotionalen Problemen zu entkommen (wie bitte lautet der Zusammenhang zum Selbstwert?). Darin, so der Autor, liege eine pathologische Fixierung begründet, die diese ganz bestimmten Reaktionen in Stressituationen anstoßen.
Des weiteren setzt er die Kategorie, Patienten suchten mit ihren emotionalen Schwierigkeiten fertig zu werden, indem sie sich in psychotherapeutische Behandlung begeben (sorry, das ist wohl kein “Ergebnis”, sondern Teil des Untersuchungssettings?).
Drittens dann eine echtere, interessantere Kategorie, nämlich die Leistung der Patienten am Arbeitsplatz: hier stellt van Zyl eine Überkompensierung fest, die tatsächlich durch geringes Selbstwertempfinden ausgelöst sein mag, die Patienten verlieren in der übermäßigen Anstrengung noch mehr die Balance und setzen ihr Selbst zusätzlichem Druck und Stress aus.
Schließlich endet die Darstellung der Kategorien in einer lapidar wirkenden Zweiteilung – manche Patienten vollziehen einen sozialen Rückzug bis an die Grenzen der Isolation, um ihr Selbstwertempfinden vor Angriffen zu schützen, andere tun das Gegenteil aus denselben Motiven: Manche Patienten verhalten sich in sozialen Bezugssystemen aggressiv, um Schädigungen des Selbstwertgefühls quasi vorzubeugen, jene sind es auch, die zu Drogenmissbrauch neigen.
Welche Ergebnisse der Autor aus seinen Daten gezogen haben mag, die ihn so zufrieden wirken lassen – ich kann es nicht nachvollziehen. Ganz zum Schluss bringt er vermengt mit einer spiritistisch anmutenden These von der wiedererlangten spirituellen Charaktereigenschaft des postmodernen Mannes das Ergebnis vor, die physische Erscheinung und das Sexualleben der Probanden hätten im Hinblick auf positive Labels sehr wenig Gewicht (das kontrastiert er mit gegenteiligen Befunden anderer Forscher). Die spirituelle Dimension des Lebens indes sei für positive Labels sogar sehr wichtig.
An dieser Stelle muss ich einhaken, dass schon die Abfrage einer “spirituellen Dimension” mich ehrlich überrascht hat. Mehr noch überrascht mich, dass Menschen mit pathologisch geringem Selbstwertempfinden ausgerechnet in dieser Sparte des Lebens positive Werte angeln – und genau hierzu hätte ich (allein der Überraschung wegen) vom Autor gerne ein paar Absätze gelesen: Worin besteht die abstrakt “spirituell” genannte Dimension (traditionelle Religiosität? Esoterik? und wenn ja, welcher Richtung), wo wurzelt sie und wie kann sie sich quasi vom ansonsten negativen Selbstbild so resolut (positiv) absetzen? Wie funktioniert das?
Irgendwie macht der satte 27 Seiten starke Aufsatz den Eindruck eines Zwischenergebnisses – van Zyl hat nach etwas gesucht, das er zum Ende der Darstellung nicht unter der Ergebnisrubrik wiedergibt. Die Bedeutung, die die Patienten den positiven und negativen Labels (also auch individuellen Zuschreibungen im autobiographischen Kontext) zuschreiben, lese ich nirgends. Über das Funktionieren des Selbstwerts erfahre ich in diesem Artikel lediglich gängige Forschungsmeinungen, keine durch individuelle Zuschreibungen gewürzte Perspektiven oder Phänomenologien der Angelegenheit an sich.
Quelle:
van Zyl, Jacob D. et al.: Low Self-Esteem of Psychotherapy Patients: A Qualitative Inquiry in: The Qualitative Report. Volume 11 Number 1 March 2006 182-208 (Host: nova.edu) PDF
Zitation
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